Concerte.
Ed. H. Wenn in einigen tausend Jahren ein neuer Karl
Vogt die Ueberreste und „Küchenabfälle“ unserer Zeit durch
forschen wird, so dürfte er zwar nicht mehr auf entmarkte
Menschenknochen, wol aber auf andere Zeichen einer moder
neren Grausamkeit in Gestalt zahlloser verkohlter oder ver
steinerter Papierkarten stoßen, welche die Wissenschaft sofort
als „Concertbillette“ bestimmen wird. In der That gewinnen
diese, unseren Urahnen noch unbekannten, jetzt desto schwung
hafter fabricirten Bildungsmittel bereits den gefährlichen Cha
rakter von Angriffswaffen.
Einige Ausnahmen wohlthätiger Art sind bekannt, dazu
gehören vor Allem die „Philharmonischen Concerte“. Sie
brachten in ihrer jüngsten Production drei wohlbekannte, stets
gern gehörte Orchesterwerke in feiner Ausführung: Schu
mannʼs „Ouvertüre, Scherzo und Finale“, Mendels
sohnʼs „Hebriden“, endlich MozartsG-moll-Symphonie.
Dazwischen machten wir die Bekanntschaft einer neuen Concert-
Composition und eines neuen Violinvirtuosen. Der Autor
des Concertes ist Max Bruch, der Virtuose Wilhelm
Besekirsky, ein junger Pole, der in norddeutschen Städten
sehr gefallen haben soll. Hier, im Philharmonischen Concert,
vermochte er nicht den gleichen Erfolg zu erringen. Wir
haben Bruchʼs Concert und Besekirskyʼs Spiel beide „un
ter Einem“ zum erstenmal gehört und möchten nicht
vorschnell entscheiden, inwieweit etwa eines durch das
andere beeinträchtigt worden sei. Musiker, welche das
Concert von anerkannten Meistern spielen gehört,
rühmen demselben eine weit größere Wirkung nach, als es
hier erzielte, während wieder nähere Bekannte Besekirskyʼs ver
sichern, daß sein Spiel in anderen, ihm sympathischeren Auf
gaben sich ungleich vortheilhafter producire. Kein Zweifel,
daß Bruchʼs Concert unter den Fingern Joachimʼs (dem es
gewidmet ist) bedeutender klingen wird, hat es doch offenbar
einen Geiger von großem Ton und glänzender Bravour im
Auge. Herr Besekirsky vermochte unter dem Drucke sichtlicher
Befangenheit und Unruhe weder der einen, noch der anderen
Forderung ganz zu genügen. Herr Besekirsky veranstaltet
demnächst ein eigenes Concert, hoffentlich wird er da sein
Spiel mehr in der Gewalt haben und dem ihm vorange
gangenen guten Rufe entsprechen. Bruchʼs G-moll-Concert
besitzt die vornehme Haltung, das geistreiche Detail, die ge
schickte, namentlich in der Instrumentirung vortreffliche Mache,
welche alle größeren Werke dieses fruchtbaren Componisten
auszeichnen. Unmittelbar ergreifende Gewalt übt es nicht,
denn es fehlt die schöpferische Fülle und Ursprünglichkeit, die
Genialität. Der Hörer folgt aufmerksam der achtbaren, ge
wandten Composition und bleibt kühl dabei. Am besten gefiel
uns das männlich auftretende „Vorspiel“ und das sich unmittel
bar anschließende Es-dur-Adagio. Das Finale hingegen trägt
ein banales Thema und sucht durch Häufung virtuoser Schwie
rigkeiten den Mangel an Feuer und innerem Leben zu ver
decken.
Ungleich größeren Erfolg als Herr Besekirsky hatte der
Violinspieler Herr Ludwig Straus, welcher ein zwar schwach
besuchtes, aber von enthusiastischem Beifall gekröntes Concert
im Musikvereinssaal gab. Er entfaltete im Vortrage verschie
dener Compositionen von Händel, Bach, Schubert und Molique
eine glänzende, vollständig reine und sichere Technik, die in
dem schönsten Triller, den man hören kann, culminirt. Sein
verständiger, eleganter Vortrag entbehrt zwar des hinreißen
den Feuers, wie sein wohlklingender Ton der Größe und
Majestät, nichtsdestoweniger läßt Herr Straus den Eindruck
eines technisch hochhausgebildeten und bewunderungswürdig abge
schliffenen Geigers zurück. Herr Epstein unterstützte ihn vor
trefflich in dem Schubertʼschen H-moll-Rondo.
Neben den Productionen dieser zwei Sologeiger rollen
sich die Cyklen unserer beiden Quartettvereine erfolgreich ab.
Jean Beckerʼs „Florentiner Quartett“ kann mit jeder Pro
duction einen zahlreicheren Besuch und begeisterteren Applaus
registriren. Wir müßten längst Gesagtes wiederholen, wollten
wir den Beckerʼschen Quartettverein, dieses Ideal musikali
schen Zusammenspieles, neuerdings besprechen. Ein Curio
sum war das Programm der letzten Florentiner Soirée:
drei Quartette von Schubert hinter einander: So schön
jedes einzelne gedichtet ist und vorgetragen ward, wir finden
diese Anhäufung dreier Streichquartette desselben Meisters
nicht glücklich, eines Meisters zumal, dessen Quartette unter
sich keineswegs jene Welt von Unterschieden und Gegensätzen
wie die Beethovenʼschen aufweisen, sondern in viel begrenzte
rem, homogenerem Ideenkreise sich bewegen. Ein besonderer
Gedenktag hätte wenigstens äußerlich diese Schubert-Exclusivi
tät erklärt, aber weder der Tag noch selbst der Monat von
Schubertʼs Geburt (31. Januar 1797) oder Tod (19. No
vember 1828) fiel mit der Beckerʼschen Production zusam
men. — Herrn Hellmesberger möchten wir dringend
empfehlen, endlich einmal der unbequemen Nachmittags
stunde zu entsagen, welche so vielen Musikfreun
den den Besuch seiner Quartette erschwert oder ver
eitelt. In früheren Jahren, wo kein solcher Zusammenfluß
guter Concertmusik wie jetzt herrschte und die Concurrenz
mit den Theatern für Concertgeber noch gewagt erschien, war
gegen diese Fünf-Uhr-Quartette weniger einzuwenden. Gegen
wärtig aber, wo regelmäßig jeden Sonntag Mittag große
Orchester-Concerte so ausgiebige musikalische Nahrung bieten,
daß den Quartettbesuchern kaum Zeit bleibt für die leibliche
(das Sonntagsconcert der „Sing-Akademie“ währte bis gegen
3 Uhr), ist es ebenso unbequem als unpraktisch, für Quartette
gerade die Sonntag-Nachmittage zu wählen. Wenn es Herrn
Concertmeister Grün, welcher im Operntheater dieselben
Verpflichtungen hat, gestattet ist, Quartette zur Theaterzeit
abzuhalten, so wird es Herrn Hellmesberger gewiß auch nicht
verwehrt werden. Die letzten Hellmesbergerʼschen Produc
tionen haben die werthvolle an dem Cellisten Popper ge
machte Acquisition, sowie das schöne Talent des Pianisten
Anton Door ins beste Licht gestellt. Herrn Doorʼs Vortrag
des Beethovenʼschen >Es-dur-Trios errang stürmischen Beifall.
Am Samstag Abend öffnete sich der unter dem Namen
„Kleiner Redoutensaal“ bekannte Eiskeller auf dem Josephs
platze, um einer Anzahl abgehärteter Musikfreunde nebst gich
tischen und rheumatischen Ueberraschungen auch ein Clavier-
Concert zu credenzen. Fräulein Hermine Stadler war die
Concertgeberin. Wir haben die anmuthige junge Pianistin
schon vor mehreren Jahren nicht allzu schwere Compositionen
recht hübsch vortragen gehört. Leider wählte sie diesmal das
Allerschwierigste: Chopinʼs E-moll-Concert. Fräulein Stadler
hatte mit der nothdürftigen Bewältigung der technischen Auf
gabe so vollauf zu thun, daß an eine freie, poetische Besee
lung des Inhaltes gar nicht zu denken war. Auch den
„Davidsbündler-Tänzen“, von Schumann, zeigte sich Fräulein
Stadler weder technisch noch geistig gewachsen. Es gehört gewiß
schon eine bedeutende Kraft und Fertigkeit dazu, um
solche Stücke überhaupt ohne Anstoß durchzuführen; aber wer
in Wien als Concertgeber auftritt, muß auf höhere Anforde
rungen gefaßt sein. Man kann uns nicht zumuthen, diese
gerechten Ansprüche herabstimmen zu helfen, so gerne wir den
großen Fleiß und das für kleinere Aufgaben ausreichende Ta
lent Fräulein Stadlerʼs anerkennen und aufmuntern. Als
Schlußnummer spielte Fräulein Stadler eine „Zweite Concert-
Polonaise“ von Herrn Hermann Starcke, den uns der
Anschlagzettel als (was?) „von der kaiserlichen Akademie der
Musik zu Paris“ vorstellt. Wir wollen über diesen unglück
lichen Compositions-Versuch den Mantel christlicher Barmherzig
keit breiten, ein Kleidungsstück, das freilich Herr Starcke
selbst in seinen scharfrichterlichen Correspondenzen über Wiener
Musik und Musikzustände nicht zu kennen scheint.
Für das Concert der „Sing-Akademie“ im großen
Redoutensaale waren durch geraume Zeit hochgespannte Er
wartungen rege gemacht worden, welchen das Gebotene nicht
ganz entsprach. Die Anstrengung, welche die Vorstände der
„Sing-Akademie“ aufbieten, um dieses seit mehreren Jahren
daniederliegende Institut zu seiner ehemaligen künstlerischen
Höhe wieder emporzuheben, verdient aufrichtige Anerkennung.
Wir glauben auch, daß Wien Raum und Theilnahme für zwei
ebenbürtige gemischte Chorvereine besitzt und daß neben dem
trefflichen „Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde“ ein
zweites ähnliches Institut noch hinreichende Aufgaben für sein
würdiges Streben finden könnte. Aber mit Leistungen, welche
so oft den guten Willen für die vollwichtige That anbieten,
wie das Sonntagsconcert der „Sing-Akademie“, gewinnt man
doch nur ein sehr bedingtes Lob nachsichtiger Hörer. Selbst
die leichteste Aufgabe aus dem ganzen Programm, das schlichte
„Weihnachtslied“ des alten Prätorius, verrieth den großen
Abstand zwischen den Leistungen der „Sing-Akademie“ und
des Singvereins. Es fehlt der dermaligen „Sing-Akademie“
an einer hinreichenden Zahl schöner, jugendlicher Stimmen,
wie an der Sauberkeit und feinen Schattirung des Vortrages.
Gegen eine starke Orchestrirung wie die Lachnerʼsche (zu
Schubertʼs „Mirjam“) erscheint nicht einmal die materielle
Tonstärke dieses Chors ausreichend. Stücke wie Händelʼs „Acis und
Galathea“ und die „Liebeslieder“ von Brahms soll man gar nicht
aufführen, wenn man nur einen Solotenor von so erbar
mungswürdig kranker Stimme besitzt, wie der der „Sing-
Akademie“. Die als Gäste beigezogenen Mitglieder des Hof
operntheaters waren allerdings die Perlen der Production,
unglücklicherweise war aber Frau Dustmann (Galathea)
schlecht disponirt und sang mit großer Anstrengung, während
Herr Emil Kraus als Polyphem zwar eine schöne Stimme,
aber mangelhafte Kunst entfaltete. Mit der Direction des
Herrn Weinwurm konnte man nicht immer einverstanden
sein; es fehlte an der durchsichtigen Klarheit der Chormassen,
an Licht und Schatten. In stürmischen Partien, wie das
Schlachtbild in Schubertʼs „Mirjam“, hatte man mitunter den
Eindruck eines gelinden Durcheinander. Im Tempo war die
Einleitungsmusik zu „Galathea“, das Liebesduett „Happy
happy“ und Anderes unbegreiflich überstürzt, zum schweren
Nachtheil der Deutlichkeit wie des Charakters der Composition.
Hingegen wurde Damonʼs Arie in G-dur mit einer Schwer
fälligkeit hingeschleppt, als wollte sie kein Ende nehmen. Dem
Programm nach war das Concert durchwegs interes
sant, aber von ermüdend langer Dauer. Die beiden
anziehendsten Nummern, eine modernste und eine classische,
der Zeit nach 150 Jahre von einander entfernt, waren
von Johannes Brahms und von Händel. Brahmsʼ
„Liebeslieder“ (Op. 52) sind auf dem Titelblatt bezeichnet als
„Walzer für das Pianoforte zu vier Händen und Gesang ad
libitum“. Dieses „ad libitum“ dürfte mehr den Anschauun
gen des Verlegers als des Componisten entsprungen sein, denn
wenn sich auch die Walzerbegleitung ohne den Gesang spielen
und recht gut anhören läßt, seinen Reiz und seine Bedeutung
gewinnt das Werk erst durch den Hinzutritt der Singstimmen.
Es sind achtzehn, meist kurze Liebesgedichte aus Daumerʼs
„Polydora“, welche vom Soloquartett gesungen und von der
Walzerbegleitung getragen werden. Die melodische Erfindung
(manchmal an volksthümlich Oesterreichisches anklingend) ist
charaktervoll, frisch und anmuthig, einige Sonderbarkeiten in
der Harmonie nimmt man von Brahms gerne hin, sie stehen
ihm echt und natürlich. In die Anordnung des etwas
langen Cyklus (wir hörten von der „Sing-Akademie“ nur
die Hälfte der Nummern) wußte der Componist recht
viel Wechsel und charakteristische Abstufung zu bringen.
Einmal intoniren Tenor und Baß eine Strophe, Sopran
und Alt antworten darauf, dann wieder umgekehrt, meistens
vereinigen sich alle vier Stimmen, manchmal nur zwei, ein
mal, wo es der Text verlangt, singt der Sopran ein Lied
allein. Ueberall geht eine feine Text-Empfindung mit geist
reicher musikalischer Gestaltung Hand in Hand. Die „Liebes
lieder“ von Brahms dürften bald in Sängerkreisen so beliebt
werden, wie die ihnen verwandten, 1866 erschienenen reizen
den „Walzer zu vier Händen“. Im großen Redoutensaal (wo
hin die Composition nicht recht paßt) wurden mehrere Num
mern der „Liebeslieder“ zur Wiederholung begehrt. Die „Sing-
Akademie“ beschloß ihr Concert mit Händelʼs Schäferspiel
„Acis und Galathea“. Von Händelʼs weltlichen Compositionen
(zunächst zärtlichen Inhalts), welche man im Großen und
Ganzen allerdings nicht seinen geistlichen gleichstellen kann, ist
„Galathea“ eine der schönsten. Sie gehört zu jener Reihe
weltlicher Cantaten, welche (wie „Esther“, „Athalia“ „De
borah“, „Herakles“) der Oper näher stehen, als dem Ora
torium. In England hat die Praxis diese Tondichtung sogar
vollständig der Bühne vindicirt; sie wurde (zuletzt 1842) von
Macready im Drurylane-Theater als Oper aufgeführt, neuer
dings (1869) im Princess-Theater, mit Formes als „Po
lyphem“.
Zwei der hervorragendsten Nummern (die Arie Poly
phemʼs: „O ruddier than the cherry“ und Galatheaʼs soge
nannte „Tauben-Arie“) sind bereits in unserem Concert-Re
pertoire eingebürgert. Andere Musikstücke aus dem Schäfer
spiel stehen an echt Händelʼscher Kraft und Frische den ge
nannten nicht nach. Es steckt in der ganzen Composition ein
unverwüstlicher Kern gesunder Musik, über welchem wir die
mitunter veraltete Schale (die stereotype Arienform, die Ge
sang-Solfeggien, die langen Orchester-Ritornells) leicht vergessen.
An diesem tüchtigen musikalischen Kern wird sich Jedermann
laben, der ihn unbefangen genießt; enttäuscht kann sich höch
stens fühlen, wer sich durch die Lectüre von Gervinusʼ
Händel-Vergötterung vorbereitet hat und nun in der Figur
des verliebten Schäfers Acis das einzig ebenbürtige musika
lische Seitenstück zu Shakspeareʼs „Romeo“ zu finden
erwartet.