Hofoperntheater.
(„
Der schwarze Domino.“ — Wohlthätigkeits-Akademie.)
Ed. H. So oft eine neue Spieloper in die weiten Hal
len unseres Opernhauses einzieht, stolpert der Berichterstatter
über den unausweichlichen Eingang von der geringen Taug
lichkeit dieses Theaters für das feinere musikalische Lustspiel.
Wir wollen diese Klage nicht bei jedem einzelnen Falle er
neuern, sondern uns lieber freuen, wenn trotz der Ungunst
des Locals die Perlen der komischen Oper uns unverloren
bleiben. Im „Schwarzen Domino“ drückte übrigens die große
Räumlichkeit mehr auf den schauspielerischen Theil der Vor
stellung, als auf den musikalischen, welch letzterer unter Her
beck’s Direction beinahe nichts von seiner Feinheit verlor.
Aber die Schritte und Armbewegungen der Schauspieler
waren länger, ihre Mimik gewaltsamer, ihre Conversation
nachdrücklicher, als sie im Lustspiele sein sollten und auf einer
kleineren Bühne hoffentlich gewesen wären. Die Vorstellung
glich gewissen Uebersetzungen, die allerdings richtig sind, aber
etwa so, wie man durch ein Vergrößerungsglas eine zarte
Haut erblickt. Eine große Opernbühne, ausschließlich an ideale
Gestalten und prächtige Gewänder gewöhnt, muß auch das
Salonkleid perhorresciren, in welchem die Pariser Opéra
Comique den „Schwarzen Domino“ aufführt. Und doch ist
z. B. ein Engländer (Lord Elfort) in ritterlichem Sammt
collet mit Schnurr- und Knebelbart gar kein rechter Engländer
mehr für das Lustspiel. Dies Alles vermochte indeß den Ge
nuß im Wesentlichen nicht zu trüben, welcher einem zahlrei
chen Publicum durch die jüngste Aufführung dieser komischen
Oper zu Theil wurde. (Warum nennt sie der Theaterzettel
nur „Oper“ schlechtweg?)
Der „Schwarze Domino“ ist im eminenten Sinne lie
benswürdig: all seine Vorzüge erscheinen uns größer durch
die Anspruchslosigkeit, mit der sie auftreten. Scribe, den
ein freundliches Geschick eigens für Auber geschaffen zu
haben scheint, gerade wie Diesen für Jenen, hat im „Do
mino“ eine seiner anziehendsten Handlungen gestaltet, ohne in
seinen späteren Fehler, die allzu verwickelte Intrigue, zu ver
fallen. Auber’s Partitur vereinigt alle Vorzüge, die ihn zum
Meister des musikalischen Conversations-Lustspiels machen.
Etwas eigenthümlich Glänzendes, Fröhliches, Chevalereskes
durchströmt die ganze Oper. Der stark vorherrschende Tanz
rhythmus ist mit einer Grazie und Delicatesse behandelt, welche
den Eindruck des Trivialen fernhält. Seichte Melodien, wie
sie von neueren italienischen und deutschen Componisten so
gern durch lärmende Instrumentirung und pompöse Schluß
cadenzen aufgedonnert werden, gaukeln bei Auber immer nur
wie Schmetterlinge über dem Wasserspiegel. Bei aller Lebendig
keit, mit welcher das Dramatische sich abspielt, wird doch
nichts aufdringlich oder maßlos. Wo Töne aus tiefem, vol
lem Herzen erklingen sollen, da behilft sich Auber allerdings
mit Surrogaten, aber wie fein sind sie gewählt, wie an
spruchslos dargeboten! Mit Einem Worte, der „Schwarze
Domino“ gehört zu den lieblichsten jener musikalischen Haus
gärtchen und Ruheplätze, zu welchen wir aus dem leiden
schaftlichen Tumulte der fünfactigen Opern uns gerne
flüchten.
Um das glückliche Gelingen der Vorstellung hat das
größte Verdienst Fräulein Minnie Hauck als Angela,
welche Rolle aber auch alle übrigen an Umfang und Bedeu
tung weit hinter sich läßt. Der Erfolg der jungen Sängerin
wiegt um so schwerer, als die virtuose Leistung der Artôt
hier im lebhaftesten Andenken steht. Den bewunderungswür
dig feinen glänzenden Schliff dieser Meisterin hat Fräulein
Hauck freilich noch nicht erreicht, aber sie blieb hinter den
Anforderungen der schwierigen Rolle nirgends zurück. Gegen
über der geistigen Ueberlegenheit und feinen, bewußten Koket
terie, mit welcher Desirée Artôt die Angela — so recht als
große Dame — spielte, hat die muntere, frische, fast kindliche
Unbefangenheit der Hauck auch ihr Recht und ihren eigen
thümlichen Reiz. In Einem Stücke übertraf sie sogar ihre
berühmte Vorgängerin, nämlich in der „Arragonaise“, welche
aus dem Munde von Fräulein Hauck frischer und herzhafter
klang. In der sehr zart vorgetragenen Romanze: „Er schläft
und weiß nichts davon“ hätten wir den Triller auf der
ersten Sylbe von „davon“ weggewünscht, desgleichen eine von
den chromatischen Passagen in der ohnehin langen Cadenz der
großen Arie im dritten Acte. Ohne Zweifel wird Fräulein
Hauck die Rolle nach einigen Reprisen noch kräftiger und
freier gestalten, wie dies schon der zweiten Vorstellung (am
13. d. M.) nachgerühmt wird. Jedenfalls ist diese echt
künstlerische Leistung Fräulein Hauck’s ein sehr günstiges
Omen für ihren Eintritt in die Reihe der engagirten Mit
glieder. Bei Gelegenheit ihrer Gastrollen haben wir die Vor
züge dieser Sängerin anerkennend hervorgehoben: ihre nicht
große, aber jugendfrische, wohlgeschulte Stimme, ihren gra
ziösen, maßvollen Vortrag, ihr lebhaftes, natürliches Spiel,
vor Allem die echt musikalische Natur, welche alle Uebertrei
bung und Verzerrung, alle Versündigungen gegen die Into
nation, gegen Tact und Tempo instinctmäßig vermeidet. Hatte
die Direction guten Grund, mit dem Gastspiele
Fräulein Hauck’s zufrieden zu sein, so muß sie aus
praktischem Gesichtspunkte sich vollends gratuliren zu
dem Erwerbe eines so eifrigen, aufstrebenden und stets
willfährigen Mitgliedes. Das Repertoire Fräulein Hauck’s
ist groß und vielseitig. Als Pamina, Zerline und Susanne
bewährte Fräulein Hauck die treffliche Mozart-Sängerin, als
Gretchen und Julia bewies sie ihre große Verwendbarkeit in
lyrisch-ernsten Rollen, durch ihre Leistungen im „Fra Dia
volo“, „Postillon“ und „Schwarzen Domino“ erscheint sie
geradezu als Retterin aus einer lang empfundenen Noth. Sie
füllt die seit Fräulein Wildauer’s Abgang im Personal
stande klaffende Lücke aus und macht Opern wie die letzt
genannten zum erstenmale wieder mit sicherem Erfolg mög
lich. Falls die Direction die Absicht hat, den „Nordstern“
und „Dinorah“, die „Krondiamanten“ und „Don Pasquale“,
die „Regimentstochter“ und „La Traviata“ zu geben, so kann
sie es jetzt. Als Jenny in der „Weißen Frau“, Blondchen
in der „Entführung“, Marie in „Czar und Zimmermann“,
Aennchen im „Freischütz“ denken wir uns Fräulein Hauck
vortrefflich am Platze, und da sie auch die Meyerbeer’schen
Coloratur-Prinzessinnen in Petersburg mit Beifall gesungen,
so kann selbst in diesem Fache durch ein plötzliches Unwohl
sein Fräulein Rabatinsky’s keine Verlegenheit entstehen. Wäh
rend ihrer kurzen Thätigkeit am Hofoperntheater hat Fräu
lein Hauck bewiesen, daß sie neue Rollen mit unglaublicher
Schnelligkeit lernt und, ohne ein Muster vor sich gehabt zu
haben, mit richtigstem künstlerischen Instinct gestaltet. Weit
aus die meisten ihrer hier gesungenen Partien hat Fräulein
Hauck erst in Wien studirt und zum erstenmale gespielt; sie
hat hier überhaupt zum erstenmale in deutscher Sprache ge
sungen und die großen, für Nichtdeutsche meist unüberwind
lichen Schwierigkeiten dieses Idioms sogar im gesprochenen
Dialog merkwürdig schnell, wenn auch noch nicht vollständig
besiegt. Dies Alles zeigt, daß hier ein wahrhaftes, nicht ge
wöhnliches Talent vorliegt — ein Umstand, der in der
Oper (wo nur zu oft Stimme und Dressur die einzigen
Factoren der Leistungsfähigkeit bilden) nicht so häufig oder
gar selbstverständlich ist, wie Manche glauben.
Was die übrige Besetzung des „Schwarzen Domino“ be
trifft, so konnte man mit Herrn Walter’s Massarena
bis auf die unverständliche Textaussprache ganz zufrieden sein;
er trug die Cantilenen, namentlich das eingelegte „Frühlings
lied“ von Gounod, mit zarter Empfindung vor und spielte
im dritten Acte freier als sonst. Herr Neumann (Graf
Juliano) erwies sich als gewandter Darsteller von allerdings
mehr lebhaftem als feinem Spiele: seinen Gesang beeinträch
tigt das leidige Tremoliren. Wie alle Sänger, die wenig
Stimme haben, bemüht sich Herr Neumann deren möglichst
viel zu präsentiren, und da geräth denn das Starkgesungene
in jenes fatale Zittern, welches dieser Sänger sich hoffentlich
noch abgewöhnen kann und wird. Ganz vortrefflich sang
Herr Rokitansky die kleine, aber wirksame Rolle des Gil
Perez, dessen Couplets „Deo gratias“ zu den glücklichsten Ein
fällen des Componisten gehören. Herr Mayerhofer,
für die Repräsentation komischer Engländer unentbehrlich,
spielte die geringfügige Partie des Lord Elfort mit einer
Sorgfalt, welche ihm zur Ehre gereicht. Sehr gut war Fräu
lein Gindele als Brigitte; wir bedauerten nur, daß sie
nicht auch zugleich die Haushälterin Claudia spielen konnte.
Letztere verlangt eine geübte Kraft und ist keine Aufgabe für
eine Anfängerin. Fräulein Wanda, ein sehr nützliches jun
ges Mitglied für kleine Gesangspartien, war der Rolle nicht
gewachsen; unschlüssig, ob sie alt oder jung, viel oder wenig
spielen solle, fiel sie meist in die Extreme farblosen Hersagens
und trivialer Uebertreibung. Ganz befriedigend spielten Fräu
lein Sterr und Fräulein Backes die kleinen Rollen der
Ursula und der Pförtnerin. Die ganze Vorstellung ging vor
trefflich zusammen und war tadellos scenirt.
Wenige Tage nach dem „Schwarzen Domino“ füllte die
Große Akademie, welche „auf a. h. Befehl“ zum Besten
der Ueberschwemmten gegeben wurde, alle Räume des Opern
hauses. Die Vorstellung hat den Armen aufgeholfen und das
Publicum amüsirt. Schauspiel, Oper und Ballet lösten ein
ander in verschiedenen Scenen ab: ein ästhetisches Sammel
surium, das wahrhaft künstlerischen Genuß unmöglich gewäh
ren kann. „Wallenstein’s Lager“, von den Hofschauspie
lern aufgeführt, machte den Anfang. Die Scenirung kann
man blendend nennen, aber schwerlich musterhaft; sie that des
Guten viel zu viel. Wir möchten nicht, daß man sich bei
Scenirung neuer Opern ein Beispiel nehme an diesem bunten
Ameisenhaufen, dessen unaufhörliches Gewimmel alle Sinne
verwirrte. Was da Alles auf der Bühne angebracht war an
Sachen, Personen und Thieren, ist gar nicht aufzuzählen. Die
Bühne war von der letzten Coulisse bis zum Souffleurkasten
buchstäblich angefüllt mit Menschen, die einander auf die Fer
sen traten. Die Hauptpersonen konnten sich gar nicht ab
heben von diesem Hintergrunde, und während sie sprachen,
machten sich neben und hinter ihnen eine Menge pantomimi
scher Extrascenen wichtig: hämmernde Feldschmiede, würfelnde
Soldaten, Wursthändler im Verkehr mit ihren Kunden, Re
cruten in Liebeshändeln mit den Mädchen, Marketenderinnen,
einschänkend, kokettirend, tanzend, Reiter zu Pferde quer über
die Bühne sprengend u. s. f. Kein Apfel hätte in dem
Gedränge zu Boden fallen können, aber Schiller’s Stück
fiel richtig zu Boden. Die nächste Nummer war
Dinorah’s Scene mit dem Schattentanz, von Fräulein
Hauck sehr anmuthig gespielt und gesungen. Besonders die
Stelle: „Sag’ mir, ob Hoël mich liebt“, welche Fräulein
Hauck, auf den Boden gekauert, ganz nahe zu dem Schatten
singt, war ungemein glücklich gegeben. Bei einer vollständigen
Aufführung der „Dinorah“ müßte wol das Wilde, Scheue
der irrsinnigen Hirtin in Costüm und Action schärfer markirt
werden; so vereinzelt als bloßes Akademiestück konnte die
Scene die gemilderte Auffassung Fräulein Hauck’s vertragen.
Auf „Dinorah“ folgte der zweite Act aus Donizetti’s
„Belisario“. Himmel! welche Mumie! Ist es möglich,
mußten wir uns unwillkürlich fragen, daß diese modrige Oper
mit ihrer armseligen Handlung und ihrer theilweise lächer
lichen, theilweise langweiligen Musik vor drei Decennien das
Publicum entzückt hat? daß sie wirklich erst im Jahre 1836
componirt, also 6—8 Jahre jünger ist als die „Stumme“,
„Wilhelm Tell“, „Robert der Teufel“? Herr Beck (Be
lisar) und Fräulein Ehnn (Irene) fanden reichlichen und
wohlverdienten Beifall; auch Herr Labatt (Alamir), der
sich in der heitersten aller Polonaisen („Trema Bisanzio!“)
unbarmherzig überschrie, blieb nicht ohne Applaus. Sollte dieses
Akademie-Fragment der Vorbote einer vollständigen Wieder
aufnahme des „Belisar“ im Operntheater sein? Eine besonders
angenehme Ueberraschung wäre das nicht. Opern vom Schlage
dieses „Belisario“ sollten gar nicht gedacht werden, so lange
„Euryanthe“, „Oberon“, „Jessonda“, „Templer und Jüdin“
nebst zahlreichem achtbaren Gefolge auf den Einlaß ins neue
Haus warten. Nur ganz außerordentliche italienische
Gesangskünstler — solche, um derentwillen man in die Oper
geht, möge nun was immer gegeben werden — vermöchten
vielleicht das Interesse an dieser abgestandenen Musik momen
tan wieder zu erwecken. Wie schnell verwelken doch italienische
Opern! Von Rossini, dem genialsten Italiener des Jahr
hunderts, ist auf deutschen Bühnen außer dem „Tell“ und
dem „Barbier“ eigentlich nichts mehr lebensfähig. Sein
„Graf Ory“ wäre es, fände man die rechten Sänger und
Schauspieler dafür. Von Bellini ist außer der „Norma“
kaum etwas mit Theilnahme noch anzuhören. Rossini’s Zeit
genossen, die Mercadante, Zingarelli, Pacini, Caraffa,
sind bis auf die letzte Note nach Verdienst verschollen. Und
Donizetti, der elegante, vielgestaltige, fruchtbare Maestro?
Zwei seiner Opern prangen noch in unverkümmerter Jugend
frische; es sind die komischen: „Liebestrank“ und „Don Pas
quale“. Was wir von seinen ernsten Opern auf dem Reper
toire haben, übt noch einen Theil des alten Zaubers, lange
nicht mehr den ganzen: die sanftgirrende „Lucia“ mit ihrer
geistreicheren Schwester „Lucrezia“ und der „Favorite“, die
in ihrem vierten Acte das Beste gibt, was Donizetti im ern
sten Style geschrieben. Von den übrigen lyrischen Tragödien
Donizetti’s darf wol keine einzige hier auf eine dauernde Auf
erstehung hoffen. Wenn man unserem Opern-Repertoire fri
sches Leben zuführen will, so wird man zunächst aus deutschen
und französischen Quellen schöpfen müssen.