Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2044. Wien, Sonntag, den 8. Mai 1870 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2044. Wien, Sonntag, den 8. Mai 1870 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien 08.05.1870
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Musik. (Herbeck’s Abschiedsconcert. Der Orchesterverein. Concerte. „Die Afrikanerin“. Der Freischütz“. „Faust“. Minnie Hauck.)

Ed. H. „Mein Liebchen, heißt das scheiden, wenn man sich fest umschließt?“ So mochte man mit Uhland fragen, als Johann Herbeck am letzten April in einem „Außerordent lichen Concert“ Abschied nahm von der Gesellschaft der Musikfreunde. Zuhörer und Mitwirkende schienen durchaus nicht von Herbeck scheiden zu können; sie riefen ihn immer und immer wieder von neuem hervor. Herbeck hat diese Ehren vollauf verdient durch eine unermüdliche, von glänzen den Erfolgen begleitete zwölfjährige Thätigkeit. Zu oft schon haben wir seine Verdienste um das Wiener Concertwesen ge würdigt und zu laut wurde gerade jetzt die Herbeck-Hymne in den Journalen intonirt, als daß wir unsere Leser mit neuerlicher Wiederholung ermüden sollten. Es dürfte der Gesellschaft der Musikfreunde schwerfallen, einen ebenbür tigen Nachfolger Herbeck’s zu finden, und wer dies immer sei, leicht wird er an dieser Ehre nicht tragen. Wir konnten unter mancherlei trüben Gedanken der Musik nicht recht froh werden; für uns hatte das Festconcert etwas Drückendes, Leichenschmausartiges. Herbeck hat die Stätte nicht blos sei nes erfolgreichsten Wirkens, sondern überhaupt die wichtigste Thätigkeit verlassen, welche Wien einem Dirigenten bietet. Er hängt den Concert-Director an den Nagel, um Opern beirath zu werden. Einträglicher und gesicherter, bedeutet sein neuer Posten eine materielle Verbesserung, welche dem rast losen, auf eigene Schonung unbedachten Arbeiter herzlich zu gönnen ist. Wird er aber jetzt für seine künstlerische Befriedi gung und für die Hebung unseres Kunstlebens auch nur an näherungsweise leisten können, was er im Concertsaale gelei stet hat? Wir haben diesem Zweifel im vorigen Jahr Worte geliehen, als Herbeck unter dem Jubel der Journali stik seine jetzt definitiv gewordene Beirathsstelle am Hofopern theater antrat. Unsere Bedenken sind durch die Erfahrung nicht widerlegt worden. Noch heute wie damals sehen wir in Herbeck’s Abdication als Concert-Dirigent einen siche

ren großen Verlust, dem ein unsicherer und minder wichtiger Gewinn auf theatralischem Gebiet gegenübersteht. So lange wenigstens, als Herbeck’s Stellung in der Opern-Direc tion dieselbe beengte und abhängige bleibt, wie im verflossenen Jahre: Stellung eines ersten Capellmeisters, dessen Rath man einholt, wann man will, und befolgt, wenn man mag. Ein Beirath neben einem eigentlichen Director agirt überall mit gebundenen Händen, vollends wo dem Director selbst wieder durch eine vorgesetzte zweite und dritte Instanz doppelte Fesseln angelegt sind. Gibt es da wirklich „Raum für den Flügelschlag einer freien Seele“? Ueberblicken wir die neun monatliche Thätigkeit Herbeck’s als Mit-Director des Hof operntheaters, so reducirt sie sich auf das vortreffliche Ein studiren eines neuen Werkes („Die Meistersinger“) und das gleich lobenswerthe Dirigiren von drei älteren Repertoire- Opern („Mignon“, „Freischütz“, „Figaro’s Hochzeit“). Daß Herbeck ein maßgebender Einfluß auf die Organisation des Instituts, auf Bildung des Repertoires, neue Engagements und dergleichen gegönnt war, darf man entschieden bezweifeln. Er hat unstreitig für die Oper geleistet, was in seiner Macht stand, aber uns will bedünken, als stand eben nicht viel in seiner Macht. Vergleichen wir damit die reiche künstlerische Ernte, deren sich Herbeck auf dem Felde der Concert-Musik alljährlich rühmen konnte. Welche Reihe bedeutender Novitäten und neubelebter classischer Werke, welche künstlerische Einheit in Auf fassung und Vortrag, welch freudiges Zusammenwirken aller Betheiligten!

An einige der hervorragendsten Momente dieser glänzen den Dirigenten-Laufbahn erinnerte mit Nachdruck das Pro gramm des Abschiedsconcertes. Das „Rosamunde“-Ballet und die beiden Symphoniesätze von Schubert verdanken wir nebst so vielen anderen Schubert-Perlen ganz allein Herbeck; die unvergleichliche Schulung des „Singvereins“, der mehrere seiner beliebtesten Chöre vortrug, ist das Verdienst Herbeck’s. Liszt’sHeilige Elisabeth“ betrachten wir freilich mehr als pikanten Mode-Artikel denn als bleibenden Kunstgewinn. In dessen, sie war das musikalische Sensations-Drama der ver flossenen Saison, und daran wollte man durch die Wahl des „Kreuzfahrer“-Chores und -Marsches erinnern. Wie man für irgend eines der übrigen in Herbeck’s Abschiedsconcert auf

geführten Werke von Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Schu mann sich aufrichtig begeistern und zugleich Liszt’s „Heilige Elisabeth“ für gute Musik halten kann, bleibt uns ein Räthsel. Wir möchten gerne annehmen, daß der „Elisabeth“-Jubel im vorigen Jahre zur guten Hälfte eine Ovation für den per sönlich anwesenden „fascinirenden“ Abbé war. Wie gequält, banal und gedankenarm ist diese so prätentiös herausstaffirte „Kreuzfahrer“-Musik! Und doch gilt sie für das beste Stück des Werkes — eines geistlichen Werkes! Da stehen ja Berlioz und Wagner riesengroß daneben. Den Schluß des Concertes bildete Beethoven’sClavier-Phantasie op. 80, von Herrn Epstein mit vollendeter Noblesse und Klarheit vorgetragen. Ueberhaupt war die Ausführung dieses „Außerordentlichen Concertes“ auch eine musikalisch außerordentliche, indem Jedermann sein Bestes leistete, um dem scheidenden Freund und Führer zu guterletzt noch Ehre zu machen. Was Herbeck als Dirigent der Gesellschafts-Concerte gewesen, bleibt den Mitwirkenden wie uns Zuhörern unvergeßlich. Wir Alle können daher nur wünschen, daß von einer so ungewöhnlichen Thatkraft und Begabung jetzt auch für das Opernwesen der größtmögliche Nutzen gezogen und daß ihr der Raum zu voller Entfaltung gegönnt werde.

Die übrigen Concerte aus der (bereits tausendstimmig gegen jede Gesangsconcurrenz protestirenden) Frühlings-Aera bieten nicht allzu viel Stoff. Eines der anregendsten war die Production des „Orchester-Vereins“, dessen braver Diri gent, Professor Heißler, das dankenswerthe Geschick besitzt, interessante Programme aus selten gehörten Werken zusam menzustellen. Durchweg Raritäten, gehörten die aufgeführten Stücke obendrein sämmtlich dem Ausgang des 18. Jahrhun derts an. Zwei Söhne Sebastian Bach’s eröffneten das Programm: Johann ChristianBach mit einer Symphonie für zwei Orchester (ohne Clarinett, Fagott, Trompeten und Pauken), eine Art unausgewachsener oder verwässerter Haydn, einst beliebt und gefeiert, jetzt verschollen. Sein bedeutenderer Bruder, wahrhafter „Legatus natus et a latere“ in der Musik, Philipp EmanuelBach, war durch zwei Sätze seines Clavier-Concertes in A-dur stattlich repräsentirt. Eine längst vergessene Ouvertüre von Mozart, angeblich zu Bianchi’s komischer Oper „La Villanella rapita“, mit welcher sie ihrer

Entstehung nach (Salzburg1779) nichts zu schaffen hat, bewahrt noch die alte Form eines zwischen zwei Allegrosätzen eingeklemmten Largos. Hervorragend ist sie nicht, aber an ziehend wie jede lebendige Illustration zu Mozart’s Entwick lungsgeschichte. Eine „Aria di Camera“ von Hasse fand ungenügende Ausführung durch eine junge Sängerin, welcher das dafür unentbehrliche breite Portamento des Vortrages fehlt. Die werthvollste Nummer war eine viersätzige Haydn’sche Symphonie (C-dur), einst beliebt, dann so gut wie verschollen, jetzt durch eine neue Partitur-Ausgabe von Rieter-Bieder mann der musikalischen Welt wieder dargebracht. Wir machen die Orchester-Vereine auf dieses anmuthige, lebensvolle, über dies für einige Solo-Instrumente dankbare Stück aufmerksam. Durch scharf ausgeprägte Individualität hebt sich dasselbe freilich nicht aus der Zahl der übrigen Haydn’schen Sympho nien heraus, die ja gewissermaßen alle nur Spielarten dersel ben Gattung sind. Nur so ist auch die fabelhafte Zahl von Symphonien begreiflich, welche Haydn aus seinem Zauberärmel schüttelte.

Großen Zuspruch fand ferner das diesjährige Concert Epstein’s, des geschätzten liebenswürdigen Pianisten, über welchen etwas Neues zu sagen uns bereits schwerfällt. Die mit bestem Erfolge thätige Gesangslehrerin Caroline Pruck ner veranstaltete eine öffentliche Production ihrer Schülerinnen. Unter Letzteren thaten sich Fräulein Cornelie v. Csányi (Sopran) und Fräulein Louise Weiß (Alt) durch glänzende Stimmmittel und guten Vortrag so vortheilhaft hervor, daß ihnen gewiß der Schritt aus der Schule auf die Bühne bald sehr leicht gemacht werden wird. Erwähnen wir noch des freundlich aufgenommenen Clavierspiels von Fräulein Marie Seydel und der musikhistorisch äußerst interessanten Cla viervorträge älterer Compositionen durch Karl Debrois van Bruyck, so können wir uns getrost vom Concertsaale zum Opernhause wenden.

Der Bassist Herr Hablawetz ist in die Reihe der en gagirten Mitglieder des Hofoperntheaters eingetreten, eine frische, jugendliche Kraft, von der wir noch Bedeutendes hoffen. Herr Hablawetz sah als Caspar im „Freischütz“ von der herkömmlichen Darstellungsweise der Bösewichter mit Recht ab; er gab ihn nicht augenbrauenrunzelnd, lauernd und unheil

brütend, sondern frech und offen, nicht ohne eine derbe, aber ganz verwilderte Mannhaftigkeit. So soll es auch sein, denn seine Umgebung sieht in Caspar nicht den mit der Hölle ver bündeten Bösewicht, sondern Kuno bezeichnet ihn als Schlemmer und Würfler; „wenn nicht gar —,“ fügt er hinzu; aber wenn das mehr wäre, als ein Anflug von Verdacht, würde er es aussprechen. In Haltung und Bewegung war die Dressur des ehemaligen Tilly’schen Soldaten noch sichtlich, aber lotte rig, bequem geworden, immerhin nicht ohne eine gewisse im ponirende Stattlichkeit, welcher Herrn Hablawetz’ Aeußeres sehr zu statten kam. Mit einer für einen Sänger merkwür digen Sicherheit führte er diese Gestalt durch, nur in ein zelnen Details etwas übertreibend. Vor dieser Gefahr, welche in Rollen wie Caspar leicht an die Grenze der Buffonnerie führt, möchten wir den talentvollen Künstler warnen, der übrigens als Sänger und Schauspieler einen entschiedenen und wohlverdienten Erfolg hatte. Seither hat die erste Aufführung von Meyerbeer’s „Afrikanerin“ im neuen Opernhause große Zugkraft geübt. Für solche Aus stattungs- und Maschinerie-Opern sind die Räumlichkeiten dieser Bühne unschätzbar; sie wurden auch gut verwerthet durch effectvolles Arrangement der Gruppen, glänzende Ballet- Entfaltung im vierten Act, endlich durch die Kautzky’schen Decorationen, welche sich weislich darauf beschränkten, die alten (dem Pariser Muster nachgebildeten) nach allen Dimen sionen zu vergrößern. Die üblen Folgen scenischer Aen derungen um jeden Preis kann man jetzt wieder an einem neuen Beispiele, dem Schlusse des vierten Actes von Gounod’s Faust“, studiren. Die musikalische Aufführung der „Afri kanerin“ war nur in Einer Leistung vortrefflich, in Beck’s Nelusko“, einem anerkannten Meisterstück lebendigster drama tischer Charakteristik. Als äußerster Gegensatz dazu figurirte an dem Abende der matte, blutleere Vortrag Fräulein Raba tinsky’s (Ines). Frau Materna, die jüngst als Fides unsere Erwartungen in manchem Punkte übertraf, hat als Selica wenig befriedigt. Sie leistete, was feuriges Tempe rament, Stimmkraft und ein gewisses derbes Spieltalent leisten können, denen die nothwendigen Ergänzungen des Ge schmackes und der Gesangstechnik fehlen. Man konnte diese Mängel sowol in ganzen Nummern (wie das „Schlummerlied“),

als in einzelnen Phrasen wahrnehmen, wo unrichtige Athem vertheilung, unschönes Herausstoßen oder übermäßiges Dehnen einzelner Noten störte. Die Tendenz nach äußerster „Leiden schaft“ riß Frau Materna mitunter hart an die Grenze des Trivialen, z. B. bei dem Ausrufe „Das Paradies!“ in dem an sich schon hinreichend banalen Liebesduett. Vasco de Gama ist noch immer die beste Rolle, die wir von Herrn Labatt gesehen. Seine Stimme hat durch ihren metallischen, echten Brustton (der nur in den höchsten Lagen leicht untreu wird) ganz eigentlich den Charakter des Heldenhaften. Das ist ent scheidend für den ersten Act, in welchem Herr Labatt auch ganz entschieden durchgriff. Für die Liebesscenen im vierten Acte fehlte ihm die Innigkeit und Wärme, dazu die allernoth wendigste mimische Ausbildung. Herr G. Müller, dessen Fortschritte überhaupt unverkennbar sind, soll in der zweiten Vorstellung der „Afrikanerin“ gerade den vierten Act mit großem Erfolg gesungen haben. Auch Herrn v. Bignio’s Nelusko errang an dem zweiten Abende die lebhafteste Anerkennung.

Welches Elitecorps von Gesangsunarten sich auf unserer Opernbühne heimisch gemacht hat, gewahrt man am deutlich sten durch den Contrast, wenn eine wohlgeschulte Gesangs künstlerin von feinem Geschmacke hier auftritt. Dies war vor einigen Jahren der Fall bei dem Gastspiele der Artôt und wiederholt sich jetzt bei der (allerdings noch nicht auf gleicher Höhe stehenden) Sängerin Minnie Hauck. Die junge, zu schneller Berühmtheit gelangte Amerikanerin sang vorgestern das Gretchen in Gounod’s „Faust“ mit glücklichstem Erfolge. Ihre Stimme gehört weder der Kraft noch dem Umfange nach zu den großen; die durch materielle Gewalt packenden Effecte versagen ihr, weßhalb denn auch die Scene vor dem Madon nenbilde und der Schluß der Kerkerscene nur mäßigen Beifall fanden. Wie ihrer Stimme die imposante Kraft abgeht, so scheint auch ihrem Talente der Ausdruck für die höchsten Mo mente des Tragischen und Leidenschaftlichen versagt. Zierlich keit und Anmuth einerseits, das Innige und Elegische anderer seits bilden die eigentliche Domäne, welche Fräulein Hauck mit bezaubernder Natürlichkeit und Sicherheit beherrscht. Ihre Stimme gewinnt den Hörer sofort durch die thaufrische Ju gendlichkeit des Klanges, den sogar ein etwas herber, oboe

artiger Beigeschmack nicht beeinträchtigt, vielmehr mit einem individuellen, geistigen Zug bereichert. Forcirt dürfte dieses Organ nicht werden, und das weiß Fräulein Hauck sehr wohl, indem sie jeder Versuchung zum „Loslegen“ ausweicht und stets innerhalb der reinsten Schönheitsgrenzen verbleibt. Einige Monotonie ist bei dem Charakter ihrer Stimme und Vortragsweise unvermeidlich; trotzdem hat uns die ganze Leistung in hohem Grade befrie digt und erfreut. Ist es doch ein Labsal, einer Sängerin zu lauschen, die immer rein intonirt, einfach und geschmackvoll vorträgt, nicht tremolirt, nicht schreit, nicht die Töne jam mernd ineinanderzieht, nicht Text und Rhythmus willkürlich zerreißt! Dazu kommt noch eine überaus deutliche, reine Aussprache, ein um so höher anzurechnender Vorzug, als Fräulein Hauck Ausländerin und hier zum erstenmale auf einer deutschen Bühne aufgetreten ist. Durch schlanken, jugendlichen Wuchs und anmuthige Gesichtsbildung auf das günstigste in der Darstellung Gretchens unterstützt, machte Fräulein Hauck auch als Schauspielerin den gewinnendsten Eindruck. Ihrer ganzen Individualität nach eignet sich Fräu lein Hauck offenbar noch mehr für das feine musikalische Lust spiel und für sogenannte Rollen di mezzo carattere, als für das tragische Fach. Wir denken sie uns vortrefflich im Schwarzen Domino“, „Don Pasquale“, „Liebestrank“ und bedauern neuerdings, daß diese und andere graciöse Opern für das Wiener Repertoire nicht existiren.