Singspiel, Oper und Ballet.
Ed. H. Die aus dem Französischen übertragene Operette
„Der Däumling“, im Theater an der Wien zum ersten
male gegeben, hat einen schlechten Eindruck gemacht. Ich hätte
speciell von dem Componisten Besseres erwartet. Laurent
de Rillé ist in seiner Heimat kein unbekannter, sondern ein
recht geschätzter Name und einer der rührigsten jüngeren
Musiker überhaupt. Von Statur selbst eine Art Däum
ling, entfaltet Rillé in seinem Eifer als Componist, Dirigent
und Schriftsteller eine fast ogerhafte Arbeitskraft. Bei der
letzten Pariser Weltausstellung hat er als Commissions-Secre
tär für die musikalischen Concurse der Gesangvereine fungirt und
wochenlang den ganzen Tag herumlaufen und die ganze Nacht
schreiben müssen. Dieser Zustand ununterbrochenen Transpi
rirens raubte ihm jedoch nichts von der echt französischen
Elasticität und Liebenswürdigkeit, welche er und seine Pariser
Collegen uns Fremden stets entgegenbrachten. Rilléʼs spe
cielle Leidenschaft sind der mehrstimmige Männergesang und
die Männergesang-Vereine (Orphéons). Er hat um deren
Aufblühen in Frankreich unstreitiges Verdienst, führt ihnen als
Componist reichliche Nahrung zu und hat sogar in einer No
velle, „Le jeune Orphéoniste“, die Herrlichkeit eines solchen
Liedertafel-Menschen mit poetischer Verklärung umgeben. Es
gibt keinen Gesangverein in Frankreich, der nicht einige von
den frisch und dankbar gesetzten Chören Laurent de Rilléʼs
als Lieblingsnummern auf dem Repertoire hätte. Besonders
ein Zigeunerchor dieses Pariser Engelsberg („Les enfants
dʼEgypte“) erfreut sich großer Popularität; wir haben ihn
bei den Concursen der französischen und belgischen Orphéons
wol fünfzigmal gehört und könnten diese effectvolle Schilderung
wandelnden Zigeunerlebens auch deutschen Vereinen empfehlen.
Ein also geartetes und geübtes Talent mußte sich naturgemäß
bald auf die komische Operette, als auf sein nächstgrößeres
und lohnenderes Feld, hingewiesen sehen. „Der Däum
ling“ hat dasselbe nicht eben rühmlich betreten. Verfehlt
ist fürs erste schon das Textbuch. Wir sind dieser den ge
sunden Menschenverstand verhöhnenden Travestien, die zwi
schen dem naiven Stoffe und seiner modernen Carikirung
fortwährend hin- und herspringen, nachgerade satt. Anstatt
herzlichen Gelächters erzielen sie höchstens jenes ärgerliche, ge
spannte Lächeln, welches das Raffinement als seine Quelle
verräth. Das Märchen selbst möchten wir als Stoff für ein
anspruchsloses Singspiel nicht verwerfen. Däumling und der
Menschenfresser bieten dem Dichter und Componisten die gün
stigsten komischen Contraste. Der Aufzug des kleinen Däum
lings an der Spitze seiner Brüder, sechs langgewachsener furcht
samer Bengel, wird nirgends seine Wirkung verfehlen. Auch
dagegen wäre nicht viel einzuwenden, daß der Librettist den
furchtbaren Oger gleichfalls mit sieben Töchtern ausstattet,
welche nichts weniger als menschenfresserisch aussehen. Alles
Uebrige in der Novität ist geistlose Zuthat von raffinirter Ab
geschmacktheit; eine Anzahl Trinklieder, Bravour-Arien, Lie
besduette müssen die magere Handlung drei Acte hindurch
nothdürftig fristen. Das Stück läßt sich anfangs recht hübsch
an. Die Couplets der Schwestern beim Nüsselesen, der sich
anschließende Walzer Brillantinaʼs und einiges Andere
klingt frisch und gefällig. Je weiter, desto affectirter
werden Rhythmus und Melodien, desto lärmender das
Orchester. Die Sucht, es Offenbach gleichzuthun
(sie hat in Frankreich und Deutschland schon viele
Opfer weggerafft), bekommt auch im „Däumling“ Oberhand;
das Trinklied, der unvermeidliche Cancan, sogar der von
Offenbach in der „Vie parisienne“ eingeführte Jodler er
scheinen hier als ebenso viele geschmacklose Nachahmungen. Die
widerwärtigste Nummer, ein langes Liebesduett, das seinen
Haupteffect in kindischem Mißbrauch von accelerando und
ritardando sucht, ist übrigens nicht von Rilléʼs Erfindung,
sondern von einem Wiener Capellmeister hineingemeuchelt.
In Composition und Aufführung stach die Novität zu ihrem
Nachtheile gegen Flotowʼs anspruchslosere „Witwe Gra
pin“ ab, welche zwar musikalisch auch nur französischer Nach
druck ist, aber doch besserer Nachdruck nach besseren Mustern.
Fräulein Geistinger und Herr Swoboda spielen und
singen dieses einactige Proverbe ganz vortrefflich. Im „Däum
ling“ war die Darstellung der derb possenhaften Figuren
durch Herrn Rott, Herrn Jäger und Fräulein Herzog
sehr wirksam; von den neuen Sängerinnen befriedigte am
meisten Fräulein Medgyeszay (ließe sich der Name nicht
irgendwie ins Cisleithanische übersetzen?) durch angenehme,
wenn auch kleine Stimme und recht gewandten Vor
trag; das dramatische Talent ist gering, die Aussprache stark
ungarisch gefärbt. Fräulein Stubel, welche in jeder Par
tie einen fast übermäßigen Eifer entwickelt, brachte die Titel
rolle in zu derber Wirkung; was den Gesang betrifft, so hätte
der Oger an diesem Däumling gerade keine Nachtigall ver
schluckt. Als neuengagirtes Mitglied, das auf allen Theatern
unentbehrlich zu werden droht, präsentirte sich ein Vélocipède;
als wäre die Seele eines störrigen Esels hineingefahren, warf
es eine Reiter ab.
Im neuen Opernhause folgten einander zwei sehr ge
lungene Vorstellungen: das neuscenirte Ballet „Flick und
Flock“ von Taglioni, und Gounodʼs „Romeo und
Julie“. Das Ballet wird mit einer bewunderungswürdigen
Präcision getanzt und bietet dem Auge eine Reihe von nur
allzu blendenden Sehenswürdigkeiten. Im Scenischen wie im
Choreographischen machten sich wesentliche Neuerungen be
merkbar, worunter einige dem Effecte entschieden günstige.
So freute es uns vor Allem, daß man zu der Ansicht
Wiens nicht mehr das sentimentale „Mailüfterl“ anstimmte,
sondern den Straußʼschen Walzer „An der schönen blauen
Donau“, dessen wohlerworbene ungemeine Popularität ihn
förmlich zum musikalischen Citat stempelt, wo irgend von
lieben und vergnüglichen Dingen in Wien die Rede geht.
Ferner ist der neu eingelegte, von den Tänzerinnen Stadel
mayer und Mauthner graziös ausgeführte Jockey
tanz ebenso hübsch erfunden als passend zu der Londoner
Ansicht. Die Bal-Mabille-Scene endlich bildet insoferne einen
Glanzpunkt des Ballets, als die Straßen-Costüme der Her
ren und Damen mit glücklichstem Humor gewählt sind, wohl
getroffene und doch fein carikirte Porträts, wie man sie auf
den besten Blättern des Journal Amusant antrifft. Der See
hafen von Lissa scheint uns etwas gezwungen in die Reihe
der europäischen Weltstädte eingefügt; die schöne Decoration
(wol die gelungenste von allen Veduten) mag die Idee
entschuldigen. Sehr unvortheilhaft finden wir hingegen die Ab
änderung, die mit dem „Jägerballet“ vorgenommen wurde. Wäh
rend nämlich im alten Opernhause das ganze weibliche Balletcorps
als österreichische Jäger-Compagnie militärische Evolutionen
von imposanter Wirkung ausführte, exerciren jetzt gemeinsam
Jäger und fahnenschwenkende Matrosen, eine Zusammenstel
lung, die, an sich sinnlos, den Effect der Jäger empfindlich
schwächt. Der neue kriegerische Tanz La Circassienne bietet
Fräulein Salvioni Gelegenheit zu fast dramatischer Moti
virung jener heroischen Stellungen, in welchen sie stets am
glücklichsten wirkt. Bedeutendes Verdienst um den Erfolg von
„Flick und Flock“ hat die unerschöpfliche Laune der Herren
Frappart und Price, endlich die effectvolle Decorations-
Malerei des Herrn Burkhart. Seine „Gnomengrotte“ im
ersten Acte wirkt bei aller Buntheit feenhaft; den „Meeres
grund“ im zweiten möchten wir mehr ob gelungener Einzel
heiten loben, als für seine Totalwirkung, wenigstens paßt sie
nicht zu den im Hintergrund auftauchenden Städtebildern.
Letztere erscheinen zu nüchtern realistisch, zu gleichmäßig gefärbt
mit dem das Meer vorstellenden Mittel- und Vordergrund,
von dem sie sich zu wenig abheben. Durch die Beleuchtung
ließe sich diesfalls viel gewinnen, wie der Versuch mit dem
Moskauer Bild zeigt, das durch Verfinsterung der vorderen
Bühne außerordentlich gewinnt. Trotz des beengten Bühnen
raumes machten im alten Opernhause diese Dissolving views
eine poetischere Wirkung. Den vollständigen Erfolg der ganzen
Vorstellung haben wir bereits gemeldet.
In Gounodʼs „Romeo“ waren die Rollen des Ca
pulet und Tybalt durch die Herren Mayerhofer und
Pirk neu besetzt. Dem überall tüchtigen Mayerhofer fehlt
für den fast zur bloßen Repräsentations-Rolle zusammen
schrumpfenden Capulet die imposante Persönlichkeit seines
Vorgängers Schmid. Herr Pirk verbreitet durch sein Auf
treten wenigstens noch immer die beglückende Empfindung
über den Verlust des jungen Herrn Wachtel. Die Herren
Walter, Rokitansky und v. Bignio waren vortreff
lich; die schwierige Erzählung von der Fee Mab kann nur
bei so musterhafter Oekonomie des Athems, wie sie Herr
v. Bignio sich erworben hat, zur Geltung kommen. Fräu
lein Ehnn, welche nach ihrer Urlaubsreise zum erstenmal
wieder auftrat, erntete als Julie rauschenden und allgemeinen
Beifall. An Leidenschaftlichkeit des Ausdruckes blieb sie nicht
hinter ihren früheren Darstellungen zurück, speciell erfreute sie
uns durch noch schönere Verwendung der mezza-voce, als wir
bisher an ihr gekannt. Durch ihre warme Empfindung und echt
dramatische Auffassung übt Fräulein Ehnn jederzeit eine eigenthüm
lich sympathische Wirkung auf den Hörer: sie nimmt sein Interesse
nicht für Einzelvorzüge ihrer Kunst, sondern für den darge
stellten Charakter sofort gefangen. Dies unterscheidet sie von
anderen, ihr technisch überlegenen Sängerinnen, deren großen
Activen an Gesangskunst ebenso große Passiven an Poesie und
Grazie gegenüberstehen, Sängerinnen, die man immer loben
muß und für die man sich doch so selten interessiren kann.
Der Umstand, daß Gounodʼs „Romeo“ einige Monate
vollständig geruht hatte, kam der Vorstellung äußerst förder
lich zu statten. Die Sänger wirkten sämmtlich mit einer Lust
und Liebe, die sie beim besten Willen für die übrigen im neuen
Hause so unablässig wiederholten Opern nicht mehr aufbringen.
Dieses fortwährende Ableiern von drei bis vier Opern, die,
wie „Tell“, „Hugenotten“, „Stumme von Portici“, schon im
alten Theater ungebührlich abgenützt wurden, muß die Sänger
abstumpfen; es übt schließlich eine geradezu demoralisirende
Wirkung, wie einige der letzten Reprisen zeigten. Man kann
der Direction aus dem noch schmalen Repertoire des neuen
Opernhauses keinen Vorwurf machen, denn das Uebersiedeln
einer großen Zahl von Opern ist bei den gegenwärtig so hoch
gesteigerten Ansprüchen an die Ausstattung eine Riesenarbeit,
die nur allmälig bewältigt werden kann. Aber dagegen lassen
sich Bedenken erheben, daß die Direction jetzt schon das alte
Opernhaus so gut wie verlassen hat. Es wird höchstens ein
mal in der Woche noch geöffnet; für „Faust“ und „Lucia
von Lammermoor“. Wer würde aber nicht gerne von der
Pracht des neuen Hauses wieder einmal bei Opern
wie „Figaroʼs Hochzeit“, „Jessonda“, „Weiße Frau“
u. s. w. Auge und Ohr ausruhen, sich musikalisch erbauen?
Je mehr es den Anschein gewinnt, als würde dergestalt Alles,
was nicht große Ausstattungs-Oper und Ballet ist, der Ver
gessenheit geweiht, desto eifriger müssen wir die Einrichtung
eines zweiten selbstständigen Opernhauses nach Art der Pa
riser Opéra Comique anstreben. Eine ähnliche Tendenz
sehen wir jetzt in Dresden thätig, wo die gebildetste künst
lerische Partei vorderhand um den geringeren, nothwendigeren
Erwerb, den der Trennung von Oper und Schauspiel, kämpft.
Die Frage nach dem definitiven Aufbau eines neuen Theaters
(abgesehen von dem provisorischen Nothbau) beschäftigt dort
auf das lebhafteste die Bevölkerung. Der bewährte Musik-
Kritiker der Constitutionellen Zeitung, Ludwig Hartmann, hat
das richtige Losungswort gefunden, indem er für den Bau
von zwei Theatern plaidirt, deren eines dem recitirenden
Schauspiel, das andere der Oper und dem Ballet zu widmen
wäre. Er findet in Dresden zwei grundverschiedene Ansprüche
an „Theater“ zu constatiren. Thatsache ist, daß die feinere
Gattung im Lust- und Schauspiel in dem abgebrannten gro
ßen Hause stiefmütterlich bedacht worden ist und — wegen
Mangels an Zeit und Raum für die nöthigsten Proben! —
arg vernachlässigt werden mußte. Die Schauspieler empfan
den schwer, daß ihnen neben der Herrschaft der Oper eben
nur die Luft zur ephemeren Existenz belassen war.
„Wenn nun,“ fährt Hartmann fort, „Raum und Zeit
unter zwei Gattungen nicht vertheilt werden können, ohne eine
oder die andere zu benachtheiligen, wenn ferner dutzendweise
gute und oft sogar die ausgezeichnetsten Kräfte müßiggehen
und in bitterem Unmuth klagen, daß eine künstlerische Freu
digkeit, ein reges Fortschreiten in der Bahn zum Höheren gar
nicht möglich sei — wir stehen mit den Beweisen zu Dien
sten, daß einzelne Mitglieder monatelang zur qualvollsten Un
thätigkeit verurtheilt waren — was liegt da näher, als die
Oper von Schauspiele zu trennen und sie beide, unabhängig
von einander, zu pflegen?“
Das kleinere, intimere Schauspielhaus, das total von
aller Ausstattung und übermäßigen Beleuchtung abzusehen und
billigere Eintrittspreise zu stellen hätte, würde die Kunstfreunde
schadlos halten, wenn die Thatsache sich wiederholt, daß Aus
stattungsstücke wie „Ella“ oder „Undine“ eine ganze Reihe
von Abenden hinter einander die Opernbühne usurpiren. Nur
durch solche Zweitheilung hindert man „die Entfremdung des
Theaters von dem wahrhaft ästhetisch zurechnungsfähigen Pu
blicum“. Die eigenthümlichen Verhältnisse Dresdens, dieser
von vielen tausenden Fremden bewohnten und besuchten
„Villa Deutschlands“, bringen es mit sich, daß die Zukunft
ihres Theaters mehr als ein blos locales Interesse berührt.
Darum dürfte es den für die echte Kunst besorgten und thä
tigen Männern in Dresden nicht unangemessen, sondern nur
erwünscht erscheinen, wenn ihre Bemühungen für ein zwei
tes Theater auch von Außen her die publicistische Unterstützung
Gleichgesinnter finden.“