Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2039. Wien, Dienstag, den 3. Mai 1870 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2039. Wien, Dienstag, den 3. Mai 1870 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien 03.05.1870
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Memoiren von Hector Berlioz. II.

Ed. H. Berlioz hatte sein Choristenjoch glücklich abge schüttelt und widmete sich nun mit ganzer Kraft dem Studium zunächst der dramatischen Musik. Der Mann seiner größten, ja schrankenlosen Bewunderung ist Gluck; sein leidenschaftlich ster Haß gehört Rossini und den Rossinisten. Bei Vorstellun gen Gluck’scher Opern fungirte Berlioz im Parterre geradezu als Chef einer Handvoll Gluck-Enthusiasten und solcher, die er dazu machen wollte. In den Zwischenacten erklärte er ihnen die Schönheiten des Textbuches und der Partitur, und wehe dem Sänger oder Orchester-Dirigenten, der sich die ge ringste Aenderung erlaubte. „Wo bleiben die Posaunen? Hier stehen keine Becken! Wer untersteht sich, Gluck zu corrigiren?“ so schrie der junge Enthusiast ganz laut während dieser Vor stellung und erlebte meistens die Satisfaction, daß der Diri gent, aus Furcht vor der Wiederholung solcher Scandale, die gerügten Unrichtigkeiten verbesserte. Neue, ungeahnte Ideale schlossen sich nun in rascher Auseinanderfolge dem jungen Berlioz: er stieß zum erstenmale auf K. M. v. Weber, Beethoven und Shakspeare. „Der Freischütz“, ent zückte ihn trotz der bekannten Verstümmelung, welche Castil- Blaze, „dieser musikalische Thierarzt“, sich damit erlaubte. „Sei verflucht! Verzweifle und stirb!“ ruft Berlioz jedem „Verbesserer“ eines Meisterwerkes zu. Gegen Mozart fühlt Berlioz zeitlebens eine gewisse Voreingenommenheit, welche er hauptsächlich darauf zurückführt, daß er „Don Juan“ und Figaro“ in Paris nur in der ihm verhaßten Italienischen Oper von Italienern aufführen sah. Außerdem kann er sei nen Abscheu vor der Coloraturstelle im Allegro der „Brief- Arie“ Donna Anna’s niemals verwinden; für diesen aller dings beklagenswerthen Fleck in der „Don Juan“-Partitur findet Berlioz das Epitheton „schändlich“ noch zu milde.

Eine englische Schauspielertruppe, welche im Odéon- Theater gastirt, führt nun eine der bewegtesten und folgen reichsten Perioden in Berlioz’ Leben herbei. Er sieht zum erstenmale ein Shakspeare’sches Trauerspiel („Hamlet“) mit Miß Smithson als Ophelia. Gleichzeitig mit dem über wältigenden Eindrucke des Shakspeare’schen Dramas trifft ihn blitzartig eine rasende Leidenschaft für die schöne Schauspielerin. Wer diese Capitel nicht bei Berlioz selbst nachließt, kann sich

kaum eine Vorstellung machen von der unbändigen, vulcanischen Natur seines Gemüthes. Ruhige Leser dürften wol darin über einstimmen, daß sich Berlioz wie ein Narr benommen hat. Er verliert vollständig „den Schlaf, die Lebhaftigkeit des Geistes, jedes Interesse für seine Lieblingsstudien, jede Mög lichkeit zu arbeiten“. Erschöpft von tagelangem ziellosen Um herirren in den Straßen und Umgebungen von Paris, schläft er einmal im Schnee, am Ufer der gefrorenen Seine, ein zweitesmal auf freiem Felde, ein drittesmal auf einem Tische in einem Boulevard-Kaffeehause. Nach jener „Hamlet“-Vor stellung hatte sich Berlioz fest vorgenommen, sich niemals wie der einer ähnlichen Erschütterung auszusetzen. Doch kann er der Anzeige von „Romeo und Julie“ nicht widerstehen. Die Wirkung ist furchtbar. Vom dritten Acte an vermag er — der übrigens kein Wort Englisch versteht — kaum mehr zu athmen, eine eiserne Faust preßt sein Herz zusammen, er sagt sich aus innerster Ueberzeugung: „Jetzt bin ich verloren.“ Von den Shakspeare-Vorstellungen hält er sich mit einer Art Todesangst fern, doch grübelt er unablässig, wie er die Auf merksamkeit Miß Smithson’s erregen könnte, welcher er doch niemals in die Nähe zu kommen wagt. Es gelingt ihm, mit einer Concert-Aufführung mehrerer seiner Compositionen Auf sehen zu erregen — nur sie allein hat nie davon reden ge hört. Er schreibt wiederholt an sie, ohne jemals eine Zeile von ihr zu erhalten; endlich verbietet sie ihrer Kammer frau, Briefe von diesem schrecklichen Menschen anzunehmen. Unter dem Eindrucke dieser verzehrenden Leidenschaft componirt Berlioz seine „Symphonie fantastique“, die (in späterer radicaler Umarbeitung) zuerst den Ruhm des originellen Ton dichters begründete und über die Grenzen seines Vaterlandes trug. Endlich gelingt es ihm, den zweiten und bald darauf den ersten Preis in dem musikalischen Concurse des „Insti tutes“ zu erringen. Mit diesem ersten Preise ist ein fünfjähri ges Staatsstipendium von jährlich 3000 Francs verbunden und die Verpflichtung, zwei Jahre in Rom zuzubringen. Ber lioz begibt sich nach Rom, wo er in Horace Vernet, dem damaligen Director der französischen Akademie (in der Villa Medici), einen wohlwollenden Vorgesetzten und väterlichen Freund findet. Berlioz’ Mittheilungen über seinen römischen Aufenthalt verrathen wenig Zufriedenheit, obgleich die franzö sischen Laureaten dort eine fast unbegrenzte Freiheit genießen, nach Belieben größere Reisen in ganz Italien machen dürfen, in der Akademie mit allem Nöthigen versorgt und mit jeder Controle ihrer Studien verschont sind. Aber Berlioz hat wenig Sympathie für das Land und dessen Bewohner, die

italienische Musik ist ihm ein Gräuel, für Gemälde und Sta tuen interessirt er sich nicht. Den Ruhm der päpstlichen Ca pelle nennt er einen ganz unverdienten, den Kirchen-Composi tionen Palestrina’s gesteht er zwar „Geschmack und Gelehrsam keit“ zu, findet es aber komisch (une plaisanterie), von dem „Genie“ dieses Meisters zu sprechen. In Rom verkehrt Ber lioz häufig mit Mendelssohn-Bartholdy, von dem er jedoch in auffallend kühlem, fast gereiztem Tone spricht. Men delssohn war seiner ganzen künstlerischen Individualität nach nicht der Mann, an Berlioz’ extravaganter Musik Gefallen zu finden, und machte auch kein Hehl daraus. Jugendlicher Uebermuth mag ihm auch manches ironisch witzige Wort ein gegeben haben, so daß er dem empfindlichen Berlioz vorkam wie ein „stacheliger Igel“. Berlioz geräth in eine kaum begreifliche Wonne, als Vernet ihm erlaubt, seine „zweijährige italienische Verbannung“ um sechs Mo nate abzukürzen und (im Sommer 1832) nach Paris zurückzukehren. Hier folgt er gleich einem unwiderstehlichen Triebe, indem er sich gerade gegenüber der ehemaligen Woh nung von Miß Smithson einquartiert. Die alte Leidenschaft erwacht sofort, als er von der Anwesenheit der für ihn seit zwei Jahren Verschollenen hört. Berlioz arrangirt so schnell als möglich ein großes Concert mit der „Phantastischen Symphonie“ an der Spitze und bringt es durch Vermittlung von Freunden dahin, daß seine angebetete Henriette der Pro duction beiwohnt. Sie erräth rasch den Zusammenhang und erlaubt ihm am folgenden Tage, sie zu besuchen. Um seine Ruhe war es nun wieder für lange Zeit geschehen. Sowol BerliozEltern, als die Familie der Smithson erklärten sich auf das entschiedenste gegen eine Verbindung zwischen den Beiden. Ein Jahr lang dauerte dieser Kampf, diese Qualen, denen Berlioz zu unterliegen fürchtete. Was seinen Wünschen hilfreich entgegenkam, war leider eine Reihe von Unglücks fällen, welche seine Geliebte trafen. Miß Smithson hatte als Directrice der Theater-Unternehmung ihr Vermögen eingebüßt und war von Gläubigern belagert; am Abend ihrer Benefice- Vorstellung springt sie rasch aus dem Wagen und bricht den Fuß. Die Heilung ging sehr langsam vorwärts. Endlich, im Sommer 1833, heiratete Berlioz seine Henriette Smithson. „Sie hatte,“ so erzählt er, „an unserem Hochzeitstage nichts mehr auf der Welt als Schulden und die Aussicht, nur noch hinkend die Bühne betreten zu können; ich selbst besaß Alles in Allem dreihundert Francs, die ein Freund mir geliehen, und war von neuem entzweit mit meinen Eltern. Allein sie war jetzt mein Eigen, ich trotzte allem Ungemach.“

Für Berlioz beginnt nun eine Zeit der Arbeit und Ent behrung, zugleich aber auch gekräftigter künstlerischer Zuver sicht. Ein Concert, dass er unter Mitwirkung Franz Liszt’s gibt, trägt 7000 Francs ein, welche sofort den Gläubigern seiner Frau in die Hände fallen. Erst mehrere Jahre später und unter empfindlichen Entbehrungen gelang es Berlioz, diese Schuld gänzlich zu tilgen. Auf Anregung Paganini’s, der für seine Productionen ein Concertstück von Berlioz’ Compositionen wünschte, schrieb dieser die Harold-Symphonie. Bekanntlich durchzieht diese ganze Symphonie, gleichsam deren Helden repräsentirend, eine Solo-Viola; Paganini fand die Partie für seine Zwecke nicht concertant genug. Als aber Paganini ein Jahr später die Harold-Symphonie und die „Fantastiquein Paris unter Berlioz’ Leitung hörte, war er so entzückt davon, daß er dem Componisten am anderen Morgen 20,000 Francs nebst einem enthusiastischen Schreiben zu schickte. Berlioz, der krank zu Bette lag, rief, seiner Sinne kaum mächtig, Frau und Kind herbei, welche an seinem Bette auf die Knie fielen und mit Freudenthränen Gott für die unerwartete Hilfe dankten. Paganini’s Großherzigkeit setzte Berlioz in den Stand, sich durch längere Zeit ausschließlich und sorgenfrei jenem großen Werke zu widmen, in das er seine beste Kraft legen wollte, um es Paganini zuzueignen: die dramatische Symphonie „Romeo und Julia“. Leider erlebte Paganini nicht mehr die Vollendung dieser Compo sition, er starb im Mai 1840 in Nizza. „Nun brauche ich kein Feuilleton mehr zu schreiben!“ ist der erste Ausruf, mit welchem Berlioz das unerwartete Ge schenk Paganini’s jubelnd begrüßt. Durch das ganze Buch von Berlioz zieht sich dieser Gedanke durch, in bitteren Klagen über die ihm entsetzliche Thätigkeit als Kritiker, in lebhaften Schilderungen der peinlichen Mühe und Anstrengung, mit welcher er ein Feuilleton für das Journal des Debats fertig bringt. Einmal erzählt er sogar, wie er sich durch drei Tage in sein Zimmer eingeschlossen hatte, um über eine ihm ganz uninteressante komische Oper ein Feuilleton zu schreiben. Die Qual, durchaus keinen Anfang finden zu können, brachte ihn in solche Verzweiflung, daß er sich die Haare ausriß, wie ein Kind weinte, endlich, eine Pistole herablangend, dem Selbst morde nahe war! Und doch verdankte Berlioz seinen Ruhm und Einfluß zum großen Theile seinen vortrefflichen Journal kritiken, die ihm auch, wie er selbst hervorhebt, glänzend hono rirt wurden! Seine wiederholte bittere Klage, gänzlich unbe deutende Kunsterscheinungen ernsthaft besprechen und mittel mäßige Componisten loben zu müssen, gibt jedenfalls die beste

Aufklärung über seinen so krankhaft übertriebenen Widerwil len gegen ein von ihm so glänzend vertretenes Fach. Bei dem herrschenden Lob- und Complimentir-System der französischen Tageskritik (wenigstens einheimischen Künstlern gegenüber) war es ihm, dem selbstproducirenden Tonkünstler, doppelt schwer gemacht, seine abfällige Meinung unverblümt auszu sprechen. Ganz irrthümlicherweise hielt man in Deutsch land Hector Berlioz für einen besonders strengen Kritiker. Man braucht nur einen beliebigen Jahrgang des Journal des Debats aufzuschlagen, um sich gar sehr vom Gegentheil zu überzeugen. Compositionen französischer Collegen, welche er in seinem Herzen verachtete und verlachte und die er im ver trauten Gespräche gnadenlos mit einigen zweischneidigen Worten hinrichtete, hat er in seinem Journal in der Regel erstaunlich milde, sogar freundlich behandelt. Allerdings gewahrt der Kundige zwischen den Zeilen die Anstrengung dieses kritischen Eiertanzes. Man vergleiche Berlioz’ zahlreiche apologetische Kritiken über den „großen Meister Meyerbeer“ im Journal des Debats mit den wegwerfenden Worten, welche er ihm in den Memoiren widmet. Vollkommen freien Lauf hat der Feuilletonist Berlioz seiner künstlerischen Entrüstung vielleicht nur in zwei Fällen gegönnt: gegen die Verstümmler Gluck’scher, Weber’scher, Beethoven’scher Partituren und gegen Richard Wagner, dessen Erfolge ihm das Herz abfraßen. Im Uebrigen vermochte er sich nicht aus den zahllosen Fäden und Fädchen loszumachen, welche den Pariser Feuilletonisten umwinden und sein Urtheil, wenn auch nicht verkehren, so doch unwiderstehlich nach rechts oder links biegen. Und diesen Zwang mußte gerade ein Musiker von so strenger, ja unduldsamer Exclusivität des Geschmackes wie Berlioz als Folterqual empfinden.

Es folgen die bereits seit Jahren bekannten „Musikali schen ReisebriefeBerlioz’ aus Deutschland, Oesterreich und Rußland. Auf das Publicum, die Künstlerschaft und die Kri tik in Wien und Prag ist Berlioz sehr gut zu sprechen. Die Aufnahme, die er in diesen Städten gefunden, zählte er stets zu den Glanzpunkten seines Lebens. Manche irrthümliche An gabe oder Auffassung wird man einem des Deutschen gänzlich unkundigen Reisenden leicht nachsehen. Nur Eines berührte mich peinlich: Berlioz’ kindische Behauptung, Beethoven’s A-dur-Symphonie sei noch im Jahre 1820 in Wien mit der äußersten Geringschätzung (avec le plus mortel dédain) be handelt worden, während man sich gleichzeitig zu den Opern von Salieri drängte! Bei der oberflächlichsten Nachfor schung hätte Berlioz erfahren müssen, daß im Jahre 1820 längst kein Mensch mehr von den Opern Salieri’s sprach,

sondern Rossini, Weigl, Cherubini, Boieldieu, Catel und Méhul das Theater beherrschten. Und daß gerade die A-dur-Syphonie von Beethoven gleich bei ihrer ersten Aufführung in Wien (1813) einen unerhörten Triumph feierte und denselben fortan bei jeder Wiederholung behauptete, weiß in Deutschland der letzte Orchestergeiger. Aber ein Franzose, sei er selbst Componist und Musikschriftsteller von dem Range eines Berlioz, läßt sich seine alten Kindermärchen nicht neh men. Unter diese von Berlioz geglaubten und neu aufgetisch ten Kindermärchen gehört es auch, daß C. M. v. Weber in London aus Kränkung über den Mißerfolg seines „Oberongestorben sei. Das Wahre daran ist, daß Weber bereits sehr leidend, den Todeskeim in der Brust, nach London gereist war, von wo er selbst den glänzenden, alle seine Erwartungen über treffenden Erfolg des „Oberon“ in mehr als Einem Brief ge schildert hat.

Je weiter gegen das Ende, desto trüber und verbitterter wird BerliozSelbstbiographie. Obwol er selbst zahlreiche ihm zu Theil gewordene Auszeichnungen und künstlerische (auch pecuniär glänzende) Erfolge erzählt, wie die Aufführung der Troyens“ in Paris, der kleinen komischen Oper: „Beatrice und Benedict“ (von Benazet in Baden-Baden mit 8000 Francs honorirt), mehrere Concerte im Saale Herz etc., vergräbt er sich doch immer tiefer in die Ueberzeugung, von lauter Feinden und Intriganten umgeben zu sein. Seine Bannflüche gegen Künstler, Kritiker, Thea ter-Directoren, Concertleiter, vollends gegen die „bar barische Nation“ der Franzosen werden immer häufiger und heftiger. In seinem 61. Jahre ergreift ihn nochmals die jugendliche Leidenschaft für seine um sechs Jahre ältere Estella, die er als Witwe und Mutter erwachsener Söhne nach langen Nachforschungen in Lyon wiederfindet. An diese würdige alte Frau, der er beinahe fremd ist, schreibt Berlioz zärtliche Briefe von kindischer Leidenschaftlichkeit und melan cholischer Gefühleschwelgerei. Diese Briefe druckt er nebst den Antworten in seinen Memoiren vollständig ab. Die Schluß worte dieses edlen, in Verbitterung zusammenbrechenden Geistes sind von erschütternder Traurigkeit. Sie lauten: „Ich schreibe nichts mehr, ich componire nichts mehr. Die musi kalische Welt von Paris und anderwärts, die Art und Weise, wie die Künste gepflegt, die Künstler geschätzt werden, das Alles erregt mir Brechreiz oder Wuthanfälle. Aber denken wir nicht mehr an die Kunst. Stella! Stella! Ich kann jetzt ohne Zorn und Bitterkeit sterben.“