Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2310. Wien, Dienstag, den 31. Januar 1871 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2310. Wien, Dienstag, den 31. Januar 1871 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Musik. („Der fliegende Holländer“, „Fra Diavolo“, „Der Postillon von Longjumeau“. Die neue Direction im Hofoperntheater. Abfertigung des Herrn Chrysander.)

Ed. H. Die erste Aufführung des „Fliegenden Holländersvon R. Wagner im neuen Opernhause hat, wie bereits gemeldet, eine enthusiastische Aufnahme gefunden. Sie war zugleich die factische Antrittsfeier der neuen Hofopern-Direction. Auf dem Zauberschiffe des „Holländers“ unternahm Herr Herbeck mit außerordentlichem Glücke seine erste selbstständige Expe dition — die erste wenigstens unter eigener Flagge. Denn schon im verflossenen Sommer hatte er während Dingelstedt’s Abwesenheit „Robert der Teufel“ vollständig in Scene ge setzt und damit eine der besten Vorstellungen geliefert. Un gerechtigkeit gegen den abgetretenen Director Dingelstedt kommt uns nicht in den Sinn; wir hatten ihn nach langer Mißwirthschaft als Nachfolger eines Salvi freudig begrüßt, allerdings in der Meinung, er werde im Laufe von nahezu vierthalb Jahren mehr leisten für das Repertoire und den Personalstand, als er geleistet hat. Mit den Namen Mignon“, „Romeo“, „Armida“ und „Meistersinger“ sind die Opern genannt, um welche Dingelstedt das Repertoire be reichert hat. Virtuosität in geschmackvoller Scenirung erwies sich jedenfalls als seine vornehmste Eigenschaft. Dingelstedt’s Unzulänglichkeit in musikalischen Dingen veranlaßte die Er nennung Herbeck’s zum Mitdirector am Hofoperntheater. Die beiden Collegen vertrugen sich je länger desto schlechter; man mußte endlich zu der Ueberzeugung gelangen, daß der weitere Fortbestand dieser artistischen Doppelregierung nur Zwietracht und Unfrieden in das Haus werfen und keinem Theile zum Segen gedeihen würde. Die von höchster Stelle ausgegangene Entscheidung, welche Dingelstedt an das ver waiste Burgtheater berief, ist das Beste und Natürlichste was unter diesen Umständen thunlich war. Namhafter Poet und feiner Kenner von Allem, was nicht Musik heißt, wird Dingelstedt im Schauspiel stärkere Wirk

samkeit und berechtigtere Macht ausüben, als in der Oper, welche wiederum in Herbeck einen Führer von unbestrittener musikalischer Autorität gewinnt. Herbeck ist kein neuer Mann, der dem Publicum erst vorgestellt werden müßte. Seine musikalische Leistungs gabe ist seit 15 Jahren Gegenstand der allgemeinen bewun dernden Anerkennung, seine Arbeitskraft und Arbeitslust sind sprichwörtlich. Bezweifeln ließ sich nur seine Theaterkenntniß, und wir selbst hätten nicht geglaubt, daß Herbeck so schnell sich den scharfen Blick und die sichere Hand im Bühnenwesen er werben werde, welche er zur Stunde schon bewährt. Es gibt eben Individuen, die, über ihr specielles Fach hinaus mit einer ungewöhnlichen Gabe der Orientirung ausgestattet, sich schnell in jeden Organismus einleben, ihm seine Geheimnisse ab lauschen und spielend die zu seiner Bewältigung nöthigen Handgriffe sich aneignen. Ist diese Gewandtheit („Findigkeit“, wie der Oesterreicher treffend sagt) nicht blos ein flüchtiges Strohfeuer der Intelligenz, sondern von ernstem Sinne und energischem Arbeitsdrange begleitet, so vermag sie bald eine jahrelange bequeme Praxis zu ersetzen. Wer Herrn Herbeck bei der Generalprobe des „Holländers“ beobachtet hat, wie er, im Orchester dirigirend, die genaueste Ausführung der Musik und die scenischen Details auf der Bühne zu gleicher Zeit scharf im Auge behielt, jetzt den Geigern das breite Crescendo einer Begleitungsfigur vorsingend, gleich darauf die Bewe gungen der Schiffsmannschaft auf der Bühne commandirend, ein Versehen des Posaunisten rügend u. s. f., der mußte in der That staunen über solche Allgegenwart der Sinne und geistige Spannkraft. Das ist sehr viel, aber nicht Alles für einen Bühnenleiter. Herbeck wird noch andere, größere Proben zu bestehen haben, auch hin und wieder einen Fehlgriff machen, ohne Zweifel. Aber daß man einem Manne von so seltener Begabung und Willenskraft vertrauensvoll entgegenkomme, scheint uns auf alle Fälle begründet und geboten.

Ein weiteres Unterpfand für das Gedeihen des Hofopern theaters erblicken wir in dem harmonisch collegialen Zusam menwirken des Directors Herbeck mit dem gegenwärtigen ar tistischen Ober-Inspector Herrn Richard Lewy. Ohne

kleinliche Rechthaberei oder Etiquette gehen die beiden Freunde, von gleichen künstlerischen Principien geleitet, in allen Dingen Hand in Hand. Noch viel länger als Herbeck gehört Richard Lewy zu den Illustrationen des Wiener Musiklebens. Früh verhätschelter Waldhorn-Virtuose, ist Lewy gegen allen Ster nenlauf aus einem Wunderkind ein geistreicher, gebildeter Mann geworden. Dem Theater gehörte er durch viele Jahre zunächst als Orchestermitglied an; im Zwischenacte auf der Bühne lauschten jedoch jederzeit außer den jungen Tänzerinnen auch die alten Directoren gern seinen Worten. Was Herrn Lewy unter Anderem für die Stelle eines artistischen Ober- Inspectors empfohlen hat, ist ohne Zweifel sein Ruf als Ge sanglehrer. Sehr viele tüchtige, ja gefeierte Sängerinnen ver danken ihm ihre ganze künstlerische Ausbildung oder den letzten theatralischen Schliff; leider schickte sie Lewy regelmäßig an auswärtige Bühnen, wo sie mitunter glänzende Stellungen einnahmen. Dem Auslande gehörten seine guten Schüler, den Wienern seine guten Witze. Aus Lewy’s neuer Stellung schöpfen wir die Hoffnung, daß sein Stimmen-Exportgeschäft jetzt in einen mehr patriotischen Binnenhandel übergehen werde. Der Meister wie die Schüler zögen Vortheil davon, auch nach vollendetem Unterrichte gemeinsam auf der Bühne in künst lerischem Verkehre zu bleiben. Noch ein zweiter Wunsch liegt nahe: es möchte der Gesanglehrer Lewy als Ober-Inspector sein Hauptaugenmerk auf die Verbesserung des Gesangsvor trages im Opernhause lenken. Gerade seine Doppelstellung er laubt es ihm, zu corrigiren und selbstbessernde Hand anzu legen, wo er Willkür und Ungeschmack im Operngesange wahr nimmt. Interpellirt man einen Capellmeister, warum er es zulasse, daß diese oder jene Primadonna alle Tempi so un leidlich schleppt, auf einer beliebigen Note sitzen bleibt, solange sie ein Restchen Athem hat, unbekümmert um den musikali schen Zusammenhang hier einen Triller, dort eine Passage einschiebt, so erhält man regelmäßig die achselzuckende Ant wort: „Was wollen Sie thun? Ueber diese Sänger haben wir keine Macht!“ Irgend Jemand muß aber doch wol solche Macht haben, im Interesse des Gesangstyls und guten Ge schmackes an einer Opernbühne? Das Hofoperntheater besitzt

gegenwärtig in Richard Lewy einen der renommirtesten Ge sanglehrer als Ober-Inspector, in Herbeck einen eminenten Musiker und geschulten Sänger als Director. Gegen das Votum dieser Instanzen steht keinem Sänger eine weitere Appellation offen für seine geschmacklosen Triller und Fer maten. Darum eröffnet uns die neue Stellung Herbeck’s und Lewy’s auch die erfreuliche Perspective auf eine stren gere Zucht des Gesangsvortrages am Hofoperntheater.

Auf die Vorstellung des „Fliegenden Holländers“ zurück zukommen, sie erzielte einen außerordentlichen Effect durch die geschickte Scenirung. Die große (in ihrer ganzen Tiefe be nützte) Bühne des neuen Hauses kam dem ersten und dritten Acte ungemein zu statten. Das waren Seebilder, täuschend und großartig, soweit dies nur immer auf der Bühne möglich ist. Die Maschinerie der beiden Schiffe, welche mit überraschender Schnelligkeit ab- und zusegeln, arbeitete tadellos; die Deco rationen des Herrn Jachimowicz entsprachen billigen An forderungen. Nur das links vom Zuschauer befindliche Versetz stück im Vordergrunde der ersten Scene (Felsstück mit um gestürzten Tannen) ist zu groß ausgefallen, es benimmt dem Parquet gar zu viel von der Aussicht auf das trefflich darge stellte bewegte Meer. Im dritten Acte entrollt das muntere Leben auf dem Norweger Schiffe mit dem gespenstischen Contrast des gegenüber ankernden schwarzen „Holländers“ ein sehr wirksames, charakteristisches Bild. Die traute Heimlich keit des Schifferhauses im zweiten Acte leidet hingegen, wie alle solche Scenen, unter der Größe der Bühne und der Menge der darauf versammelten Personen. Welche Armee von Weibern und Spinnrädern! Die Besetzung der Oper in ihren wesentlichen Rollen ist bekannt und bewährt. Wer kennt nicht die imposante Gestalt, welche Beck aus dem „Fliegenden Hol länder“ geschaffen hat? Auch bei der jüngsten Aufführung wirkte er hinreißend durch das tönende Erz seiner Stimme, durch seelenvollen Vortrag und charakteristisches Spiel. Man kennt auch die phantasievolle, leidenschaftliche Senta der Frau Dustmann, welche mit Herrn Beck die Ehren des Abends theilt. Sehr gut waren die kleineren Rollen, mit Herrn

Mayerhofer (Daland), Fräulein Gindele (Mary) und Herrn Lay (Steuermann) besetzt. Den Erik sang Herr Gunz sehr tüchtig, mit wärmerer Empfindung als gewöhn lich. Nur die Maske schien uns nicht glücklich gewählt. Am Jäger wollen wir das grüne Wamms und die aufrechte, elastische Haltung nicht vermissen; Herr Gunz sah in seinem braunen Kittel mehr einem mürrischen Bauer ähnlich, dem Feldmäuse oder Gerichtsdiener in die Quere gekommen. Erwähnen wir noch die vorzüglichen Leistungen des Orchesters und des Chores im „Holländer“, so bedarf es kaum mehr einer ausdrücklichen Anempfehlung dieser hörens- und sehenswerthen Vorstellung.

Was dem „Fliegenden Holländer“ im Operntheater seit Neujahr voranging, war größtentheils eine harte Prüfungs zeit für die neue Direction. Eine Reihe plötzlicher Erkran kungen wichtiger Mitglieder, oft erst um die Mittagsstunde angemeldet, machte ein fortwährendes Improvisiren von Ersatz- Vorstellungen nothwendig. Die empfindlichste Störung er wuchs aus der anhaltenden Krankheit des Herrn Müller, für welchen schnell ein gastirender Tenorist beschafft werden mußte. Er fand sich in der Person des hier wohlbekannten und beliebten Dr. Gunz aus Hannover, dessen Gastspiel, ohne gerade Begeisterung zu erregen, doch für den nächsten Zweck genügte. Am besten gefiel Herr Gunz als Postillon von Longjumeau, wo er in den reichverzierten Gesang stücken des zweiten Actes eine nicht gewöhnliche Coloratur- und Falsettgewandtheit bewährte. Das von Herrn Gunz ein gelegte Gumbert’sche Lied ist noch werthloser als der ähn liche sentimentale deutsche Bänkelsang, mit welchem Herr Wachtel an dieser Stelle regelmäßig aufwartet. Es gehört doch — sollte man glauben — kein übermäßig feines Styl gefühl dazu, um zu empfinden, wie grell solche Lieder von dem pikanten Conversations-Ton der französischen komischen Oper abstechen, wie störend daher ihre Aufpfropfung wirkt. Will ein Tenorist die in Adam’sPostillon“ stehende Ori ginal-Arie überhaupt nicht singen (sie ist freilich fast nur dazu da, um der Madeleine Zeit zum Umkleiden zu lassen), so möge er statt ihrer eine der zahlreichen lieblichen Romanzen

von Boieldieu, Isouard oder Auber wählen. Auch als Fra Diavolo fand Herr Gunz im ersten und zweiten Acte Gelegenheit, seinen zierlichen, durch deutlichste Aussprache vortheilhaft gehobenen Romanzenvortrag zur Geltung zu bringen. In Rollen wie die eben genannten fällt weder die unzureichende Kraft der Stimme noch jener eigenthümliche Mangel an geistiger Concentration und Gestaltungskraft be sonders auf, welcher größeren ernsten Rollen des Herrn Gunz in ihrer Totalwirkung gefährlich wird. — Im „Fra Diavolowie im „Postillon“ zeichnete sich Herr Mayerhofer durch scharfe und launige Charakteristik des Lord Kockburn und des Wagners Bijou besonders aus; den rauschendsten Beifall fand aber an beiden Abenden die Darstellerin der Zerline und der Madeleine, Fräulein Minnie Hauck. In solchen vor zugsweise graziösen, munteren Rollen, welche eine leichtbewegte Empfindung nicht ausschließen, hat diese Sängerin gegenwärtig keine Rivalin auf der gesammten deutschen Bühne. Die Di rection scheint auch das Feld wohl erkannt zu haben, auf welchem dem Talente Fräulein Hauck’s die schönsten Erfolge blühen, und wir haben alle Ursache, uns auf ihr bevor stehendes Auftreten im „Schwarzen Domino“ und in der Traviata“ zu freuen. In jener Zeit der schweren Noth, unter welcher die Direction des Hofoperntheaters wochenlang seufzte, hat sich auch die Gefälligkeit und Verwendbarkeit des Herrn Labatt in so vortheilhaftem Lichte gezeigt, daß ihm ein besonderes Dankvotum gebührt. Anstrengende, große Rollen, wie den Faust und Prophet sofort, ohne Probe für einen plötzlich erkrankten Collegen zu singen, und mit entschiedenstem Erfolge zu singen, das ist ein kleines Helden stück, wie es sich für den richtigen Heldentenor ziemt.

Schließlich wolle mir der Leser noch ein Wort gestatten in einer kleinen persönlichen Angelegenheit. In dem Musik- Feuilleton dieses Blattes vom 22. December vorigen Jahres habe ich die Haltlosigkeit von Richard Wagner’s Behauptung, daß Beethoven im Schlußsatze der Neunten Symphonie Schiller’s Wort „streng“ eigenmächtig in „frech“ veränderte, zu erweisen gesucht, sowol aus inneren Gründen wie auch

mit Hinweisung auf das bei Artaria befindliche Autograph. Letzteres war mir von einer früheren Besichtigung nur so weit im Gedächtnisse, daß das Wort „frech“ darin nicht vor kommt; bezüglich des näheren Details war mein Freund Nottebohm so gütig, den Augenschein für mich zu wieder holen. Es ist ihm dabei ein Versehen widerfahren, welches zwar die Hauptsache durchaus nicht alterirt, aber doch die formelle „Gerichtsordnungsmäßigkeit“ des Beweises aus der Handschrift abschwächt. Nachdem Herr Nottebohm selbst in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung die Erklärung ver öffentlicht hat, daß und in welchen Punkten seine mir mit getheilten Notizen irrig gewesen, konnte die ganze Angelegen heit als erledigt angesehen werden. Herr Chrysander be nützt sie jedoch in der genannten Zeitung zu einem perfiden Angriff. Seitdem ich in der „Neuen Freien Presse“ vom 15. December 1869 Herrn Chrysander die scandalöse Oberflächlichkeit seiner „Statistik der Concert-Institute Deutschlands“ nachgewiesen, hat diese böse alte Jungfer still geschwiegen; jetzt reißt sie plötzlich vom Zaune der Neunten Symphonie die rächende Strafpredigt gegen mich. Kein er fahrener, honneter Schriftsteller wird ein Verbrechen darin sehen, daß Jemand durch die Autopsie eines befreundeten com petenten Fachgenossen die eigene Wahrnehmung bekräftigt und für einen Zeitungsartikel eine ihm mitgetheilte Notiz von zwei Zeilen benützt, welche weder eine neue Entdeckung, noch eine ausschließlich persönliche Forschung betrifft, sondern ledig lich einen, jedem anderen Musiker gleich zugänglichen Augen schein. Wenn sich nun Herr Chrysander daraus berechtigt wähnt, „die Integrität meines literarischen Charakters“ in ein zweideutiges Licht zu stellen, so darf ich diese hämische Verdächtigung wol guten Muthes zurückweisen. Solche Be mühung, den guten Namen, den ein Schriftsteller durch 25jährige Wirksamkeit sich errungen hat, unter einem nichti gen Vorwande zu untergraben, verräth zwar allerdings einen „Charakter“, aber einen unlauteren, frechen und bös artigen Charakter, in dessen vollständiger „Integrität“ ich meinerseits Herrn Chrysander neidlos belasse.