Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2182. Wien, Samstag, den 24. September 1870 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2182. Wien, Samstag, den 24. September 1870 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien 24.09.1870
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Musik. (Das Beethoven-Fest. — Theater an der Wien. — Hofoperntheater.)

Ed. H. Das Comité für die Beethoven-Feier in Wien hat soeben zwei bemerkenswerthe Abänderungen seines ursprüng lichen Festprogrammes bekanntgegeben. Es hat fürs erste be schlossen, daß das Jubiläum vom 20. October auf den 16. De cember, als den Geburtstag Beethoven’s, verlegt und daß dabei der projectirte große Fackelzug zu unterbleiben habe. Diesen Abänderungen zollen wir unbedingten Beifall, denn sie geben dem Festprogramme wenigstens nachträglich jenen Cha rakter, welchen es unseres Erachtens von allem Anfang hätte haben sollen. Der Respect vor dem richtigen Datum ist die erste Pflicht und Signatur einer wahrhaften Erinnerungsfeier. Für Wien mindestens schickt es sich nicht, an einem belie bigen Tage eines beliebigen Monats Musik und dabei sich weiszumachen, man feiere den Tag, der uns vor hundert Jahren Beethoven schenkte. Wenn kleinere Städte, wie Bonn, Aachen, Weimar, dieses Jubiläum schon im Sommer begingen, so haben sie dafür die triftigste Entschuldigung in der Unmög lichkeit, zur Winterszeit eine hinreichend große Anzahl aus übender Musiker herbeiziehen zu können. Die großen Instru mental- und Chormassen, die auserlesenen Virtuosen und Ge sangskünstler, deren ein solches Jubiläums-Concert bedarf, stehen ihnen nicht zur Verfügung; kommen doch die gewöhn lichen rheinischen Musikfeste nur durch die Mitwirkung des ganzen Rheinlandes zu Stande. Wäre man aber selbst der Künstler gewiß, so würden doch viele Zuhörer fehlen bei einem December-Concert am Rhein. Will eine Stadt wie Bonn bei solchem Anlaß auf die Theilnahme von ganz Deutschland zählen, so muß sie neben den Kunstproductionen den Zauber ihrer Landschaft, Reiselust und Ferienstimmung ins Treffen führen. Wenn die Rebenhügel zu grünen beginnen, die laue

Sommernacht zu Gartenfesten und Rheinfahrten lockt, dann entfalten diese Städte ihren eigenthümlichen Reiz, die Bewohner ihre sprichwörtliche Fröhlichkeit und Gastfreundschaft. Wien hingegen besitzt eine mehr als hinreichende Armee von Spie lern und Sängern, um zur Ehre Beethoven’s auf eigene Faust zu kämpfen und zu siegen; sein musikalisches Publicum ist ferner stark genug, um das Ausbleiben von Fremden ver schmerzen zu lassen. Wo aber diese beiden Bedingungen ein treffen, da gibt es gar keine Entschuldigung für das willkür liche Escomptiren von Beethoven’s Geburtstag. Und gerade der Umstand, daß bisher keine Stadt ein großes Beethoven- Fest auf den 16. December angesetzt hat, verpflichtet Wien doppelt, den wirklichen und nicht einen fingirten Geburtstag seines größten Bürgers zu feiern.

Mit der Verlegung des Beethoven-Festes auf den Decem ber, wohin es gehört, fiel natürlich auch der beabsichtigte Monstre-Fackelzug durch die Straßen von Wien. Dank der braven Decemberkälte, daß sie einen Beschluß beseitigt hat, welchen zu beseitigen wol Sache der richtigen Einsicht gewesen wäre. Wir können nämlich den Namen Beethoven nicht in Einklang bringen mit einer volksfestartigen, durch Fackeln, Processionen und Reden aufgeputzten Feier. Dem Beethoven-Comité schwebten offenbar die unvergeßlichen Tage der Schiller-Feier (November 1859) vor, wo endloser Jubel die Stadt durchdrang, die Begeisterung der Führer im ganzen Volke widerhallte und Männer jedes Alters, jedes Standes sich dazu drängten, den unabsehbaren Fackelzug zu Ehren Schiller’s zu vergrößern. Man beabsichtigte ohne Zweifel das Beethoven-Fest zu einer zweiten Auflage jenes Schiller-Jubi läums zu machen. Es dünkt uns aber ein großer Irrthum, für Beethoven denselben tausendstimmigen Anklang im Volke vorauszusetzen, und ein Fehler, auf diese Voraussetzung hin eine Huldigung zu organisiren, welche ohne jene begeisterte allgemeine Theilnahme keine mehr ist. Als Gegenstand einer solchen Nationalfeier hat Schiller in dem ganzen Gebiete der Künste keinen Rivalen. Kein Tonsetzer vermag die unermeß

liche und dabei edle Popularität eines Dichters zu erreichen, der wie Schiller vom ganzen Volke als Priester der Freiheit und Aufklärung, als Lehrer der Cultur und Sittlichkeit ver ehrt wird. In diesem Sinne kann der größte Tondichter nicht Priester und Lehrer seines Volkes sein, da er, auf den Ton beschränkt, Gedanken und Ueberzeugungen nicht auszu sprechen vermag.

Durch Schiller ist die ganze Bildung unserer Nation hindurchgegangen und nimmt bei jedem Einzelnen diesen Weg noch immer; an seine Worte knüpft das Volk seine höchsten sittlichen Ideen. Kein Städtchen gibt es, in welchem man nicht Schiller’s Dramen spielte, keine Dachkammer, die nicht einen Band Schiller beherbergt, kein deutsches Schulkind, das nicht die „Glocke“ oder den „Taucher“ gelernt hätte. Eine solche Volksthümlichkeit besitzt Beethoven nicht entfernt und wird sie nie besitzen. Auf hundert Studenten, auf tau send Handwerker, welche ihren Schiller kennen und verehren, kommt vielleicht Einer, der eine Beethoven’sche Symphonie gehört hat. Gegen den Schiller-Cultus gehalten, ist jener Beethoven’s ein exclusiver, aristokratischer. Eine sehr große und immer noch anwachsende Hörerschaft schaart sich begeistert um Beethoven, allein sie ist nicht das Volk, sondern eine Gemeinde — eine musikalisch geschulte oder doch vorgebildete Gemeinde. Ein Tondichter, welcher, fern von den populären Weisen des Liedes und der Tanzmusik, in den höchsten, com plicirtesten Kunstformen schafft, ist eigentlich gar nicht dazu gemacht, volksthümlich zu werden. Die verhältnißmäßig größte Popularität erringt der Tondichter durch die Oper, weil er da, im unmittelbarsten Contact mit einem großen gemischten Publicum, nicht blos zum Ohre, sondern zu allen Sin nen desselben spricht. Beethoven’s einzige Oper „Fideliohat niemals auf die Massen gewirkt, immer nur auf ein exclu sives musikalisches Publicum. Mozart ist der ungleich volks thümlichere Componist, durch die „Zauberflöte“ und „Don Juan“ in Fleisch und Blut der Nation übergegangen, und trotzdem, wer erinnert sich nicht, wie auffallend das Mozart-

Fest in Salzburg (1856) mit seinem Fackelzug um die Statue, der volksthümlichen Resonanz, des Echos in der Bevölkerung entbehrte! Selbst ein Jubiläum Weber’s würde im eigent lichen Volk von Deutschland auf einen allgemeineren, enthu siastischeren Anklang zählen dürfen, denn sein „Freischütz“ hat Herz und Sinn der Nation mit einem Zauber getroffen, wie keine Beethoven’sche Composition. Vom König bis zum gemei nen Soldaten herab sang Alles die Melodien aus dem „Frei schütz“, die Neger in Brasilien, die Holzknechte am Ohio sin gen sie. Wer hat einen Mann aus dem Volke Beethoven’sche Melodien singen gehört? Die begeisterte, verständnißfrohe Stimmung, welche beim Schiller-Feste die ganze Bevölkerung durchdrang, läßt sich nicht willkürlich anordnen, nicht auf einen anderen, sei es noch so großen Künstler übertragen. Wollte man Schiller und Beethoven lediglich als Meister in ihrer Kunst gegen einander wägen, Beethoven würde wahrlich nicht als der Leichtere befunden. Aber die künstlerische Vollendung Schiller’s ist es nicht allein, was sein Jubiläum zu einem Nationalfeste ohnegleichen gestaltete; die nationale und po litische Gewalt seines Namens mußte hinzutreten. In Oester reich namentlich war an jenem Feste der große Dichter zugleich unser politischer Fürsprecher. Durch ihn und an ihn wurden unsere polizeilich überwachten politischen Wünsche laut aus gesprochen.

Wie viel stiller, aristokratischer, fast unberührt von der Theilnahme des Volkes verlief nicht Goethe’s Säcularfeier (1849) in Wien, ja in ganz Deutschland! Und vollends Beethoven, der tiefsinnige, allem Profanen abgewendete, große Magier! Kann man seine geistige Nachkommenschaft, kann man seine lebendige Wirkung auf die Nation jener Goethe’s gleichstellen? Die Persönlichkeit Beethoven’s war allerdings demokratischer als Goethe’s, aber sein Kunstgebiet, die reine Instrumental-Musik auf ihrer sublimsten Höhe, ist exclusiv und aristokratisch. „Faust“, „Egmont“, „Götz von Berliching“ — jedes dieser Stücke ist für sich populärer in Deutschland, als alle Symphonien und Quartette Beethoven’s

zusammengenommen. Darum wiederholen wir: Kein Volksfest, kein Monstre-Fackelzug, keine Appellation an die Massen zu Ehren dieses auf einsamer Höhe wandelnden Riesengeistes! Man versammle die Gemeinde Beethoven’s im Tempel, nicht auf dem Forum. Man feiere seinen Genius in seiner eigenen Sprache, durch seine eigenen Werke und nicht anders. Wir freuen uns, daß das Wiener Comité diesen für unsere Empfin dung einzig richtigen Standpunkt durch seine neuesten Be schlüsse eingenommen hat. In der Kirche, auf der Bühne, vor Allem im Concertsaal wird Beethoven’s Schaffen in seiner ganzen reichen Blüthenfülle entfaltet und in möglichster Voll endung dargestellt sein; das trefflichste Orchester, die größten Chormassen, die bedeutendsten Virtuosen reichen sich die Hände zu dieser echten Beethoven-Feier. Unter den mitwirkenden fremden Künstlern nennt das Pro gramm bekanntlich auch Clara Schumann. Auf ausdrücklichen Wunsch der verehrten Künstlerin muß ich die von Herrn E. Schelle in der alten „Presse“ gethane Aeußerung, Frau Schumann habe das Wiener Beethoven-Comité „keiner Antwort gewürdigt“, für einen Irr thum erklären, welcher nur durch den wahrscheinlichen Verlust eines entscheidenden Briefes entstanden sein kann.

Auf theatralischem Gebiete begegneten uns in den letzten Tagen zwei Novitäten: eine Operette „Der schöne Rit ter Dunois“, von Charles Lecocq, im Theater an der Wien, und die erste Aufführung von Meyerbeer’s „Robertim neuen Opernhause. Die Operette von Lecocq ist buchstäb lich unter aller Kritik; sie verdient keine Kritik, sondern nur einen entschiedenen Protest, den wir hiemit an die Adresse der Direction richten. Uns wenigstens bleibt es unerklärlich, daß eine so intelligente Künstlerin, wie Marie Geistinger, ihre Bühne so ganz talentlosen, künstlerisch wie sittlich gleich un anständigen Machwerken eröffnen mag. Wer sich dieses sau beren „Ritter Dunois“ annimmt und für Herrn Lecocq gleiches Recht mit Offenbach anspricht, der verräth nur, daß ihm (in Bezug auf Musik) die erste Grundbedingung zum Kritiker fehlt: zu entscheiden, wo Talent steckt und wo keines.

Mit außerordentlichem Pomp und ungetheiltem Beifalle ist „Robert der Teufel“ in das neue Opernhaus eingezogen. Robert“ ist eine der bestscenirten und prunkvollsten Vorstel lungen dieser Bühne. Ein luxuriöseres Bild als die Fest halle der Prinzessin beim Einzuge der Ritter wird man kaum auf irgend einer anderen Bühne antreffen. Daß auch bei die ser Vorstellung die Pracht manchmal zur Ueberladung neigt, ist nicht zu leugnen. Von Brioschi’s neuen Decorationen ist wol das Lager im ersten Acte die schönste und künstlerisch werthvollste. Sein Klosterfriedhof (mit dem Dome von Pa lermo als Hintergrund) hat schöne Einzelheiten, erreicht aber nicht die poetische, einheitliche Wirkung der früheren (in den meisten Operntheatern eingebürgerten) Decoration, welche als Hauptmotiv den Kreuzgang des verfallenen Karthäuser klosters in Villeneuve bei Avignon benützt. Sehr effectvoll ist das Arrangement der Nonnen-Auferstehung, sowie die Ver wendung des elektrischen Lichtes bei dem Solotanze der He lena. Die Aufführung, unter Herrn Dessoff’s Leitung, zeichnete sich durch große Präcision aus und war in manchen Punkten, z. B. dem Höllenchor im dritten Acte, musikalisch wirk sam retouchirt. Die Hauptrollen haben ihre bekannten und be währten Repräsentanten beibehalten: die Damen Wilt und Rabatinsky, die Herren Müller und Schmid, welche sämmtlich im Gesange Vorzügliches leisten. In dramatischer Hinsicht blieben sie Alle uns Mancherlei schuldig. Die Con touren der Hauptpersonen sind freilich vom Dichter und Com ponisten so stark gezeichnet, daß ein Vergreifen der Charaktere nicht möglich ist; aber die reichliche Gelegenheit, die sie dem denkenden, talentvollen Schauspieler zu psychologischer Moti virung und feinerem Detail bieten, bleibt fast gänzlich unbenützt. Die genannten Künstler, desgleichen Fräulein Sal vioni und Herr Brioschi wurden durch reichlichen Bei fall und Hervorruf ausgezeichnet; ihre Leistungen werden dem Robert“ gewiß für lange Zeit seine neugewonnene Zugkraft sichern.