Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 1991. Wien, Dienstag, den 15. März 1870 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 1991. Wien, Dienstag, den 15. März 1870 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien 15.03.1870
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Musik. (Concerte. — „Norma.“ — „Die Banditen“, von Offenbach.)

Ed. H. Der musikalische Eisstoß ist in vollem Gange. Ein hoher Adel und verehrtes Publicum kann ihn nach Be lieben vom Fenster aus betrachten oder auch gar nicht; wir Kritiker hingegen, die wir Inspection haben längs des ganzen Flusses, laufen bereits die doppelte Gefahr, musikalisch über schwemmt zu werden und unsere Leser zu überschwemmen. Da heißt es rasch und entschlossen vorgehen. Vom Schönsten zuerst: Schumann’sParadies und Peri“ erlebte Sonn tag Mittag eine würdige Aufführung im großen Gesellschafts saale. Diese Tondichtung, welche bei unleugbarer Monotonie und Weichlichkeit den berückenden Zauber Schumann’scher Eigen art aus tausend Knospen und Blüthen ausströmt, war hier seit 8 Jahren nicht gehört. Seit jener ersten Aufführung der Peri“ (1858), welche so zaghaft, fast entschuldigend, sich an kündigte, hat Schumann’s Musik in Wien ungeheure Propa ganda gemacht, und speciell nach der „Peri“ wurden in den letzten Jahren immer dringendere Stimmen des Verlangens laut. Hofcapellmeister Herbeck hatte somit für die Wahl der Composition die allgemeine Zustimmung für sich und hinter her für die ausgezeichnete Aufführung das allgemeine Lob. Die Chöre des „Singvereins“ und das Orchester wirkten mit wahrer Virtuosität. Daß Frau Dustmann, die Enthusiastin unter unseren Sängerinnen, die Rolle der Peri mit Begeiste rung durchführte, versteht sich von selbst, und der poetische Schwung, der ihren Vortrag beflügelte, trug den Hörer über die Mängel der nicht ganz ausreichenden Stimme hinweg. Die „Peri“ flog mit „ermattendem Gefieder“, wie es in der Dichtung heißt; die anstrengende Darstellung des „Fidelioam Vorabend des Concertes trägt ohne Zweifel Schuld daran. Die Herren Pirk und Kraus sangen in befriedigender Weise ihre Solopartien, welche allerdings einen noch schwungvolleren Ausdruck zulassen. Besonderes Lob verdient Fräulein Burenne für die vorzügliche Durchführung der Altpartie, freundliche Erwähnung die mit den kleineren Solis betrauten Sänge rinnen Schmerhofsky und Pessiak.

Acht Tage früher beschlossen die Philharmoniker ihren diesjährigen Cyklus mit einem Concert, dessen Endpunkte die erste Leonoren-Ouvertüre und die A-dur-Symphonie von Beet hoven bildeten. Inmitten stand eine bewunderungswürdige Auf führung von Händel’sConcert für Streichinstrumente mit 2 obli

gaten Violinen und Violoncello und als Novität ein symphonisches Tongemälde: „Iwan der Grausame“, von Rubinstein. Der alte Händel schlug in eclatanter Weise den modernen Rubin stein. Während dort eine geniale musikbildende Kraft mit den einfachsten Mitteln wirkt, eine unverwüstliche Jugend in alten Formen webt, versagt hier der ganze Landsturm von Klangeffecten im Dienste eines dürftigen Gedankengehaltes. Rubinstein’s „Iwan“ ist ein ungewöhnlich breit ausgeführtes, durchweg düsteres Bild von so dramatischer Färbung, daß dem Zuhörer (dem deutschen wenigstens) mehr als einmal der Faden des Verständnisses abreißt. Es reicht nicht hin, daß wir aus geschichtlichen Handbüchern diesen Czar Iwan als einen aufgeklärten Tyrannen kennen, welcher im Interesse russi scher Cultur fremde Handwerker und Künstler einwandern und gleichzeitig Hunderte von Einheimischen hinschlachten ließ; nur intime Kenner der russischen Geschichte (fast hätten wir gesagt: intime Freunde Iwan’s „des Schrecklichen“) vermögen die ver wickelte Peripetie von Rubinstein’s symphonischem Drama voll kommen zu verstehen. Ein verschwiegenes Programm erschwert je weiter desto mehr das Verständniß dieser wechselvollen, von der Schlachtbank in die Kirche und wieder zurück eilenden Schilderung, deren Totaleindruck abspannend und niederdrückend ist. Ein großer pathetischer Zug schreitet allerdings durch das Ganze; auch an frappanten, geistreichen Details fehlt es nicht, denen wieder handgreifliche Anklänge an Schumann und haar sträubende Mißklänge folgen. Die Novität wurde vom Publi cum auf unzweideutige Weise abgelehnt. Auf allzuharte Weise, wenn man der jubelnden Aufnahme der „Meistersinger“-Ouver ture vom Vorabend her gedenkt, gegen welche Rubinstein’s Iwan“ ein classisches Werk heißen darf. So ver schieden gestaltet sich innerhalb derselben Kunst, Bei fall und Mißfallen in derselben Stadt. Das Publicum der Philharmonischen Concerte ist eben überwiegend conservativ und classisch gesinnt, das der Oper größentheils radical und roman tisch. Ausgeführt war das letzte Philharmonische Concert in tadel loser Weise, und das gedrängt volle Haus, sowie der stürmische Beifall, welcher dem Orchester und seinem verdienstvollen Dirigenten Dessoff gespendet wurde, bürgen uns für die Stabilität dieses ausgezeichneten Concert-Institutes.

Halböffentlich, mit gewohnter Bescheidenheit, trat der von Herrn Professor Heißler so ersprießlich geleitete „Or chesterverein“ zu einem Concert zusammen, welches die Zu hörer, nicht aber die Instrumente in bester Stimmung fand. Die einzige Nummer, welche rücksichtlich ihrer Ausführung der Nachsicht des Publicums und des Componisten bedurfte,

war eine Symphonie in A-dur von Hans Schläger. Allerle böse Zufälle hatten eine zweite Probe dieser Symphonie ver eitelt, deren präcise Ausfühung nach einer einzigen Probe von keinem Dilettanten-Orchester zu verlangen ist. Schläger’s Symphonie, ein Werk von achtbarer Formgewandtheit und gefälligen Ein zelheiten, wenngleich in seiner Gade-Mendelssohn’schen Rede weise nichts weniger als originell, wurde beifällig aufge nommen. Das Publicum erinnerte sich gerne ehemaliger Ver dienste des bescheidenen Componisten um unsern „Männer gesang-Verein“ und rief Herrn Schläger zweimal hervor. Ueberraschend gut spielten die Herren vom „Orchesterverein“ Gade’s schwierige „Ossian“-Ouvertüre. Durch eigenthümlichen Klangreiz wirkte ein sonst anspruchloses Adagio von Schwenke für 5 Violoncelle, einen Contrabaß und Pauken. Die zärtlich singende Melodie und das ununterbrochene sehnsüchtige Helldunkel fünfstimmiger Cello-Accorde, hin und wieder untermalt mit einem geheimnißvollen leisen Paukenwirbel, machten eine hübsche, eigenartige Wirkung. Ehemals, zu Zeiten der fürstlichen Privat capellen und Liebhabervereine, waren derlei ungewöhnliche Zu sammenstellungen von Instrumenten sehr häufig; Gelegen heit, Nöthigung oder Laune führten da zu vielfältigen Experi menten der Klangmischung. Vielleicht schöpfen auch andere, bedeutendere Orchester-Componisten als Schwenke, wieder einmal Anregungen aus dieser historischen Reminiscenz. In der Ausführung trat Meister Schlesinger’s gesang voller Ton siegreich hervor, und die vier übrigen Cello-Ama teurs hielten sich solcher Nachbarschaft würdig. Fräulein Gabriele Joël spielte mit schönem Anschlag und elegantem Vortrag Mendelssohn’sSerenade und Allegro giocosoop. 43, keine der hervorragendsten Compositionen des Meisters, aber wenigstens eine seltener gehörte. Ein Terzett aus Spohr’s „Zemire und Azor“ wurde von drei Schülerinnen der Frau v. Marchesi, den Fräulein Schmerhofsky, Pessiak und Wheelright, unter lebhaftem Beifall allerliebst gesungen. Die drei Mädchen sangen auswendig, ohne Noten blatt in den Händen, in so natürlicher, anständiger Haltung, daß ein günstiger Eindruck vornherein halb gewonnen war. Neben Fräulein Schmerhofsky, diesem von uns bereits erwähnten vielversprechenden Talent, machte sich insbesondere Fräulein Pessiak geltend, zwei Stimmen wie frische rothe Kirschen.

Gehen wir zu den Virtuosen-Concerten der letzten Woche. Es verdient jederzeit besonderes Lob, wenn ein Pianist sich nicht auf Solovorträge beschränkt, sondern mit ganzem Orchester concertirt, wie Fräulein Pauline Fichtner that.

„Ganzes Orchester“, sagt eigentlich noch nicht Alles, wenn man an die Begleitung von Liszt’sUngarischer Phantasiedenkt, welche nebst Trompeten, Pauken und Posaunen, auch noch Triangel, Becken und große Trommel verwendet. Das gibt freilich im Verein mit sehr populären Csardas-Rhythmen Effecte, die so sicher sind wie bares Geld und so wirksam wie Keulenschläge. Einige geistreiche Combinationen und pikante Claviereffecte verstehen sich bei Liszt von selbst und bilden auch in der „Ungarischen Phantasie“ (die Bülow im Jahre 1860 hier zuerst aufführte) das feinere Gewürz. Fräu lein Fichtner spielte außerdem Schumann’sConcert stück in G-dur (op. 92), eine stimmungsvolle, edle Com position, welche in manchen Motiven nur allzusehr und nicht zu eigenem Vortheil an des Meisters A-moll-Concert erinnert. Herbeck’sTanzmomente“ in der Liszt’schen Clavier bearbeitung scheinen Mode zu werden; auf zahlreichen Concert programmen figuriren sie und fehlten auch nicht bei Fräulein Fichtner. In dieser Composition gibt es hübsche Momente, aber wenig Tanz. Die Nobilisirung des Ländlers scheint uns hier etwas zu weit getrieben; das Bestreben, in Nebendingen immer vornehm und apart zu sein weht wie ein frostiger Hauch über das Stück. Wie viel davon auf die Clavierbearbeitung und auf den Vortrag fällt, müssen wir freilich dahingestellt sein lassen und glauben gerne, daß in Herbeck’s Orchesterfarben die „Tanz momente“ sich ungleich frischer ausnehmen mögen. Die jugend liche Concertgeberin, deren bescheidenes und anmuthiges Auf treten vortheilhaft auffiel, hat uns zunächst durch ihr unge wöhnliches Gedächtniß überrascht. Drei große Concert-Compo sitionen mit Orchester und eine Anzahl kleinerer Clavierstücke vollkommen sicher auswendig zu spielen, ist keine Kleinigkeit. Ueberdies gewinnt der Vortrag dadurch an Freiheit und der Hörer an Illusion. Auch die Bravour Fräulein Fichter’s hat eine beachtenswerthe Stufe erreicht, wenn auch noch nicht den letzten, feinen Schliff. Ist letzterer einmal gewonnen, und dazu ein höherer Wärmegrad des Ausdrucks, so wird Fräulein Fichtner eine der ersten Stellen unter den jungen Virtuosinnen einnehmen. Frau Pessiak (nicht zu verwechseln mit dem früher genannten FräuleinPessiak), eine gebildete, als Ge sangslehrerin uns warm empfohlene Dilettantin, sang mehrere Lieder mit schwacher Stimme und großer Befangenheit, trotzdem nicht ohne Beifall.

Hervorzuheben ist ferner das (so und so vielte) „letzte Concert“, das Rubinstein im großen Musikvereinssaal

(leider ohne Orchester) gab und welches einen, seit Liszt uner hörten Reinertrag abgeworfen haben soll. Sodann das Con cert unseres trefflichen Cellisten Popper, dessen plötzliche Entlassung aus dem Verband des Hofoperntheaters die peinlichste Sensation erregt. Das ist einer jener bureaukrati schen Despotismus-Anfälle, mit welchen der Strafende sich nur selbst ins Gesicht schlägt. Wenn man einen ausgezeich neten Künstler, der stets seine Schuldigkeit gethan, wegen eines Formfehlers sofort mit Entlassung straft, dann muß man wenigstens nicht gleichzeitig die Renitenz von Sängerin nen förmlich prämiiren, indem man ihnen die Früh geheu chelte Heiserkeit Abends bar abkauft. Ein zahlreiches Publi cum versammelte Herr Felice Calderazzi, der eine von ihm erfundene interessante Abart der alten „Glasharmonika“ mit großer Geschicklichkeit behandelt. Nennen wir noch das Con cert, welches Herr E. Horak, Inhaber einer renommirten Musiklehranstalt, mit seinen Schülern im großen Gesellschafts saal gab, und die gutgemeinten, wenngleich noch mangelhaft ausgeführten „Populären classischen Concerte“ der Herren Weiser und Carlberg, die letzte Quartett-Soirée von Herrn Grün (unter Mitwirkung von J. Brahms) und das zweite Concert der beliebten siamesischen Clavier-Zwillinge Thern, so dürfte — vielleicht — der Concertreichthum der letzten Woche vollständig verbucht sein.

An dramatischen Ereignissen erlebten wir die Ueber tragung von Bellini’s „Norma“ ins neue Operntheater. Außer den Effecten, welche die räumliche Erweiterung der Scene und der stärker besetzte Chor liefern, hat „Normakaum einen Kraftzuwachs erfahren. Die überaus grellen und unruhigen Decorationen des Herrn Jachimowicz gereichen der Vorstellung am wenigsten zum Gewinn. Die Norma der Frau Wilt ist als eine treffliche Gesangsleistung bei sehr äußer licher, mosaikartiger Behandlung des Dramatischen längst be kannt; auf sie concentrirte sich fast aller Beifall des Abends. Neben ihr erhielt nur Herr Schmid (Orovist) lebhafteren Applaus, auf den er leider mit sehr materiellen Mitteln aus ging. Fräulein Bosse hatte als Adalgisa nicht denselben günstigen Erfolg, wie bei ihrem ersten Debut als Gräfin in Figaro’s Hochzeit. Die Pracht ihrer metallreichen Stimme kam allerdings zu schönster Entfaltung; hingegen beeinträch tigten Verstöße gegen die Reinheit der Intonation und ein allzu gleichförmiger, sentimental-beschaulicher Vortrag den Erfolg der Leistung. Der Proconsul Sever, an sich keine dankbare Rolle, wurde durch Herrn Labatt nicht inter

essanter. Musikalisch hat er nichts an der Rolle verdorben, aber auch nichts zu höherer Wirkung gehoben; in Haltung und Mimik blieb er durchweg kleinlich und unbedeutend. Die Oper war (unter Herrn Dessoff’s Leitung) gut studirt, erwärmte jedoch das Publicum nur in vereinzelten Momenten.

Das Theater an der Wien brachte eine neue dreiactige Gesangsposse „Die Banditen“ des leider allzu frucht baren Offenbach. Das Lob, welches wir jüngst seiner Musik zu „Vert-Vert“ („Kakadu“ im Carltheater) zollten, können wir auf seine „Brigands“ nicht ausdehnen. An Temperament und Munterkeit fehlt es den letzteren zwar auch nicht, aber was auf dieser Vor- und Grundbedingung sich musikalisch aufbaut, ist fast durchweg leer, nichtig und abgeleiert; eine Reminiscenzen-Sammlung in Quadrillenform. In den beiden ersten Acten hebt sich hin und wieder eine kleine Nummer zufällig heraus, wie der drastische Schlußchor des ersten Actes: „Ich höre die Stiefel, die Stiefel, die Stiefel“, dann im zweiten der Canon der Bettler, allenfalls das Notar-Duett und die Couplets der Fiorella: „Sait-on jamais pourquoi l’on aime?“ Die Handlung (von Meilhac und Halévy, den „Frou-Frou“-Dichtern) wurzelt in einem glücklichen komischen Gedanken, der Beraubung des Cabinets couriers und dem dadurch ermöglichten Auftreten der Räuber bande als spanische Gesandtschaft, wird aber durch breiteste Ausführung und unnütze Episoden immer ermüdender, bis sie endlich im dritten Act, der auch musikalisch der schwächste ist, die Mehrzahl der Zuschauer vor dem Schluß davontreibt. Ohne Zweifel wird sich die Wirkung der No vität durch herzhafte Striche im Dialog und in der Musik bedeutend steigern lassen (wir erinnern uns an die miserable lange Einleitung des dritten Actes), steckt doch manche wirksame Scene in den „Banditen“, deren Aufführung und Ausstattung überdies ungetheiltes Lob verdienen. Die beiden Hauptrollen (Räuberhauptmann Falsacappa und seine Tochter Fiorilla) werden von Herrn Swoboda und Fräulein Geistinger vortrefflich gesungen und gespielt; sie finden in den Herren Rott, Friese, Frinke und den Schwestern Finali lobenswerthe Unterstützung. Kein Zweifel, daß unter solchen Umständen „Die Banditen“ sich eine zeitlang zugkräftig er halten werden. Schade nur, daß man von Offenbach selbst, dem wir in voller Toilette nicht ungern begegnen, diesmal nichts gewahrt, als „die Stiefel“.