Die Liedertafeln.
(Zum Jubiläum des
Wiener Männergesang-Vereins.)
Ed. H. Der Wiener Männergesang-Verein begeht in
wenig Tagen die Feier seines 25jährigen Bestehens. Diese
Feier, drei Tage umfassend, wird sich in dreifacher Eigenschaft
manifestiren; als geistliche (Stiftungsmesse in der Augustiner
kirche), als künstlerische (Abendconcert im Redoutensaal) und
als gesellige (in der Festliedertafel). Sie schließt überdies mit
einem schönen Act künstlerischer Pietät, mit der Grundstein
legung zu Schubertʼs Denkmal. Diese vielversprechenden
Zurüstungen und die ungemeine Beliebtheit des Vereins wirken
zusammen, um jetzt in allen Kreisen Wiens Antheil und Auf
merksamkeit zu erwecken. Fünfundzwanzig Jahre! Ein langer
Zeitraum für die Thätigkeit des Einzelnen, ein kaum merk
licher für die der Kunstgeschichte. Manchem dünkt diese Spanne
Zeit zu kurz, um ein pomphaftes Jubiläum zu rechtfertigen.
Sonst feierte man Jubiläen nach 100 Jahren, wie es bald
der Tonkünstler-Societät „Haydn“ gegönnt sein wird, oder doch
nach 50 Jahren, wie 1862 die „Gesellschaft der Musikfreunde“
that. Wir sind, offen gestanden, auch nicht eingenommen für
die kurzen Jubiläums-Termine; sie haben zur Folge, daß bei
der großen Zahl von Kunstvereinen alle Augenblicke ein Jubi
läum stattfindet und die Gewohnheit den weihevollen Ernst
der Feststimmung abschwächt und entwerthet. Werth und
Würde eines Jubiläums wachsen mit der Zahl seiner Jahres
ringe, und Feste, die man der eigenen Genugthuung gibt,
müssen vor Allem selten sein. Nichtsdestoweniger spricht manch
gewichtiger Umstand zu Gunsten der schon jetzt, nach 25 Jahren,
anberaumten Jubelfeier des Männergesang-Vereins. Lebt unsere
Zeit doch rascher, verzehrt sie doch ihre Kräfte schonungsloser,
als die gemächlicher arbeitende Vergangenheit. Von den Mit
gliedern, welche den Verein vor einem Vierteljahrhundert aus
der Taufe hoben oder seine ersten Schritte leiteten, sind gar
manche schon hinübergegangen, und den Ueberlebenden bleicht
sich das Haar. Wir wollen nicht weitere 25 Jahre warten,
die Zeit hat Eile und — wie Lenau mahnt — „unsere
Gräber sind schon ungeduldig“. Eine kunstgeschichtliche Er
wägung tritt obendrein zu dieser rein menschlichen. Die Kunst
gattung, welche der Wiener Verein so rühmlich repräsentirt,
der mehrstimmige Männergesang, ist selbst noch jungen Datums,
ist ein Kind unseres Jahrhunderts, und die Stiftung der
Liedertafeln und Männergesang-Vereine reicht nicht weit über
ein Menschenalter. Ein Rückblick auf die Entstehung derselben
dürfte gerade in diesem Moment unseren Lesern nicht unwill
kommen sein.
Wir erwecken dies Stück musikalischer Vergangenheit
lediglich unter der Anregung des Moments und ohne den An
spruch, Musikkundigen damit etwas Neues zu bringen.
Wem um ausführliches Detail zu thun ist, den verweisen
wir auf Dr. Elbingʼs reichhaltige Monographie über den deutschen
Männergesang (1855).
Der Männergesang, als selbstständige Kunstgattung, ist
rein deutschen Ursprungs, und so sind es auch seine Pflege
stätten, die Liedertafeln. Sie entstanden fast gleichzeitig und
doch völlig unabhängig an zwei verschiedenen Punkten: in Ber
lin und in der Schweiz. In Berlin war der Ausgangspunkt
die zu Ende des vorigen Jahrhunderts von Fasch gegründete,
dann (1800 bis 1832) von Zelter geleitete „Sing-Aka
demie“, dieser berühmte Verein für großen gemischten Chor
gesang. Die männliche Hälfte der Sing-Akademie besaß einige
tüchtige Sänger, die hin und wieder die Gesammt-Productionen
durch ein Vocal-Quartett unterbrachen. Es wurde der Wunsch
dieser Herren immer lauter, einen kleinen Verein blos für
Männergesang, gleichsam eine vierstimmige Filiale der große
Sing-Akademie zu bilden. Zelter, der tüchtige Liedercom
ponist und begeisterte Freund Goetheʼs, realisirte diesen Ge
danken durch die Stiftung einer Liedertafel am 24. Januar
1809. Das Wort „Liedertafel“ stammt von Zelter, er nahm
es von dem Gebrauch seiner Mitglieder, an der Tafel sitzend
zu singen, und verband damit zugleich eine poetische Anspielung
an König Artusʼ Tafelrunde. Zelterʼs Liedertafel war strenge
auf 24 Mitglieder beschränkt, welche abwechselnd Compositionen
oder Liedertexte selbst beitragen mußten. Sie trat einmal im
Monate zusammen und bewegte sich in ziemlich steifen, schwer
fälligen Formen. Der Andrang, aufgenommen zu werden,
war sehr groß, bei der beschränkten Anzahl der Mitglieder
mußten aber selbst tüchtige Sänger oft eine Vormerkung von
vielen Jahren überstehen. Dieses exclusive Wesen der Zelterʼ
schen Liedertafel veranlaßte bald die Gründung einer zweiten,
jüngeren Liedertafel in Berlin durch die Componisten Ludwig
Berger und Bernhard Klein, an deren Seite Gustav
Reichardt, Otto Nicolai, die Dichter Rellstab, Th. E.
Hoffmann, Streckfuß und Andere mit Begeisterung
wirkten. Hier herrschte die Jugend und damit auch eine po
litisch freisinnige Richtung. Diese jüngere (im Jahre 1819)
gestiftete Liedertafel brach auch allmälig den Bann der Abge
schlossenheit und Förmlichkeit von Zelterʼs Verein. Nach dem
Muster des letzteren, mit demselben eng begrenzten Charakter, stren
gen Prüfungen und dergleichen bildeten sich zunächst die Liedertafeln
in Frankfurt an der Oder und Leipzig. Dem Vorbilde der
jüngeren Berliner Liedertafel folgten Königsberg, Breslau
(durch Mosewius), Dessau (durch Fr. Schneider), Ham
burg (durch Methfessel). Die Gründung der Zelterʼschen
Liedertafel fiel in die trübste Zeit Deutschlands, man suchte
Trost und Vergessen im Gesange. Goetheʼsche Lieder, gesellige
Rundgesänge bildeten den Singstoff. Da brach das majestä
tische Gewitter der Freiheitskriege herein, die Begeisterung der
deutschen Jugend, der beherzte Aufschwung des ganzen Landes.
Körner, Schenkendorf, Arndt dichteten ihre patrioti
schen Lieder. Diese Lieder wollten gesungen sein und fanden
auch bald ihre Melodien. Man sang sie in allen Lagern, das
dritte Bataillon der Lützowʼschen Jäger (von Jahn geführt)
hatte zuerst von allen Truppen einen Sängerchor. Zelter
componirte für denselben Arndtʼs „Deutsches Vaterland“, das
mit der späteren (1828 entstandenen) Melodie von G. Reichardt
zum deutschen Volkslied wurde, soweit nämlich ein ob seiner
Modulationen nur vierstimmig ausführbarer Gesang ein
Volkslied heißen kann. Nachdem die Krieger siegreich heimge
kehrt, verpflanzten sich die früher roh und unison gesungenen
Freiheitslieder in kunstgeübte Kreise, in die Liedertafeln. Die
köstlichste Frucht dieses sich laut aussingenden Freiheitsdran
ges waren C. M. WeberʼsMännerchöre aus Theodor Kör
nerʼs „Leier und Schwert“. Weber hatte sie größtentheils in
Prag componirt, wo sie 1814 zum erstenmale öffentlich ge
sungen wurden.
Während die Berliner Liedertafel aus den Mitgliedern
der Sing-Akademie, also aus den gebildeten, wohlhabenden
Kreisen der Gesellschaft hervorgegangen war, entwickelte sich in
der Schweiz der Männergesang unmittelbar aus dem Volke.
Zuerst in Appenzell. Da war es Sitte, daß jährlich am letz
ten Sonntage im April die Landesgemeinden zusammentrafen
und bei der Ankunft sich mit einem alten Schweizer Liede be
grüßten. Gegen Ausgang des Winters bildeten sich kleine
Vereine von kaum 20 Mann, um solche Lieder zur Begrü
ßung der Landgemeinden einzuüben; dann lösten sie sich wie
der auf. Der Pfarrer Weishaupt vereinigte zuerst diese
kleinen Gesellschaften zum gemeinsamen Singen desselben Lie
des und wurde so einer der ersten Anreger des Chorgesanges
in der Schweiz. Der Mann jedoch, der die vorhandenen An
fänge des Chorgesanges (ihre Quelle war das geistliche Lied)
mit künstlerischem Bewußtsein sammelte und organisirte, war
Johann Georg Nägeli.
Als Lehrer, Schriftsteller und Componist hat Nägeli un
ermüdlich für die musikalische Erziehung des Volkes gewirkt.
Er rief zunächst in Zürich ein „Sing-Institut“ ins Leben, in
welchem große Massen für den Chorgesang herangebildet wur
den, stufenweise vom einfachsten Volksliede bis zur kunstvollen
Fuge. In diesem Sing-Institute stiftete Nägeli den vier
stimmigen Männerchor als selbstständige Gattung des
Chorgesangs (1810) und schrieb eine eigene „Gesangbildungs-
Lehre für Männerchor“. Er darf als der Begründer des
Männer-Chorgesanges betrachtet werden, des eigentlichen
Männerchors im Gegensatze zum bloßen Vocal-Quartette.
In der Zelterʼschen Liedertafel wurde letzteres fast ausschließ
lich gepflegt, nebst Rundgesängen, in welchen die Masse nur
bei kurzen Chorstellen einfiel, ohne Stimmenvertheilung, wie
es eben kam. Nägeliʼs That war ganz unabhängig von
jener Zelterʼs, jedenfalls hat die Berliner Liedertafel im Jahre
1811 noch nicht öffentlich Männerchöre gesungen, wie das
Züricher Institut. Nägeli, ein Gegner des Chorals, den er
„unbelebend, ermüdend und für schönen Wortausdruck unzu
gänglich“ fand, bevorzugte das gesellige Lied. Sein „Gesell
schafts-Liederbuch für vierstimmigen Männergesang“ war von
epochemachender Wirkung und weit verbreitet, am weitesten
daraus sein Lied: „Freu’t euch des Lebens“. Das Schweizer
Volk weiß, was es dem Manne verdankt. Auf der hochgelegenen
„Promenade“ in Zürich, welche den herrlichsten Ausblick auf
den See und seine belebten Ufer gewährt, erhebt sich ein Denk
mal mit der schlichten Widmung: „Ihrem Vater Nägeli die
Schweizer Gesangvereine.“
Trug die Zelterʼsche Liedertafel mit ihrer Beschränkung
auf 24 Mitglieder, ihren Förmlichkeiten, ihrem Goethe-Cultus,
den Charakter des Aristokratischen, Abgeschlossenen, so war
Nägeliʼs Stiftung durchaus demokratisch. Jedermann, wer
eine Stimme hatte, war gleichberechtigt, keine Form nahm
hemmenden Einfluß. Die Kunst des Einzelnen, so wichtig in
der Berliner Liedertafel, verlor hier ihre Bedeutung, ging im
Ganzen auf, und dies Ganze strebte unablässig nach Aus
breitung. Allmälig schliffen sich diese ursprünglichen Gegensätze
der norddeutschen und der Schweizer Liedertafeln ab, und der
Charakter beider näherte sich im Laufe der Zeit. Die Kunst
der Berliner stieg bald auch zum Volk herab, und der Schweizer
Volksgesang erhob sich immer mehr zur künstlerischen Ausbildung.
Nach dem Muster Berlins hatten sich die norddeut
schen Männergesang-Vereine gebildet, der Einfluß des Schwei
zer Vorbildes wurde maßgebend für die meisten Liederkränze
Mittel- und Süddeutschlands. Schwaben, die wahre
Heimat deutschen Volksgesangs, ging hier voran und der „Stutt
garter Liederkranz“ (1824) ward bald ein Mittelpunkt aller
edleren Geselligkeit. Der Einfluß der schwäbischen Dichterschule
— Uhland, J. Kerner, Schwab, Hauff — und der Cultus
Schillerʼs goß eine eigenthümlich poetische Weihe über diesen
Verein, welcher am 9. Mai 1825 das erste Schillerfest
feierte und den Plan eines Schillerdenkmals damit verband.
Wir können hier nicht auf die einzelnen Männergesang-Vereine
eingehen, welche sich in den Dreißiger- und Vierziger-Jahren
massenhaft ausbreiteten. Nur die immer stärker hervortretende
Tendenz zur Vereinigung der einzelnen Liedertafeln eines Gaues,
eines Landes ist hervorzuheben. So hatte man bald fränkische,
schwäbische, rheinische Männergesang-Feste, zu welchen Hunderte
von Liedertafeln sich vereinigten. Das Gefühl der Zusammen
gehörigkeit, der nationalen Einheit entwickelte sich mächtig dabei,
und in dem Kampfe um Schleswig-Holstein entfalteten die Ge
sangvereine in den Vierziger-Jahren eine begeisterte und auch
einflußreiche patriotische Thätigkeit.
Während ganz Deutschland und die Schweiz mit Männer
gesang-Vereinen dicht besäet waren und bereits Holland, Belgien
und Elsaß Liedertafeln nach deutschem Muster gebildet hatten,
besaß Oesterreich noch keinen solchen Verein. Von allen nam
haften Männergesang-Vereinen ist der Wiener am spätesten
entstanden. Die Ursache solch unbegreiflicher Verspätung lag,
wie wir kaum zu sagen brauchen, in der Bevormundung durch
eine Polizei-Regierung, die aus einem Zustand von politischem
Angstschweiß nie herauskam und in dem Vortrag des „Deutschen
Vaterland“, eine Gefahr für das System witterte. Den
„Gesang“, den hat man jederzeit in Wien geliebt, aber die
Verbindung von „Männer“ und „Verein“, war für die
hohe Polizei ein unausdenkbarer Gräuel. „Halten Sie
mir ja dieses Gift aus Deutschland nieder,“ so soll Fürst
Metternich den obersten Polizei-Chef Sedlnitzky
ermahnt haben, als dieser ihm die Entstehung eines
Gesangvereins in Wien meldete. Es war im October 1843
— also gerade vor fünfundzwanzig Jahren — als der wackere
Redacteur der Wiener Musikzeitung, August Schmidt, in
einem Privathause der Vorstadt Landstraße dreißig Freunde
versammelte, die sich vornahmen, einmal wöchentlich zur Uebung
im vierstimmigen Männergesang zusammenzukommen. Dies
war der erste Anfang des Wiener Männergesang-Ver
eins, dem sich bald Männer aus allen Ständen mit Lust
und Eifer anschlossen. Als sich jedoch der Verein als solcher
constituiren wollte, stieß er auf die schlimmsten Hindernisse von
Seiten der Behörden, welche Männergesang und Revolution
mindestens für Geschwisterkinder ansahen. Drei Jahre lang
existirte factisch der Verein, ohne die Bewilligung, zu existiren,
erlangen zu können. Einige Productionen der Sänger im
Jahre 1843 und 1844 fanden enthusiastischen Anklang, und
dem Beifalle des Publicums schloß sich sogar der kaiserliche
Hof an, vor dem unser junger Verein sich in Schönbrunn
producirte. Noch immer war aber sein Bestehen nicht behörd
lich anerkannt. Endlich drückte die Gewalt der öffentlichen Mei
nung doch so stark auf die Behörden, daß diese ihren officiellen
Segen nicht länger vorenthalten konnten. Es war dies inmitten
friedlichster Zustände ein bedeutungsvoller, feiner Luftzug vor
dem Sturm von Achtundvierzig. Das „Gift aus Deutschland“
war glücklich eingeschmuggelt und ist seitdem durch ein Viertel
jahrhundert von den Wienern mit dem lebhaftesten Appetit
und ohne alle gesundheitsschädlichen Folgen in kleinen, großen
und allergrößten Portionen genossen worden. Von Jahr zu
Jahr wuchs die Zufriedenheit der Consumenten und die Kunst
fertigkeit der Producenten — ein rühmliches Verhältniß, das
in dem bevorstehenden Jubelfeste des Männergesang-Vereins
gewiß seiner schönsten Bestätigung entgegensieht.