Musik.
(„
Lohengrin“ im neuen Opernhause — „
Gluck und Wagner“, von
Nohl. — Frau
Schumann’s Berichtigung.)
Ed. H. Angesichts der Wagner-Schwärmerei, in welcher die
Majorität unseres Opernpublicums schwelgt, war die Neusceni
rung des „Lohengrin“ unstreitig eine der lockendsten Aufgaben
für die Direction. Was es an Mühe und Kosten für die
Ausstattung dieser Oper aufzuwenden galt, es konnte dankbarer,
ja überströmender Anerkennung gewiß sein. In der That ist
die erste Aufführung des „Lohengrin“ im neuen Opernhause
unter dessen glänzendste Vorstellungen zu registriren. Musi
kalisch strömte dieser Glanz zunächst von der virtuosen Thä
tigkeit des Orchesters und der Chöre aus; der Name des Hof-
Capellmeisters Herbeck, welcher den „Lohengrin“ zum ersten
mal dirigirte, verdient daher vor allen anderen genannt zu
werden. Man kennt den Feuereifer, mit welchem Herbeck
jede neue Aufgabe anpackt und ausführt, man kennt auch seine
besondere Zuneigung für Wagner. Kein Wunder, daß die
Vorstellung wundervoll gerieth in Allem und Jedem, so vom
Dirigenten abhängt. Von einer und der anderen Hauptfigur
mochte man sich ein anderes Bild geschaffen haben, derlei
Opern-Ideale finden im wirklichen Bühnenleben selten eine
vollständige Verwirklichung. Aber das musikalische Ensemble,
die Gesammtwirkung, den Effect der Instrumental-Partie
und der Chöre konnte Niemand vollkommener wünschen. Nimmt
man den Eindruck der herrlichen Costüme, der lebensvollen
Scenirung, der ganzen Pracht des Opernhauses hinzu, so wird
man zugestehen, daß mit dergleichen Elite-Vorstellungen des
Hofoperntheaters keine zweite Bühne rivalisiren kann. Berlin,
auch München besitzt einzelne Künstler, welche in bestimmten
Rollenfächern ihre Wiener Collegen übertreffen; wenn wir aber
Licht und Schatten gegen einander abmessen, dürfen wir doch
Wien in der Aufführung deutscher und französischer großer
Opern den ersten Rang in Deutschland zuerkennen. Im August
d. J. hörte ich in DresdenWagner’s „Meistersinger“, eine
Vorstellung, welche von den anerkanntesten Kritikern der Stadt
ganz besonders gepriesen ist. Sie erschien mir wie ein
schwacher, in der Orchesterpartie halbverwischter Abdruck der
Wiener Aufführung. Zu einem viel zu schwachen, matt
klingenden Streichquartett gesellten sich Hörner und Trom
pen von unsicherer Intonation und — was das Bedenklichste
ist — das reiche polyphone und imitatorische Gewebe des Or
chesters, in welchem hauptsächlich die Bedeutung dieser Com
position ruht, war ebenso mangelhaft herausgearbeitet, wie das
Ganze bequem und schläftig dirigirt. Von den Sängern
konnte, mit Ausnahme Beckmesser’s und David’s, kein
einziger sich entfernt mit den Wiener Darstellern messen, am
wenigsten, wie gesagt, das Orchester und die Chöre. Auch
die Wiener Aufführung des „Lohengrin“ wird als musikalisches
und scenisches Ensemble kaum irgendwo übertroffen werden.
Was die Titelrolle betrifft, so hörten wir auch diesmal
wieder in dem Geflüster des Publicums allerwärts die Erin
nerung an Ander lebendig werden. Solch ein idealer Re
präsentant des Lohengrin kommt nicht wieder. Herr Walter,
welcher der Rolle die redlichste Sorgfalt widmete und jeden
falls von unseren Tenoristen der befähigteste dafür ist, brachte
nur vereinzelte lyrische Phrasen, nicht den ganzen Charakter
zur Geltung. Wie seine ganze Natur sich nicht behaglich
fühlt in derlei mysteriösen Heldenjünglingen, so reicht auch
sein dramatisches und declamatorisches Talent nicht aus für
Wagner’sche Rollen, in welchen der Gesang eigentlich Neben
sache ist. Obendrein scheint Herr Walter seit einiger Zeit
mit größerer Anstrengung zu singen; seine schöne Tenorstimme,
die niemals zu den leicht anschlagenden gehörte, bedarf jetzt
noch mehr Zeit zur Tonbildung und läßt häufiger als sonst
ein gewisses Heraufpumpen des Tones im langsamen Tempo
und Kauen desselben bei schnelleren Wortfolgen wahrnehmen.
Die Elsa der Frau Dustmann ist noch immer muster
giltig; eine echt dramatische Gestalt, voll Adel und schwär
merischer Empfindung. Der ausdrucksvolle, aus dem Innersten
quellende Vortrag und das beredte Spiel dieser Künstlerin
lassen uns die Anstrengung übersehen, mit welcher sie gegen
die Brandung des Wagner’schen Orchesters ankämpft. Frau
Materna, die treffliche „Furie des Hasses“ in Gluck’s
„Armida“, scheint sich in das Geschlecht der Dämonenweiber
mit steigendem Erfolg hineinzuwachsen; sie singt und spielt die
Ortrud ganz effectvoll. Dieses unangenehme Frauenzimmer
besitzt in Telramund einen Gatten, der sich ebenso schwer
singt und noch weniger zum Applaudirtwerden eignet, als sie
selbst. Danken wir Herrn v. Bignio, daß er diesen
schwachmüthigen Bösewicht durch edle Repräsentation und
maßvolle Kraft eine Stufe höher zu heben versucht. Der
deutsche Kaiser, den Herr Schmid vorstellt, mahnte uns
nicht so sehr an Heinrich den Finkler, wie an den alten Bar
barossa im Kyffhäuser; er schien den Abend hindurch in
tiefen Schlaf versunken, bis der demonstrative Applaus einer
deutsch-patriotischen Phrase ihn fröhlich erweckte. Der kleinen
Rolle des Heerrufers kommt das markige Organ des
Herrn Krauß vorzüglich zu statten. Den neuen Decora
tionen von Kautzky läßt sich eine besonders glückliche Er
findung nicht nachrühmen, hingegen machten die prachtvollen,
von F. Gaul gezeichneten Costüme großes und verdientes
Aufsehen; sie gehören zu den schönsten, die wir auf einer
Bühne gesehen.
Ueber die Oper selbst, die längst bekannte und zum Ueber
druß besprochene, wird wol Niemand nachträgliche kritische
Ausführungen wünschen. Indessen will ich den wahrheits
getreuen, individuellen Eindruck nicht verschweigen, daß „Lohen
grin“ trotz aller geistreichen Intentionen und Effecte diesmal
eine überwiegend langweilende und ermüdende Wirkung auf
mich übte. Trotz seiner größeren Styl-Einheit vermag ich
„Lohengrin“ doch nimmermehr dem „Tannhäuser“ gleichzu
stellen, in dessen Musik so ungleich frischeres Blut und natür
lichere Empfindung pulsirt. Selbst der „Fliegende Holländer“
ist musikalischer und stimmungsvoller. Wie die flimmernde,
unnahbare Gestalt des Gralsritters, mit seinem „Geheimniß“
als einzigem Pathos, so ist auch die ganze Musik gleißend und
gemüthlos. Sie beschäftigt den Verstand und im Vereine mit
glücklichen scenischen Anordnungen die Einbildungskraft; das
Gemüth eines Hörers von tieferem musikalischen Bedürfniß
bleibt unbefriedigt. Mit lebhaftem Antheile, stellenweise mit
Bewunderung folgen wir dem ersten Acte, dessen Musik sich
anfangs merkwürdig mäßig hält, beim Erscheinen Lohengrin’s
eine ungewöhnliche dramatische Höhe erreicht und als Ganzes
das Werk eines eminenten Bühnenverstandes ist. Von da an
werden wir merklich abgekühlt. Immer ermüdender werden
die zwischen raffinirtestem Geflimmer und wohlfeilstem Getöse
wechselnden Orchester-Effecte, immer unbefriedigender wirkt
dieser ruhelose, aus lauter kleinen Melodienstückchen zusam
mengesetzte Gesang, immer langweiliger das weiße Magnesium
licht des heiligen Gral und die mit dem Maurerpinsel ge
malte Bosheit von Ortrud und Telramund.
In dieser geistreichen, aber raffinirten Verstandesarbeit
wird uns nirgends recht warm und wohl zu Muthe, selbst
nicht in dem vielgepriesenen Brautnacht-Dialog, der weder an
melodischem Ideengehalt, noch an Wahrheit und Wärme der
Empfindung das Liebesduett aus den „Hugenotten“ oder
„Faust“ erreicht.
Der nervenüberreizende, erschlaffende Eindruck des „Lohen
grin“ erinnert mich unwillkürlich an das derbe Geständniß
von Gervinus: es sei „eine Roßarbeit“, einen Roman von
Jean Paul durchzulesen, trotz aller genialen Einfälle dieses
Dichters. Möge Herr Ludwig Nohl verzeihen, wenn ich mir
dieses Citat hier erlaube und sofort (mit Hinweglassung der
genialen Einfälle) auch auf die Lectüre seines Buches:
„Gluck und Wagner“ ausdehne. Dieses neueste Product
des rührigen Wagner-Apostels ist den Manen des armen
Beethoven geweiht.
Auf und aus Beethoven folgt nämlich nach Nohl’s
Versicherung als unmittelbare Emanation ganz allein Richard
Wagner. Die inzwischenliegenden Tondichter (C. M. Weber,
Spohr, Schubert, Mendelssohn, Schumann, Meyerbeer etc.)
werden als unnütze Mittelglieder der musikalischen Entwicklung
kurzweg beiseite geschoben. Die apologetische Tendenz, Wagner
als den einzig rechtmäßigen Sohn Beethoven’s zu proclamiren,
verführt den Autor zu handgreiflichen Unwahrheiten. So will
er Wagner’s Musik als unabhängig von C. M. Weber
darstellen, während doch jeder Laie beim Anhören von „Lohen
grin“, „Holländer“ oder „Tannhäuser“ sofort bemerkt, wie
Richard Wagner überall, wo er melodiös wird, direct an
Weber erinnert, gar nicht zu reden von ganzen Figuren,
welche, wie Ortrud und Telramund, Weber nachgebildet sind.
„Weber,“ sagt Nohl, „stand wie sein angebeteter Mozart
ebenfalls auf absolut musikalischem Standpunkte.
Daß er die Oper als Drama betrachtet hätte, fiel ihm
nicht entfernt ein,“ wie er denn auch in seinen Stoffen „oft
in einer romantisch bigotten und dumpf mittelalterlich be
schränkten Anschauung haften blieb“. Weber stehe gar nicht so
weit ab von Rossini, „mit dem er das von aller dra
matischen Wahrheit abgewendete und ihrer ge
radezu spottende absolute Melodienwesen vielfach genug theilt“.
Noch „schlimmer und erschlaffender für unsere gesammte
deutsche Art auf musikalischem Gebiete als Rossini hat Men
delssohn-Bartholdy gewirkt“! Nun wird auf Men
delssohn, den Herr Nohl schlechtweg „eine saft- und kraftlose
Treibhauspflanze“ nennt, aller erdenkliche Unglimpf gehäuft.
Meyerbeer’s Opern sind Herrn Nohl natürlich nur „tie
fer Hohn und frivoler Spott auf alles Wahre und Schöne“.
Nachdem der rüstige Verfasser dergestalt reinen Tisch gemacht
und die Geschichte der Musik von all den unwürdigen Vor
fahren Wagner’s gesäubert hat, kommt er zu jener
großen neuen Entdeckung, welche den Zielpunkt seiner
langen Abhandlung bildet: das Wagner’sche Musikdrama
sei „das wahre deutsche National-Drama“.
Das soll heißen: Wagner’s Opern bilden nicht blos das
Höchste in der gesammten Musik-Literatur, wie Wagner’s
Leibjournalisten („Blutzeugen“ nennt sie Herr Nohl!) bisher
allzu bescheiden behauptet, sondern sie sind überhaupt die höchste
Stufe auf dem Gesammtgebiete der dramatischen Dichtung!
Erst Wagner repräsentirt „die volle Entfaltung der nationa
len Kunst, die endliche Erreichung des wahren deutschen
National-Dramas“! Also nicht blos Gluck, Mozart,
Weber, auch Shakspeare, Goethe und Schiller haben lediglich
geahnt und tastend vorbereitet, was R. Wagner mit Bewußt
sein geschaffen. „Mozart und Beethoven, Goethe und Schiller
haben uns eine echt und voll deutsche Kunst nicht gege
ben.“ Wie muß sich selbst „Shakspeare mit der bloßen
Wortsprache abmühen, um uns auch nur entfernt die wirkliche
sinnliche Gegenwart des von ihm klar Erschauten zu bereiten“!
In Schiller und Goethe findet Herr Nohl viel zu viel fremde,
undeutsche Elemente, sie haben uns keineswegs „unsere Sprache
nach ihrer ganzen Fülle und reinen Naturart gebracht“. Er
spottet über das „Holpern und Stolpern“, der Jamben
in Goethe’s und Schiller’s Dramen, die von der
herrlichen Diction des „Rheingold“ oder der „Meister
singer“ freilich noch keine Ahnung hatten. Nur ein durch
componirtes und — gesungenes Drama ist für Herrn Nohl ein
„echtes und deutsches“; Goethe’s „Faust“ ist ihm „das letzte
deutsche Drama“. „Und was hat (fährt Herr Nohl immer
couragirter fort), was hat bei aller Schönheit und Tiefe der
Gedanken die Nation auf die Dauer Reales von diesem Faust,
von diesem Mephisto?“ Einzeln betrachtet würde man jeden
dieser Sätze für einen schlechten Spaß, für eine Persiflage
halten, aber Herr Nohl geht consequent weiter, nennt allen
Ernstes die „Meistersinger von Nürnberg“ „das
erste vollgiltige nationale Lustspiel, die erste wirkliche deutsche
Comödie“ und Wagner’s „Ring der Nibelungen“ die
„wahre deutsche National-Tragödie und den Culminationspunkt
der gesammten modernen Kunst“! Neben Wagner’s „Musik
dramen“ hat kein dramatisches Kunstwerk mehr das Recht,
zu bestehen. Gesprochene Dramen, wie Schiller’s und Goethe’s,
werden als eine Verirrung dargestellt, für welche es seit
Wagner’s Auftreten keine Berechtigung mehr gibt. Die ganz
individuelle Specialität Wagner’s, Dichter und Componist
seiner Opern zugleich zu sein, wird von Herrn Nohl zum
allgemeinen, unverbrüchlichen Kunstgesetz erhoben. „Ist es
möglich, im Jahre 1862 in Berlin so etwas zu schreiben?“
ruft Herr Nohl entrüstet aus, indem er die Ansicht von
Marx citirt, es werde die recitirte Tragödie unan
tastbar durch die Oper und neben derselben fortbestehen.
Wenn jetzt der Nation ein dramatischer Dichter wie Schiller
erstünde, Herr Nohl würde ihm die Rede verbieten und nur
die Wahl lassen, entweder zu singen oder das Maul zu halten.
Nohl’s Buch bewegt sich durch 368 Seiten ununterbrochen
in jenem schwülstigen, sentimental-salbungsvollen Schaukelstyle,
der, zunächst der Wagner’schen Prosa nachgebildet, dem Leser nach
zehn Minuten unfehlbar Ueblichkeiten verursacht. Das Aeußerste
an geistloser Abgötterei leistet die Schluß-Apostrophe an Wag
ner, den „kräftig von echter Liebe erfüllten Mann, welcher
kommen mußte, um das schöne Weib (die Musik) zu gewin
nen, das zuletzt einem männlichsten der Männer in Liebe an
gehört“. „Wagner ergab sie sich gerne, die lange genug
in öder Einsamkeit geschmachtet, das holde, mit echt weiblicher
Scham bisher zurückhaltende Weib der Musik, das dem Schwäch
ling und Frechling, der mit ihr blos sein eitles oder frivoles Spiel
treiben wollte, fern und spröde blieb; denn er (Wagner) war
der Mann, den sie freien konnte und durfte, er war der
Siegfried, der ihr die Brünne löste, und ihm gehört sie von
natur- und rechtswegen als sein ihm zuertheiltes schwester
liches Weib!“ Der Leser wird mir gerne glauben, daß ich
nur mit größter Selbstüberwindung diese kleine Blumenlese
aus Herrn Nohl’s neuestem Wagner-Brevier zu Stande ge
bracht. Es schien mir publicistische Pflicht, auch einem größe
ren Leserkreise eine Vorstellung davon zu geben, welche Höhe
des Unsinnes und der Frechheit der Götzendienst Wagner’s in
Deutschland glücklich erreicht hat.
Mein geehrter College Herr Schelle, als Mitglied des
Beethoven-Comités gleich mir von Richard Wagner mit dem großen
Bann belegt, hat in seinem letzten Feuilleton die Grundlosigkeit der
„Berichtigung“ dargethan, welche Frau Clara Schumann durch
meine Feder jüngst an seine Adresse richtete. Wie Herr Schelle selbst
einräumt, stehe ich der ganzen nicht übermäßig wichtigen Angelegenheit
gänzlich ferne und kann nur bedauern, ein mir so dringend gestelltes
und genau präcisirtes Ansuchen, wie das der Frau Schumann, nicht
vor dessen Realisirung doch noch genauer geprüft zu haben.