Zum
Beethoven-Jubiläum.
(Fest- und Gelegenheitsschriften. Neue Editionen.
Richard Wagner’s „
Beethoven“.)
Ed. H. Die Kriegsereignisse dieses Sommers, welche die
Vorbereitungen zur Beethoven-Feier theils gesprengt, theils
zurückgedrängt hatten, schienen auch die erwarteten literarischen
und musikalischen Festgaben vereiteln zu wollen. Da taucht
jetzt, gerade noch zu rechter Stunde, mit Einem Schlag eine
Anzahl solcher Jubiläumsspenden auf, welche die Aufmerksam
keit des Publicums verdienen. Wir wollen nicht von der
großen vollständigen Beethoven-Ausgabe von Breitkopf und
Härtel sprechen, einem monumentalen Unternehmen, dessen
anerkannter Ruhm keiner journalistischen Nachhilfe bedarf.
Noch mehr ins Volk gedrungen ist die äußerst billige, dabei
bequeme und correcte Ausgabe, welche C. F. Peters in
Leipzig veranstaltet hat. Für ein wahres Spottgeld erhält
man in dieser netten, handlichen Edition Beethoven’s sämmt
liche Ouvertüren, Sonaten, Symphonien, den „Fidelio“, die
„Egmont“-Musik u. s. w. zwei- und vierhändig; unter diesem
Peters’schen „grünen Umschlag“ wird Beethoven bis ins letzte
Haus dringen. Die Clavier-Sonaten Beethoven’s hat Ferdi
nand Hiller neu redigirt, und zwar aus einem besonderen
praktischen Gesichtspunkt: dem der Clavier-Pädagogik. Er
reiht nämlich diese 32 Sonaten nach der Schwierigkeit ihrer
Ausführung für den Spieler, und da dieser stufenweise Fort
gang vom leichtesten Handstück bis zur höchsten Virtuosen-
Aufgabe dem Herausgeber vorzüglich gelungen ist, so wird
seine Sonaten-Ausgabe für den Zweck systematischen Clavier-
Unterrichts sich ohne Zweifel einbürgern. Hiller hat ein län
geres Vorwort in der ihm eigenthümlichen klaren und an
muthigen Weise dazu geschrieben.
Die Reihe der literarischen Festgaben hat, allerdings mit
einem kleinen Beitrag, C. F. Pohl in Wien eröffnet, indem
er den kürzlich erschienenen Jahresbericht des Conservatoriums
mit lobenswerthem Tact durch einen Aufsatz über Beetho
ven einleitet. Hauptinhalt desselben sind die Aufschreibungen
Karl Czerny’s über seinen persönlichen Verkehr mit Beetho
ven, welcher bekanntlich unsern Czerny als Künstler und Men
schen hochschätzte. Durch ihren Inhalt, wie durch ihren be
scheidenen, schmucklosen Vortrag wirken diese Mittheilungen an
ziehend. Auffallend, ja unerklärlich sind darin nur einige
chronologische Widersprüche.
„Ich erinnere mich noch jetzt, wie eines Tages u. s. w.,“ er
zählt Czerny von der ersten Bekanntschaft Beethoven’s mit Abbé
Gelinek, welche doch nach dem Zeugniß Schenk’s in das erste
Jahr von Beethoven’s Wiener Aufenthalt fällt. Czerny (geboren im
Februar 1791) war damals noch nicht drei Jahre alt, konnte sich also
unmöglich „erinnern“. Auch in seiner „Clavierschule“ erzählte Czerny,
die A-Dur-Symphonie sei in Beethoven’s Geist durch die Ereignisse
von 1814 und 1815 angeregt worden, während sie doch in Wirklich
keit schon 1812 componirt ist.
Hier wie anderwärts scheint
Czerny’s Gedächtniß, auf welches er nach Jahren sich noch
vollständig verließ, ihm doch einen kleinen Streich gespielt zu
haben. Diese Widersprüche wird wol am besten der zweite
Band von Alexander Thayer’s, „Beethoven-Biographie“ lösen,
dessen Erscheinen wir mit Ungeduld erwarten. Außerdem steht
noch eine werthvolle Studiensammlung von Nottebohm
(„Beethoveniana“) zu erwarten.
Eine vollkommene, den historischen und den ästhetischen
Inhalt gleichmäßig in großem Styl behandelnde Beethoven-
Biographie fehlt noch immer — eine Lücke, welche uns den frü
hen Tod Otto Jahn’s doppelt schmerzlich empfinden läßt.
Thayer’sWerk, das an urkundlicher Genauigkeit und Voll
ständigkeit gewiß jeden Concurrenten schlagen wird, steht noch
fern von seinem Abschluß, dürfte auch durch seine Ausführ
lichkeit sich kaum für einen großen Leserkreis eignen. Umso
mehr mußte sich gerade jetzt das Bedürfniß nach einer ge
drängten Beethoven-Biographie geltend machen, welche das
große Publicum orientirt und anregt. Zwei solche biogra
phische Skizzen liegen uns vor: die erste von La Mara
(Leipzig bei Weißbach), die bereits Thayer’s Forschungen
vollständig benützt, die andere von C. F. Jahn (Elbing bei
Hartmann), welche außer der Biographie Beethoven’s und
dem Verzeichniß seiner Werke noch dessen Porträt, Geburts
haus, Grab und Monument in sauberen Abbildungen enthält.
Joseph Schlüter hatte die gute Idee, Beethoven auch mit
seinen eigenen Worten zu uns sprechen und gleichsam sein
Leben selbst erzählen zu lassen. Es geschicht dies in einer
Auswahl „Aus Beethoven’s Briefen“ (Leipzig bei
Engelmann), welche von J. Schlüter sehr einsichtsvoll gewählt,
geordnet und durch fortlaufende biographische Erklärung ver
bunden sind.
Die eigenthümlichste und geistreichste der bis jetzt erschie
nenen Festschriften ist unleugbar „Beethoven“ von Richard
Wagner. (Leipzig bei Fritsch.) Mit Spannung erwartete
man diese Publication Wagner’s über den einzigen Componi
sten, dem er mit unbedingter, enthusiastischer Verehrung erge
ben ist. Ob die Leser ihre Erwartungen auch erfüllt sehen
werden, darf man schon aus dem Grunde bezweifeln, weil nur
die kleinere Hälfte des Buches von Beethoven handelt, wäh
rend die andere sich mit der philosophischen Untersuchung des
Wesens der Musik abgibt. In dieser Untersuchung offenbart
Wagner ein wahrhaft erstaunliches Talent, sich schwülstig,
dunkel und confus auszudrücken. Er klammert sich krampfhaft
an Schopenhauer’s Unterscheidung zwischen Ding an sich
(Wille) und Erscheinung (die durch Raum und Zeit bedingte
Vielheit der sichtbaren Dinge), um daraus für die Musik
metaphysisches Kapital zu schlagen. Der unmittelbare Ausdruck
des Willens ist ihm der Schrei (ein schöner Mutterschoß
der Musik!). Der Wille ist das uns selbst und allen Dingen
außer uns gemeinsam zu Grunde liegende Ding an sich, folglich
ist der Schrei, d. i. Klang, Ton, Musik, die erste und unmit
telbarste Offenbarung des innersten Kernes der Welt! Wagner
schildert uns die venetianischen Gondolieri und die Schweizer
Sennhirten, in ihren Rufen „schreit“ das An-sich der
Welt sich selber zu! Die Welt des Klanges steht dadurch
so außerordentlich hoch über der Welt des Lichtes und
so nahe an dem „Wesen der Welt“ selbst, weil sie von
der Erscheinungsform der sichtbaren Welt, der Form der
Räumlichkeit und Körperlichkeit frei ist. Würde sie es über
dies auch von der Form der Zeitlichkeit sein, so wäre sie so
recht die tiefste Offenbarung des Willens, d. i. des außer Raum
und Zeit seienden An-sich der Welt! Daher sieht Wagner die
wahre Musik auch viel mehr in der Harmonie als in der
Melodie, denn letztere als Tonfolge bedarf der Zeitform
und drückt daher nicht das zeitlose An-sich der Welt so
vollkommen aus, wie die Harmonie, die im zeitlosen Zusam
menklingen der Töne liegt. Melodie und Rhythmik sind
für Wagner der Sündenfall der Musik aus ihrer harmoni
schen „Unschuld“, denn damit kommt die Zeitform in dieselbe
und nähert sie der Architektonik und „Plasticität“, also For
men der sichtbaren Welt, der Welt der Erscheinung und
des bloßen Intellectes. Die wahre Musik wäre also nach R.
Wagner ein einziger ununterbrochen forttönender Accord, ohne
rhythmische Periodisirung, ein musikalisches Om-Om-sagen nach
Art der Brahmanen, denn so käme sie dem unveränderlichen
Ding an sich, dem „Willen“ als dessen Offenbarung am
nächsten! Palestrina’s Musik, bei welcher „der Rhythmus
nur erst noch durch den Wechsel der harmonischen Accord
folgen wahrnehmbar ist“ (Seite 21), gilt ihm daher für das
„Traumbild der Welt in ahnungsvollster Weise“, weil sie der
Zeitform am fernsten bleibt. Leider müssen wir entgegnen,
daß aber auch der bloße „Wechsel von Accordfolgen“ nicht
ohne Zeitform stattfinden kann, und mit der zeitlosen Offen
barung ist es daher wieder nichts! Musik beginnt erst mit
der Reihe von Tönen, einzelne Klänge sind noch keine Musik,
so wie einzelne Linien und Farben noch keine Malerei. Mit
dieser Stellung der Musik in die nächste Nähe des Wesens
der Welt hängt auch die Rolle des Traumes zusammen,
den R. Wagner für die Musik an die Stelle des wachen Be
wußtseins eintreten läßt. Das Gehirn (der Intellect) kann
nach Schopenhauer sowol von Außen, d. i. durch
die sichtbare Welt der Erscheinung, als von In
nen, d. i. durch den Willen, die Welt an sich,
angeregt werden: im ersten Falle kommt es bei
ihm zur Erfahrung im Lichte des Bewußtseins, im
zweiten Falle zum bewußtlosen Traum. Der Traum ist
nach Schopenhauer eine unmittelbarere Offenbarung des Wesens
der Welt, als die dem Bewußtsein zugängliche Erscheinung.
Darum ist er „prophetisch“, das Wesen der Welt allegorisch
versinnlichend, der Träumer eine Art Hellseher. Man
weiß, wie tief Schopenhauer sich in diese Lieblings-Idee vom
Traum, vom Hellsehen und Geistersehen vernistet hat, so daß
man manchmal eine philosophische Lotterieschwester zu hören
meint. R. Wagner beutet den Traum noch weiter für die
Musik aus: wenn die Musik die dem Wesen der Welt nächst
stehende Offenbarung derselben, so ist der Musiker der eigent
liche Hellseher, die musikalische Conception dem allegorisirenden
Traume verwandt. Dies wäre aber vielmehr ein Beweis,
daß jene verpönte Melodie und Rhythmik, mit Einem Wort
die Zeitform zum Wesen der Musik nothwendig gehört, denn
der „träumende“ Intellect kann gar nicht anders als in der
Zeitform träumen. Bei einzelnen logischen Ungeheuer
lichkeiten, wie die (S. 20) einer „cerebralen Befähigung,
vermöge welcher der Musiker das aller Erkenntniß
verschlossene innere An-sich wahrnimmt“ (also doch
erkennt!), wollen wir uns gar nicht aufhalten. Im Ganzen
dürfte Wagner wenig Dank für die Anstrengung ernten, aus
der Musik, die eine sehr schöne Kunst ist, eine grundschlechte
Metaphysik machen zu wollen.
Und was hat gerade Beethoven mit dieser Theorie
zu schaffen, die ihn nur als großen Träumer behandelt, nicht
als großen Künstler erklärt? Richard Wagner antwortet uns
mit folgendem Satze: „Durch diese Formen“ (die musikali
schen) „zu dem innersten Wesen der Musik in der Weise
durchgedrungen zu sein, daß er von dieser Seite her das
innere Licht des Hellsehenden wieder nach Außen zu werfen
vermochte, um auch diese Formen nur nach ihrer inneren Be
deutung uns wieder zu zeigen, dies war das Werk unseres
großen Beethoven, den wir daher als der wahren In
begriff des Musikers uns vorzuführen haben.“ Man sieht
schon hier, daß Wagner in Beethoven nicht blos den größten,
sondern den einzig großen und wahren Musiker erblickt. Wenn
er von Beethoven sagt, er „spreche die höchste Weisheit aus
in einer Sprache, die seine Vernunft nicht versteht“, so möchte
man allerdings fragen: Woher wissen wir denn, daß es „Weis
heit“ ist, wenn es in einer Sprache gesagt wird, welche „die
Vernunft“ nicht versteht? Wagner erklärt sich näher, indem
er die Behauptung aufstellt, „durch Beethoven habe der
deutsche Geist den Menschengeist von tiefer Schmach erlöst“.
„Denn,“ fährt er fort, „indem Beethoven die zur bloßen ge
fälligen Kunst herabgesetzte Musik aus ihrem eigensten Wesen
zu der Höhe ihres erhabenen Berufes erhob, hat er uns das
Verständniß derjenigen Kunst erschlossen, aus welcher die
Welt jedem Bewußtsein so bestimmt sich erklärt, als die
tiefste Philosophie sie nur dem begriffskundigen Denker
erklären könnte.“ Indem Wagner an die Musik einen meta
physischen Maßstab legt, ist es nicht zu verwundern, daß
Haydn und Mozart bei ihm ziemlich übel davonkommen. Er
erblickt in den Werken von Beethoven’s Vorgängern „ein ge
maltes Transparentbild bei Tagesschein, ein einer durchaus
niedrigeren Kunstart angehöriges Pseudo-Kunstwerk, zur Aus
schmückung von Festen, bei fürstlichen Tafeln u. dgl. ausge
stellt“. Erst durch Beethoven sei „die Melodie, von dem Ein
flusse der Mode und des wechselnden Geschmackes emancipirt,
zum ewig giltigen, rein menschlichen Typus erhoben worden“.
Wie hier Anerkennung mit Ungerechtigkeit gemischt sei, bedarf
kaum des Nachweises. Haydn und Mozart, unter ganz an
deren künstlerischen und gesellschaftlichen Zuständen lebend als
Beethoven, haben allerdings sehr viel für die „Mode“ ge
schrieben, was mit der Mode vergangen ist; auch Beethoven
hat einige solche Compositionen, wenngleich nur wenige, ge
schrieben, welche vergessen sind. Allein jene großen, echten
Werke Haydn’s und Mozart’s, welche heute noch in unver
minderter Frische lebendig wirken, jene Werke, durch welche
ihre Schöpfer uns eben „Haydn“ und „Mozart“ sind, zum
Unterschiede von ihren zahlreichen, einst nicht minder gefeierten
galanten Zeitgenossen, jene Kunstwerke mit ihren aus der
Tiefe des Gemüthes geschöpften Melodien für bloße „Mode
musik“ zu erklären, das ist ein Frevel, der selbst „zur größe
ren Ehre Beethoven’s“ nicht hätte verübt werden sollen.
Wagner’s Bemerkungen über den persönlichen Charakter und
den Styl Beethoven’s enthalten manch treffenden, geistreichen
Zug, daneben wieder Irriges und Willkürliches. So kann
man es einen glänzenden Einfall nennen, wenn Wagner die
Taubheit Beethoven’s als ein seinen erhabenen Beruf för
derndes Ereigniß ansieht: „Denn die äußere Welt erlosch
ihm nun ganz, nicht etwa weil Erblindung ihn ihres Anblickes
beraubte, sondern weil Taubheit sie endlich seinem Ohre
ferne hielt. Das Gehör war das einzige Organ, durch wel
ches die äußere Welt noch störend zu ihm drang: für sein
Auge war sie längst erstorben.“ Beethoven, der gehörlose
Musiker, ist für Wagner ein „erblindeter Seher“, „eine
unter Menschen wandelnde Welt, das An-sich der Welt als
wandelnder Mensch“! Es stimmt aber nicht mit der Wahr
heit, daß erst nach eingetretener Taubheit „das Wesen der
Dinge wieder in dem ruhigen Lichte der Schönheit zu ihm
sprach und wunderbare Heiterkeit all sein Sehen und Gestal
ten durchdringt“, so daß keine Kunst „etwas so Heiteres
geschaffen hat, wie die Tonwerke Beethoven’s aus dieser göttlichen
Zeit seiner völligen Taubheit“. Die von Wagner für diese
Ansicht angeführten Symphonien in A-dur und F-dur kön
nen für sich unmöglich gegen den Charakter der überwiegenden
Mehrzahl von Beethoven’s Compositionen beweisen. Gerade
in der ersten Periode Beethoven’s, also vor eingetretener
Taubheit, athmen seine Compositionen durchwegs Heiterkeit,
Unschuld und Frohsinn, so die ersten Sonaten, die sechs
Quartette op. 18, das Septett, die beiden ersten Sympho
nien. Zur Zeit seiner „völligen Taubheit“, also in der drit
ten Periode, werden Beethoven’s Werke immer großartiger,
übersinnlicher, aber im selben Maße auch düsterer, räthselhaf
ter, schmerzlicher. Um zu erklären, wie Beethoven der große
Tondichter geworden inmitten der „wirklichen Frivolität“,
welche den Geist der Wiener Bevölkerung ausmachte und
auch „die einzige in Oesterreich gepflegte Kunst, die Musik,
erniedrigender Tendenz zugeführt hatte“, behauptet
Wagner, in Beethoven habe „der ganze Geist des deut
schen Protestantismus“ gelebt. Der unbefangene
Biograph wird diese Behauptung schwerlich unterschreiben
können, noch weniger aber die sich anschließende, daß
Sebastian Bach „die Bibel seines Glaubens“,
„das allerheiligste Buch“ Beethoven’s gewesen, wo
durch er „selbst ein Heiliger ward“. Wunder
liche Ideen bringt Richard Wagner über die „Neunte
Symphonie“ zu Markte, welche „uns die Grundtendenzen der
Natur unseres Heiligen klarzumachen“ hat. „Derselbe Trieb,“
sagt Wagner, „der Beethoven’s Vernunft-Erkenntniß leitete,
den guten Menschen sich zu construiren, führte ihn in
der Herstellung der Melodie dieses guten Men
schen!“ Wenn Haydn, in einer niederen Sphäre bleibend,
zu der Volksweise „der ihm zunächst liegenden ungari
schen (?) Bauerntänze“ griff, so spielt Beethoven „mit einem
ungarischen Bauerntanze (Finale der A-dur-Symphonie) der
ganzen Natur auf“. Wo in Beethoven’s Neunter Sym
phonie eigentlich der springende Punkt sei, aus welchem Wag
ner seine Reform des Musikdramas herleitet, ist uns bis zur
Stunde unklar geblieben. Der so nachdrücklich daran gerühmte
„Uebersprung aus der Instrumental- in die Vocalmusik“
braucht in der Oper nicht erst eingeführt zu werden, welche
ja mit Vocalmusik beginnt und schließt. Auch liegt in jenem
Symphonie-Finale nach Wagner’s Ausspruch „nichts formell
Unerhörtes für uns vor; es ist eine Cantate mit Textworten,
zu denen die Musik in kein anderes Verhältniß tritt, als
zu jedem anderen Gesangstexte“. Aber was wir bei
jenem „Uebersprunge“ empfinden, ist „durchaus ver
gleichbar dem Drange nach Erwachen aus einem tief
beängstigenden Traum, und das Bedeutsame für den Kunst
genius der Menschheit ist, daß dieser Drang hier eine künst
lerische That hervorrief, durch welche diesem Genius ein neues
Vermögen, die Befähigung zur Erzeugung des
höchsten Kunstwerkes zugeführt ist“. Dieses Kunstwerk
kann nichts Anderes sein, als „das vollendetste Drama,
somit ein weit über das Werk der eigentlichen Dichtkunst
hinaus liegendes“. Wagner versteigt sich nun in seinen
philosophischen Hallucinationen bis zu der Behauptung, „die
Musik schließe das Drama ganz von selbst in sich, da das
Drama wiederum selbst die einzige der Musik adäquate Idee
der Welt ausdrückt. Das Drama überragt ganz in der
Weise die Schranken der Dichtkunst, wie die Musik die
jeder anderen Kunst!“ Immer stärkeren und bewußteren
Schrittes nähert sich jetzt Wagner seinem Kunstwerk der Zu
kunft. Shakspeare’s Dramen als Producte eines über
menschlichen Genies finden nur in Beethoven’s Musik etwas
Analoges. Freilich blieb Shakspeare nur der große Dichter,
Beethoven nur der große Musiker. Was weiter noch zu folgen
habe aus der „Identität des Shakspeare’schen und des
Beethoven’schen Dramas“, kann offenbar nur das Werk eines
Dichter-Musikers sein, welcher Shakspeare und Beethoven zu
gleich ist. Ob wir einen solchen Mann besitzen und wie er heißt,
wird nicht ausdrücklich gesagt, wol aber, daß seine Schöpfung
sich zur „Oper“ verhalten müsse wie ein Shakspeare’sches
Stück zu einem Literatur-Drama und eine Beethoven’sche
Symphonie zu einer Opernmusik.