Musik.
(Concerte. — „
Norma.“ — „
Die Banditen“, von
Offenbach.)
Ed. H. Der musikalische Eisstoß ist in vollem Gange.
Ein hoher Adel und verehrtes Publicum kann ihn nach Be
lieben vom Fenster aus betrachten oder auch gar nicht; wir
Kritiker hingegen, die wir Inspection haben längs des ganzen
Flusses, laufen bereits die doppelte Gefahr, musikalisch über
schwemmt zu werden und unsere Leser zu überschwemmen.
Da heißt es rasch und entschlossen vorgehen. Vom Schönsten
zuerst: Schumann’s „Paradies und Peri“ erlebte Sonn
tag Mittag eine würdige Aufführung im großen Gesellschafts
saale. Diese Tondichtung, welche bei unleugbarer Monotonie
und Weichlichkeit den berückenden Zauber Schumann’scher Eigen
art aus tausend Knospen und Blüthen ausströmt, war hier
seit 8 Jahren nicht gehört. Seit jener ersten Aufführung der
„Peri“ (1858), welche so zaghaft, fast entschuldigend, sich an
kündigte, hat Schumann’s Musik in Wien ungeheure Propa
ganda gemacht, und speciell nach der „Peri“ wurden in den
letzten Jahren immer dringendere Stimmen des Verlangens laut.
Hofcapellmeister Herbeck hatte somit für die Wahl der
Composition die allgemeine Zustimmung für sich und hinter
her für die ausgezeichnete Aufführung das allgemeine Lob.
Die Chöre des „Singvereins“ und das Orchester wirkten mit
wahrer Virtuosität. Daß Frau Dustmann, die Enthusiastin
unter unseren Sängerinnen, die Rolle der Peri mit Begeiste
rung durchführte, versteht sich von selbst, und der poetische
Schwung, der ihren Vortrag beflügelte, trug den Hörer über
die Mängel der nicht ganz ausreichenden Stimme hinweg.
Die „Peri“ flog mit „ermattendem Gefieder“, wie es in der
Dichtung heißt; die anstrengende Darstellung des „Fidelio“
am Vorabend des Concertes trägt ohne Zweifel Schuld daran.
Die Herren Pirk und Kraus sangen in befriedigender Weise
ihre Solopartien, welche allerdings einen noch schwungvolleren
Ausdruck zulassen. Besonderes Lob verdient Fräulein Burenne
für die vorzügliche Durchführung der Altpartie, freundliche
Erwähnung die mit den kleineren Solis betrauten Sänge
rinnen Schmerhofsky und Pessiak.
Acht Tage früher beschlossen die Philharmoniker
ihren diesjährigen Cyklus mit einem Concert, dessen Endpunkte die
erste Leonoren-Ouvertüre und die A-dur-Symphonie von Beet
hoven bildeten. Inmitten stand eine bewunderungswürdige Auf
führung von Händel’sConcert für Streichinstrumente mit 2 obli
gaten Violinen und Violoncello und als Novität ein symphonisches
Tongemälde: „Iwan der Grausame“, von Rubinstein. Der
alte Händel schlug in eclatanter Weise den modernen Rubin
stein. Während dort eine geniale musikbildende Kraft mit den
einfachsten Mitteln wirkt, eine unverwüstliche Jugend in
alten Formen webt, versagt hier der ganze Landsturm von
Klangeffecten im Dienste eines dürftigen Gedankengehaltes.
Rubinstein’s „Iwan“ ist ein ungewöhnlich breit ausgeführtes,
durchweg düsteres Bild von so dramatischer Färbung, daß
dem Zuhörer (dem deutschen wenigstens) mehr als einmal
der Faden des Verständnisses abreißt. Es reicht nicht hin, daß
wir aus geschichtlichen Handbüchern diesen Czar Iwan als
einen aufgeklärten Tyrannen kennen, welcher im Interesse russi
scher Cultur fremde Handwerker und Künstler einwandern und
gleichzeitig Hunderte von Einheimischen hinschlachten ließ; nur
intime Kenner der russischen Geschichte (fast hätten wir gesagt:
intime Freunde Iwan’s „des Schrecklichen“) vermögen die ver
wickelte Peripetie von Rubinstein’s symphonischem Drama voll
kommen zu verstehen. Ein verschwiegenes Programm erschwert
je weiter desto mehr das Verständniß dieser wechselvollen, von
der Schlachtbank in die Kirche und wieder zurück eilenden
Schilderung, deren Totaleindruck abspannend und niederdrückend
ist. Ein großer pathetischer Zug schreitet allerdings durch das
Ganze; auch an frappanten, geistreichen Details fehlt es nicht,
denen wieder handgreifliche Anklänge an Schumann und haar
sträubende Mißklänge folgen. Die Novität wurde vom Publi
cum auf unzweideutige Weise abgelehnt. Auf allzuharte Weise,
wenn man der jubelnden Aufnahme der „Meistersinger“-Ouver
ture vom Vorabend her gedenkt, gegen welche Rubinstein’s
„Iwan“ ein classisches Werk heißen darf. So ver
schieden gestaltet sich innerhalb derselben Kunst, Bei
fall und Mißfallen in derselben Stadt. Das Publicum der
Philharmonischen Concerte ist eben überwiegend conservativ
und classisch gesinnt, das der Oper größentheils radical und roman
tisch. Ausgeführt war das letzte Philharmonische Concert in tadel
loser Weise, und das gedrängt volle Haus, sowie der stürmische
Beifall, welcher dem Orchester und seinem verdienstvollen
Dirigenten Dessoff gespendet wurde, bürgen uns für die
Stabilität dieses ausgezeichneten Concert-Institutes.
Halböffentlich, mit gewohnter Bescheidenheit, trat der
von Herrn Professor Heißler so ersprießlich geleitete „Or
chesterverein“ zu einem Concert zusammen, welches die Zu
hörer, nicht aber die Instrumente in bester Stimmung fand.
Die einzige Nummer, welche rücksichtlich ihrer Ausführung
der Nachsicht des Publicums und des Componisten bedurfte,
war eine Symphonie in A-dur von Hans Schläger. Allerle
böse Zufälle hatten eine zweite Probe dieser Symphonie ver
eitelt, deren präcise Ausfühung nach einer einzigen Probe von keinem
Dilettanten-Orchester zu verlangen ist. Schläger’s Symphonie,
ein Werk von achtbarer Formgewandtheit und gefälligen Ein
zelheiten, wenngleich in seiner Gade-Mendelssohn’schen Rede
weise nichts weniger als originell, wurde beifällig aufge
nommen. Das Publicum erinnerte sich gerne ehemaliger Ver
dienste des bescheidenen Componisten um unsern „Männer
gesang-Verein“ und rief Herrn Schläger zweimal hervor.
Ueberraschend gut spielten die Herren vom „Orchesterverein“
Gade’s schwierige „Ossian“-Ouvertüre. Durch eigenthümlichen
Klangreiz wirkte ein sonst anspruchloses Adagio von Schwenke
für 5 Violoncelle, einen Contrabaß und Pauken. Die zärtlich
singende Melodie und das ununterbrochene sehnsüchtige Helldunkel
fünfstimmiger Cello-Accorde, hin und wieder untermalt mit einem
geheimnißvollen leisen Paukenwirbel, machten eine hübsche,
eigenartige Wirkung. Ehemals, zu Zeiten der fürstlichen Privat
capellen und Liebhabervereine, waren derlei ungewöhnliche Zu
sammenstellungen von Instrumenten sehr häufig; Gelegen
heit, Nöthigung oder Laune führten da zu vielfältigen Experi
menten der Klangmischung. Vielleicht schöpfen auch andere,
bedeutendere Orchester-Componisten als Schwenke, wieder
einmal Anregungen aus dieser historischen Reminiscenz.
In der Ausführung trat Meister Schlesinger’s gesang
voller Ton siegreich hervor, und die vier übrigen Cello-Ama
teurs hielten sich solcher Nachbarschaft würdig. Fräulein
Gabriele Joël spielte mit schönem Anschlag und elegantem
Vortrag Mendelssohn’s „Serenade und Allegro giocoso“
op. 43, keine der hervorragendsten Compositionen des Meisters,
aber wenigstens eine seltener gehörte. Ein Terzett aus
Spohr’s „Zemire und Azor“ wurde von drei Schülerinnen
der Frau v. Marchesi, den Fräulein Schmerhofsky, Pessiak
und Wheelright, unter lebhaftem Beifall allerliebst
gesungen. Die drei Mädchen sangen auswendig, ohne Noten
blatt in den Händen, in so natürlicher, anständiger Haltung,
daß ein günstiger Eindruck vornherein halb gewonnen war.
Neben Fräulein Schmerhofsky, diesem von uns bereits
erwähnten vielversprechenden Talent, machte sich insbesondere
Fräulein Pessiak geltend, zwei Stimmen wie frische rothe
Kirschen.
Gehen wir zu den Virtuosen-Concerten der letzten Woche.
Es verdient jederzeit besonderes Lob, wenn ein Pianist
sich nicht auf Solovorträge beschränkt, sondern mit ganzem
Orchester concertirt, wie Fräulein Pauline Fichtner that.
„Ganzes Orchester“, sagt eigentlich noch nicht Alles, wenn
man an die Begleitung von Liszt’s „Ungarischer Phantasie“
denkt, welche nebst Trompeten, Pauken und Posaunen, auch
noch Triangel, Becken und große Trommel verwendet. Das
gibt freilich im Verein mit sehr populären Csardas-Rhythmen
Effecte, die so sicher sind wie bares Geld und so wirksam
wie Keulenschläge. Einige geistreiche Combinationen und
pikante Claviereffecte verstehen sich bei Liszt von selbst und
bilden auch in der „Ungarischen Phantasie“ (die Bülow im
Jahre 1860 hier zuerst aufführte) das feinere Gewürz. Fräu
lein Fichtner spielte außerdem Schumann’sConcert
stück in G-dur (op. 92), eine stimmungsvolle, edle Com
position, welche in manchen Motiven nur allzusehr und
nicht zu eigenem Vortheil an des Meisters A-moll-Concert
erinnert. Herbeck’s „Tanzmomente“ in der Liszt’schen Clavier
bearbeitung scheinen Mode zu werden; auf zahlreichen Concert
programmen figuriren sie und fehlten auch nicht bei Fräulein
Fichtner. In dieser Composition gibt es hübsche Momente,
aber wenig Tanz. Die Nobilisirung des Ländlers scheint uns
hier etwas zu weit getrieben; das Bestreben, in
Nebendingen immer vornehm und apart zu sein
weht wie ein frostiger Hauch über das Stück.
Wie viel davon auf die Clavierbearbeitung und auf den
Vortrag fällt, müssen wir freilich dahingestellt sein lassen und
glauben gerne, daß in Herbeck’s Orchesterfarben die „Tanz
momente“ sich ungleich frischer ausnehmen mögen. Die jugend
liche Concertgeberin, deren bescheidenes und anmuthiges Auf
treten vortheilhaft auffiel, hat uns zunächst durch ihr unge
wöhnliches Gedächtniß überrascht. Drei große Concert-Compo
sitionen mit Orchester und eine Anzahl kleinerer Clavierstücke
vollkommen sicher auswendig zu spielen, ist keine Kleinigkeit.
Ueberdies gewinnt der Vortrag dadurch an Freiheit und der
Hörer an Illusion. Auch die Bravour Fräulein Fichter’s hat
eine beachtenswerthe Stufe erreicht, wenn auch noch nicht den
letzten, feinen Schliff. Ist letzterer einmal gewonnen, und dazu
ein höherer Wärmegrad des Ausdrucks, so wird Fräulein
Fichtner eine der ersten Stellen unter den jungen Virtuosinnen
einnehmen. Frau Pessiak (nicht zu verwechseln mit dem
früher genannten FräuleinPessiak), eine gebildete, als Ge
sangslehrerin uns warm empfohlene Dilettantin, sang mehrere
Lieder mit schwacher Stimme und großer Befangenheit, trotzdem
nicht ohne Beifall.
Hervorzuheben ist ferner das (so und so vielte) „letzte
Concert“, das Rubinstein im großen Musikvereinssaal
(leider ohne Orchester) gab und welches einen, seit Liszt uner
hörten Reinertrag abgeworfen haben soll. Sodann das Con
cert unseres trefflichen Cellisten Popper, dessen plötzliche
Entlassung aus dem Verband des Hofoperntheaters die
peinlichste Sensation erregt. Das ist einer jener bureaukrati
schen Despotismus-Anfälle, mit welchen der Strafende sich
nur selbst ins Gesicht schlägt. Wenn man einen ausgezeich
neten Künstler, der stets seine Schuldigkeit gethan, wegen
eines Formfehlers sofort mit Entlassung straft, dann muß
man wenigstens nicht gleichzeitig die Renitenz von Sängerin
nen förmlich prämiiren, indem man ihnen die Früh geheu
chelte Heiserkeit Abends bar abkauft. Ein zahlreiches Publi
cum versammelte Herr Felice Calderazzi, der eine von ihm
erfundene interessante Abart der alten „Glasharmonika“ mit
großer Geschicklichkeit behandelt. Nennen wir noch das Con
cert, welches Herr E. Horak, Inhaber einer renommirten
Musiklehranstalt, mit seinen Schülern im großen Gesellschafts
saal gab, und die gutgemeinten, wenngleich noch mangelhaft
ausgeführten „Populären classischen Concerte“ der Herren
Weiser und Carlberg, die letzte Quartett-Soirée von
Herrn Grün (unter Mitwirkung von J. Brahms) und
das zweite Concert der beliebten siamesischen Clavier-Zwillinge
Thern, so dürfte — vielleicht — der Concertreichthum der
letzten Woche vollständig verbucht sein.
An dramatischen Ereignissen erlebten wir die Ueber
tragung von Bellini’s „Norma“ ins neue Operntheater.
Außer den Effecten, welche die räumliche Erweiterung der
Scene und der stärker besetzte Chor liefern, hat „Norma“
kaum einen Kraftzuwachs erfahren. Die überaus grellen und
unruhigen Decorationen des Herrn Jachimowicz gereichen der
Vorstellung am wenigsten zum Gewinn. Die Norma der Frau
Wilt ist als eine treffliche Gesangsleistung bei sehr äußer
licher, mosaikartiger Behandlung des Dramatischen längst be
kannt; auf sie concentrirte sich fast aller Beifall des Abends.
Neben ihr erhielt nur Herr Schmid (Orovist) lebhafteren
Applaus, auf den er leider mit sehr materiellen Mitteln aus
ging. Fräulein Bosse hatte als Adalgisa nicht denselben
günstigen Erfolg, wie bei ihrem ersten Debut als Gräfin
in Figaro’s Hochzeit. Die Pracht ihrer metallreichen Stimme
kam allerdings zu schönster Entfaltung; hingegen beeinträch
tigten Verstöße gegen die Reinheit der Intonation und ein
allzu gleichförmiger, sentimental-beschaulicher Vortrag den
Erfolg der Leistung. Der Proconsul Sever, an sich keine
dankbare Rolle, wurde durch Herrn Labatt nicht inter
essanter. Musikalisch hat er nichts an der Rolle verdorben,
aber auch nichts zu höherer Wirkung gehoben; in Haltung
und Mimik blieb er durchweg kleinlich und unbedeutend. Die
Oper war (unter Herrn Dessoff’s Leitung) gut studirt,
erwärmte jedoch das Publicum nur in vereinzelten Momenten.
Das Theater an der Wien brachte eine neue
dreiactige Gesangsposse „Die Banditen“ des leider allzu frucht
baren Offenbach. Das Lob, welches wir jüngst seiner
Musik zu „Vert-Vert“ („Kakadu“ im Carltheater) zollten,
können wir auf seine „Brigands“ nicht ausdehnen. An
Temperament und Munterkeit fehlt es den letzteren zwar
auch nicht, aber was auf dieser Vor- und Grundbedingung
sich musikalisch aufbaut, ist fast durchweg leer, nichtig und
abgeleiert; eine Reminiscenzen-Sammlung in Quadrillenform.
In den beiden ersten Acten hebt sich hin und wieder eine
kleine Nummer zufällig heraus, wie der drastische Schlußchor
des ersten Actes: „Ich höre die Stiefel, die Stiefel, die
Stiefel“, dann im zweiten der Canon der Bettler, allenfalls
das Notar-Duett und die Couplets der Fiorella: „Sait-on
jamais pourquoi l’on aime?“ Die Handlung (von Meilhac
und Halévy, den „Frou-Frou“-Dichtern) wurzelt in einem
glücklichen komischen Gedanken, der Beraubung des Cabinets
couriers und dem dadurch ermöglichten Auftreten der Räuber
bande als spanische Gesandtschaft, wird aber durch breiteste
Ausführung und unnütze Episoden immer ermüdender, bis
sie endlich im dritten Act, der auch musikalisch der schwächste
ist, die Mehrzahl der Zuschauer vor dem Schluß davontreibt.
Ohne Zweifel wird sich die Wirkung der No
vität durch herzhafte Striche im Dialog und in
der Musik bedeutend steigern lassen (wir erinnern uns an die
miserable lange Einleitung des dritten Actes), steckt doch
manche wirksame Scene in den „Banditen“, deren Aufführung
und Ausstattung überdies ungetheiltes Lob verdienen. Die
beiden Hauptrollen (Räuberhauptmann Falsacappa und seine
Tochter Fiorilla) werden von Herrn Swoboda und Fräulein
Geistinger vortrefflich gesungen und gespielt; sie finden in den
Herren Rott, Friese, Frinke und den Schwestern Finali
lobenswerthe Unterstützung. Kein Zweifel, daß unter solchen
Umständen „Die Banditen“ sich eine zeitlang zugkräftig er
halten werden. Schade nur, daß man von Offenbach selbst,
dem wir in voller Toilette nicht ungern begegnen, diesmal
nichts gewahrt, als „die Stiefel“.