Musik.
(„
Der fliegende Holländer“, „
Fra Diavolo“, „
Der Postillon von Longjumeau“. Die
neue Direction im Hofoperntheater. Abfertigung des Herrn
Chrysander.)
Ed. H. Die erste Aufführung des „Fliegenden Holländers“
von R. Wagner im neuen Opernhause hat, wie bereits gemeldet,
eine enthusiastische Aufnahme gefunden. Sie war zugleich die
factische Antrittsfeier der neuen Hofopern-Direction. Auf dem
Zauberschiffe des „Holländers“ unternahm Herr Herbeck
mit außerordentlichem Glücke seine erste selbstständige Expe
dition — die erste wenigstens unter eigener Flagge. Denn
schon im verflossenen Sommer hatte er während Dingelstedt’s
Abwesenheit „Robert der Teufel“ vollständig in Scene ge
setzt und damit eine der besten Vorstellungen geliefert. Un
gerechtigkeit gegen den abgetretenen Director Dingelstedt
kommt uns nicht in den Sinn; wir hatten ihn nach langer
Mißwirthschaft als Nachfolger eines Salvi freudig begrüßt,
allerdings in der Meinung, er werde im Laufe von nahezu
vierthalb Jahren mehr leisten für das Repertoire und den
Personalstand, als er geleistet hat. Mit den Namen
„Mignon“, „Romeo“, „Armida“ und „Meistersinger“ sind
die Opern genannt, um welche Dingelstedt das Repertoire be
reichert hat. Virtuosität in geschmackvoller Scenirung erwies
sich jedenfalls als seine vornehmste Eigenschaft. Dingelstedt’s
Unzulänglichkeit in musikalischen Dingen veranlaßte die Er
nennung Herbeck’s zum Mitdirector am Hofoperntheater.
Die beiden Collegen vertrugen sich je länger desto schlechter;
man mußte endlich zu der Ueberzeugung gelangen, daß der
weitere Fortbestand dieser artistischen Doppelregierung nur
Zwietracht und Unfrieden in das Haus werfen und keinem
Theile zum Segen gedeihen würde. Die von höchster Stelle
ausgegangene Entscheidung, welche Dingelstedt an das ver
waiste Burgtheater berief, ist das Beste und Natürlichste
was unter diesen Umständen thunlich war. Namhafter
Poet und feiner Kenner von Allem, was nicht Musik
heißt, wird Dingelstedt im Schauspiel stärkere Wirk
samkeit und berechtigtere Macht ausüben, als in
der Oper, welche wiederum in Herbeck einen
Führer von unbestrittener musikalischer Autorität gewinnt.
Herbeck ist kein neuer Mann, der dem Publicum
erst vorgestellt werden müßte. Seine musikalische Leistungs
gabe ist seit 15 Jahren Gegenstand der allgemeinen bewun
dernden Anerkennung, seine Arbeitskraft und Arbeitslust sind
sprichwörtlich. Bezweifeln ließ sich nur seine Theaterkenntniß,
und wir selbst hätten nicht geglaubt, daß Herbeck so schnell sich
den scharfen Blick und die sichere Hand im Bühnenwesen er
werben werde, welche er zur Stunde schon bewährt. Es gibt
eben Individuen, die, über ihr specielles Fach hinaus mit einer
ungewöhnlichen Gabe der Orientirung ausgestattet, sich schnell
in jeden Organismus einleben, ihm seine Geheimnisse ab
lauschen und spielend die zu seiner Bewältigung nöthigen
Handgriffe sich aneignen. Ist diese Gewandtheit („Findigkeit“,
wie der Oesterreicher treffend sagt) nicht blos ein flüchtiges
Strohfeuer der Intelligenz, sondern von ernstem Sinne und
energischem Arbeitsdrange begleitet, so vermag sie bald eine
jahrelange bequeme Praxis zu ersetzen. Wer Herrn Herbeck bei
der Generalprobe des „Holländers“ beobachtet hat, wie er,
im Orchester dirigirend, die genaueste Ausführung der Musik
und die scenischen Details auf der Bühne zu gleicher Zeit
scharf im Auge behielt, jetzt den Geigern das breite Crescendo
einer Begleitungsfigur vorsingend, gleich darauf die Bewe
gungen der Schiffsmannschaft auf der Bühne commandirend,
ein Versehen des Posaunisten rügend u. s. f., der mußte in
der That staunen über solche Allgegenwart der Sinne und
geistige Spannkraft. Das ist sehr viel, aber nicht Alles für
einen Bühnenleiter. Herbeck wird noch andere, größere Proben
zu bestehen haben, auch hin und wieder einen Fehlgriff machen,
ohne Zweifel. Aber daß man einem Manne von so seltener
Begabung und Willenskraft vertrauensvoll entgegenkomme,
scheint uns auf alle Fälle begründet und geboten.
Ein weiteres Unterpfand für das Gedeihen des Hofopern
theaters erblicken wir in dem harmonisch collegialen Zusam
menwirken des Directors Herbeck mit dem gegenwärtigen ar
tistischen Ober-Inspector Herrn Richard Lewy. Ohne
kleinliche Rechthaberei oder Etiquette gehen die beiden Freunde,
von gleichen künstlerischen Principien geleitet, in allen Dingen
Hand in Hand. Noch viel länger als Herbeck gehört Richard
Lewy zu den Illustrationen des Wiener Musiklebens. Früh
verhätschelter Waldhorn-Virtuose, ist Lewy gegen allen Ster
nenlauf aus einem Wunderkind ein geistreicher, gebildeter
Mann geworden. Dem Theater gehörte er durch viele Jahre
zunächst als Orchestermitglied an; im Zwischenacte auf der
Bühne lauschten jedoch jederzeit außer den jungen Tänzerinnen
auch die alten Directoren gern seinen Worten. Was Herrn
Lewy unter Anderem für die Stelle eines artistischen Ober-
Inspectors empfohlen hat, ist ohne Zweifel sein Ruf als Ge
sanglehrer. Sehr viele tüchtige, ja gefeierte Sängerinnen ver
danken ihm ihre ganze künstlerische Ausbildung oder den
letzten theatralischen Schliff; leider schickte sie Lewy regelmäßig
an auswärtige Bühnen, wo sie mitunter glänzende Stellungen
einnahmen. Dem Auslande gehörten seine guten Schüler, den
Wienern seine guten Witze. Aus Lewy’s neuer Stellung
schöpfen wir die Hoffnung, daß sein Stimmen-Exportgeschäft
jetzt in einen mehr patriotischen Binnenhandel übergehen werde.
Der Meister wie die Schüler zögen Vortheil davon, auch nach
vollendetem Unterrichte gemeinsam auf der Bühne in künst
lerischem Verkehre zu bleiben. Noch ein zweiter Wunsch liegt
nahe: es möchte der Gesanglehrer Lewy als Ober-Inspector
sein Hauptaugenmerk auf die Verbesserung des Gesangsvor
trages im Opernhause lenken. Gerade seine Doppelstellung er
laubt es ihm, zu corrigiren und selbstbessernde Hand anzu
legen, wo er Willkür und Ungeschmack im Operngesange wahr
nimmt. Interpellirt man einen Capellmeister, warum er es
zulasse, daß diese oder jene Primadonna alle Tempi so un
leidlich schleppt, auf einer beliebigen Note sitzen bleibt, solange
sie ein Restchen Athem hat, unbekümmert um den musikali
schen Zusammenhang hier einen Triller, dort eine Passage
einschiebt, so erhält man regelmäßig die achselzuckende Ant
wort: „Was wollen Sie thun? Ueber diese Sänger haben
wir keine Macht!“ Irgend Jemand muß aber doch wol solche
Macht haben, im Interesse des Gesangstyls und guten Ge
schmackes an einer Opernbühne? Das Hofoperntheater besitzt
gegenwärtig in Richard Lewy einen der renommirtesten Ge
sanglehrer als Ober-Inspector, in Herbeck einen eminenten
Musiker und geschulten Sänger als Director. Gegen das
Votum dieser Instanzen steht keinem Sänger eine weitere
Appellation offen für seine geschmacklosen Triller und Fer
maten. Darum eröffnet uns die neue Stellung Herbeck’s
und Lewy’s auch die erfreuliche Perspective auf eine stren
gere Zucht des Gesangsvortrages am Hofoperntheater.
Auf die Vorstellung des „Fliegenden Holländers“ zurück
zukommen, sie erzielte einen außerordentlichen Effect durch die
geschickte Scenirung. Die große (in ihrer ganzen Tiefe be
nützte) Bühne des neuen Hauses kam dem ersten und dritten
Acte ungemein zu statten. Das waren Seebilder, täuschend und
großartig, soweit dies nur immer auf der Bühne möglich ist.
Die Maschinerie der beiden Schiffe, welche mit überraschender
Schnelligkeit ab- und zusegeln, arbeitete tadellos; die Deco
rationen des Herrn Jachimowicz entsprachen billigen An
forderungen. Nur das links vom Zuschauer befindliche Versetz
stück im Vordergrunde der ersten Scene (Felsstück mit um
gestürzten Tannen) ist zu groß ausgefallen, es benimmt dem
Parquet gar zu viel von der Aussicht auf das trefflich darge
stellte bewegte Meer. Im dritten Acte entrollt das muntere
Leben auf dem Norweger Schiffe mit dem gespenstischen
Contrast des gegenüber ankernden schwarzen „Holländers“ ein
sehr wirksames, charakteristisches Bild. Die traute Heimlich
keit des Schifferhauses im zweiten Acte leidet hingegen, wie
alle solche Scenen, unter der Größe der Bühne und der
Menge der darauf versammelten Personen. Welche Armee von
Weibern und Spinnrädern! Die Besetzung der Oper in ihren
wesentlichen Rollen ist bekannt und bewährt. Wer kennt nicht
die imposante Gestalt, welche Beck aus dem „Fliegenden Hol
länder“ geschaffen hat? Auch bei der jüngsten Aufführung
wirkte er hinreißend durch das tönende Erz seiner Stimme,
durch seelenvollen Vortrag und charakteristisches Spiel. Man
kennt auch die phantasievolle, leidenschaftliche Senta der
Frau Dustmann, welche mit Herrn Beck die Ehren des
Abends theilt. Sehr gut waren die kleineren Rollen, mit Herrn
Mayerhofer (Daland), Fräulein Gindele (Mary) und
Herrn Lay (Steuermann) besetzt. Den Erik sang Herr
Gunz sehr tüchtig, mit wärmerer Empfindung als gewöhn
lich. Nur die Maske schien uns nicht glücklich gewählt. Am
Jäger wollen wir das grüne Wamms und die aufrechte, elastische
Haltung nicht vermissen; Herr Gunz sah in seinem braunen
Kittel mehr einem mürrischen Bauer ähnlich, dem Feldmäuse
oder Gerichtsdiener in die Quere gekommen. Erwähnen wir
noch die vorzüglichen Leistungen des Orchesters und des Chores
im „Holländer“, so bedarf es kaum mehr einer ausdrücklichen
Anempfehlung dieser hörens- und sehenswerthen Vorstellung.
Was dem „Fliegenden Holländer“ im Operntheater seit
Neujahr voranging, war größtentheils eine harte Prüfungs
zeit für die neue Direction. Eine Reihe plötzlicher Erkran
kungen wichtiger Mitglieder, oft erst um die Mittagsstunde
angemeldet, machte ein fortwährendes Improvisiren von Ersatz-
Vorstellungen nothwendig. Die empfindlichste Störung er
wuchs aus der anhaltenden Krankheit des Herrn Müller,
für welchen schnell ein gastirender Tenorist beschafft werden
mußte. Er fand sich in der Person des hier wohlbekannten
und beliebten Dr. Gunz aus Hannover, dessen Gastspiel,
ohne gerade Begeisterung zu erregen, doch für den nächsten
Zweck genügte. Am besten gefiel Herr Gunz als Postillon
von Longjumeau, wo er in den reichverzierten Gesang
stücken des zweiten Actes eine nicht gewöhnliche Coloratur-
und Falsettgewandtheit bewährte. Das von Herrn Gunz ein
gelegte Gumbert’sche Lied ist noch werthloser als der ähn
liche sentimentale deutsche Bänkelsang, mit welchem Herr
Wachtel an dieser Stelle regelmäßig aufwartet. Es gehört
doch — sollte man glauben — kein übermäßig feines Styl
gefühl dazu, um zu empfinden, wie grell solche Lieder von
dem pikanten Conversations-Ton der französischen komischen
Oper abstechen, wie störend daher ihre Aufpfropfung wirkt.
Will ein Tenorist die in Adam’s „Postillon“ stehende Ori
ginal-Arie überhaupt nicht singen (sie ist freilich fast nur dazu
da, um der Madeleine Zeit zum Umkleiden zu lassen), so
möge er statt ihrer eine der zahlreichen lieblichen Romanzen
von Boieldieu, Isouard oder Auber wählen. Auch als Fra
Diavolo fand Herr Gunz im ersten und zweiten Acte
Gelegenheit, seinen zierlichen, durch deutlichste Aussprache
vortheilhaft gehobenen Romanzenvortrag zur Geltung zu
bringen. In Rollen wie die eben genannten fällt weder die
unzureichende Kraft der Stimme noch jener eigenthümliche
Mangel an geistiger Concentration und Gestaltungskraft be
sonders auf, welcher größeren ernsten Rollen des Herrn Gunz
in ihrer Totalwirkung gefährlich wird. — Im „Fra Diavolo“
wie im „Postillon“ zeichnete sich Herr Mayerhofer durch
scharfe und launige Charakteristik des Lord Kockburn und des
Wagners Bijou besonders aus; den rauschendsten Beifall fand
aber an beiden Abenden die Darstellerin der Zerline und der
Madeleine, Fräulein Minnie Hauck. In solchen vor
zugsweise graziösen, munteren Rollen, welche eine leichtbewegte
Empfindung nicht ausschließen, hat diese Sängerin gegenwärtig
keine Rivalin auf der gesammten deutschen Bühne. Die Di
rection scheint auch das Feld wohl erkannt zu haben, auf
welchem dem Talente Fräulein Hauck’s die schönsten Erfolge
blühen, und wir haben alle Ursache, uns auf ihr bevor
stehendes Auftreten im „Schwarzen Domino“ und in der
„Traviata“ zu freuen. In jener Zeit der schweren Noth,
unter welcher die Direction des Hofoperntheaters wochenlang
seufzte, hat sich auch die Gefälligkeit und Verwendbarkeit des
Herrn Labatt in so vortheilhaftem Lichte gezeigt, daß ihm
ein besonderes Dankvotum gebührt. Anstrengende, große
Rollen, wie den Faust und Prophet sofort, ohne Probe
für einen plötzlich erkrankten Collegen zu singen, und mit
entschiedenstem Erfolge zu singen, das ist ein kleines Helden
stück, wie es sich für den richtigen Heldentenor ziemt.
Schließlich wolle mir der Leser noch ein Wort gestatten
in einer kleinen persönlichen Angelegenheit. In dem Musik-
Feuilleton dieses Blattes vom 22. December vorigen Jahres
habe ich die Haltlosigkeit von Richard Wagner’s Behauptung,
daß Beethoven im Schlußsatze der Neunten Symphonie
Schiller’s Wort „streng“ eigenmächtig in „frech“ veränderte,
zu erweisen gesucht, sowol aus inneren Gründen wie auch
mit Hinweisung auf das bei Artaria befindliche Autograph.
Letzteres war mir von einer früheren Besichtigung nur so weit
im Gedächtnisse, daß das Wort „frech“ darin nicht vor
kommt; bezüglich des näheren Details war mein Freund
Nottebohm so gütig, den Augenschein für mich zu wieder
holen. Es ist ihm dabei ein Versehen widerfahren, welches
zwar die Hauptsache durchaus nicht alterirt, aber doch die
formelle „Gerichtsordnungsmäßigkeit“ des Beweises aus der
Handschrift abschwächt. Nachdem Herr Nottebohm selbst
in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung die Erklärung ver
öffentlicht hat, daß und in welchen Punkten seine mir mit
getheilten Notizen irrig gewesen, konnte die ganze Angelegen
heit als erledigt angesehen werden. Herr Chrysander be
nützt sie jedoch in der genannten Zeitung zu einem perfiden
Angriff. Seitdem ich in der „Neuen Freien Presse“ vom
15. December 1869 Herrn Chrysander die scandalöse
Oberflächlichkeit seiner „Statistik der Concert-Institute
Deutschlands“ nachgewiesen, hat diese böse alte Jungfer still
geschwiegen; jetzt reißt sie plötzlich vom Zaune der Neunten
Symphonie die rächende Strafpredigt gegen mich. Kein er
fahrener, honneter Schriftsteller wird ein Verbrechen darin
sehen, daß Jemand durch die Autopsie eines befreundeten com
petenten Fachgenossen die eigene Wahrnehmung bekräftigt und
für einen Zeitungsartikel eine ihm mitgetheilte Notiz von
zwei Zeilen benützt, welche weder eine neue Entdeckung, noch
eine ausschließlich persönliche Forschung betrifft, sondern ledig
lich einen, jedem anderen Musiker gleich zugänglichen Augen
schein. Wenn sich nun Herr Chrysander daraus berechtigt
wähnt, „die Integrität meines literarischen Charakters“ in
ein zweideutiges Licht zu stellen, so darf ich diese hämische
Verdächtigung wol guten Muthes zurückweisen. Solche Be
mühung, den guten Namen, den ein Schriftsteller durch
25jährige Wirksamkeit sich errungen hat, unter einem nichti
gen Vorwande zu untergraben, verräth zwar allerdings
einen „Charakter“, aber einen unlauteren, frechen und bös
artigen Charakter, in dessen vollständiger „Integrität“ ich
meinerseits Herrn Chrysander neidlos belasse.