Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2353. Wien, Mittwoch, den 15. März 1871 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2353. Wien, Mittwoch, den 15. März 1871 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Hofoperntheater. („Der schwarze Domino.“ — Wohlthätigkeits-Akademie.)

Ed. H. So oft eine neue Spieloper in die weiten Hal len unseres Opernhauses einzieht, stolpert der Berichterstatter über den unausweichlichen Eingang von der geringen Taug lichkeit dieses Theaters für das feinere musikalische Lustspiel. Wir wollen diese Klage nicht bei jedem einzelnen Falle er neuern, sondern uns lieber freuen, wenn trotz der Ungunst des Locals die Perlen der komischen Oper uns unverloren bleiben. Im „Schwarzen Domino“ drückte übrigens die große Räumlichkeit mehr auf den schauspielerischen Theil der Vor stellung, als auf den musikalischen, welch letzterer unter Her beck’s Direction beinahe nichts von seiner Feinheit verlor. Aber die Schritte und Armbewegungen der Schauspieler waren länger, ihre Mimik gewaltsamer, ihre Conversation nachdrücklicher, als sie im Lustspiele sein sollten und auf einer kleineren Bühne hoffentlich gewesen wären. Die Vorstellung glich gewissen Uebersetzungen, die allerdings richtig sind, aber etwa so, wie man durch ein Vergrößerungsglas eine zarte Haut erblickt. Eine große Opernbühne, ausschließlich an ideale Gestalten und prächtige Gewänder gewöhnt, muß auch das Salonkleid perhorresciren, in welchem die Pariser Opéra Comique den „Schwarzen Domino“ aufführt. Und doch ist z. B. ein Engländer (Lord Elfort) in ritterlichem Sammt collet mit Schnurr- und Knebelbart gar kein rechter Engländer mehr für das Lustspiel. Dies Alles vermochte indeß den Ge nuß im Wesentlichen nicht zu trüben, welcher einem zahlrei chen Publicum durch die jüngste Aufführung dieser komischen Oper zu Theil wurde. (Warum nennt sie der Theaterzettel nur „Oper“ schlechtweg?)

Der „Schwarze Domino“ ist im eminenten Sinne lie benswürdig: all seine Vorzüge erscheinen uns größer durch die Anspruchslosigkeit, mit der sie auftreten. Scribe, den ein freundliches Geschick eigens für Auber geschaffen zu haben scheint, gerade wie Diesen für Jenen, hat im „Do mino“ eine seiner anziehendsten Handlungen gestaltet, ohne in seinen späteren Fehler, die allzu verwickelte Intrigue, zu ver

fallen. Auber’s Partitur vereinigt alle Vorzüge, die ihn zum Meister des musikalischen Conversations-Lustspiels machen. Etwas eigenthümlich Glänzendes, Fröhliches, Chevalereskes durchströmt die ganze Oper. Der stark vorherrschende Tanz rhythmus ist mit einer Grazie und Delicatesse behandelt, welche den Eindruck des Trivialen fernhält. Seichte Melodien, wie sie von neueren italienischen und deutschen Componisten so gern durch lärmende Instrumentirung und pompöse Schluß cadenzen aufgedonnert werden, gaukeln bei Auber immer nur wie Schmetterlinge über dem Wasserspiegel. Bei aller Lebendig keit, mit welcher das Dramatische sich abspielt, wird doch nichts aufdringlich oder maßlos. Wo Töne aus tiefem, vol lem Herzen erklingen sollen, da behilft sich Auber allerdings mit Surrogaten, aber wie fein sind sie gewählt, wie an spruchslos dargeboten! Mit Einem Worte, der „Schwarze Domino“ gehört zu den lieblichsten jener musikalischen Haus gärtchen und Ruheplätze, zu welchen wir aus dem leiden schaftlichen Tumulte der fünfactigen Opern uns gerne flüchten.

Um das glückliche Gelingen der Vorstellung hat das größte Verdienst Fräulein Minnie Hauck als Angela, welche Rolle aber auch alle übrigen an Umfang und Bedeu tung weit hinter sich läßt. Der Erfolg der jungen Sängerin wiegt um so schwerer, als die virtuose Leistung der Artôt hier im lebhaftesten Andenken steht. Den bewunderungswür dig feinen glänzenden Schliff dieser Meisterin hat Fräulein Hauck freilich noch nicht erreicht, aber sie blieb hinter den Anforderungen der schwierigen Rolle nirgends zurück. Gegen über der geistigen Ueberlegenheit und feinen, bewußten Koket terie, mit welcher Desirée Artôt die Angela — so recht als große Dame — spielte, hat die muntere, frische, fast kindliche Unbefangenheit der Hauck auch ihr Recht und ihren eigen thümlichen Reiz. In Einem Stücke übertraf sie sogar ihre berühmte Vorgängerin, nämlich in der „Arragonaise“, welche aus dem Munde von Fräulein Hauck frischer und herzhafter klang. In der sehr zart vorgetragenen Romanze: „Er schläft und weiß nichts davon“ hätten wir den Triller auf der ersten Sylbe von „davon“ weggewünscht, desgleichen eine von den chromatischen Passagen in der ohnehin langen Cadenz der großen Arie im dritten Acte. Ohne Zweifel wird Fräulein

Hauck die Rolle nach einigen Reprisen noch kräftiger und freier gestalten, wie dies schon der zweiten Vorstellung (am 13. d. M.) nachgerühmt wird. Jedenfalls ist diese echt künstlerische Leistung Fräulein Hauck’s ein sehr günstiges Omen für ihren Eintritt in die Reihe der engagirten Mit glieder. Bei Gelegenheit ihrer Gastrollen haben wir die Vor züge dieser Sängerin anerkennend hervorgehoben: ihre nicht große, aber jugendfrische, wohlgeschulte Stimme, ihren gra ziösen, maßvollen Vortrag, ihr lebhaftes, natürliches Spiel, vor Allem die echt musikalische Natur, welche alle Uebertrei bung und Verzerrung, alle Versündigungen gegen die Into nation, gegen Tact und Tempo instinctmäßig vermeidet. Hatte die Direction guten Grund, mit dem Gastspiele Fräulein Hauck’s zufrieden zu sein, so muß sie aus praktischem Gesichtspunkte sich vollends gratuliren zu dem Erwerbe eines so eifrigen, aufstrebenden und stets willfährigen Mitgliedes. Das Repertoire Fräulein Hauck’s ist groß und vielseitig. Als Pamina, Zerline und Susanne bewährte Fräulein Hauck die treffliche Mozart-Sängerin, als Gretchen und Julia bewies sie ihre große Verwendbarkeit in lyrisch-ernsten Rollen, durch ihre Leistungen im „Fra Dia volo“, „Postillon“ und „Schwarzen Domino“ erscheint sie geradezu als Retterin aus einer lang empfundenen Noth. Sie füllt die seit Fräulein Wildauer’s Abgang im Personal stande klaffende Lücke aus und macht Opern wie die letzt genannten zum erstenmale wieder mit sicherem Erfolg mög lich. Falls die Direction die Absicht hat, den „Nordsternund „Dinorah“, die „Krondiamanten“ und „Don Pasquale“, die „Regimentstochter“ und „La Traviata“ zu geben, so kann sie es jetzt. Als Jenny in der „Weißen Frau“, Blondchen in der „Entführung“, Marie in „Czar und Zimmermann“, Aennchen im „Freischütz“ denken wir uns Fräulein Hauck vortrefflich am Platze, und da sie auch die Meyerbeer’schen Coloratur-Prinzessinnen in Petersburg mit Beifall gesungen, so kann selbst in diesem Fache durch ein plötzliches Unwohl sein Fräulein Rabatinsky’s keine Verlegenheit entstehen. Wäh rend ihrer kurzen Thätigkeit am Hofoperntheater hat Fräu lein Hauck bewiesen, daß sie neue Rollen mit unglaublicher Schnelligkeit lernt und, ohne ein Muster vor sich gehabt zu haben, mit richtigstem künstlerischen Instinct gestaltet. Weit

aus die meisten ihrer hier gesungenen Partien hat Fräulein Hauck erst in Wien studirt und zum erstenmale gespielt; sie hat hier überhaupt zum erstenmale in deutscher Sprache ge sungen und die großen, für Nichtdeutsche meist unüberwind lichen Schwierigkeiten dieses Idioms sogar im gesprochenen Dialog merkwürdig schnell, wenn auch noch nicht vollständig besiegt. Dies Alles zeigt, daß hier ein wahrhaftes, nicht ge wöhnliches Talent vorliegt — ein Umstand, der in der Oper (wo nur zu oft Stimme und Dressur die einzigen Factoren der Leistungsfähigkeit bilden) nicht so häufig oder gar selbstverständlich ist, wie Manche glauben.

Was die übrige Besetzung des „Schwarzen Domino“ be trifft, so konnte man mit Herrn Walter’s Massarena bis auf die unverständliche Textaussprache ganz zufrieden sein; er trug die Cantilenen, namentlich das eingelegte „Frühlings lied“ von Gounod, mit zarter Empfindung vor und spielte im dritten Acte freier als sonst. Herr Neumann (Graf Juliano) erwies sich als gewandter Darsteller von allerdings mehr lebhaftem als feinem Spiele: seinen Gesang beeinträch tigt das leidige Tremoliren. Wie alle Sänger, die wenig Stimme haben, bemüht sich Herr Neumann deren möglichst viel zu präsentiren, und da geräth denn das Starkgesungene in jenes fatale Zittern, welches dieser Sänger sich hoffentlich noch abgewöhnen kann und wird. Ganz vortrefflich sang Herr Rokitansky die kleine, aber wirksame Rolle des Gil Perez, dessen Couplets „Deo gratias“ zu den glücklichsten Ein fällen des Componisten gehören. Herr Mayerhofer, für die Repräsentation komischer Engländer unentbehrlich, spielte die geringfügige Partie des Lord Elfort mit einer Sorgfalt, welche ihm zur Ehre gereicht. Sehr gut war Fräu lein Gindele als Brigitte; wir bedauerten nur, daß sie nicht auch zugleich die Haushälterin Claudia spielen konnte. Letztere verlangt eine geübte Kraft und ist keine Aufgabe für eine Anfängerin. Fräulein Wanda, ein sehr nützliches jun ges Mitglied für kleine Gesangspartien, war der Rolle nicht gewachsen; unschlüssig, ob sie alt oder jung, viel oder wenig spielen solle, fiel sie meist in die Extreme farblosen Hersagens und trivialer Uebertreibung. Ganz befriedigend spielten Fräu lein Sterr und Fräulein Backes die kleinen Rollen der Ursula und der Pförtnerin. Die ganze Vorstellung ging vor trefflich zusammen und war tadellos scenirt.

Wenige Tage nach dem „Schwarzen Domino“ füllte die Große Akademie, welche „auf a. h. Befehl“ zum Besten der Ueberschwemmten gegeben wurde, alle Räume des Opern hauses. Die Vorstellung hat den Armen aufgeholfen und das Publicum amüsirt. Schauspiel, Oper und Ballet lösten ein ander in verschiedenen Scenen ab: ein ästhetisches Sammel surium, das wahrhaft künstlerischen Genuß unmöglich gewäh ren kann. „Wallenstein’s Lager“, von den Hofschauspie lern aufgeführt, machte den Anfang. Die Scenirung kann man blendend nennen, aber schwerlich musterhaft; sie that des Guten viel zu viel. Wir möchten nicht, daß man sich bei Scenirung neuer Opern ein Beispiel nehme an diesem bunten Ameisenhaufen, dessen unaufhörliches Gewimmel alle Sinne verwirrte. Was da Alles auf der Bühne angebracht war an Sachen, Personen und Thieren, ist gar nicht aufzuzählen. Die Bühne war von der letzten Coulisse bis zum Souffleurkasten buchstäblich angefüllt mit Menschen, die einander auf die Fer sen traten. Die Hauptpersonen konnten sich gar nicht ab heben von diesem Hintergrunde, und während sie sprachen, machten sich neben und hinter ihnen eine Menge pantomimi scher Extrascenen wichtig: hämmernde Feldschmiede, würfelnde Soldaten, Wursthändler im Verkehr mit ihren Kunden, Re cruten in Liebeshändeln mit den Mädchen, Marketenderinnen, einschänkend, kokettirend, tanzend, Reiter zu Pferde quer über die Bühne sprengend u. s. f. Kein Apfel hätte in dem Gedränge zu Boden fallen können, aber Schiller’s Stück fiel richtig zu Boden. Die nächste Nummer war Dinorah’s Scene mit dem Schattentanz, von Fräulein Hauck sehr anmuthig gespielt und gesungen. Besonders die Stelle: „Sag’ mir, ob Hoël mich liebt“, welche Fräulein Hauck, auf den Boden gekauert, ganz nahe zu dem Schatten singt, war ungemein glücklich gegeben. Bei einer vollständigen Aufführung der „Dinorah“ müßte wol das Wilde, Scheue der irrsinnigen Hirtin in Costüm und Action schärfer markirt werden; so vereinzelt als bloßes Akademiestück konnte die Scene die gemilderte Auffassung Fräulein Hauck’s vertragen. Auf „Dinorah“ folgte der zweite Act aus Donizetti’s Belisario“. Himmel! welche Mumie! Ist es möglich, mußten wir uns unwillkürlich fragen, daß diese modrige Oper mit ihrer armseligen Handlung und ihrer theilweise lächer lichen, theilweise langweiligen Musik vor drei Decennien das

Publicum entzückt hat? daß sie wirklich erst im Jahre 1836 componirt, also 6—8 Jahre jünger ist als die „Stumme“, Wilhelm Tell“, „Robert der Teufel“? Herr Beck (Be lisar) und Fräulein Ehnn (Irene) fanden reichlichen und wohlverdienten Beifall; auch Herr Labatt (Alamir), der sich in der heitersten aller Polonaisen („Trema Bisanzio!“) unbarmherzig überschrie, blieb nicht ohne Applaus. Sollte dieses Akademie-Fragment der Vorbote einer vollständigen Wieder aufnahme des „Belisar“ im Operntheater sein? Eine besonders angenehme Ueberraschung wäre das nicht. Opern vom Schlage dieses „Belisario“ sollten gar nicht gedacht werden, so lange Euryanthe“, „Oberon“, „Jessonda“, „Templer und Jüdinnebst zahlreichem achtbaren Gefolge auf den Einlaß ins neue Haus warten. Nur ganz außerordentliche italienische Gesangskünstler — solche, um derentwillen man in die Oper geht, möge nun was immer gegeben werden — vermöchten vielleicht das Interesse an dieser abgestandenen Musik momen tan wieder zu erwecken. Wie schnell verwelken doch italienische Opern! Von Rossini, dem genialsten Italiener des Jahr hunderts, ist auf deutschen Bühnen außer dem „Tell“ und dem „Barbier“ eigentlich nichts mehr lebensfähig. Sein Graf Ory“ wäre es, fände man die rechten Sänger und Schauspieler dafür. Von Bellini ist außer der „Normakaum etwas mit Theilnahme noch anzuhören. Rossini’s Zeit genossen, die Mercadante, Zingarelli, Pacini, Caraffa, sind bis auf die letzte Note nach Verdienst verschollen. Und Donizetti, der elegante, vielgestaltige, fruchtbare Maestro? Zwei seiner Opern prangen noch in unverkümmerter Jugend frische; es sind die komischen: „Liebestrank“ und „Don Pas quale“. Was wir von seinen ernsten Opern auf dem Reper toire haben, übt noch einen Theil des alten Zaubers, lange nicht mehr den ganzen: die sanftgirrende „Lucia“ mit ihrer geistreicheren Schwester „Lucrezia“ und der „Favorite“, die in ihrem vierten Acte das Beste gibt, was Donizetti im ern sten Style geschrieben. Von den übrigen lyrischen Tragödien Donizetti’s darf wol keine einzige hier auf eine dauernde Auf erstehung hoffen. Wenn man unserem Opern-Repertoire fri sches Leben zuführen will, so wird man zunächst aus deutschen und französischen Quellen schöpfen müssen.