Musik.
(„
Zilda“, von
Flotow. — Concerte von Laura
Kahrer und Fräulein
Fried
lowsky. — Quartett-Production von J.
Grün. — Erstes Philharmonisches
Concert.)
Ed. H. Der Anschlagzettel des Theaters an der Wien
verkündigte Samstag eine neue zweiactige Oper von Flotow:
„Zilda“ — immerhin ein Ereigniß, das die Aufmerksamkeit
des Publicums erregt und bei welchem die Kritik nicht fehlen
darf. Nicht als ob wir mit besonderen Erwartungen hinge
gangen wären, haben wir doch seit nahezu zwei Decennien
das auffallende Sinken und Verarmen von Flotow’s Talent
beobachtet. Mit wohlbegründeten Mißtrauen blickt man jeder
seiner neuen Productionen entgegen. Kaum gibt es einen
zweiten Opern-Componisten in Deutschland, der erfolgreicher
begonnen, müheloser gesiegt hätte. Mit zwei komischen Opern,
welche ein gefälliges, melodiöses Talent, aber keineswegs ein
bedeutendes oder originelles verriethen („Stradella“ und
„Martha“), schien Flotow die allgemeine Gunst im Sturme
zu nehmen. „Stradella“ figurirt noch immer, wenngleich viel
seltener, auf den deutschen Bühnen, den kleineren insbeson
dere, denen so leicht besetzbare Opern unschätzbar sind. Durch
„Stradella“ gewann Flotow die Aufmerksamkeit und Sym
pathie seiner deutschen Landsleute, durch „Martha“ einen
Weltruf. „Martha“ ist einem Ballet nachgebildet, das unter
dem Titel „Lady Henriette“ in Paris gegeben wurde und
dessen Musik gemeinschaftlich von Flotow, Burgmüller und
Deldevez componirt war. Mit der Verbreitung und Popu
larität der „Martha“ kann sich kaum eine zweite deutsche
Oper messen; selbst der „Freischütz“ ist, seinem rein deutschen
Wesen entsprechend, niemals in solchem Grade auf fremdem
Boden heimisch geworden. Noch vor wenigen Jahren mußte
mich auf einer längeren Reise das Mißgeschick treffen,
überall, zunächst in Deutschland, die „Martha“ auf dem
Theaterzettel zu finden — eine schwere Prüfung für Jemanden,
der berufsmäßig diese so schnell unleidlich werdende Oper
fünfzig- bis sechzigmal angehört hat und den Chor der Mägde
oder die Jagdcouplets der Nancy wie einen persönlichen Tod
feind haßt. In Paris gibt man „Martha“ französisch im
Théâtre Lyrique, italienisch aux Italiens, in Londonenglisch
zur Winterszeit, italienisch im Frühling und Som
mer. In Italien, Spanien, Rußland, Nordamerika — so
weit das Geschlecht gefühlvoller Tenoristen, koketter Co
loratur-Sängerinnen und schnippischer Altistinnen reicht —
überall „Martha“! Solcher Erfolg einer deutschen Oper ist
jedenfalls eine imponirende Thatsache. Daß er mehr einigen
glücklichen Einfällen und der überaus praktischen Einrichtung
dieser Oper zu danken ist, als einem bedeutenden Talent, be
wies der sofort eintretende musikalische Bankerott Flotow’s.
Was immer von ihm nachfolgte, fiel entweder durch („Albin“,
„Die Matrosen“, „Die Großfürstin“) oder fristete (wie „Indra“)
ein kurzes Dasein. Flotow, ohnehin ein musikalischer Halb
franzose, kehrte deßhalb dem undankbaren Vaterlande den
Rücken und entschloß sich (wie bereits in seiner Jugendzeit),
lieber gleich ganz französische Opern für Paris zu schreiben.
Dieser neuesten Periode entstammen „Zilda“, „La veuve
Grapin“ und ähnliche Kleinigkeiten, welche in Deutschland gar
keinen Anspruch machen könnten, auf großen Opernbühnen
gegeben zu werden. Sie sind nur möglich in einem Theater,
wo man an die Musik eines Singspieles geringe Anforderun
gen stellt, wo ein unterhaltendes Libretto eine mittelmäßige
Partitur retten kann (nebenbei gesagt, der vollständig fran
zösische Standpunkt), wo schließlich gewandte Komiker höher
im Werthe stehen, als kunstgerechte Sänger. „Zilda“, die an
der Wien recht freundliche Aufnahme fand, wäre im Hof
operntheater durchgefallen, weil die Musik nicht gut genug für
eine große Opernbühne ist, und wiederum das Lustspiel-Per
sonal einer solchen nicht gut genug für eine so mittelmäßige
Oper. Für das komische Singspiel besitzt das Wiedener Thea
ter in Fräulein Geistinger und Herrn Swoboda zwei
glänzende Talente, zwei Specialitäten, wie sie im Hofopern
theater für ähnliche Aufgaben nicht existiren. Geistinger
und Swoboda wurden durch ihre trefflichen Leistungen auch
die Retter der Novität. Fräulein Geistinger möchten wir
höchstens empfehlen, daß sie einzelne für ihre Gesangsbravour
allzu schwere Virtuosenstückchen, wie die ins hohe C und H
reichenden Staccato-Passagen u. dergl., aus der ohnehin über
ladenen Partie der Zilda streichen möchte. Für eine Schau
spielerin singt Fräulein Geistinger bekanntlich überraschend gut,
sie sollte aber stets nur dasjenige singen, was sie makellos
und ohne Risico vorzutragen vermag.
Das Libretto, eine Arbeit der gewandten französischen
Firma St. Georges und Chivot und dem Stoffe nach
„Tausend und Einer Nacht“ entnommen, ist bis auf die zu
gedehnte Exposition sehr geschickt gemacht. Die Handlung
erzählt sich mit wenigen Worten. Zilda, die junge Gattin eines
finanziell arg bedrängten Kaufmannes, reist nach Bagdad,
um eine Schuld von 1000 Zechinen von dem Quacksalber
Babuk einzucassiren. Dieser, anfangs zur Zahlung bereit, wird
in dem Moment, als Zilda den Schleier zurückschlägt, von
ihrer Schönheit so sehr gereizt, daß er die Summe nur gegen
Gewährung eines zärtlichen Stelldichein ausfolgen will. Zilda
sucht ihr Recht bei dem Kadi, dessen Gerechtigkeit gleichfalls
nur so lange anhält, als ihm Zilda verschleiert gegenübersteht.
Dasselbe Mißgeschick, derselbe unerwünschte Sieg der Schön
heit wiederholt sich bei der letzten Instanz, dem Großvezier.
Zum Glück hat der Khalif Harun-al-Raschid, als Derwisch
verkleidet, diese Vorgänge beobachtet und räth nun Zilda, den
drei grauen Jünglingen das erbetene Rendezvous zum Schein
zu gewähren. Dies geschieht im zweiten Act, in Zilda’s Ge
mach, wo nach einander der Doctor, der Kadi und der Groß
vezier hocherfreut eintreten. Die Schreckensnachricht von dem
Eindringen des gefürchteten Corsarenhäuptlings Fermuk Khan
veranlaßt sie jedoch bald, sich so gut wie möglich zu verstecken.
Der Corsar erscheint wirklich, um mit Zilda zu soupiren; er
ist nur eine neue Verkleidung des Khalifen, welcher zum Bei
stande der jungen Frau herbeieilt. Nachdem er die drei furcht
samen Verehrer derselben weidlich geängstigt, dictirt er jedem
von ihnen eine Geldbuße von 3000 Zechinen — ein morali
sches Ausgleichsverfahren, mittelst dessen Zilda ihren Gatten
vor dem kaufmännischen Bankerott rettet.
Die für einen Bassisten geschriebene Rolle des Khalifen
erscheint im Theater an der Wien nicht zum Nachtheil des
Ganzen als bloße Sprechpartie; auch das Wegfallen der Ro
manze des Großveziers in Es-dur ist kein Verlust. Weit eher
könnte man sich über den Einlagesatz in Zilda’s erster Arie
beklagen, welcher auf sehr witzlose Art die Huldigung eines
sentimentalen Anbeters und eines zungengeläufigen Schwätzers
schildert. Der Musik Flotow’s können wir nicht mehr nach
rühmen, als daß sie nicht geradezu widerwärtig ist und sich
der Grenzüberschreitungen in tragisches und heroisches Gebiet
enthält. Die Erfindung ist durchwegs matt und alltäglich,
banal in ihren sentimentalen, humorlos in ihren komischen
Partien. Keine einzige Melodie, die man nicht längst gehört
zu haben glaubt. Die formelle Gewandtheit des Componisten,
namentlich in der Instrumentirung, kann für den Mangel an
Geist und Originalität der Erfindung doch nur nothdürftig
entschädigen. Offenbach’s Talent erscheint wie ein frischer
sprudelnder Quell neben dieser sickernden, abgestandenen Wasser
furche. Wie gesagt, verhalf die treffliche Darstellung im Verein
mit einer farbenprächtigen Ausstattung der „Zilda“ zu einem
Erfolg, der ihr zwar kein ruhmvolles Alter, aber doch einige
Wiederholungen sichert.
Die Aufführung der Flotow’schen Novität verhinderte
uns, das gleichzeitig stattfindende Concert der vierzehnjährigen
Laura Kahrer zu besuchen, welche als Clavierspielerin wie
als Componistin ein echtes, vielversprechendes Talent bewiesen
und den ihr gewordenen Lobsprüchen Liszt’s Ehre gemacht
haben soll. Desgleichen können wir den günstigen Erfolg der
Gesanglehrerin Fräulein Emma Friedlowsky nur aus zwei
ter Hand berichten. In ihrem bei Streicher gegebenen Con
certe hat diese musikalisch feste und verständnißvolle Sängerin
das gute Andenken wieder aufgefrischt, welches vor Jahren
ihre Elisabeth in der ersten Wiener Aufführung des „Tann
häuser“ allgemein zurückgelassen hatte.
Die erste Quartett-Soirée der Herren Grün, Hof
mann, Hilbert und Röver dürfte wol übereinstimmend
nur bedingtes Lob erfahren. Recht tüchtig und brav spielten
diese Herren das Meiste, vollendet oder meisterhaft gar nichts.
Es fehlte dem ganzen Quartett vor Allem die Klangschönheit,
der reine, süße Wohllaut. Nicht nur fehlte der Primarius
Herr Grün allzu häufig in den höheren Lagen gegen die Rein
heit der Intonation, man hörte überhaupt an dem Abende zu
viel Darm und Roßhaar. Der Cellist Herr Röver läßt ge
rade im Quartett, das auf der Baßstimme wie auf einem
festen Grunde ruhen soll, die wünschenswerthe Kraft und
Fülle des Tones vermissen. Die beiden minder entscheidenden
inneren Stimmen (Hilbert und Hofmann) dünkten uns ver
hältnißmäßig die besten. Im Vortrage kam das Grün’sche Quartett
über eine gewisse trockene, orchestermäßige Tüchtigkeit selten
hinaus. Besäße Wien keine anderen Quartett-Productionen,
so würden die Grün’schen gewiß sehr dankbar aufgenommen
und auch zahlreicher besucht sein, umsomehr, als Herr Concert
meister Grün sich persönlich als feiner, vielseitig gebildeter
Mann hier rasch beliebt gemacht hat. Unser Publicum ist
jedoch mit Quartettspiel quantitativ und qualitativ so wohl
versorgt, es hat im Laufe der letzten Jahre so Ausgezeichnetes
in diesem Fache gehört, daß es nur mehr durch Ausgezeichnetes
ganz zufrieden ist. Ein Bedürfnis empfand man daher
kaum nach einer neuen Quartett-Gesellschaft, welche die Lei
stungen des Becker’schen oder Hellmesberger’schen Vereins
in den wenigsten Punkten erreicht und in keinem einzigen
übertrifft.
Einen großen und reinen Kunstgenuß verdanken wir dem
Ersten Philharmonischen Concerte, dessen Diri
gent, Herr Dessoff, mit lebhaftem, lang anhaltendem
Applause begrüßt wurde. Das zahlreiche, alle Räume des
Kärntnerthor-Theaters füllende Auditorium und der nach jeder
Nummer laut ausbrechende Beifall dürften zweifelnde Gemü
ther darüber beruhigt haben, ob die Beliebtheit oder gar die
Existenz der Philharmonie-Concerte durch andere, neue Concert-
Unternehmungen wirklich gefährdet sei. Zur Aufführung kamen
Cherubini’s „Anakreon“-Ouvertüre, Haydn’sB-dur-
Symphonie (mit dem Beinamen: „La Reine de France“)
und Schumann’s vierte Symphonie in D-moll, drei
Meisterwerke sehr verschiedenen Styls, welche durchaus in
richtigster Auffassung, mit feinster Schattirung und vollstän
digem Effect vorgetragen wurden. Außerdem spielte unser viel
gereister und geschätzter Landsmann Herr Ludwig Straus
Beethoven’s Violin-Concert, zwar nicht mit großem Ton oder
hinreißendem Schwunge, aber mit sehr zierlicher, namentlich
im Triller virtuoser Technik. Er wurde lebhaft applaudirt und
wiederholt gerufen. Die von ihm eingelegte (Joachim’sche?)
Cadenz ist doch gar zu sehr Staat im Staate. Die classischen
Componisten, welche dem Virtuosen diese carta bianca ein
räumten, haben wol kaum geahnt, welch excessive Benützung
sie in späteren Zeiten erfahren würde. Moderne Tondichter
scheinen immer mehr davon abzukommen. Das (bereits von
Joachim und Brahms beherzigte) Beispiel Schumann’s,
welcher durch die ausgeschriebene Cadenz in seinem Clavier-
Concert allen fremden Hinzudichtungen einen Riegel vorschob,
dürfte hoffentlich den Ausgangspunkt für die allgemeine Cas
sirung jenes veralteten und bedenklichen Freibriefes bilden.