Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 1954. Wien, Sonntag, den 6. Februar 1870 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 1954. Wien, Sonntag, den 6. Februar 1870 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien 06.02.1870
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Musik (Philharmonisches Concert. — Quartett. — Fräulein Pfuhl. — Sing-Akademie. — Offenbach’sKakadu“.)

Ed. H. Die Feuersbrunst im neuen Musikvereine und die allenthalben uns umhüpfenden Flämmchen der Faschingslust haben eine momentane Stockung in unserem Concertleben ver ursacht. Die einzigen kräftigeren Pulsschläge desselben waren in jüngster Zeit ein Philharmonisches Concert unter Des soff’s Leitung und Hellmesberger’s letzte Quartett-Soirée. Das sechste Philharmonie-Concert, nach der officiellen Confu sions-Bezeichnung „das zweite des zweiten Cyklus“ (wann endlich werden unsere Philharmoniker bis Acht zählen können?), brachte drei ältere Compositionen und eine Novität. Bekannt war uns Reinecke’s Ouvertüre: „Dame Kobold“, ein auf Mendelssohn’schem Grund und Boden schlank und zierlich auf geführtes Lusthaus, mit etwas anspruchsvollem Thürmchen. Berlioz Orchestrirung der „Aufforderung zum Tanze“, eine Glanznummer der Philharmoniker und vom Publicum in jedem Carneval mit Zuversicht erwartet, übte auch diesmal ihre be rauschende Wirkung. Das Tempo schien uns etwas schnell ge nommen, zum Nachtheile der eigenthümlich wiegenden Grazie dieser Tanzmelodie; gleichfalls zu schnell das Scherzo der C-dur-Symphonie von Schumann. Zum erstenmale hörten wir in WienHiller’sClavierconcert in Fis-moll — eine in deutschen Concertsälen gern gesehene Erscheinung von freund lich anregender, geistreicher Physiognomie. Daß Ferdinand Hil ler kein Beethoven ist, das wissen wir längst; der schlechtweg verwerfende Ton, in welchem hier über das Fis-moll-Concert mitunter geschrieben wurde, dünkt uns darum nicht schmack hafter. Urwüchsige Kraft und reiche Erfindung fehlt dieser Compo sition, aber Geist und Grazie kann man ihr nicht ableugnen. Von schöner, formeller Abrundung und bescheidener Kürze der einzelnen Sätze, verräth sie eminente Kenntniß des Clavier- Effects und interessirt durch zahlreiche Details, die nur von einer feinen, erfahrenen Hand herrühren können. Sind wir gar so reich an Clavierconcerten, daß wir Stücke wie das Hil ler’sche danklos zurückweisen dürften, blos weil es die Größe Mendelssohn’s und Schumann’s nicht erreicht? Und seit diesen Meistern, wie viele Clavierconcerte besitzen wir denn, welche das Hiller’sche überragen? Der Vortrag von Hiller’s Con cert verhalf Herrn Anton Door zu einem verdienten großen Erfolge, ja ohne Frage zu einer festen, hervorragenden Posi

tion in der Wiener Musikwelt. Door’s Anschlag, kräftig, weich und gesangvoll, wirkt ebenso bestechend in den Bravourstellen wie in der kleinsten, leise hingehauchten Verzierung. Wir hof fen dem Namen Door’s recht häufig auf den Concertprogram men zu begegnen.

Herr Hellmesberger, welcher in seiner letzten Soirée Herbeck’sF-dur-Quartett mit großem, für den Componisten sehr schmeichelhaftem Succeß vorgeführt hatte, gab uns in der letzten das Es-dur-Quintett und die C-moll-Sonate (op. 30) von Beethoven. Fräulein Marie Seydel erntete für die Ausfüh rung des Clavierpartes lebhaften Beifall. Wir fanden ihr Spiel correct und ungeziert, ohne jedoch Züge eines tieferen oder eigenthümlichen Empfindens darin zu entdecken. Es war übrigens ein erstes Auftreten und somit kaum frei von läh mender Befangenheit. Die bekannte Freundlichkeit von Hell mesberger’s Stammpublicum, welches in seinen Beifallssalven lieber weit über die Höhe des Verdienstes hinausschießt, als einen Centimeter darunter bleibt, kam außer Fräulein Sey del noch Herrn Bachrich zu statten. Dieser präsentirte sich zum erstenmal als Componist eines Streichquartetts. Herr Bachrich (seit Kurzem Bratschist des Hofoperntheaters und des Hellmesberger’schen Quartetts) ist in unseren Musikkreisen als ein liebenswürdiger, aufgeweckter Mann geschätzt. So jung er ist, hat er doch schon die wechselndsten Schicksale und Fähr lichkeiten bestanden, welche Verstand und Thatkraft vollauf in Anspruch nahmen. Anfangs folgte er den Traditionen des han deltreibenden Volkes als Leiter oder Mitbesitzer eines Crinoli nen-Geschäftes in Wien. Wie dieser Artikel selbst, so gewährte auch das Geschäft viel freien Spielraum und erlaubte Herrn Bachrich, sich nebenbei auf der Geige auszubilden. Inzwischen wechselte die Mode, es wurde den Damen immer enger um den Leib und in gleichem Maße Herrn Bachrich um’s Herz, bis ihm schließlich nur der Trost blieb, daß zwar die Crino line, nicht aber die Violine in Vergessenheit gerathen könne. Er suchte nun als Fachmusiker einen Wirkungskreis in Paris, doch nicht mit dem gehofften Erfolg. Ueberall ist aller Anfang schwer, in Paris ist er halb unmöglich. Bachrich ließ sich durch die Mißernte seines Violinspiels nicht entmuthigen und wurde Schriftsteller; wir haben in mehr als Einer Zeitung pikante Correspondenzen von ihm gelesen. Aber Bachrich’s Schutzengel hatte noch immer nicht sein ganzes Rollenfach abgespielt. Ein Verwandter unseres Helden, Besitzer einer kleinen Apotheke in Paris, erkrankte und beschwor Bachrich, ihn sofort in diesem Geschäfte zu vertreten. Der Violinist, Crinolinist

und Journalist war nun mit Einem Schlage Apotheker wider Willen und löste seine Aufgabe mit so viel Vorsicht und Klugheit, daß keiner von seinen Patienten gestorben ist, viel leicht sogar einige gesund wurden. Trotzdem suchte Bachrich dieser für den Dilettanten doch sehr beängstigenden Thätigkeit baldmöglichst zu entkommen und kehrte nach Wien zurück, wo er der tüchtige Orchestergeiger wurde, als den wir ihn jetzt kennen. Eines hatte er aber noch nicht versucht, nämlich Com ponist zu werden. Diese Lockung war unwiderstehlich. Herr Bachrich schrieb ein Quartett, und sein Glück ließ ihn richtig nicht im Stiche: das Stück wurde vortrefflich gespielt und von den Zuhörern mit Beifall überschüttet. Und wirklich hat der Autor seine vielfach erprobte „Findigkeit“ auch hier be währt. Bachrich’s Quartett hört sich ganz anständig an und geht, genau wie seine pharmaceutischen Compositionen, Niemandem an Leben oder Gesundheit. Neue Stoffe haben wir darin nicht entdeckt, aber eine Anzahl mehr oder minder bewährter Chemikalien (besonders aus Recepten von Schu mann, Schubert, Gounod) erschienen recht geschickt gemischt und combinirt, mitunter sogar durch Sordinen-Effecte u. dgl. zu einer angenehm prickelnden Wirkung gesteigert, welche etwa an kohlensaure Limonade erinnert. Herr Bachrich hat seinen Zweck erreicht: er zeigte uns, daß er auch geschickt zu com poniren versteht (hoffentlich wird er keine Gewohnheit daraus machen) und daß er seine sämmtlichen Talente noch lange nicht ausgespielt habe. Gleich nach dem Adagio (dem Satz mit den Sourdines gazeuses) brach ein solcher Beifall aus, daß uns unwillkürlich der Ausruf Romeo’s entschlüpfte: „O wackrer Apotheker, dein Trank wirkt schnell!“

Am Donnerstag Abends gab es gleichzeitig zwei Concerte — eine Collision, die man bei dem gegenwärtig schwachen Stande der Musik-Productionen leicht hätte vermeiden können. Fräu lein Leopoldine Pfuhl, eine junge, talentvolle, wenngleich für höchste Aufgaben noch nicht reife Pianistin aus der Schule des Herrn Hanns Schmitt, spielte im kleinen Musik vereinssaal. Dieses Local erlaubte sich einige bedenkliche Spässe; es war so schlecht geheizt, daß nicht blos das Audi torium, sondern auch das Gas in den Röhren einfror und der größte Theil des Concerts buchstäblich im Finstern vor sich ging. Sehr zahlreichen Besuch fand das gleichzeitige Con cert der „Sing-Akademie“ im kleinen Redoutensaal. Nebst mehreren bekannten Chören und der von Frau Auguste Kollar gespielten C-moll-Phantasie, von Mozart, kam Händel’s Jubilate“ zur Aufführung. Dieses nicht umfangreiche aber

höchst bedeutende Tonwerk wurde 1713 in Verbindung mit dem Utrechter Tedeum componirt und ist in Deutschland als Hundertster Psalm“, bekannt. Herr Chormeister Wein wurm hatte auf das Einstudiren, insbesondere der ebenso schwierigen als großartigen fünfstimmigen Chöre, rühmliche Sorgfalt gewendet, wofür ihm auch allgemeiner Beifall lohnte. Trotzdem bleibt es ein unzureichender Nothbehelf, diese für Orchester geschriebene und auf starke Wirkungen be rechnete Composition mit einfacher Clavierbegleitung vorzu führen. Dem Vernehmen nach beabsichtigt Herr Weinwurm, Händel’s „Jubilate“ in einem späteren Concerte mit Orchester- Begleitung zu geben, wo wir dann ausführlicher und richtiger über den Eindruck des Werkes werden urtheilen können. Dann wird auch das Verdienst der zu Grunde gelegten Bearbeitung von Robert Franz zu würdigen sein. Dieser geistvolle Liedercomponist scheint seit einigen Jahren sein eigenes Schaf fen fast gänzlich zurückgedrängt zu haben, um mit ungetheil ter Kraft für die Aufnahme und Verbreitung Bach’scher und Händel’scher Meisterwerke zu wirken. Als jüngste Frucht die ser Thätigkeit liegt eine Sammlung von zwölf Sopran-Arien und zwölf Alt-Arien aus verschiedenen Opern Händel’s in der Bearbeitung von Robert Franz vor uns. Durch diese Samm lung hat Robert Franz die schönsten Arien aus Händel’s theils halbverschollenen, theils nur dem Musikgelehrten zugänglichen italienischen Opern der Vergessenheit entzogen und sie durch sorgfältige Bezeichnung, treffliche Clavierbegleitung und eine wohlgelungene deutsche Uebersetzung dem heutigen Publicum mundgerecht gemacht. Mögen unsere Sängerinnen die lohnende Bekanntschaft dieser Händel’schen Arien nicht versäumen!

Aus den theatralischen Ereignissen dieser Woche sticht der entschiedene Erfolg von Offenbach’s komischer Oper „Vert- Vert“ hervor, die unter dem Titel „Kakadu“ im Carltheater zum erstenmale gegeben wurde. Das Textbuch (von Meilhac und Nuitter) hat, abgesehen von einigen Längen und Lücken büßern, den Vorzug einer gut angelegten Intrigue und vieler sehr wirksamer Situationen. Letzteren schadete in Wien die Aehnlichkeit mit dem „Pensionat“ von Suppé. Durch Kürzun gen des Dialoges, namentlich im dritten Acte, dann durch das Weglassen von Vert-Vert’s Gebet („Allelujah“), um welches (auch abgesehen von dem Vorherrschen der Romanzen und Couplets in der ganzen Oper) nicht schade ist, würde der Fortschritt der Handlung befördert und die Totalwirkung er höht werden. Offenbach’s Musik zu „Vert-Vert“ ist bei aller

tändelnden Leichtigkeit nicht ohne Werth. Es gleicht einem Wunder, daß dieser fruchtbarste aller modernen Opern-Com ponisten noch nicht erschöpft ist. Eine Fülle lieblicher und pikanter Melodien strömt ihm zu; daß eine und die andere davon Offenbach’sche Familien-Aehnlichkeit aufweist, ist bei sol cher Productivität unausweichlich. Genug, daß „Vert-Vertzu den gelungensten Arbeiten Offenbach’s zählt und überdies das Gepräge einer sorgfältigeren Ausarbeitung trägt. Diese grö ßere Sorgfalt des Componisten äußert sich fürs erste in dem getreuen, oft sehr fein empfundenen Anschmiegen der Melodie an das Wort und die Situation, sodann in der Delicatesse der Instrumentirung. Wie reizend ist z. B. die Begleitung der Barcarole im zweiten Acte, wie ungezwungen zugleich und charakteristisch! Außer dieser Barcarole (wol der hübschesten Nummer) enthält die Oper noch mehrere Gesangstücke ern steren Charakters, in welchen der Ausdruck leichter Schwermuth, Sehnsucht oder Zärtlichkeit durchaus wahr und zart wiedergegeben ist, ohne je in das Pathos der Großen Oper umzuschlagen. Solche Nummern sind zum Beispiel die Romanze der Mimi im ersten Act: „II n’est plus un enfant“, Valentin’s Leichenrede am Grabe des Papageis und sein Abschied vom Pensionat, end lich das kleine Liebesduett zwischen Valentin und Mimi im dritten Act. Was im Carltheater den größten Beifall erregte, ja geradezu Enthusiasmus hervorrief, ist das Finale des zweiten Actes mit dem Trinklied, eine frische, aber sehr handgreifliche Musik, Product großer Bühnenkenntniß, aber etwas liederlicher Phan tasie. Hingegen stimmen wir gern in den Applaus ein, wel chen das Publicum mehreren komischen Nummern spendete, unter welchen das „Schlüsselduett“ des Tanzmeisters mit der Vorsteherin, die Duett-Couplets der beiden Dragoner, endlich die große Tanzlection Balladon’s obenan zu nennen sind. Einige unbedeutende Musiknummern unterlaufen natürlich auch, doch keine, die man häßlich oder störend nennen könnte. Eines hat „Vert-Vert“ neuerdings bewiesen, nämlich die gänzliche Unwahrheit der beliebten Behauptung, Offenbach verdanke seine Erfolge nicht der Musik, sondern den schlüpfrigen Texten und decolletirten Frauenrollen. In „Vert-Vert“ ist weder das Eine noch das Andere zu finden, so wenig wie in der Hochzeit bei Laternenschein“, „Fortunio“, „Die Zaubergeige“, Monsieur und Madame Denis“ und Anderen. Letztgenannte Ope rette, welche Tags zuvor mit großem Erfolge im alten Opern hause gegeben worden, ziehen wir dem „Vert-Vert“ vor. Eine kleine Partitur, die nur ein großes Talent machen konnte.

Offenbach hat sie in Einem Tage componirt und in acht Tagen vollständig niedergeschrieben.

Die Aufführung des „Kakadu“ im Carltheater war im Großen und Ganzen sehr lobenswerth, ja gewissermaßen epochemachend für diese Bühne, welche mit einem mittelmäßig geschulten und wenig stimmbegabten Sängerpersonal zum erstenmal ein Repertoirestück der Pariser Opéra Comique mit entschiedenstem Erfolge aufführte. Die Gerechtigkeit gegen Offenbach zwingt uns allerdings, zuzugestehen, daß der musi kalische Theil seines Werkes im Carltheater keineswegs zur vollen Geltung kam. Die Hauptrolle, Valentin, für den schmelzenden Tenor des gefeierten Capoul geschrieben, mußte hier von einer Dame gegeben werden; die Baritonpartie des Grafen fiel dem Tenoristen Herrn Eppich zu; die Corilla singt in Paris die Coloratur-Sängerin Demoiselle Cico, die Darstellerin der Philine in „Mignon“, u. s. w.

Trotzdem herrschte in der Vorstellung durchwegs Geist und Leben, dabei eine Präcision des Zusammenspiels, welche einige musikalische Mängel vergessen ließ. Das Publicum errieth das große Verdienst des Directors Ascher um diese Vorstellung und rief nach dem Actschlusse seinen Namen neben dem Offen bach’s. Daß Letzterer, welcher bei der ersten Vorstellung das Orchester dirigirte, auf das schmeichelhafteste ausgezeichnet wurde, bedarf kaum der Erwähnung. Von den Mitwirkenden gebührt Fräulein Minna Wagner als Valentin der Preis des Abends. Sie trug sehr hübsch vor und spielte mit hin reißender Lebendigkeit — eine echte Künstlerin. Neben ihr hatte wol Herr Blasel als Tanzmeister die anstrengendste Rolle und den größten Erfolg. Nennen wir noch Fräulein Meyerhoff, deren frische Stimme und überaus deutliche Aussprache für die Operette sehr werthvoll sind, und Herrn Eppich in den halbernsten Rollen, dann Frau Schäfer, Herrn Knaack und Herrn Matras in den komischen, so haben wir das Verdienst der hervorragendsten Darsteller der Offenbach’schen Novität anerkannt. Die aufrichtigste Aner kennung verdient schließlich der Capellmeister Herr Julius Hopp für seine vortreffliche Uebersetzung des Textbuches.