Die Beethoven-Feier in Wien.
Ed. H. Ein alter Musikschriftsteller (Nägeli) verlangt,
es solle nie Jemand über Sebastian Bach sprechen, ohne
vorauszuschicken, daß Alles, was er sagen werde, nicht der
tausendste Theil von dem ist, was eigentlich zu sagen wäre.
Wie viel mehr gilt dies noch von Beethoven, welcher ein
so viel größeres Reich von Stimmungen und Gedanken be
herrscht und als ein Kind unserer Zeit mit allen Fäden
unseres Gefühlslebens aufs innigste zusammenhängt! Es
ist wenig über vierzig Jahre her, seit Beethoven die Augen
schloß; noch leben viele Männer in unserer Mitte, die sich
des seltsamen Spaziergängers erinnern, der, nicht rechts, nicht
links blickend, durch die Straßen Wiens stürmte und dem das
Volk doch ehrerbietig Platz machte, weil es mit seinem Namen
unbewußt die Vorstellung von etwas Großem und Hohem ver
band. Und schon füllt, was über Beethoven geschrieben wurde,
eine eigene kleine Bibliothek, eine kleine Bibliothek, die im
Laufe der letzten Monate erstaunlich angewachsen ist. In
Büchern und Broschüren wird uns neuerdings das Leben und
Schaffen des großen Tondichters vergegenwärtigt; die Zahl
der Journal-Artikel, welche, vom aufgewärmten Anekdoten-
Kohl bis hinauf zur philosophischen Untersuchung, Beethoven
feiern, geht in die Hunderte. Diese Zahl noch zu vermehren,
den mit Beethoven-Artikeln vollauf gesättigten Leser zu neuer
Zubereitung desselben Stoffes zu nöthigen, dazu findet nicht
Jedermann den Muth. Mitten drin im Festgewühle einer
großartigen Beethoven-Feier gewinnt man überdies am schwer
sten die ruhige Sammlung und Stetigkeit für ein sauber aus
geführtes Beethoven-Bild, an dem nicht der breite Heiligen
schein die Hauptsache wäre. Ja derlei Monstrefeste sind nicht
einmal der unbefangenen Aufnahme des einzelnen Kunstwerkes
recht günstig; der festliche Apparat erhöht unsere Stimmung,
aber er zerstreut unsere Aufmerksamkeit. Zunächst die
Aeußerlichkeiten: die ungewohnte Beleuchtung, das geputzte
Publicum, die Festflaggen und lorbeerbekränzten Büsten,
die Prologe und Festspiele. Sodann auch die unleugbare
innere Pression, die wir empfinden, indem unsere Gedanken
fortwährend nachdrücklich von dem Kunstwerke auf dessen
großen Autor abgelenkt werden. Nicht wie sonst, um eine
Tondichtung zu genießen, sondern um ihren Schöpfer zu
feiern, sehen wir Tausende versammelt und sammeln uns zu
ihnen. Wie die neue colossale Büste im Musikvereinssaale hoch
das ganze Orchester überragt, alle Blicke zu sich emporzwin
gend, so durchkreuzt der übermächtig gewordene Gedanke an
den mit Wien so eng verwachsenen theuren Meister die leise,
innige Zwiesprache mit seinen Werken. Es ist die erhabenste
Zerstreuung, wenn wir bei Beethoven’s Musik immer wieder
an seine Person denken müssen, aber doch eine Zerstreuung.
Am stärksten empfanden wir das bei der Festvorstellung des
„Fidelio“ am 16. December, Abends. So glänzend sie durch
geführt und ausgestattet war, sie brachte uns nicht jenen gan
zen, vollen Eindruck, und wir brachten ihr nicht jene unbe
fangene Hingebung wie sonst, wenn „Fidelio“ zu kleinen Prei
sen und großem Vergnügen einer Hörerschaft gegeben wird,
welche kaum die Hälfte des Hauses füllt, aber selber ganz er
füllt ist von dem dargestellten Werke. Allegorische Festspiele
mit einer kranzaufsetzenden Muse als Mittelpunkt sind meistens
schon im Keim abgedroschene Gewächse. Je größer unsere
Abneigung dagegen, desto größer muß auch die Anerkennung
sein für die ungemeine Gewandtheit, welche Mosenthal
hier, wie so oft schon, als Gelegenheitsdichter bewährt hat.
Die Sänger schienen sämmtlich an diesem Festabende ihre
Leistungsfähigkeit aufs Höchste anzuspannen: am auffallendsten
Frau Dustmann, die hinreißende Darstellerin des Fidelio,
welche von der Bedeutung des Tages sichtlich ergriffen und
aufgeregt war. Ihr ebenbürtig stand nur Herr Beck als
Pizarro; jede andere Stimme zerbröckelt in dieser Arie unter
dem Tumulte des Orchesters. Mit sichtlicher Anstrengung sang
Herr Walter den Florestan; er hat trotz eines quälenden
Unwohlseins die Beethoven-Feier an drei Festtagen mit auf
opferndem Eifer rühmlich tragen geholfen. Unser verdienter
Veteran Draxler war überraschend gut bei Stimme und
wie immer ein musterhafter Rocco. Fräulein Tellheim
hat die Marcelline leider mehr tremolirt als gesungen —
sollen wir es auch der Festaufregung zuschreiben? Den stür
mischesten Applaus gewann an dem Abende das von Herrn
Dessoff dirigirte Orchester nach der unvergleichlichen Aus
führung der großen „Leonore“-Ouvertüre in C-dur. Daß man
den „Fidelio“ genau so gab wie bisher, kann natürlich keinen
Einwurf erfahren; allein von hohem Interesse wäre es doch
gewesen, hätte man die Festvorstellung mit einigen jener Num
mern geschmückt, welche Beethoven für die erste Aufführung
(1805) schrieb und die später gestrichen, nie wieder in Wien
gehört worden sind.
Terzett (Marcelline, Jacquino, Rocco): „Ein Mann ist
bald genommen“; Duett (Marcelline, Leonore) mit Violin-Solo und
obligatem Violoncell: „Um in der Ehe froh zu leben“; Arie des
Pizarro: „Auf euch nur will ich bauen“.
Vor „Fidelio“ hat keine Oper die tiefsten Herzenstöne
so wahr und gewaltig angeschlagen; vor „Fidelio“ trug auch
keine Oper großen Styles entschieden und unvermischt deut
schen Charakter. Nur wer die Partituren von Gluck’s Vor
gängern in Paris nicht kennt, kann die überwiegend franzö
sische Haltung und Ausdrucksweise in seinen größten Opern
leugnen. In Mozart’s Opern halten sich italienische und
deutsche Elemente die Wage. Nur die „Zauberflöte“ (die
übrigens das in idealere Sphäre gehobene „romantisch-komische
Zauberspiel“ jener Zeit ist) trägt, abgesehen von den Arien
der Königin der Nacht, ausgesprochen deutsches Gepräge. In
seinen übrigen Opern spricht Mozart das schönste Italienisch,
das je ein Tondichter gesprochen; er ist, auf den Charakter
seiner Opernmusik angesehen, der letzte, größte Italiener in
dem Sinne, in welchem uns Palestrina der letzte, größte
der Niederländer ist. Das bezeichnet keinen Abstand
des Ranges, sondern nur eine Verschiedenheit des Typus.
Specifisch deutscher Charakter erscheint in der Oper vollstän
dig erst in Beethoven’s „Fidelio“. Die fortzeugende Kraft
dieses Werkes war außerordentlich, wenn sie sich auch nicht
gleich zeigte. „Fidelio“ blieb lange gänzlich isolirt; er ist zwi
schen Mozart’s „Zauberflöte“ (1791) und Weber’s „Frei
schütz“ (1821), also in einer Periode von dreißig Jahren,
das einzige geniale Werk von bleibender Bedeutung, welches
die deutsche Oper hervorgebracht hat. Das bis zur Schroff
heit kräftige Deutsch, welches Beethoven im „Fidelio“ spricht,
hat Weber in seinem „Freischütz“ zu holdem Liebreiz gemil
dert und mit neuen, romantischen Zauberklängen bereichert.
Weber war durchaus originell; spürt man aber nach der letz
ten, ihm selbst verborgen gebliebenen Wurzel seines Opern
styles, so ist sie doch nur „Fidelio“, ähnlich wie die „Zauber
flöte“ die versteckte Wurzel der in ihrer Art gleichfalls origi
nellen Spohr’schen Opern ist. Aus der „Zauberflöte“ und
„Fidelio“ erwuchs unser eigentlicher nationaler Opernstyl,
die „deutsche Oper“ im strengeren Sinne. Der Einfluß des
„Fidelio“ auf das spätere Opernwesen ist kaum noch vollstän
dig gewürdigt und aufgezeigt worden; wahrscheinlich weil er
spät zu Tage kam und sofort weit überragt wurde durch den
Einfluß der Instrumental-MusikBeethoven’s auf die
gesammte deutsche Tonkunst. Wir feiern Beethoven als den
größten Instrumental-Componisten, wir feiern in ihm eigent
lich den großen Instrumental-Componisten auch in seinen Vocal
schöpfungen, wie „Fidelio“, die Festmesse, die Neunte Symphonie.
Wie viel fremder, gleichgiltiger ihm der Gesang war, kün
digt sich schon im „Fidelio“ an, in der aufreibenden Arie
Pizarro’s, in dem gesungenen Nach-Luft-schnappen des Flore
stan, in dem zweiten Finale. Die Rücksichtslosigkeit gegen die
menschliche Stimme schritt in seinen späteren Werken zur
vollständigen Mißhandlung derselben weiter. Der Vocalsatz
in den genannten Werken ist nicht etwa blos „schwer zu sin
gen“, er ist geradezu instrumental gedacht, gesangswidrig.
Für diese Atrocitäten kann die Genialität des Gedankens ent
schädigen und entschuldigen, niemals sollte sie zur Rechtferti
gung oder gar Verherrlichung derselben benützt werden. In
diesem Punkte auf Mozart zurückzugehen, heißt fortschreiten.
Mozart, die weniger titanische, innerlich weniger aufgewühlte
und aufwühlende Natur, der einer älteren Bildungsepoche an
gehörende Künstler, steht unserem Herzen ferner als Beetho
ven. Aber selbst der Festrausch dieser Tage entschuldigt nicht
die kindische Unterschätzung, mit welcher Mozart von vielen
Rednern und Schriftstellern behandelt wird. Wir haben es
stets als Erkennungszeichen eines guten Musikers erprobt,
jene Eigenschaften Mozart’s zu erkennen und zu empfinden,
die ihm einen Platz nebenBeethoven sichern.
Das Programm des Beethoven-Festes führte als leitende
Idee die Vertretung des Meisters in jeder musikalischen Kunst
gattung mit glücklicher Wahl durch. Als dramatischer
Componist trat uns Beethoven in seiner einzigen Oper
„Fidelio“ und in der nicht minder dramatischen, nicht weni
ger wundervollen Begleitungsmusik zu Goethe’s „Egmont“
entgegen. Aus seiner geistlichen Musik war die große
D-Messe, aus seinen Symphonien die Neunte gewählt; von
den selbstständigen Ouvertüren hörten wir die beiden in
C-dur: op. 115, componirt zum Namenstage des Kaisers
Franz (im Jahre 1814), und op. 124 zur feierlichen Er
öffnung des Josephstädter Theaters in Wien (1822). Für
die Wahl beider Stücke sprach ihr ausgeprägter Festcharakter,
an die „Coriolan“-Ouvertüre reichen sie nicht entfernt. Von
den Clavier-Concerten war das in Es-dur (op. 73) dem Fest
programme einverleibt; in dem unmittelbar vorhergegangenen
Philharmonischen und Gesellschafts-Concerte hatte man das
G-dur- und das C-moll-Concert gespielt. So waren von
Beethoven’s fünf Clavier-Concerten nach einander die drei
schönsten durch drei vortreffliche Pianisten (Epstein,
Labor und Door) zur Aufführung gebracht. Aus Beetho
ven’s Kammermusiken hörten wir das B-dur-Trio und das
Cis-moll-Quartett; aus seinen Liedern: „Bußlied“, „Mai
lied“, „Neue Liebe“ und den Cyklus: „An die entfernte Ge
liebte“. Gegen diese Auswahl ist nichts einzuwenden, als die
Abwesenheit der „Adelaide“, ohne welche Beethoven als Lie
der-Componist unseres Erachtens nicht zu repräsentiren ist.
Unvertreten blieb nur die Sonate. Die das gesammte Fest
programm bildenden Compositionen gehörten fast zu gleichen
Theilen der zweiten und der dritten Stylperiode Beet
hoven’s an; die erste blieb gänzlich unberücksichtigt, was im
Interesse charakterisirender Vollständigkeit zu bedauern, jedoch
mit der allgemeinen Verbreitung dieser Werke zu entschul
digen ist.
Wirft man einen Rückblick auf die drei Festconcerte, so
wird man gewiß den von Joseph Weilen gedichteten, von
Lewinsky gesprochenen Prolog nicht übersehen, der am Ein
gang derselben poetische Wacht hielt. Ein Gedicht von würdiger
Haltung und klangvollem Vers, schön abschließend mit der
Deutung der „Freudenhymne“ und damit hinüberleitend zur
Aufführung der Neunten Symphonie selbst. Diese Aufführung
war bewunderungswürdig; niemals ist uns das polyphone
Gewebe des ersten Satzes klarer, die funkensprühende Rhythmik
des Scherzo glänzender, die Wucht des Schlußchors mächtiger
erschienen. Das Vocalquartett (Wilt, Bettelheim,
Labatt und Schmid) verdient des Lobes die Fülle, wenn
gleich man das Baß-Recitativ schwungvoller, energischer wünschen
mochte, als Herr Schmid es vortrug. Capellmeister Dessoff,
dem wir die Glanzpunkte des Beethoven-Festes verdanken, hat
am 16. und 17. wahre Ehrentage gefeiert.
Das Finale der Neunten Symphonie rief uns eine charak
teristische Stelle aus Wagner’s neuer Beethoven-Broschüre ins
Gedächtniß. Richard Wagner bewundert nämlich ganz be
sonders, daß Beethoven in der Composition des (anfangs un
veränderten) Schiller’schen Verses: „Was die Mode streng
getheilt“ plötzlich das Wort „streng“ für seinen zürnenden
Ausdruck nicht genügend fand und statt dessen aus eigener
Machtvollkommenheit „frech“ hinsetzte. Wirklich steht in der
bei Schott gestochenen Original-Partitur im 36. Tact vom
Allegro, ma non tanto „frech“ statt „streng“. „Kann etwas
sprechender sein,“ ruft Wagner aus, „als dieser merkwürdige,
bis zur Leidenschaftlichkeit heftige, künstlerische Vor
gang? Wir glauben Luther in seinem Zorne gegen den Papst
vor uns zu sehen!“ Und nun regnet es Scheltworte gegen den
die Härtel’sche Beethoven-Ausgabe redigirenden „Mäßigkeits
verein“, welcher diesen so sprechenden Zug getilgt und
für Beethoven’s „frech“ das „wohlanständige, sittig
mäßige „streng“ eigenmächtig hingestellt hat“.
Wagner nennt das „eine Fälschung, die wohl geeignet ist,
uns mit schauerlichen Ahnungen über das Schicksal der
Werke unseres großen Beethoven zu erfüllen“. Diese schauer
lichen Ahnungen und den ganzen heiligen Zorn würde sich
Wagner erspart haben, hätte er seine längeren Besuche in
Wien dazu benützt, sich einmal das Autograph dieses
Beethoven’schen Freudenhymnus anzusehen, dessen Einsicht der
Eigenthümer Herr Artaria mit rühmlicher Gefälligkeit ge
stattet. Ein Blick in dieses Autograph belehrt uns, daß
Beethoven in jenem 36. Tact thatsächlich „streng“ (wie in
den früheren Strophen) und keineswegs „frech“ geschrieben
hat. Der von Wagner so sehr bewunderte „künstlerische Vor
gang“ ist somit nichts weiter als der Irrthum eines schlechten
Copisten. Wer die wüste Handschrift Beethoven’s kennt, weiß,
wie leicht seine g am Ende eines Wortes die Form von ch
annehmen; wer Beethoven’s Charakter kennt und seine Pietät
für Schiller, der mußte von vornherein den größten Zweifel
gegen dieses vereinzelte „frech“ hegen und eher zehn Schreib
fehler als eine von Beethoven willkürlich vorgenommene „Ver
besserung“ Schiller’s vermuthen. Hat man doch überdies
längst die Erfahrung, daß Beethoven im Niederschreiben der
Textworte oft flüchtig und ungenau verfuhr. Eines der
drolligsten Beispiele enthält der Schlußchor aus der Cantate:
„Der glorreiche Augenblick“, dessen Anfangsworte in Beetho
ven’s Handschrift regelmäßig lauten: „Vindobona, dir und
Glück, dir und Glück“ anstatt „Heil und Glück“. Eine andere
Curiosität ist die Aufschrift „Scherzando“ über dem 23. Tact
von Beethoven’s so tief andächtigem „Vitam venturi“ in der
großen Festmesse, während es offenbar „Sforzando“ heißen
muß. Wollte man die Richtigstellung dieser zwei Schreibfehler
mit Wagner auch als „eigenmächtige Fälschung“ brandmarken,
so wäre das wol eher frech als streng. Der Leser wolle
uns diese kleine Excursion zugute halten; sie ist nicht un
wichtig, noch unzeitgemäß, liefert sie uns doch aus Beethoven’s
eigener Handschrift den Beweis, daß der Meister keines
wegs die Sucht Wagner’s getheilt hat, in Kleinigkeiten groß
zu sein.
Die Aufführung der Missa solemnis im zweiten Fest
concerte war eine durchaus würdige, wenngleich sie an geist
voller Ausarbeitung der Details, an Sicherheit und Klarheit
im Vortrag der Chöre keineswegs die letzte Herbeck’sche
Aufführung erreichte. Um so glänzender hob sich das Solo
quartett ab; es werden sich selten vier so klangvolle, geschulte
Stimmen, vier so musikalisch feste Sänger zusammenfinden,
wie Frau Wilt, Frau Gomperz-Bettelheim, Herr
Walter und Herr Rokitansky. Obwol Keiner hinter
dem Anderen zurückstand an künstlerischem Eifer, verdient doch
Frau Wilt ob ihrer außerordentlichen Leistung in der
Neunten Symphonie und der Festmesse noch ganz eigens bedankt
und gepriesen zu werden. Keine zweite Sängerin dürfte es da
mit der Wilt aufnehmen, an Kraft und Ausdauer der
Stimme, sicherer Bewältigung der höchsten Schwierigkeiten
und stylvoller Würde des Vortrages. Die Festmesse, diese
nicht sowol kirchliche als im höchsten Sinne heilige Ton
dichtung, machte einen tiefen Eindruck. Den tiefsten wol im
Schlußsatz, wo dem Ruf der Kriegstrompete das immer
dringendere, immer heißere Flehen antwortet: „Gib uns
Frieden!“ In diesen blutgetränkten Tagen drang Beethoven’s
Gebet um Frieden tiefer als sonst in die Herzen, sein Wider
hall trat wie eigenes stilles Gebet auf die ernsten Züge der
Versammelten.
Das dritte Festconcert gehörte ausschließlich der Kammer
musik und dem Liede. Nur ein wahrer Liebling, ein unverges
sener unvergeßlicher, kann so empfangen werden, wie Caro
line Bettelheim (derzeit Frau Gomperz) von dem Publi
cum empfangen wurde. Mit unverändert jugendfrischer
Stimme und Empfindung sang sie die früher genannten Lie
der, zu welchen Herr Walter mit dem „Liederkreis an die
Geliebte“ ein schönes Seitenstück gab. Das B-dur-Trio fand
in den Herren Epstein, Grün, Popper, das Cis-moll-
Quartett in den beiden Hellmesberger, Popper und
Bachrich bewährte Spieler. Nachdem unsere wackeren ein
heimischen Musiker in der Festwoche ohnehin vollauf beschäf
tigt waren, konnte man mit Recht bedauern, daß zur Aus
führung des Cis-moll-Quartettes nicht der weit überlegene
„Florentiner“ Quartett-Verein von Jean Becker aufgefordert
worden war. Trotz guter Auswahl und Ausführung ist es
begreiflich, daß der dritte Concerttag gegen die beiden früheren
abfiel. Ein „Festconcert“ in so großem Saale — ohne Or
chester! Mindestens zwei kurze Orchesterstücke (am besten die
Ouvertüren zu „Coriolan“ und „Prometheus“) hätten dieses
Concert eröffnen und schließen sollen, welches in jedem Falle
den Platz zwischen den beiden großen Festconcerten ein
zunehmen hatte. Dann wäre zwischen den überwältigenden Ein
drücken der Neunten Symphonie und der Großen Messe allenfalls
als willkommener Ruhepunkt erschienen, was jetzt als schwa
cher und schwach besuchter Festschluß abfiel. Als theatralischer
Epilog der Beethoven-Feier folgte noch am 19. d. M. die
Aufführung von Goethes „Egmont“, mit Beethoven’s
Musik, welche unter Herbeck’s Leitung bewunderungswürdig
gespielt wurde. Die Eröffnung der Beethoven-Feier mit „Fi
delio“, ihr Abschluß mit „Egmont“ zeugt von sehr richtiger
Einsicht; alle Welt war durch die vorhergehenden Concerte
musikalisch so vollauf gesättigt, daß man das gesprochene
Drama, die goldenen Worte unseres größten Dichters, als
eine Wohlthat empfand, und in diesem Zusammenhang auch
wieder die rechte Empfänglichkeit gewann für Beethoven’s
herrliche, von der Dichtung nicht mehr loszutrennende Musik.
Wien darf befriedigt und gehoben, nicht ohne gerechten Stolz
auf das großartige Fest zurückblicken, welches, durch keine
Störung getrübt, das Andenken Beethoven’s in ebenso
glänzender als würdiger Weise feierte.