Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2091. Wien, Samstag, den 25. Juni 1870 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2091. Wien, Samstag, den 25. Juni 1870 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien 25.06.1870
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Hofoperntheater. („Tannhäuser.“ — Richard Wagner über das Dirigiren. — Beethoven-Fest.)

Ed. H. Wagner’s „Tannhäuser“ hielt seinen Einzug ins neue Opernhaus unter lebhafter Zustimmung des Publi kums. Die Vorstellung war ungemein sorgfältig vorbereitet und klappte vollständig. Die Ausstattung entfaltete großen Luxus, bei allerdings zweifelhaftem Geschmack; Buntes und Grelles drängte sich allzusehr vor in Costümen und Decora tionen. Die Malereien des Herrn Jachimowicz vermag das mildeste Urtheil nicht mehr in Schutz zu nehmen; nach dem Schlechten in „Norma“, „Maskenball“, „Troubadour“ gibt uns dieser Decorations-Maler im „Tannhäuser“ sein Schlech testes. Was die Besetzung betrifft, so war Herr Labatt neu in der Titelrolle. Es kam ihm zu statten, daß man seiner Leistung mit geringen Erwartungen entgegenkam. Herr Labatt hat sie ohne Frage übertroffen. Daß er in den ruhi geren, heroischen Stellen entsprechen werde, war zu ver muthen, hingegen fürchtete man für die leidenschaftlich bewegten, dabei überwiegend declamatorischen Scenen im Sängerkrieg und vollends im dritten Acte. Gerade hier bewies Herr Labatt rühmlichsten Fleiß und augenfällige Fort schritte in Spiel und Declamation. Daß die Rolle noch weit feinere Schattirungen und tiefere psychologische Motivirung wünschen läßt, mehr Geist und weniger Materie, ist freilich nicht zu leugnen; trotzdem halten wir Herrn Labatt für die beste Wahl, welche im Hofopern theater für den Tannhäuser getroffen werden konnte. Die Elisabeth der Frau Wilt ist bekannt als eine durch Kraft und Schönheit des Tones, wie durch musikalisch tüchtigen Vor trag wirksame Leistung. Daß sie nicht dramatisch ist, fühlt der Zuschauer sofort. Der fernerstehende Leser kann es aus dem einzigen Beispiele entnehmen, daß Frau Wilt das ganze Adagio im zweiten Finale: „Ich fleh’ für ihn“, dicht vor den Fußlampen stehend, an die Zuhörer adressirt (die ja dem Tannhäuser gar nichts zu Leide thun wollen), ohne auch nur

einmal einen Blick auf die „anzuflehenden“ Widersacher zu werfen. Die kleine, wichtige Partie der Venus war in den kräftigen, nur allzu gewaltsam zugreifenden Händen Frau Ma terna’s. Dieselbe brachte viel Hingebung und eine vortheil hafte Erscheinung für die Rolle mit, aber eine ganz unge nügende Kunst der Declamation. Herr Schmid, allezeit ein preiswürdiger „Landgraf“, war diesmal auch im Vollbe sitze seiner schönen Stimme und fand in den ihn umgebenden Jagdgenossen (Pirk, Kraus, Brandstöttner, Campe) treffliche Unterstützung. Als die vorzüglichste Leistung dieses Abends darf man Bignio’s edlen und seelenvollen Wolfram v. Eschenbach rühmen. An dem balletmäßigen Costüme und der goldgelben Perrücke dieses schwermüthigen Lyrikers ist Herr v. Bignio hoffentlich unschuldig; desgleichen auch die übrigen Minnesänger schwerlich selbst verlangt haben, wie polnische Juden auszusehen. Das gehört wol in die Rubrik: „Neue rungen um jeden Preis“, genau wie das unglücklich abgeänderte Arrangement des Festzuges im zweiten Acte. Während sich nämlich im alten Opernhause die Wartburggäste aus dem Hintergrunde der Bühne nach vorne bewegten, daher dem Zu schauer vollständig en face sichtbar wurden, ziehen sie jetzt aus einer Seitencoulisse von links nach rechts über die Bühne. Wie die Profilstellung den einzelnen Figuren, so schadet die schiefe Schwenkung dem Total-Eindruck des ganzen Zuges. Ein ganz neues Schaustück, das die Zugkraft des „Tann häuser“ gewaltig erhöhen dürfte, sind sechs stattliche Schimmel und zwei schlanke Doggen, welche in der Schlußscene des ersten Actes sich leibhaftig auf der Bühne tummeln. Aller dings duftet diese neue Errungenschaft etwas nach dem Circus, aber sie macht die Scene lebendig, außerordentlich lebendig.

Die Ouvertüre, dieses glänzende Virtuosenstück unseres berühmten Orchesters, erregte einen Sturm von Beifall, wel cher sich erst legte, als Capellmeister Dessoff sich ein halb dutzendmal umgedreht und verbeugt hatte. In der That diri girte Dessoff die ganze Oper vortrefflich und hätte Anspruch auf den besonderen Dank des Componisten, wenn nicht eben Wagner und Dankbarkeit zwei sich ausschließende Begriffe wären. In seiner neuesten Bannbulle „Ueber das Diri

giren“ hat Richard Wagner weder Dessoff noch Herbeck ausgenommen von dem Fluche, den er gegen die Gesammtheit unserer deutschen Capellmeister schleudert. Diese Flugschrift: Ueber das Dirigiren“ ist in den Journalen auffallend wenig besprochen worden und bietet doch des Merkwürdigen nicht wenig. Sie bildet eine Art Seitenstück zu Wagner’s berühm ter Juden-Broschüre. Während dort das Thema lautete: Was in der Kunst schlecht ist, kommt von den Juden her, herrscht hier der Grundgedanke, daß in ganz Deutschland kein Mensch außer Wagner eine Ahnung vom Dirigiren habe. Ferdinand Hiller’s feine, anmuthige Feder wird förmlich zum Schlachtschwert in der Kölnischen Zeitung bei der Analyse dieser neuen Broschüre. Er nennt sie „ein Pamphlet, strotzend von Unrichtigkeiten und Ungerechtigkeiten“, und fügt treffend bei: „Dumme Jungens, welchen Jeder imponirt, der mit einigem Geist viel Impertinenz verbindet, werden es anstaunen. Gescheitere werden sagen, daß auch einiges Wahre darin enthalten sei. Aber wenn man Alles schlechtmacht, wird man auf dieser unvollkommenen Erde immer zuweilen Recht haben.“ Wirklich ist es ohne Beispiel, daß ein produ cirender Künstler öffentlich so wegwerfend und hochmüthig über seine Collegen urtheilt, wie hier Wagner über die deut schen Capellmeister und Componisten. „Ueber das Dirigiren unserer Capellmeister in der Oper,“ schreibt Wagner, „ist für mich nicht zu streiten. Vom höheren Standpunkte einer wirk lich künstlerischen Leistung aus ist dieses Dirigiren gar nicht in Betracht zu nehmen. Und hierüber ein Wort zu sprechen, kommt mir, und zwar mir allein unter allen jetzt leben den Deutschen zu.“ „Ich kenne nicht Einen,“ fährt er später fort, „dem ich mit Sicherheit ein einziges Tempo meiner Opern anvertrauen zu dürfen glaubte!“ Mehrere der hervor ragendsten Dirigenten werden in höhnischem Tone abgethan, andere, z. B. Herbeck (der den „Meistersingern“ beinahe seine Gesundheit opferte und jetzt auf seiner so und sovielten Wagner-Reise begriffen ist), mit keiner Sylbe erwähnt. Dank vom Hause Wagner!

Der Gedankengang der Wagner’schen Broschüre ist un gefähr folgender: Das Dirigiren blieb bisher „für die Aus

führung der Routine, für die Beurtheilung der Kenntnißlosig keit überlassen“. Die früheren Capellmeister waren „sicher, streng und namentlich grob, aber angesehen“. Allein sie wa ren für die Bildung des Orchesters „der complicirteren neueren Orchestermusik ungeeignet“. „Die neueren Dirigenten gelangten zu ihren „guten Posten“ (?) meistens durch ein ein faches Aufwärtsrücken, schubweise, zuweilen auch durch die Protection der Kammerfrau einer Prinzessin u. s. w.“ „Gänzlich verdienstlos“, konnten sie sich nur halten durch „un würdige Servilität gegen ihren kenntnißlosen Chef und ihre trägen Musiker, schwangen sich aber gerade dadurch zu allge meiner Beliebtheit auf“. Endlich haben wir „unsere heutigen Musik-Bankiers, wie sie aus der Schule Mendelssohn’s hervorgegangen oder durch dessen Protection der Welt empfoh len wurden“. Diese haben für den „eleganten Vortrag“ Einiges gethan, entbehren aber der Energie. „Denn leider ist hier Alles, Ruf, Talent, Bildung, ja Glaube, Liebe und Hoff nung künstlich.“ Sie sind die „Schattenbilder“ von Meyer beer und Mendelssohn, welche Letztgenannten auch ihre Kraft verließ, „weil sie eben keine Kraft hatten“. „Das Schleppen,“ meint Wagner weiter, „sei nicht die Eigenschaft des eleganten Dirigenten, wol aber das Herunter- oder Vorüberjagen.“ Das soll wieder einmal von dem Einflusse Mendelssohn’s herkommen, welcher Herrn Wagner bekanntlich ein Dorn im Auge ist. Wir wundern uns deßhalb gar nicht über seine Ausfälle auf Mendelssohn’s perfid-zartsinnigen Ehrgeiz“ und dergleichen, aber staunen darf man füglich über folgende Mendelssohn- Geschichte: „Persönlich äußerte er mir einigemale in Betreff des Dirigirens,“ erzählt Wagner, „daß das zu langsame Tempo am meisten schade und er dagegen immer empfehle, etwas lieber zu schnell zu nehmen; ein wahrhaft guter Vor trag sei doch zu jeder Zeit etwas Seltenes; man könne aber darüber täuschen, wenn man nur mache, daß nicht viel da von bemerkt werde, und dies geschehe am besten dadurch, daß man sich nicht lange dabei aufhalte, sondern rasch darüber hinwegginge.“

Wenn Mendelssohn, diese personificirte künstlerische Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, wirklich so gesprochen hat, so that er es offenbar im Scherze, mit lächelnder Miene. Vielleicht war er auch etwas ungeduldig und maliciös gemacht durch den unermüdlich belehrenden Redefluß Wagner’s, welcher dann Mendelssohn gegenüber „in einen wahren Abgrund von Oberflächlichkeit, in eine vollständige Leere zu blicken glaubte“.

Trotz aller „Ignoranz und Geistlosigkeit der Musiker, welchen das Schicksal der deutschen Musikzustände, die gänz liche Achtlosigkeit der deutschen Kunstbehörden nun einmal die Führung der höheren deutschen Musikgeschäfte in die Hände gespielt hat und die sich nun in Amt und Würden sicher fühlen“, gibt es darunter jetzt „wirklich besungene Märtyrer der reinen classischen Musik“. Diesen will Wagner nun ein mal etwas näher auf die Finger sehen. Er findet bei den Einen „mit Unbeholfenheit verbundene Scheelsucht“, bei An deren „ehrliche Bornirtheit, die nur aus Aerger unehrlich wird“. Im neueren Lager „ist Vieles zu verbergen, Vieles nicht merken zu lassen“. Man findet in demselben „Gebildet heit“, aber ja „keine Bildung“, mithin den Mangel der „wahren Geistesfreiheit“, welcher sogar Mendelssohn, „für den ernsten Betrachter, außerhalb unseres deutschen Kunst wesens erhielt“. (!)

Es klingt fast komisch, wenn Wagner nach diesem Ge metzel angstvoll ausruft: „Wo nun bleibt aber unter der Macht dieser musikalischen Eunuchen unsere große, unsäglich herrliche deutsche Musik?“ Die Antwort lautet (herausgeschält aus allen bombastischen Hülsen) ganz einfach: „Die Dirigen ten können so etwas nicht umbringen.“ Bei den Aufführungen seiner „Meistersinger“ kam ihm dieselbe „sonderbar tröst liche Erkenntniß zu Hilfe, daß trotz des unverständigsten Be fassens mit diesem Werke die wirkende Kraft desselben doch nicht zu brechen ist“.

Womit begründet aber Wagner den Ausspruch, daß alle unsere Dirigenten nicht „wirkliche Musiker“ sind, „gar kein musikalisches Gefühl zeigen“? Worauf stützt sich denn, allen diesen Irrenden gegenüber, gerade seine Unfehlbarkeit in der

Auffassung und dem Tempo einer Beethoven’schen oder Mo zart’schen Symphonie? In Robert Schumann’sGesam melten Schriften“ (IV. p. 292) findet sich eine Tagebuchnotiz aus Dresden, welche wörtlich lautet: „Fidelio“ von Beethoven. Schlechte Aufführung und unbegreifliche Temponahme von Richard Wagner.“ Wenn nun ein Mann wie Schu mann, der doch auch etwas von Musik verstand — und von Beethoven’scher insbesondere — Wagner’s Tempi im „Fidelioeinfach „unbegreiflich“ nannte, so wird es wol erlaubt sein, auch an Wagner’s Unfehlbarkeit in diesem Punkte zu zweifeln. Ueber die Tempi in Beethoven’s Symphonien bringt Wagner einige richtige und feine Bemerkungen, welche aber jedesmal, wie das rauschende „Tutti“ nach einem Concertsolo, eine stür mische Eruption des Wagner’schen Selbstbewußtseins folgt. Er erklärt, daß er „nach der Art, wie wir ihn durch öffentliche Aufführungen bisher kennen gelernt haben, den eigentlichen Beethoven bei uns noch für eine reine Chimäre halte“. „Vielleicht,“ ruft Wagner aus, „bin ich der einzige Dirigent, welcher es sich getraute, das Adagio des dritten Satzes der neunten Symphonie seinem reinen Charakter ge mäß auch für das Zeitmaß aufzufassen.“

Diese That der musikalischen Welt wirklich vorzuführen, bot sich dem „einzigen Dirigenten“ jetzt eine treffliche Gele genheit; er wurde von dem Beethoven-Comité der Gesellschaft der Musikfreunde ersucht, die neunte Symphonie bei dem Jubiläums-Concerte in Wien zu dirigiren. In Folge einer Zeitungsnotiz, daß er angeblich diese Einladung „unter dank barer Anerkennung des ehrenden Auftrages“ abgelehnt habe, veröffentlicht nun Herr Wagner eine Erklärung, worin er „diesen wunderlichen Euphemismus für sein Benehmen“ dahin berichtigt, daß er auf jene Aufforderung des Beethoven- Comités „gar nicht geantwortet habe“. Er war also mit Absicht unartig und brüstet sich öffentlich mit dieser Unart. Wie wir hören, hat Herr Wagner der Direction der „Musik freunde“ seine Ablehnung durch einen Freund mündlich ent bieten lassen und damit motivirt, daß ihm zwei oder drei von den Comité-Mitgliedern nicht angenehm seien. Zwei

oder drei Mitglieder! Und wenn es zehn oder zwanzig wären — was haben derlei Personalien mit der großen und schönen Sache zu thun, um die es sich hier handelt? Wien, die Stadt, in welcher Beethoven lebte, schuf und starb, schickt sich an, die Säcularfeier von Beetho ven’s Geburt festlich zu begehen; die Gesellschaft der öster reichischen Musikfreunde, deren Ehrenmitglied Beethoven ge wesen und die wol selbst als ein Ehrenmitglied in der großen idealen Genossenschaft der Kunst gekannt und anerkannt ist, bildet das Comité zur Vorbereitung dieser Feier. Welcher Künstler, dessen Enthusiasmus für Beethoven und „unsere unsäglich herrliche deutsche Musik“ mehr als heuchlerisches Phrasengeklingel ist, wird die ihm zugedachte Ehre, dieses zu dirigiren, ohne triftigen Grund ablehnen? Welcher halbwegs wohlerzogene Mensch wird vollends diese Einladung nicht ein mal einer Antwort würdigen? In solchem Benehmen ist Herr Wagner einzig, das muß man ihm zugestehen. Das Beleidi gende dieses Benehmens ist nicht zu bemänteln, nicht zu ent schuldigen. Und dennoch, dennoch können wir uns einer Art Schadenfreude nicht erwehren, daß die Direction der Musikfreunde sich bei Herrn Wagner einen Korb geholt. Wer hieß sie, den Rheingold“-Componisten zum Leiter des Beethoven-Festes vor schlagen? Was hat Herr Wagner mit Beethoven zu schaffen? Wann hat er sich jemals begeistert oder bemüht für andere Compositionen, als für seine eigenen? Ein wahres Interesse fühlt Herr Wagner nur für sein liebes Ich. Er hat sich ebensowenig jemals angestrengt, einem jungen Talente die Wege zu ebnen, als die Verbreitung unserer Classiker zu fördern. Hierin ist Herr Wagner das abschreckende Gegentheil seines Freundes und Protectors Liszt. Uns hat die Ablehnung nicht im mindesten überrascht. Man kann darüber streiten, ob Herr Wagner das größte Musikgenie ist — aber daß er, als Künstler wie als Mensch, der größte lebende Egoist, darüber kann unmöglich mehr eine Meinungsverschie denheit herrschen. Die von der Majorität des Fest comités Herrn Wagner dargebrachte Huldigung hat je doch bereits ihre bitteren Früchte getragen. Franz

Lachner, der zur Theilnahme an der Direction eingeladen war, hat abgelehnt — sehr begreiflich, denn welcher in Ehren ergraute Capellmeister wird sich mit dem Verfasser des Pamphlets: „Vom Dirigiren“ in die Arbeit theilen wollen? Joachim, der große, liebenswürdige Künstler, hat abgelehnt, mit unverblümter Hinweisung auf Wagner, dessen Oberlei tung ihm mit dem Charakter einer echten Beethoven-Feier nicht vereinbar schien. Dies wenigstens ist der Sinn von Joachim’s Schreiben, dessen Wortlaut uns nicht zur Verfügung steht. Wohl vertraut mit dem Gebahren der Zukunftsmusiker, mochte Joachim fürchten, daß bei der maßlosen Spectakel sucht der Wagnerianer das Wiener Beethoven-Jubiläum un versehens in eine Wagner-Feier umschlagen könnte. Ist doch das jüngste Beethoven-Fest in Weimar durch die Mitwirkung Liszt’s ebenfalls zur Liszt-Feier verdreht worden, so unge nirt, daß bei dem Festbankette die Büste Liszt’s unter Blumen aufgestellt war.

Ein Verlust für das Wiener Fest ist Wagner’s Weg bleiben in keiner Weise. Beethoven’s Schöpfungen werden mindestens ebenso schön klingen unter der Direction von Her beck, Dessoff und Esser. Letzteren, jetzt fern von Wien weilenden Meister hätte das Comité, unseres Erachtens, zur Mitdirection einladen sollen, ehe es an Herrn Wagner auch nur dachte. In seiner neuesten Broschüre spottet der Com ponist der „Meistersinger“ über „die ganze Musik-Bürger schaft Deutschlands“, welche sich ein großes Musikfest, z. B. das Beethoven-Jubiläum, gar nicht vorstellen könne, ohne daß „Herr Hiller, Herr Rietz oder Herr Lachner den Tact dazu schlage“. Nun, die Wiener Direction der „Musikfreunde“ wollte Herrn Wagner durch die schmeichelhafteste That wider legen und trug ihm schriftlich die Direction des Beethoven- Festes an. Eine gedruckte Grobheit war die Antwort. Es ist ein wahres Glück, daß die Majorität des Festcomités nicht einige Deputirte persönlich mit dem Tactirstab nach Luzern absendete, der musikalische Nebukadnezar hätte sie wahrschein lich festnehmen und ohneweiters köpfen lassen.