Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2202. Wien, Freitag, den 14. October 1870 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2202. Wien, Freitag, den 14. October 1870 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien 14.10.1870
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Musik. („Gesellschaft der Musikfreunde.“ — Philharmonische Concerte.) Wien, 13. October.

Ed. H. „Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen!“ so antworten die Graalsritter unserer „Gesell schaft der Musikfreunde“ seit Wochen auf jede Interpellation, wann, wie und von wem die „Gesellschafts-Concerte“ dirigirt sein werden. In der That wußte man noch gestern nicht, weiß vielleicht auch morgen nicht, wem die Leitung dieser größten Concert-Productionen Wiens anvertraut sei. Einen geeigneten Ersatz für Herbeck zu finden, war gleich nach dessen Austritt unstreitig die allererste Pflicht, die dringendste Aufgabe der Direction. Statt dessen wurde seit April diese Lebensfrage vertagt, umgangen und „beschlafen“, bis man sich auf den Sand eines kläglichen Interregnums aufgefahren sah. Das ganze Capitel von der Nachfolge Herbeck’s enthält so wenig Rühmliches für die Direction der „Gesellschaft“, so wenig Einladendes für öffentliche Besprechung, daß wir letztere von Tag zu Tag verschoben. Die leeren Straßenecken aber, welche sonst um Mitte October längst mit den riesigen Annoncen der Gesellschafts-Concerte prunkten, reden uns schließlich zu laut ins Gewissen.

Unter den zahlreichen Künstlern, welche man als Nach folger Herbeck’s nannte, waren die weitaus hervorragendsten Brahms und Dessoff. Nachdem Letzterer seine gesicherte, lohnende Stellung am Hofoperntheater hätte aufgeben und dafür entschädigt werden müssen, Ersterer hingegen vollständig Herr seiner Zeit ist, so blieb Brahms der einzige ernsthaft in Frage kommende Candidat. Es bedarf gewiß keiner Can didaten-Rede für Brahms. Gegenwärtig das bedeutendste und vornehmste Talent auf dem Gebiet der Orchester- und Kam mermusik, ist Brahms zugleich seit Jahren geübt und erprobt als Dirigent. Nicht blos technische Meisterschaft, auch eine seltene allgemeine Bildung und unerschütterlicher künstlerischer

Ernst heben ihn hoch über die Mehrzahl seiner Collegen und Rivalen. Sein künstlerischer Charakter bürgt dafür, daß ein festes musikalisches Princip, eine durchaus ernste Kunstauffas sung, ein von aller persönlichen Eitelkeit oder Gewinnsucht freier Geist das Concertwesen der „Gesellschaft“ durchdrungen hätte. Möglich, daß auch Brahms nicht in allem und jedem Stücke den Wünschen der Sänger, Spieler und Zuhörer ent sprochen hätte, allein sein Name hob die Direction über jede Besorgniß hinaus. Er war der Mann, für die übernommene Aufgabe einzustehen und volle Verantwortung zu tragen. Brahms, dessen jugendliche Manneskraft einem größeren, prak tischen Wirkungskreis zustrebt, war bereit, die Stelle anzuneh men. Die Fragen, welche er vorläufig an die Direction stellte und deren zögernde und ungenügende Beantwortung ein übles Vorzeichen war, betrafen nur künstlerische Anliegen, keine persönlichen oder materiellen. Die Schwierigkeit, nach einem unvergeßlichen Dirigenten wie Herbeck aufzutreten, verhehlte sich Brahms keinen Augenblick; ungetheilt wollte er deßhalb seine ganze Kraft dem Werke widmen. Ungetheilt mußte man ihm aber auch den ganzen Wirkungskreis Herbeck’s anver trauen. Die ergiebigere Hälfte dieses Feldes ist bekanntlich der Singverein, jener treffliche gemischte Chor, dem die Gesellschafts-Concerte ihre schönsten Erfolge, ja ihren specifi schen Charakter verdanken.

„Director der Gesellschafts-Concerte“ ist man offenbar nur, wenn man auch den Singverein leitet und über densel ben verfügen kann. Was thut aber die Direction der „Musik freunde“? Sie trennt die bisher vereinigte Leitung des in strumentalen und des vocalen Theiles, betraut mit letzterem einen jungen, gänzlich unbekannten Musiker, benachrichtigt Brahms mit reizender Naivetät von diesem Fait accompli und von dem Beschlusse, daß er sich auf die Leitung des Or chesters zu beschränken habe. Es liegt auf der Hand, daß eine solche Theilung des musikalischen Stoffes künstlerisch un motivirt und ohne persönliche Reibungen undurchführbar ist. Nur Einem Director gebührt mit der ganzen Verantwortlich keit auch die ganze Leitung der Concerte; ein zweiter ist nur

denkbar, als abhängiger Hilfsarbeiter des ersten. Trachtete man daher einen Künstler von der Bedeutung und Reputa tion Brahms ernstlich zu gewinnen, so mußte man ihm die Concert-Direction ungetheilt antragen und dann allen falls ein jüngeres Protectionskind als Assistenten und Supplenten bei den Chorübungen anempfehlen. Man that das Gegentheil; zuerst wurde mit auffallender Dringlichkeit der Adjutant gewählt, hinterher, fast wie eine Nebensache, der General. Daß Letzterer, nämlich Brahms, keine Lust empfand, sich mit der Hälfte der Truppen zu begnügen, kann Niemand tadeln und konnte Jeder voraussehen. Die Verhand lungen, über welchen die kostbarste Zeit verloren ging, blie ben somit resultatlos und die „Musikfreunde“ ohne Concert- Director.

In dieser Noth galt es, rasch ein anständiges Provisorium zu schaffen für die nächste Concertsaison. Es wäre von Seite der Direction das Natürlichste gewesen, den neuen Dirigenten des Singvereins, Herrn Ernst Franck, provisorisch auch mit der Orchesterleitung zu betrauen. Wir sprechen vollkommen ernsthaft. Wenn die Direction den Muth hatte, einen jungen Mann, der nicht die kleinste öffentliche Probe seiner Tüchtig keit abgelegt, an Herbeck’s Platz im Singverein zu stellen, warum nicht zugleich an Herbeck’s Platz im Orchester? Wir sind weit entfernt von jedem Mißtrauen gegen Herrn Franck, in welchem embryonisch vielleicht der größte Dirigent der Zu kunft schlummert. Nicht seine Fähigkeiten, die ja noch Nie mand kennt, greifen wir an; nur den Uebelstand, daß sie noch Niemand kennt. Sollte Herr Franck, der Anfänger, sich wirklich sofort als zweiter Herbeck entpuppen, so werden wir es gewiß mit aufrichtiger Freude anerkennen. Aber für ein Kunst-Institut von dem alten Adel der „Gesellschaft der Musikfreunde“ scheint uns ein solches Experiment nicht ziem lich. Wer zur Leitung der größten Concert-Unternehmung in der Monarchie berufen wird, der sollte bereits irgend welche zweifellose Leistung aufzuweisen haben. Die Ernennung Brahms hätte in den Augen der gesammten Musikwelt die künstlerische Autorität der „Gesellschaft“ kräftig gehoben,

dieselbe Autorität, welche jetzt in rapidem Sinken begriffen ist. Jetzt steht man dicht vor der Eröffnung der Gesellschafts- Concerte und hat noch keinen Dirigenten.

Das Synedrium der „Musikfreunde“ verfiel auf Herrn Hellmesberger, dem sicherlich Niemand den Ruhm eines sehr guten Musikers und vorzüglichen Virtuosen streitig machen kann. Gegen eine definitive Anstellung Hellmes berger’s als Director der Gesellschafts-Concerte standen jedoch zwei wichtige Bedenken: einmal die nicht günstige Erinnerung an seine Leitung der Gesellschafts-Concerte in den Fünfziger- Jahren, sodann seine Ueberbürdung mit zahlreichen anderen Amtspflichten. Wie viel Zeit und Mühe kostet nicht Herrn Hellmesberger die Leitung des Conservatoriums oder sollte sie ihm wenigstens kosten? Notorisch wie die Wichtigkeit dieser Aufgabe ist auch die Thatsache, daß Herr Hellmesberger ihr nicht das erforderliche Maß von Sorgfalt und Arbeit widmet. Hieße es nicht das Conservatorium vollends preis geben, wenn man Herrn Hellmesberger, den Director, Violin- Professor, Concertmeister am Operntheater, Solospieler in der Hofcapelle, Unternehmer von Quartett-Soiréen etc. etc., noch mit einer neuen gewichtigen Anstellung belastete?

An und für sich sind diese Aufgaben keineswegs unver einbar, ja es war stets ein Lieblingsgedanke von uns, sie ein mal in Einer starken Künstlerhand vereinigt zu sehen. Hiller in Köln, Reinecke in Leipzig dirigiren das Conservatorium und die Abonnements-Concerte, wie es seinerzeit auch Men delssohn gethan, der Schöpfer des Leipziger Conservato riums. Ein Mann genügt, aber es muß ein echter und ganzer sein. Findet sich ein solcher, der mit echtem Talent zugleich eine feste moralische Autorität über Zöglinge und Orchester-Mitglieder vereinigt, so wird die Verbindung der Concert-Direction und der Conservatoriums-Leitung in seiner Hand die besten Früchte tragen. Nebst der größeren artisti schen Einheit erwächst daraus auch der praktische Vortheil, durch die verdoppelte Besoldung eine Notabilität ersten Ran ges gewinnen zu können. Man hat in Wien seinerzeit die Stelle eines „artistischen Directors der Gesellschaft“ zumeist

aus persönlichen Rücksichten in zwei Theile getrennt, gerade wie man jetzt aus persönlichen Rücksichten sie in drei Anstel lungen zerstückt. Die lieben persönlichen Rücksichten, sie spielen in der „Gesellschaft der Musikfreunde“ gerne die erste Violine, oft sogar Solo! Man hat aus Delicatesse gegen empfind liche Künstler und zum Nachtheile für die gute Sache es vor dem unterlassen, Herbeck mit der Concertleitung auch zu gleich das Conservatorium zu übertragen und Hellmesber ger auf die Aufgabe zu beschränken, welcher er vollständig gewachsen und zugeneigt ist: auf die Professur der Violine und des Quartettspieles. In solcher Stellung wäre wahr scheinlich Herbeck heute noch der „Gesellschaft“ erhalten und Hellmesberger’s empfindlichem Gemüth blieben die neuesten Aufregungen erspart. Diese Aufregungen bestehen darin, daß die Direction Herrn Hellmesberger um die provisorische Leitung der Concerte für die nächste Saison ersuchte, natür lich unter schmeichelhaftester Betonung sowol seiner großen Geschäftslast, wie seiner bewährten Gefälligkeit. An Hellmes berger’s Stelle hätten wir eine moralische Verpflichtung ge fühlt, durch unumwundene Erfüllung dieses Ansuchens das Institut aus großer Verlegenheit zu reißen. Hellmesberger ist das älteste Directions-Mitglied, der Doyen des Hauses, seit seinen Knabenjahren von der „Gesellschaft“ gefördert, bevor zugt, gehätschelt, also ihr natürlicher nächster Helfer in der Noth. Herr Hellmesberger hat auch wirklich angenommen, aber nach seiner Art: er sagte am Montag Ja, am Dienstag Nein, am Mittwoch wieder Ja, am Donnerstag doch wieder Nein. Heute ist Donnerstag. Die Gesellschaft hat keinen Dirigenten.

Zu dieser Rathlosigkeit und Zerfahrenheit, unter welcher die curulischen Stühle im neuen Musikvereinssaale wackeln, bildet der solide Organismus der Philharmonischen Concerte ein tröstliches Gegenstück. Es geschieht auch nicht unter günstigen Verhältnissen, daß die Philharmoniker ihre diesjährigen Concerte ankündigen. Man hat ihnen vielmehr die wesentlichste Förderung entzogen, deren sie bisher sich un beirrt erfreuten: die Benützung des Hofoperntheaters.

Unternehmer der Philharmonischen Concerte ist bekanntlich das Orchester des Hofoperntheaters. Dieses, sollte man glau ben, habe gegründeten Anspruch, seine mit Recht hochgeschätzten Productionen an theaterfreien Tagen im eigenen Hause ab halten zu dürfen, zumal auch die (Herbeck’schen) Abonnements- Concerte im Opernhause dieses Jahr wegfallen. Warum im neuen Opernhause plötzlich unstatthaft sein soll, was im alten zehn Jahre lang willkommen war, das geht freilich über unseren beschränkten Unterthanenverstand. Gleichviel; die Phil harmoniker, plötzlich aus dem Theater vertrieben, haben sich dadurch nicht entmuthigen lassen. Sie sind unter der Fahne ihres erprobten Führers Dessoff treu zusammen geblieben und eröffnen uns die erfreuliche Aussicht auf acht Philhar monie-Concerte im großen Musikvereinssaale. Die Theater-Localität bot den Besuchern allerdings manche beson dere Bequemlichkeit, die architektonische und akustische Schön heit des neuen Musikvereines wird sie dafür entschädigen. Der Saal ist groß genug, um unbeschadet des Vorkaufsrechtes der Gründer und Stifter allen bisherigen Abonnenten hinreichen den Raum zu bieten, wie denn auch durch mannichfaltige Ab stufung der Preise und Einführung „ungesperrter Sitze“ die Philharmonie-Concerte jeder Classe des musikliebenden Publi cums zugänglich gemacht wurden.

Was den musikalischen Inhalt dieser acht Concerte be trifft, so dürfen wir manchen auserlesenen Genuß hoffen. Das classische Repertoire (Mozart, Haydn, Beethoven, Mendels sohn, Schumann) ist durchflochten mit Novitäten von Rubin stein, Gade, Brahms, Volkmann, Raff, Bargiel, Rudorff, Gernsheim und Goldmark. Namhafte Vir tuosen, wie Sophie Menter, Epstein, Brahms, Gerns heim, Popper, Wieniawsky und August Wil helmi, haben ihre Mitwirkung zugesagt. So ist denn nicht zu fürchten, daß die nunmehr auf eigene Füße gestellte Concert- Unternehmung der Philharmoniker minder fest stehen werde, als bisher. Sie ist der wohlerworbenen Sympathien des Publi cums gewiß.