Beethoven als Concertgeber.
Ed. H. Beethoven ist in Wien bekanntlich als Clavier
spieler wie als Dirigent wiederholt vor das Publicum getreten.
Die eigentliche Periode des Virtuosen Beethoven war das erste
Decennium dieses Jahrhunderts, vollständig beschlossen lag sie
in dem Zeitraume 1795 bis 1814. Man kann nicht sagen,
daß Beethoven in dieser langen Zeit häufig concertirt habe,
noch weniger, daß er es gerne that. Ohne Zweifel war er auch
als Virtuose die bedeutendste und eigenthümlichste Gestalt seiner
Periode. Trotzdem war seine öffentliche Wirksamkeit als Vir
tuose weder so stetig und intensiv, noch so erfolgreich wie jene
Mozartʼs. Er gab sein Bestes, namentlich im freien Phanta
siren, ohne Zweifel in Privatkreisen. Beethovenʼs erstes öffent
liches Auftreten in Wien war am 29. März 1795 in der
Akademie der Tonkünstler-Societät, wo er zum erstenmale sein
C-dur-Concert, Op. 15, vortrug. In derselben Societät spielte
er am 2. April 1798 den Clavierpart seines Quintetts,
Op. 16. Wir sehen ihn mit collegialer Bereitwilligkeit nicht
nur dieses Pensions-Institut, sondern auch die Concerte be
freundeter Künstler unterstützen. So spielte er seine Sonate
Op. 17 mit dem Hornisten Punto in dessen erstem Con
cert am 18. April 1800 und seine große A-dur-Sonate,
Op. 47, mit dem englischen Violin-Virtuosen Bridgetower
am 17. Mai 1803. Für diesen hatte Beethoven die Sonate
ursprünglich geschrieben, welche er später dem berühmten Gei
ger Rudolph Kreutzer dedicirte und die seither unter der Be
nennung „Die Kreutzer-Sonate“ gefeiert ist.
Die Concerte des Violinspielers und Orchester-Directors
Clement und des Opern-Regisseurs im Theater an der Wien,
Seb. Meyer (des ersten „Pizarro“), unterstützte Beethoven
wiederholt als Virtuose und Dirigent.
Akademien „zu seinem Vortheil“ gab Beethoven im ersten
Decennium dieses Jahrhunderts mehrere im Burgtheater und
im Theater an der Wien, wobei er mehr Gewicht darauf legte,
sich als Componist zu zeigen, denn als Clavierspieler. Eine
solche Akademie war die vom 2. April 1800, wo Beethovenʼs
Septett, Op. 20, und seine C-dur-Symphonie zur ersten
Aufführung gelangten. Fremde Compositionen hat Beethoven
niemals öffentlich gespielt, aller Wahrscheinlichkeit nach ebenso
wenig in Privatcirkeln. Zu seinem Vortheile gab Beethoven
die denkwürdigen Akademien vom 5. April 1803 und 22. De
cember 1808. In ersterer spielte er zum erstenmale sein
C-moll-Concert, dirigirte die D-dur-Symphonie und die
Cantate: „Christus am Oelberge“. („Herr Beethoven,“
schreibt der Correspondent der Leipz. A. M. Z., „ließ sich
die ersten Plätze doppelt, die gesperrten dreifach, jede Loge statt
4 fl. mit 12 fl. bezahlen.“) In der zweiten erschien unter Anderm
zum erstenmale die „Phantasie“ für Clavier, Chor und Orchester.
Es war jene berühmte oder berüchtigte Aufführung, von
welcher J. F. Reichardt als Augenzeuge berichtet: Das
Orchester warf in der Clavier-Phantasie um. Beethoven, dar
über erbost, sprang vom Clavier auf, tadelte laut das Orchester
und ließ das Stück von vorne anfangen. Am 11. April 1814
spielte Beethoven sein B-dur-Trio, Op. 97, zum erstenmale
(mit Schuppanzigh und Linke) in einer Wohlthätigkeits-
Akademie beim „römischen Kaiser“. Dasselbe Werk wurde im
Mai desselben Jahres in einer Schuppanzighʼschen Quartett-
Matinée im Prater wiederholt; es war das letzte öffent
liche Auftreten Beethovenʼs als Clavierspieler.
Beethovenʼs Clavierspiel im Jahre 1798 wird von dem Wie
ner Correspondenten der Leipziger Musikzeitung mit folgenden
Worten charakterisirt: „Beethovenʼs Clavierspiel ist äußerst
brillant, doch weniger delicat und schlägt zuweilen ins Undeut
liche über. Er zeigt sich am allervortheilhaftesten in der freien
Phantasie. Und hier ist es wirklich ganz außerordentlich, mit
welcher Leichtigkeit und zugleich Festigkeit in der Ideenfolge
Beethoven auf der Stelle jedes ihm gegebene Thema nicht
etwa in den Figuren variirt (womit mancher Virtuose Glück
und — Wind macht), sondern wirklich ausführt. Seit Mo
zartʼs Tode, der mir hier noch immer das Non plus ultra
bleibt, habe ich diese Art des Genusses nirgends in dem Maße
gefunden, in dem sie mir bei Beethoven zu Theil wurde.“
Denselben nachhaltigen Eindruck einer gigantischen Kraft und
Ideenfülle mußte Beethovenʼs Vortrag in jedem empfänglichen
Hörer zurücklassen. Die eigentlichen Meister der Technik konn
ten aber sein Spiel durchaus nicht tadellos finden. Cheru
bini nannte es mit Einem Worte rauh. J. B. Cramer
stieß sich nicht so sehr an der Rauhheit als an der Ungleich
heit und Unzuverlässigkeit des Virtuosen Beethoven, von dem
er dasselbe Stück heute voll Geist und Ausdruck vortragen
hörte und am folgenden Tage launenhaft und verworren. Nach
Clementiʼs Aeußerung, der Beethoven noch im Jahre 1807
hörte, war dessen Spiel „nur wenig ausgebildet, nicht selten
ungestüm wie er selbst, immer jedoch voll Geist“. Selbst
Czerny, der jederzeit Höfliche und Bescheidene, wagt die Be
merkung, daß Beethovenʼs Spiel in Bezug auf Reinheit
und Deutlichkeit „nicht immer“ als Muster dienen konnte.
An der Richtigkeit dessen, worin diese sachkundigen und unbe
fangenen Urtheile zusammenstimmen, ist keinen Augenblick zu
zweifeln. Es paßt auch vollkommen zu dem Bilde, das wir
aus Beethovenʼs Compositionen und seiner ganzen Persönlich
keit uns von dieser großartig vulcanischen Natur machen,
welche den mächtigen Ideengehalt über die formale Schönheit
setzte und in der Entfesselung seiner Gedankenfülle die tadel
lose Abrundung des Technischen übersah oder gering achtete.
Der große Einfluß Beethovenʼs auf die heutige Clavier
musik ging mehr von Beethoven dem Clavier-Componisten, als
dem Clavierspieler aus. Auf die Clavier-Virtuosität seiner
Zeit hat Beethoven nicht so unmittelbar und bestimmend ein
gewirkt; theils weil er als Pianist früh aus der Oeffentlich
keit zurücktrat, theils weil sich bald neben ihm, gleichsam über ihn
hinweg, eine neue Richtung der Clavier-Virtuosität gebildet
hatte: die von Hummel und Moscheles repräsentirte. Es
ist festzuhalten, daß bei Mozart und Beethoven von eigent
lichem Virtuosenthum noch nicht die Rede sein kann. Beide
waren vor Allem Tondichter im großen Style, welche neben
bei auch für Clavier componirten und in ihrem Claviersatze
wiederum zunächst den Componisten und dann erst den Vir
tuosen geltend machten. Ihre Clavierwerke waren Kunstwerke
von selbstständigem Gehalte, nicht auf Bravour berechnet, noch
weniger auf eine bestimmte Bravour ihrer Autoren. Die Vir
tuosität Mozartʼs und Beethovenʼs bestand darin, diese ihre
Kunstwerke vollendet vorzutragen. Immer war die Composition
und nicht das Spiel die Hauptsache, stets die Idee des Ton
dichters, nicht die Persönlichkeit des Spielers. Wir sehen an
ihnen Virtuosität, aber noch kein Virtuosenthum. Letzteres,
als charakteristische und compacte Erscheinung betrachtet, kann
erst von der Zeit datirt werden, wo die Kunstfertigkeit des
Spielers weit stärker in den Vordergrund trat und die glän
zendste Geltung für sich beanspruchte oder fand. Wir können
diese Epoche, nach dem Maßstabe jener Zeit, von Hummel
datiren, der auch das systematische Reisen auf seine Kunst
sammt dem ganzen Apparate eines lucrativen Concertgebers
allgemein machte.
Als Dirigent betheiligte sich Beethoven in der Regel
an Concerten, wenn es die erste Aufführung eines seiner grö
ßeren Werke galt. So hörte man (in Clementʼs Concert
vom 7. April 1805) unter Beethovenʼs Leitung zuerst die
heroische Symphonie in Es-dur (damals und später noch als
„Symphonie in Dis“ auf dem Programme verzeichnet). Er
dirigirte ferner die ersten Aufführungen seiner A-dur-Sym
phonie und der „Schlacht von Vittoria“ am 8. December
1813, seiner achten Symphonie am 29. November 1814
u.s.w. Beethovenʼs zunehmende Taubheit, sowie seine unge
duldige Heftigkeit, welche die Verständigung mit dem Orchester
noch erschwerte, veranlaßten ihn, in den letzten zwölf bis vier
zehn Jahren seines Lebens nur mehr sehr selten als Dirigent
oder Concert-Veranstalter aufzutreten. Der Erfolg dieser Con
certe stand nicht gleich: in manchen Fällen war er ein außer
ordentlicher, eine wahre Huldigung des ganzen Publicums zu
den Füßen eines Triumphators. Seine höchste Höhe erreichte
dieser Enthusiasmus in drei Aufführungen: zuerst in dem Fest
concerte im Universitäts-Saale (8. December 1813),
wo Beethovenʼs A-dur-Symphonie und seine „Schlacht
bei Vittoria“ in prachtvoller Aufführung zum erstenmale
gegeben wurden. (Bei der Schlacht-Symphonie wirkten die ersten
Künstler, wie Spohr, Mayseder, Schuppanzigh, im Or
chester mit, Hummel schlug die große Trommel, Salieri
dirigirte die Kanonenschläge.) Sodann in der Aufführung der
Cantate „Der glorreiche Augenblick“ im Redoutensaale
während der Congreßfeste (29. November 1814), endlich in
der denkwürdigen Akademie vom 7. Mai 1827 im großen
Redoutensaale, wo Beethoven seine neunte Symphonie auf
führte und zum letztenmale öffentlich dirigirte. Er hatte nur
zum Scheine dirigirt, denn die Mitwirkenden waren heimlich
übereingekommen, sich nur an die Zeichen des ersten Violin
spielers und des Chordirigenten zu halten, nicht an das Tac
tiren Beethovenʼs, der in seiner Taubheit das Orchester eben
sowenig hörte, als den brausenden Beifallssturm des Publi
cums. War bei dem Erfolge „Schlacht von Vittoria“
und des „glorreichen Augenblickes“ patriotische Enthusias
mus mit thätig gewesen, so vereinigte sich in jener Abschieds-
Akademie vom Jahre 1824 die Begeisterung für den Genius
mit der schmerzlichen Theilnahme für den unglücklichen Men
schen, um Beethoven einen Triumph ohnegleichen zu berei
ten. Wenn der Erfolg in anderen Fällen nicht auf gleicher
Höhe stand, so waren die Eigenthümlichkeiten des Meisters
zum Theile selbst schuld daran. Er war als Concert-Veran
stalter nicht glücklich. Einmal muthete er dem Hörer viel zu
viel zu und brachte Monstre-Programme, welche die Fassungs
kraft eines unvorbereiteten Publicums weit übersteigen muß
ten. Was soll man dazu sagen, wenn Beethoven in Einem
Concerte (17. December 1808) nebst einer Ariezwei neue
Symphonien (Nr. 5 und 6), drei Sätze einer Messe
(C-dur) und zwei große mehrsätzige Clavier-Compositionen
(Concert in G-dur, Phantasie mit Chor und Orchester) auf
führen ließ! „Wir haben da in der bittersten Kälte (das
Theater war nicht geheizt) von halb 7 bis halb 11 Uhr aus
gehalten,“ schreibt Reichardt über dieses Concert. „Die
eine Pastoral-Symphonie,“ setzt er hinzu, „dauerte schon län
ger, als bei uns ein ganzes Hofconcert dauern darf.“ Dabei
muß die Aufführung dieser überaus schwierigen, ganz ungenü
gend probirten Stücke abschreckend gewesen sein. Sänger und
Orchester, aus sehr heterogenen Bestandtheilen zusammengesetzt,
hatten nicht einmal von allen Stücken Eine vollständige Probe
abgehalten!
In dem Subscriptions-Concerte vom Februar 1807 ließ
Beethoven eine neueSymphonie (Nr. 4) und dazu die
drei ersten aufführen; in dem Concerte vom 27. Februar
1814 gab er die Symphonien in A-dur und F-dur, das
Terzett „Empi tremate“ und die ganze „Schlacht bei Vit
toria“! Der Concertzettel vom 7. Mai 1824 verkündigte: die
große Ouvertüre in C (Op. 124), vier Sätze aus der D-moll-
Messe und die neunte Symphonie!
Beethoven hatte auch noch das Sanctus und Benedictus aus
der D-Messe geben wollen und bereits probiren lassen; im letzten
Augenblicke mußte er der Unmöglichkeit einer solchen Concertdauer
weichen. (Schindler, II. p. 70.)
Wir fragen nun, ob
nicht heutzutage noch, wo das musikalische Publicum und un
sere so weit vorgeschrittenen Orchester mit diesen Werken ge
nau vertraut sind, eine solche Häufung des Größten und Ge
waltigsten äußerst gewagt erschiene? Welcher Componist würde
es gegenwärtig wagen, auch nur zwei Symphonien in Einem
Concerte zu bringen? Nun denke man sich überdies — es ist
keine leichte Operation der Phantasie — in die Zeit zurück,
wo diese größten Beethovenʼschen Schöpfungen neu waren und
zum erstenmale wie ein Elementar-Ereigniß in ein unvorberei
tetes Publicum einschlugen. Hatte dieses Publicum nicht vollauf
zu thun, auf Einem Sitze auch nur Eines dieser Riesenwerke
mit voller Aufmerksamkeit zu hören und in sich zu verarbei
ten, obendrein bei einer Aufführung, welche die Intentionen
des Tondichters zur guten Hälfte verfehlte oder verzerrte?
(Von der D-Messe und der neunten Symphonie wurden nur
zwei Proben gehalten.)
Beethovenʼs persönliches Auftreten war zwar geeignet,
das Publicum mit Respect zu erfüllen, nicht aber, seine Schö
pfungen ins beste Licht zu setzen. Die titanenhafte Rücksichts
losigkeit seines Wesens, geschärft durch den Verdruß über die
mangelhafte Ausführung und die eigene Schwerhörigkeit, machte
sich bei solchen öffentlichen Productionen oft in befremdendster
Weise geltend. Wenn die Mittheilungen von Reichardt,
Spohr, Ries, Seyfried und Anderen über Beethovenʼs
Concerte, wenn ihre Schilderungen der Tactirmethode Beetho
venʼs auch nur zur Hälfte wahr sind — und warum sollten
sie es nicht ganz sein? — so mußte wol selbst das loyalste
Publicum mitunter Anfechtungen von Verstimmung oder Hei
terkeit erfahren.
Wir citiren statt dieser bekannten Schilderungen die Erzählung
eines gebildeten und unbefangenen Fremden, des schwedischen Dichters
Atterbohm, der im Jahre 1808Wien besuchte und Beethoven in
einem Privatconcert kennen lernte. „Er dirigirte (schreibt Atter
bohm in seinen Memoiren) selbst das Concert, bei dem ich ihn sah;
man führte nur Stücke von ihm oder von Meistern auf, die er hin
länglich kannte, um deren Musik innerlich zu hören, denn daß er mit
dem äußeren Ohr von ihr nichts hörte, obwol sein scharfes Auge die
Art ihrer Ausführung fast immer bewahrte, sah ich besonders bei
einer großen, obwol kurzen Tactverwirrung der Spielenden und dann
bei einem Piano, welches dieselben in der Hast nicht als solches aus
drückten. Beethoven merkte nichts von Allem. Er stand wie auf einer
abgeschlossenen Insel und dirigirte den Flug seiner dunklen dämoni
schen Harmonien in die Menschenwelt mit den seltsamen Bewegun
gen; so z. B. commandirte er pianissimo damit, daß er leise nieder
kniete und die Arme gegen den Fußboden streckte, beim fortissimo
schnellte er dann wie ein losgelassener elastischer Bogen in die Höhe,
schien über seine Länge hinauszuwachsen und schlug die Arme weit
auseinander; zwischen diesen beiden Extremen hielt er sich beständig
in einer auf- und niederschwebenden Stellung.“
Und dennoch nahm das Wiener Publicum
diesfalls von seinem großen Meister willig hin, was es von
keinem Zweiten ohne einiges „Spectakel“ sich hätte bieten las
sen. Außer Zweifel scheint uns die Thatsache, daß Beetho
venʼs Compositionen ohne seine persönliche Mitwirkung auf
das Publicum eine günstigere und sich schneller ausbreitende
Wirkung machten, daß seine Clavier-Concerte und Trios un
ter den Fingern Czernyʼs, Bockletʼs und Moschelesʼ,
seine Symphonien und Ouvertüren unter der Anführung
Schuppanzighʼs, Clementʼs oder Umlaufʼs mehr an
gesprochen und sich schneller eingebürgert haben, als durch
Beethovenʼs eigene Intervention.
Im Verhältniß zu der Länge seines (35jährigen) Wir
kens in Wien erscheint in der That Beethovenʼs Auftreten vor
dem Publicum ein seltenes. Offenbar hatte er von Jahr zu
Jahr weniger Freude daran. Die Concert-Programme bewei
sen jedoch, daß Beethovenʼs Werke seiner persönlichen Mitwir
kung nicht bedurften, um eine bemerkenswerthe Stellung in
dem Wiener Musikleben einzunehmen. Verbitterte Biographen
möchten uns am liebsten weißmachen, es sei zu Beethovenʼs
Lebzeiten seine Musik nur äußerst selten und vorübergehend
vorgeführt worden. Das ist ein arger Irrthum, wie nach
einer Prüfung der Beweismittel wol Jeder zugestehen wird,
der nicht, eine Entwicklung von vierzig Jahren ignorirend, den
Maßstab unserer Musikzustände an jene Zeit legt. Nicht
erst nach des Meisters Tode oder in seinen letzten Lebensjah
ren, sondern schon zwei Decennien früher nahmen Beethovenʼs
Werke (von den letzten, schwerfaßlichen der dritten Periode
immer abgesehen, für welche ein allgemeineres, tieferes Ver
ständniß erst nach dem Jahre 1830 anbrach) einen hervor
ragenden und gesicherten Platz in den Wiener Concert-Pro
grammen ein. Am reichlichsten war Beethoven in den Qua
tett-Soiréen von Schuppanzigh vertreten. Wie wir dem
bei Wallishausser erschienenen „Theater-Almanach von 1824“
entnehmen, wurden im Laufe des Jahres 1824 nicht weniger
als fünfundzwanzig Stücke von Beethoven (darunter natür
lich einige Wiederholungen) in Schuppanzighʼs Productionen
gespielt — eine imposante Zahl, wenn man erwägt, daß jede
dieser Productionen nur drei Nummern enthielt. In den
zwei Cyklen Schuppanzighʼs vom Jahre 1824 stellt sich das
Verhältniß der Componisten so heraus, daß Mozart mit
acht, Haydn mit zehn und Beethoven gleichfalls mit zehn
Quartetten vertreten ist — eine Proportion, über welche man
mit Berücksichtigung der damaligen Zeit nur staunen kann.
Von größeren Werken Beethovenʼs waren die zu seinen Leb
zeiten populärsten und am häufigsten gegebenen: „Die Schlacht
bei Vittoria“ und „Christus am Oelberg“, zwei Compositio
nen, die wir jetzt allerdings nicht mehr zu seinen bedeutenderen
zählen. Die „Schlacht-Symphonie“ ist von den Wogen der po
litischen Zeitströmung hoch getragen und — auch wieder fort
gespült worden. Sie wurde sehr häufig und immer mit Enthus
siasmus gehört. „Christus am Oelberg“ — selbst der gram
matikalische Fehler „am“ statt „auf dem“ ist echt wienerisch
— genoß nirgends eine solche Beliebtheit wie in Wien, wo
man eben noch an eine weltlichere, theatralischere Auffassung
der Oratorien gewöhnt war. Für den Anklang, den Beetho
venʼs „Christus“ in Wien fand, sprechen dessen Wiederholun
gen im Burgtheater, in den Gesellschafts- und Spirituell-Con
certen, endlich der Umstand, daß die „Gesellschaft der öster
reichischen Musikfreunde“ sich dadurch veranlaßt sah, im Jahre
1815Beethoven um die Composition eines neuen Orato
riums anzugehen. Die Gesellschaft offerirte ihm für den ein
jährigen ausschließlichen Gebrauch des Werkes (nicht für das
Eigenthum) dreihundert Ducaten. Beethoven erklärte den
Antrag für „sehr ehrenvoll“, nahm ihn an und erhielt nach
seinem Wunsche einen Vorschuß, dessen Empfang er 1819 be
stätigte. Das ihm zuerst vorgeschlagene Gedicht von J. v. Sey
fried nahm er nicht in Arbeit; er wünschte ein anderes. Die
Gesellschaft ließ ihm freie Wahl. Bernard, Redacteur der
Modenzeitung, übernahm es, ein neues zu liefern, und ver
einigte sich mit Beethoven über den Gegenstand. Die Arbeit
kam jedoch bekanntlich nie zu Stande.
Diese Bestellung war die erste, zu welcher die kurz zuvor
entstandene „Gesellschaft der Musikfreunde“ sich überhaupt ent
schloß, mit einem Mißerfolg, an welchem sie, wie wir gesehen,
nicht der schuldige Theil war.
Beethovenʼs sieben erste Symphonien, seine Ouver
türen, Chöre aus „Christus am Oelberg“, „Ruinen von
Athen“ und „König Stephan“ treffen wir in den Gesellschafts-
Concerten, den „Concerts spirituels“, den Augarten-Concer
ten u. s. w. sehr häufig. Noch bemerkenswerther ist, daß in
dem Zeitraume von 1815 bis 1830 beinahe jede Wohl
thätigkeits-Akademie mit einer der Ouvertüren von
Beethoven eingeleitet oder geschlossen wurde; sie hatten in den
Zwanziger-Jahren die Mozartʼschen und Cherubiniʼschen Ouver
türen nicht nur längst eingeholt, sondern überflügelt. Die
Wohlthätigkeits-Akademien schätzen wir aber hier deßwegen als
einen Maßstab der Popularität, weil sie, auf ein großes Pu
blicum abzielend, wirklich nur dasjenige wählten, was dem
Publicum gefiel und es anlockte. Auch die Virtuosen-
Concerte (sie wurden zu Beethovenʼs Lebzeiten fast aus
nahmslos mit Orchester-Begleitung gegeben) sehen wir in den
Zwanziger-Jahren zum großen Theile mit irgend einer Beetho
venʼschen Ouvertüre geziert. Am seltensten wurden von Bee
thovenʼs Werken die Clavier-Compositionen öffentlich aufge
führt. Rücksichtlich der Sonaten hatte dies seinen Grund
darin, daß die Sonate damals überhaupt nicht für concert
fähig galt, sondern ihre Stelle in häuslichen Productionen
fand.
Doch gab es bemerkenswerthe Ausnahmen, wie z. B. die
Virtuosin Madame de Bigot, welche schon im ersten Decennium
dieses Jahrhundertes in Wien Concerte gab, deren ganzes Programm
aus Beethovenʼschen Composition, und zwar den schwierigsten,
bestand. Die Sonntags-Matinéen Karl Czernyʼs in den Jahren
1817 bis 1819 enthielten gleichfalls ausschließlich Clavierstücke von
Beethoven.
Diese Entschuldigung gilt allerdings nicht für die ver
hältnißmäßig geringe Vertretung der Beethovenʼschen Clavier-
Concerte auf den Wiener Programmen. Sie haben sich
(sowie das Violin-Concert) erst in den letzten Lebensjahren
Beethovenʼs dauernd eingebürgert. Ebensowenig als der Vor
trag von Clavier-Sonaten waren ehedem Lieder mit Clavier
begleitung in öffentlichen Concerten gebräuchlich; erst gegen
das Ende der Zwanziger-Jahre wagte sich das Lied (und das
Vocalquartett) neben die „Arie“ in den Concertsaal. (Dadurch
erklärt sich auch großentheils die verspätete Anerkennung Franz
Schubertʼs, der seine Carrière mit Liedern begann und sein
Bestes in diesem Fache leistete.) Beethovenʼs „Adelaide“, damals
schon ein Werk von außerordentlicher Popularität und in allen
Dilettantenkreisen gesungen, erschien ausnahmsweise mehrmals
in Concerten; der Correspondent der A. M. Z. (1813) be
merkt bei einem solchen Anlasse (Wild hatte, von Gyrowetz
accompagnirt, die „Adelaide“, öffentlich gesungen), „daß Ge
sänge mit Clavierbegleitung nicht in einen Concertsaal gehö
ren.“ In der Werthschätzung des Liedes wie der Sonate hat
in den Dreißiger-Jahren ein löblicher Umschwung stattgefunden;
da die frühere Uebung eine allgemeine, keineswegs auf Wien
oder auf einen bestimmten Componisten beschränkt war, so kann
sie auch den Wiener Zeitgenossen des Meisters unmöglich im
putirt werden.
Daß Beethoven, namentlich mit seinen größeren Werken,
in den Zwanziger-Jahren nicht so oft auf den Programmen er
schien als heutzutage, wo wir mit ganz anderen geistigen und
materiellen Mitteln an ihn herantreten, liegt in der Natur
der Sache. Mit Rücksicht auf die musikalischen Zustände jener
Zeit kann man von einer positiven Vernachlässigung oder Un
terschätzung Beethovenʼs in Wien nicht sprechen.