Festconcert des Männergesang-Vereins.
Ed. H. Die Jubelfeier des Wiener Männergesang-Ver
eins ist zu Ende. An Kränzen und Medaillen reich, ist der
Verein aus dieser anstrengenden Festwoche mit neuen Ehren
hervorgegangen. Vor Allem gab das Concert im Redouten
saale, dessen glänzende Ausstattung bereits von anderer Feder
geschildert wurde, vollauf zu sehen und zu hören. In der Zu
sammenstellung des Programms hatte man es vorzugsweise auf
Novitäten abgesehen, auf große und starke Stücke von moder
nen Componisten. Jede dieser Novitäten fand ehrenvollen Bei
fall, wie es nicht anders zu erwarten war bei Werken von
namhaften Tondichtern, welche überdies durch persönliches
Mitwirken den Abend verschönerten. Daß trotzdem die Stim
mung des Publicums dabei mehr respectvoll als unmittelbar
begeistert sich kundgab, konnte Niemandem entgehen. Der Ge
danke wurde hie und da laut, ob es nicht doch zweckmäßiger,
die allgemeine Begeisterung fördernder gewesen wäre, das Fest
concert blos aus den schönsten Perlen des Repertoires zusam
menzusetzen. Es wäre müßig, jetzt auf die Frage einzugehen,
und gewiß unbillig, den anregenden Reiz und die schmückende
Bedeutung neuer Festcompositionen zu verkennen.
Wir haben das große Verdienst Herbeckʼs, unter dessen
Führung der Verein zu seiner gegenwärtigen Höhe gediehen
ist, stets als ein doppeltes erkannt und anerkannt. Fürs erste
liegt es in der hohen Ausbildung des Vortrages, dem er
Kraft und Feuer sowol, als die zartesten Schattirungen mit
unfehlbarer Sicherheit einzuprägen wußte; sodann in der mög
lichsten Erweiterung und Bereicherung des Repertoires.
Die Literatur des Männergesangs ist bekanntlich eine sehr
junge und keineswegs reichhaltige. Die unerbittlichen natürlichen
Grenzen dieser Musikgattung (Beschränktheit der Stimmen
bewegung, Monotonie des Klanges u. s. w.) stellen sich einer
weiteren bedeutenden Entfaltung ihrer Literatur entgegen.
Haydn, Mozart, Beethoven — dessen Gefangenen-Chor
in „Fidelio“, eine der frühesten und mächtigsten Compositionen
dieser Gattung, von der Bühne untrennbar ist — existiren
nicht für die Männergesangs-Concerte. Wir müssen von
Weber, Marschner und Spohr datiren, die zuerst den
vierstimmigen Männerchor im modernen Sinne wirksam be
handelten, leider nur in allzu wenigen selbstständigen Compo
sitionen. Selbst als die Liedertafeln zur musikalischen Macht
wurden, haben die großen Meister nur selten sich ihnen
zugewendet, wie man aus den Katalogen von Men
delssohn's und Schumann's Werken entnehmen kann, in
welchen die reinen Männerchöre als etwas Ausnahms
weises gegen ihre zahlreichen gemischten Chöre zurückstehen.
Hingegen ergossen sich bald die Mittelmäßigkeit und der Dilet
tantismus in breiten Fluthen über dieses leichte und dankbare
Gebiet, die Verlegenheit eines streng künstlerisch vorgehenden
Concertleiters eher mehrend als beseitigend. Herbeck hat
durch Hervorsuchen älterer Compositionen, Aufnahme von Opern
fragmenten, treffliches Arrangement von Volksliedern, endlich
durch seine Entdeckungen vergrabener Schubertʼscher Juwelen
mit ungemeinem Eifer dafür gewirkt, die Concerte des Män
nergesang-Vereines über das Niveau des blos Geselligen und
Gefälligen zu erheben. Er hat das reichste und werthvollste
Repertoire zu Stande gebracht, dessen sich irgend ein Männer
gesang-Verein rühmen kann. Trotzdem wird neben und nach
all diesen Anstrengungen, den Männergesang zu höchsten Zie
len und selbstständiger Kunstbedeutung emporzuziehen, derselbe
doch immer wieder mit eigener Schwerkraft in jene harmlosere
Region zurückfallen, die ihm von Haus aus behaglicher und
natürlicher ist. Ja, natürlicher — denn Wesen und Wirkung
des mehrstimmigen Männergesanges wurzeln tiefer in den be
grenzten Formen einer edleren Geselligkeit, als in der Oeffent
lichkeit des großen Concertsaales. Ein unvergleichliches Ele
ment, ja ein selbstständiger Organismus als künstlerisch-ge
sellige Thätigkeit, bleibt der Männergesang als reine Kunst
gattung immer nur ein Nebenzweig und Theil eines größeren
Ganzen. Mit und neben dem gemischten Chore und als Be
standtheil großer cyklischer Tondichtungen findet er seine voll
giltige, rein künstlerische Verwendung. Die Stimmen der
Publicistik haben, wie dies anläßlich einer Festfeier begreiflich,
fast ausnahmslos den Ton enthusiastischer Gratulation festge
halten. Eine nachträgliche, beruhigtere Kritik wird deßhalb
nicht griesgrämig heißen dürfen, wenn sie die Thatsache er
wähnt, daß die unersättliche Schwärmerei für Männergesangs-
Productionen, wie sie in den Vierziger-Jahren allenthalben
herrschte, sich auf ein vernünftigeres Maß besänftigt hat. Jener
entzückte Cultus erschien begreiflich zu einer Zeit und in einer
Stadt, welchen der scharfe, süße Zusammenklang von Män
nerstimmen neu war und welche überdies der ungleich höher
stehenden Gattung des gemischten Chores noch keine Auf
merksamkeit schenkten. Im Charakter der gegenwärtigen Kunst
periode liegt es nicht, dem Männergesang eine noch höhere
selbstständige Geltung im Concertsaale zu vindiciren, sondern
im Gegentheile ihn allmälig wieder mehr seiner Heimat, dem
engeren Kreise einer poetischen Geselligkeit zu überlassen und
als ein Ganzes nicht zu überschätzen, was in echter Kunst im
mer nur ein Theil sein kann.
Diese den musikalischen Charakter des Männergesangs
überhaupt treffende Bemerkung schmälert nicht im mindesten
das Verdienst eines Vereines, welcher, wenn es einmal eine
Concert-Production gilt, möglichst großartig und prachtvoll
auftreten will. Hofcapellmeister Herbeck hat den festlichen
Anlaß nachdrücklich für die Bereicherung seines Repertoires
benützt, indem er nicht blos nach neuen Compositionen suchte,
sondern solche positiv hervorrief. Es wurden — weislich mit
Ausschließung jeder Preisconcurrenz — Novitäten bei verschie
denen namhaften Tondichtern eigens bestellt. Man hat zu
nächst von deutschen Meistern F. Lachner, Esser, Wag
ner und Liszt angegangen. Letzteren kann man gewiß
ebenso gut als Deutschen nehmen wie als Ungarn, Franzosen
u. s. w. Liszt ist überall her, ungefähr wie seine Musik.
Nicht so gefällig wie Liszt hat sich Richard Wagner erwie
sen, welcher in einem stark instrumentirten Schreibebrief ab
lehnte und diese Ablehnung mit der feindseligen Stimmung
der Wiener Kritik motivirte. Wie mag es sich doch reimen,
daß gerade Künstler, die nur für die „Idee“ und die „Un
sterblichkeit“ arbeiten, so empfindlich gegen den möglichen Wi
derspruch einiger Kritiker sind? Wagner hat sich damit wahr
scheinlich selbst um einen Erfolg gebracht, denn er ist ein Mei
ster des Effects und das Wiener Publicum bekanntlich sehr
eingenommen für seine Musik. Daß die Wiener ihn „ver
stehen“, hat der Meister auch wiederholt hier ausgesprochen,
jedesmal wenn ihm eine Ovation gebracht wurde. Der Män
nergesang-Verein hat sich ferner auch an Berlioz und
Gounod in Paris gewendet, welche jedoch dankend sich ent
schuldigten. Vielleicht fühlten sie richtiger mit dieser Ableh
nung als der Verein, indem er sie zur Concurrenz auffor
derte. Berlioz und Gounod sind berühmte Namen und
geistvolle Componisten, aber als französische Componisten
haben sie mit der eminent deutschen Gattung des mehrstimmi
gen Männergesangs nichts zu schaffen. Tondichter nichtdeut
scher Zunge sind bei einem deutschen Liedertafelfest musikalisch
fremde Gäste. Ueberdies zählen Berlioz und Gounod, auch
abgesehen von dem nationalen Moment, in der Literatur
des Männergesangs überhaupt nicht mit, sie haben ihren Ruf
nicht durch Männerchöre erlangt, wenn sie auch kleine Stückchen
davon in großen Werken sporadisch anbrachten, ungefähr wie
man ein Geigensolo in einer Oper anbringt, ohne deßhalb zu
den eigentlichen Violin-Componisten gezählt zu sein. Weit
eher hätte von französischen Tondichtern Felicien David, der
Componist der „Wüste“, Anspruch auf die ehrenvolle Einla
dung eines Männerchor-Vereins gehabt. Näher jedoch als
irgend ein Franzose wären Hiller, Rubinstein, Brahms,
Volkmann dem Vereine gestanden, von österreichischen Com
ponisten älteren und jüngeren Namens nicht zu sprechen,
welche ihr Talent in diesem Fache bereits erprobt haben.
Unter den Componisten, welche dem Vereine ein Fest
angebinde sendeten, ist Liszt mit seinem „18. Psalm“ am
wenigsten glücklich gewesen. Die Anlage des Stückes ist sehr
einfach, der Chor singt die größere Hälfte der Composition hin
durch blos unisono. Der Charakter des Ganzen wird dadurch
ein vorwiegend rhetorischer, erst gegen das Ende hin nimmt
er musikalische Fülle und hymnenartigen Schwung an, aller
dings unter betäubendster Mitwirkung von dröhnenden Posau
nen und Paukenwirbel. Außer diesen materiellen Effecten soll
der spiritualistische, unvermittelter Dreiklangfolgen dem etwas
mageren Ideengehalte aufhelfen — als „Palestrina des 19.
Jahrhunderts“ (wie Papst Pius ihn gerne nennt) gefällt sich
Liszt natürlich in Dreiklang-Fortschreitungen, wie A-dur,
G-dur; C-dur, B-dur ; sogar Es-dur, F-dur, G-moll, A-dur,
Des-dur in Einer Reihe! Der „Psalm“ ist übrigens nicht
lang und schließt mit blendendem Pomp. Ungleich mehr An
klang fand der neue Chor von Franz Lachner: „Abendfriede.“
Der verehrte Veteran, bei seinem Erscheinen mit stürmischem
Beifalle begrüßt, dirigirte die klar und maßvoll aufgebaute,
schönklingende, mit technischer Meisterschaft ausgeführte Com
position, die in Einem Satze ununterbrochen dahinfließt. Die
Wahl des Lenauʼschen Gedichtes ist, ganz abgesehen von dem
schwierigen Metrum, der Composition nicht günstig. Zu kurz
für einen ausgedehnteren Chor, veranlaßt sie sehr viele Wort
wiederholungen, welche (wie das oft repetirte: „lächelt die Holde“)
ermüdend wirken. Die gekünstelte Empfindung des Gedichtes
— es feiert den Abend als „ein schlummernd Kind in
Vaters Armen, der voll Liebe zu ihm sich neigt“ —
mag auch etwas erkältend auf die Stimmung des Com
ponisten gewirkt haben. Auch Goetheʼs tiefsinniger „Ge
sang Mahomedʼs“, den sich Esser zur Composition ge
wählt, scheint uns — vielleicht verlockend für den ersten
Augenblick — im Grunde bedenklich für musikalische Behand
lung. Das Symbolische, das dem Gedichte zu Grunde liegt, fin
det in der Musik keinen Ausdruck, diese muß sich an das
Aeußerliche halten, an die Schilderung des Baches, der sich
zum Fluß ausbreitet, in welchen rauschend alle Quellen von
den Höhen hinabstürzen u. s. f. Esser hat diese unausweich
liche Tonmalerei nicht nur mit glänzendem Effect, sondern in
grandiosem, alles Kleinliche verschmähendem Styl ausgeführt.
Ein männlicher Ernst und eine meisterhafte Bewältigung der
Technik zeichnen die umfangreiche Composition aus, der wir
nur eine sparsamere Verwendung der den Gesang schonungs
los überfluthenden Orchestermittel gewünscht hätten. Esserʼs
Chor ist eine der schwierigsten und anstrengendsten Aufgaben —
unser Männergesang-Verein hat sie ruhmvoll bestanden. Der
neue Chor, welchen Herbeck gespendet („Waldscene“), bewegt
sich gleichfalls in den breitesten Dimensionen und nimmt alle
Kräfte des Orchesters in ausgedehntester Weise zu Hilfe. Man
könnte diese „Waldscene“ eine Miniatur-Oper nennen, ihr
Vorspiel wächst beinahe zur Ouvertüre, ihre Ritornells zu
kleinen Zwischenacten. Es waltet viel echte Romantik und ein
ungewöhnlicher Klangzauber in dieser Composition, namentlich
in dem stimmungsvollen Vorspiel. Die Instrumentirung, mit
Berliozʼscher Kunst, mitunter auch mit Berliozʼschem Raf
finement ausgeführt, entrollt einen Reichthum von verschie
denen Farben und Beleuchtungsarten, für die Wirkung des
Ganzen wol einen zu großen Reichthum. Wie alle speciell
geistreichen Compositionen, verweilt Herbeck mit Vorliebe bei dem
Detail, häuft einen charakterisirenden feinen Zug auf den andern
und mal die „Stimmung“ sorgsam mit so vielen und verschieden
artigen Mitteln aus, daß das Ganze unruhig wird und blen
det, anstatt zu leuchten.
Alle bisher genannten Compositionen (am wenigsten noch
die Lachnerʼsche) suchten die Wirkung des Männerchors in
breiter, grandioser Entfaltung bei anstrengender Mitwirkung
des Orchesters. Derlei große, complicirte Aufgaben werden die
Kunst des Tondichters gewiß auf das nachdrücklichste erproben,
die Wirkung des Männergesanges neigt sich aber gern mit be
sonderer Gunst zum Einfachen und Kleinen. Dies bewährte sich
bei dem „Ukrainischen Ständchen“ von R. Weinwurm, einer
anmuthig melodiösen Composition, welche, eine höhere Bedeu
tung weder besitzend noch beanspruchend, ungemein gefiel und
vielleicht am lebhaftesten applaudirt wurde. Zum erstenmal
kam an diesem Abend ein „Winzerchor“ aus Mendelssohnʼs
unvollendeter Oper „Loreley“ zur Aufführung, der auf der
Bühne selbst jedenfalls noch besser wirken mag. Ein einfaches
Chorlied (zwei Strophen) mit schalmeiartig brummender Be
gleitung, frisch und munter, in den Schlußtacten kurz und
kräftig sich aufschwingend. Noch eine andere unvollendete Oper
spendete ihren Beitrag zu dem Festconcerte: „Der Graf
von Gleichen“. Schubert componirte sie im Jahre 1827
auf einen Text, welchem der geistreiche Verfasser, Bauern
feld, seinen Ruhm gewiß nicht verdankt. Von Schubertʼs
Compositionen ist eine Anzahl flüchtiger Skizzen, welche blos
die Singstimmen, den Grundbaß und einige Begleitungsfiguren,
aber keine Andeutung der Instrumentation enthalten, in Her
beckʼs Besitz, also an den rechten Mann gekommen. Herbeck
hat mit seinem oft bewährten Tact und Geschick zwei Num
mern daraus instrumentirt und in dem Festconcerte zur Auf
führung gebracht. Es waren von allen vorgetragenen Gesangs
stücken die einfachsten, anspruchslosesten, und doch genialsten, am
unmittelbarsten ergreifenden. Kann man mit den bescheidensten
Mitteln in der knappsten Form etwas Zarteres, Wärmeres
hervorbringen, als diese Ariette Suleikaʼs, und vollends das
QuintettSuleikaʼs, des Sultans und der drei Freier? Wir
zählen letzteres zu den schönsten Gesängen Schubertʼs. Nur
die scenische, also im Concertsaale schwerer faßliche Bedeutung
dieses auf einen größeren Zusammenhang hinweisenden Stückes,
das obendrein mehr verklingt als eigentlich abschließt, mag es
einigermaßen erklären, daß der Beifall des Publicums durchaus
nicht im Verhältniß zu dem Werthe dieser Musik stand.
Außerordentlich schön sang Frau Wilt die Ariette und Herr
Walter die erste Tenorpartie in dem Quintett. Außerdem
kam dem Concerte die Mitwirkung der bewährten Solisten
Olschbauer, Panzer, Förchtgott und Schmidtler zu
statten.
War das Concert im Redoutensaale die eigentliche musi
kalische Festlichkeit des Vereins im Sinne des künstlerisch
Ernsten und Feierlichen, so bildete die Liedertafel im Sophien
saale ein lebhaftes, heiteres Nachspiel dazu. Ein anderer Re
ferent hat über die Einzelheiten dieses geselligen Festes be
richtet. Wir können zum Schlusse aus all den verschiedenen
Festlichkeiten des Jubiläums nur die erfreuliche Summe
ziehen, daß jeder dieser Festtage ein Ehrentag für die Herren
Dumba, Herbeck und Weinwurm wurde und ein neues
Band der Herzlichkeit knüpfte zwischen dem Männergesang-
Verein und der Bevölkerung Wiens.