Oper und Singspiel.
(
Niemann. „
Joseph und seine Brüder“. „
Périchole“, von
Offenbach.)
Ed. H. Ein Heldentenor, der heutzutage auf fremden
Bühnen als Joseph in Méhul’s gleichnamiger Oper gastiert,
ist gewiß eine seltene Erscheinung. Jeder reisende Künstler
pflegt für seine Gastspiele eminent dankbare Aufgaben zu wäh
len, und dankbar findet der Virtuose vor Allem das Schwierige
und Anstrengende. Wenn ein moderner Tenorist, ganz im
Gegensatze hiezu, als „Joseph von Egypten“ seinen Ruhm zu
vergrößern weiß, so darf man eine ungewöhnliche Persönlich
keit hinter ihm vermuthen. Als solche hat sich Herr Nie
mann in der Titelrolle der Méhul’schen Oper vollständig
bewährt. Wie unermeßlich weit liegt diese einfache biblische
Gestalt, mit der Herzensgüte als einzigem Pathos, von dem
Tumult widerstreitender Affecte, den Niemann als Tann
häuser und Prophet uns so leidenschaftlich malt! Was
mochte den gefeierten Sänger gerade an dieser Aufgabe locken,
für welche doch bescheidenere Kräfte ausreichen? Die Lust
wahrscheinlich, die gerade den tüchtigsten Virtuosen mitunter
anwandelt, einmal auch zu zeigen, daß die Schwierigkeiten
zwar seiner bedürfen, er aber nicht der Schwierigkeiten. Wir
erinnern uns lebhaft, wie Dreyschock hier zu allgemeiner
Verwunderung ein Concert mit Beethoven’s kindleichtem Trio
Op. 1 eröffnete, das er zu ungewöhnlicher Wirkung zu heben
sich nicht wenig zugute that. Jeder anständige Dilettant be
wältigt dies Stück und keiner wird es vergreifen. Aehnliches,
nur in viel höherem Grade, gilt von Méhul’s Joseph.
Dieser einfache, in allen seinen Motiven klare, in allen seinen
Aeußerungen sympathische Charakter kommt selbst dem ge
wöhnlich begabten Darsteller so weit entgegen, daß eine Ge
fahr des Verfehlens nirgends eintreten kann. Dessen äußeren
Umriß befriedigend zu zeichnen, gelingt auch dem Anfänger,
aber den ganzen, in diesem Umrisse möglichen Reichthum lebens
voller Schatten und Lichter zu errathen, geschweige denn her
vorzubringen, vermag nur der Meister. Eine leichte Aufgabe
für den gewöhnlichen Theatersänger, wird sie zur bedeutenden
für den vorzugsweise dramatischen Künstler; sie wächst je nach
den Anforderungen, welche der Darsteller an seine eigene
Kunst stellt. Niemann hat an die Rolle des Joseph nicht
weniger Liebe und Arbeit verwendet, als an die effectvolleren
des Tannhäuser und Propheten. Was diese beiden Leistun
gen an Glanz voraus haben, wird im Joseph durch die innere
Wahrheit und Aufrichtigkeit der Musik aufgewogen. Die
Wärme und der Schmelz von Walter’s wohlgeschulter Te
norstimme verleiht dem lyrischen Erzählen Joseph’s ohne Frage
einen größeren musikalischen Reiz, aber Niemann’s Dar
stellung zeigte, was individualisirendes dramatisches Talent und
declamatorische Kunst noch weiter aus dieser Rolle machen
können. Es versteht sich, daß schon beim ersten Auftreten
Niemann’s königliche Erscheinung uns das Bild von Joseph
bedeutender, heldenhafter als gewöhnlich vor Augen führt und
daß sie sofort den Anflug allzu weichlicher Milde verscheucht,
der sonst diesem egyptischen Titus anhaftet. Joseph eröffnet
die Oper mit einer Arie, in welcher die Sehnsucht nach der
verlornen Heimat sich zur schmerzlichen Erbitterung gegen die
unmenschliche That seiner Brüder steigert. Niemann’s Vor
trag wußte dieses Musikstück, das in seinem formalen, akademischen
Gepräge direct an Gluck erinnert, durchwegs dramatisch zu beleben.
Die darauffolgende berühmte Romanze: „Ich war ein Jüngling
noch an Jahren“, bekommt, wenn sie lediglich von Seite des
musikalischen Wohllautes angefaßt wird, leicht etwas Zopfi
ges, Leierndes. Dieser Gefahr entgeht Niemann vollständig
durch die meisterhafte Behandlung des einzelnen Wortes und
den charakteristisch verschiedenen Vortrag der drei musikalisch
ganz gleichlautenden Strophen. Nun treten die Brüder auf,
Joseph nicht erkennend, doch von ihm sogleich erkannt. Hier
beginnt für den Darsteller eine schwierige und bedeutende dra
matische Aufgabe, die bis zur letzten Scene der Oper fort
dauert: Joseph, durch dieses Wiedersehen in heftigste, an
haltende Gemütsbewegung versetzt, muß sich gleichwol beherr
schen und verstellen; sein Seelenkampf soll dem Zuschauer stets
sichtbar, den Brüdern stets verborgen bleiben. Die Verstellung
wird noch hundertmal schwerer und schmerzlicher für Joseph
im Gespräche mit seinem alten Vater und dem geliebten Ben
jamin. „Reprenons mon empire sur ce coeur agité“ —
diese Worte, mit welchen Joseph nach Fassung ringt, bezeich
nen für den ganzen Verlauf der Handlung die schwierige dra
matische Aufgabe Joseph’s. Niemann löste sie mit überzeugen
der Wahrheit und durchwegs in den würdigsten, einfachsten
Formen. Im dritten Acte tritt Joseph weniger hervor; seine
Rolle verrinnt mit der ganzen Oper im Sande langer ge
sprochener Scenen. Man kann es daher nur billigen, daß
Niemann den von Weigl hinzucomponirten Schluß benützte,
welcher zwar musikalisch selbst kein bedeutendes Wort spricht,
aber doch wenigstens Joseph noch einmal zu Worte kommen
läßt und die Oper zu einem etwas breiteren Ausklingen.
Zweierlei macht noch überdies die Rolle des Joseph zu einer
für Niemann passenden: sie bewegt sich nicht in anstrengend
hoher Stimmlage und bedarf für ihre zahlreichen und langen
Prosa-Scenen eines guten Redners. In Herrn Niemann’s sono
rem Sprechorgane und seiner correcten, natürlichen, ausdrucks
vollen Rede lernten wir zwei neue Vorzüge des Sängers ken
nen. Was in unserem letzten Berichte über die Mängel seiner
Gesangskunst bemerkt war, können wir nicht widerrufen, brau
chen es aber wol nicht jedesmal zu wiederholen. Auch als
Joseph hat Herr Niemann durch das gleichmäßig breite Aus
strömen des Tones, durch forcirte Behandlung der höheren
Stimmlage und zu hoch schwebende Intonation das Ohr in
manchem Momente unfreundlich berührt. Diese Flecken sind
nicht wegzuleugnen, ebensowenig wie ein gewisser Mangel an
Wärme und Zartheit, sei es der Empfindung selbst, oder doch
des Vermögens, diese an die Oberfläche zu bringen. Aber
Niemann ist trotz alledem eine Specialität als dramatischer
Künstler, die gegenwärtig ohne Rivalen dasteht und deren
Schöpfungen Geist und Phantasie in ungewöhnlichem Maße
anregen; eine Erscheinung voll Glanz und kraftvoller Gedie
genheit, welche in jeder ihrer Verwandlungen sich der Erinne
rung des Zuschauers unvergeßlich einprägt. — Von den übrigen
Sängern der Méhul’schen Oper zeichneten sich Herr Schmid
als würdiger und gemüthvoller Repräsentant des Jacob, und
Fräulein Gindele durch ihre natürliche, liebenswürdige Dar
stellung des Benjamin vortheilhaft aus. Von dem übrigen
Theile der Vorstellung ist es besser, zu schweigen. Da Jo
seph seinen Brüdern verziehen hat, so wollen wir nicht schlech
ter sein als er und dasselbe thun.
Wir schulden noch einige Worte der neuen zweiactigen
Operette von Offenbach: „Périchole“, welche kürzlich im
Theater an der Wien mit Beifall gegeben wurde und seither
allabendlich bei gesteckt vollem Hause wiederholt wird. Die
Titelheldin ist eine arme junge Straßensängerin, die mit ihrem
Geliebten, dem Guitarrespieler Piquillo, auf den Promenaden
von Lima sich producirt. Das Pärchen nagt eben gründlich am
Hungertuche, als der lüsterne Vicekönig von PeruPérichole
gewahr wird und, von ihrer Schönheit entzückt, sie als Favo
ritin an seinen Hof bringen will. Zum Scheine willigt sie ein,
um vorläufig ihren Hunger zu stillen. Sie läßt sich zuvor von
bezechten Notaren mit dem noch betrunkeneren Piquillo ver
mälen, geht zu Hofe, weiß sich aber wieder aus der Schlinge
zu retten und zieht schließlich als Straßensängerin, wie sie ge
kommen, mit ihrem beglückten Piquillo in die Weite. Die
Handlung ist durchaus possenhaft und strotzt von Unmöglich
keiten, worunter jedoch einige recht drollige. So bringt gleich
die Exposition einige ganz wirksame Situationen und Figuren.
Eine solche ist der bornirte Vicekönig, der sich verkleidet unter
das Volk mischt, „um Wahrheit zu erfahren“, aber consequent
mit eingelernten Schmeicheleien bedient wird. Zu diesem prah
lerischen Tyrannen und luxuriösen Hofstaate bildet das arme,
fröhliche Musikantenpaar einen glücklichen Contrast. Mit diesen
Figuren weiß aber der Librettist nicht viel Gescheites anzu
fangen; er vernützt sie in einer unwahrscheinlichen und abge
schmackten Intrigue, welche überdies für einen ganzen Theater
abend nicht ausreicht. Der zweite Act muß sich mitunter durch
klägliche Lückenbüßer forthelfen und bringt es doch nur zu
einem ganz gezwungenen Abschlusse. Die Musik gehört keines
wegs zu der frischesten des so begabten, leider nur allzu frucht
baren Componisten. „Périchole“ gewährt zahlreichen Reminis
cenzen und flachen Quadrille-Themen einen übergroßen Tum
melplatz. Inzwischen finden sich aber auch frische, graziöse
Nummern, wie die bei größter Einfachheit pikante (obendrein
vortrefflich declamirte) Brief-Arie Périchole’s und das Hoch
zeits-Duett im ersten Acte; im zweiten die Couplets, mit wel
chen der Guitarrespieler seine Frau dem Vicekönige vorstellt,
und einiges Andere. Im Gegensatze zu den breiten, an
spruchsvolleren Formen und schwierigeren Gesangsaufgaben der
„Schönen Helena“ und der „Großherzogin“ kehrt „Périchole“
zu dem knappen, bescheidenen Coupletstyl der früheren Offen
bach’schen Operette zurück und befleißt sich einer discreten
Instrumentirung.
Wir können uns nicht versagen, einen Ausspruch von Chry
sander in Betreff Offenbach’s (und nebenbei Richard Wag
ner’s) hier mitzutheilen. In der Leipziger Allgemeinen Musikzeitung,
gegenwärtig von Chrysander redigirt, klagte ein Correspondent aus
Paris, die Herrschaft Offenbach’scher Musik verschulde bei den Fran
zosen „die Schwierigkeit, Wagner zu verstehen“. Chrysander,
bekanntlich einer unserer gründlichsten Musikhistoriker und rigorosesten
Gegner aller oberflächlichen Unterhaltungsmusik, bemerkt hiezu: „Was
die Offenbach’schen Operetten so eingänglich macht, ist zunächst nicht
ihre Schlechtigkeit und Flachheit, sondern ihre Kunstfertigkeit; sie sind
in der Form (natürlich in der leichtesten vorhandenen Form, der des
Couplets oder der alten Pastourelle) vortrefflich, ja musterhaft abge
rundet. Am besten wissen das die Armseligen, welche sich hüben und
drüben zu ihrer Nachahmung hergeben. Schüttelt man nun dort (und
anderswo) einmal Offenbach’s Joch ab, so wird man dadurch nicht reifer
für Wagner werden, sondern ihm nur umsomehr entwachsen. Möge
Jeder in Wagner’s Kunst finden, was ihm beliebt, nur Eines sollten
ehrliche Musiker sich nicht gegenseitig aufbinden wollen, nämlich daß
Tiefe darin sei und daß ein entsprechend tiefes Verständniß zu ihrer
Würdigung gefordert werden müsse.“
Die Aufführung der Novität im Theater an der Wien
verdient alles Lob. Fräulein Geistinger ist in Gesang,
Spiel und Erscheinung eine glänzende Périchole. Noch höher
stellen wir Herrn Swoboda’s Piquillo — eine Leistung voll
natürlicher Laune und Liebenswürdigkeit, frisch, einheitlich und
voll geistreicher, individueller Züge. So vortrefflich Fräulein
Geistinger jede Rolle zu bewältigen und zu schmücken versteht,
Swoboda ist neben ihr das weit ursprünglichere Talent,
wenigstens im komischen Fache. Seine Empfindung ist wärmer,
sein Humor natürlicher; er bringt Figuren wie dieses fröh
liche, etwas bornirte Naturkind Piquillo in voller Lebensfülle
und Wahrheit, während Fräulein Geistinger ähnlichen Auf
gaben doch nur auf dem Wege der Reflexion beikommt und
in Darstellung gemüthlicher Lustigkeit, komischer Naivetät u. dgl.
die überwiegende Arbeit des Verstandes und einer „allerdings
ungewöhnlichen“ Geschicklichkeit selten ganz zu verstecken ver
mag. Einigen wirksamen Gesangsvorträgen der Geistinger und
Swoboda’s ist es zuzuschreiben, daß der zweite Act, obgleich der
unbedingt schwächere, hier mehr als der erste gefiel. Großen
Effect erzielt namentlich Herr Swoboda mit den Couplets:
„Les femmes il n’y a que ça!“, denen er eine Reihe local ge
färbter Strophen (von der Erfindung des Herrn Weyl) beifügt.
Die beiden Kämmerer des Vicekönigs werden von den
Herren Rott und Jäger sehr gut gegeben. Den Vicekönig
selbst hätten wir lieber in Händen des Herrn Blasel ge
sehen, dessen natürliche Komik dieser Rolle mehr zusagt, als
der entsetzlich nachdrückliche, gedehnte Vortrag Herrn Friese’s.
Eine neue Erscheinung war uns der Komiker Herr Schwabe:
Friese’sche Schule in der letzten Verknöcherung.
Von den „drei Cousinen“, welche das Wirthshaus im
ersten Acte schmücken, sind zwei hübsch und singen drei falsch.
Die Ausstattung der Novität ist prachtvoll, auch ein spanischer
Tanz ist eingelegt, in welchem eine jugendliche und lebhafte
Tänzerin, Fräulein Emma Hirsch, mit bestem Erfolge debu
tirte. Schließlich möge das Verdienst anerkannt sein, welches
Herr Richard Genée durch die fließende Uebersetzung
des Librettos und die tüchtige Leitung des Orchesters sich um
„Périchole“ erworben hat.