Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2374. Wien, Mittwoch, den 5. April 1871 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2374. Wien, Mittwoch, den 5. April 1871 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Das Jubiläum der Wiener Tonkünstler-Societät „Haydn“. Wien, 4. April.

Ed. H. Die (seit 1862 „Haydn“ benannte) Tonkünstler- Societät in Wien beging am 3. und 4. April ein seltenes Fest: die Feier ihres hundertsten Geburtstages. Ein hundert jähriger Bestand will viel bedeuten auf dem Gebiete der Musik, dieser rapid fortschreitenden, in Neubildungen aller Art und Verbrauch des Alten so stürmisch vorgehenden Kunst. Die organisirten stabilen Concert-Institute sind vollends jun ger Herkunft, und in deutschen Landen besteht gegenwärtig keine von Fachmusikern gegründete Gesellschaft, welche sich so hohen Alters rühmen könnte.

Nur England, das auch in Kunstsachen als organisato rische „Vormacht“ sich bewährte, war mit der Gründung eines ähnlichen Tonkünstlervereines (1738) vorangegangen und hatte damit vielleicht eine Anregung mehr gegeben zu unserer vom Jahre 1771 datirenden „Musikalischen Societät der freyen Tonkunst für Witwen und Waisen“ in Wien. In den Zwanziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts kam ein deutscher Musiker, Namens Kytsch, nach London, wo er als vor trefflicher Oboist von allen musikalischen Kreisen gesucht wurde und viel Geld verdiente. Er war jedoch seinem Glücke nicht gewachsen, wurde leichtsinnig, vernachlässigte sich und seine Familie und starb endlich als Bettler auf der Straße. Bald darauf bemerkten die Ton künstler Festing, Weidemann und Vincent auf der Straße zwei Knaben, denen ihre Beschäftigung, Esel zu treiben, ziemlich fremd zu sein schien. Davon unterrichtet, daß diese Knaben Söhne des unglücklichen Kytsch seien, beschlossen die genannten Männer, nicht nur diese Waisen aus ihrer entwürdigenden Stellung zu befreien, sondern auch einen Fonds zu gründen, um ähnlichen Vorkommnissen ihrer Kunstbrüder auf immer vorzubeugen. Schon am 19. April 1738 konnten sie den Gründungs tag eines Vereines feiern, der segenbringend nun schon ins zweite Jahrhundert seines Bestehens reicht. Der Verein „zur Unterstützung, hilfsbedürftiger Musiker und deren Familien“ fand in Händel eine mächtige Stütze und hat sich seit dem Jahre 1790 unter dem Namen: „Royal Society of Musicians of Great Britain“ blühend entfaltet. („Mozart und Haydn in London“, von C. F. Pohl.) Gründer der letzteren war Florian Gaßmann. Er war als armer Karls bader Harfenist in die Fremde gezogen, hatte Hunger und Kälte kennen gelernt und war dessen in späteren, besseren Zeiten wohl eingedenk. Zum Hofcompositeur, dann zum Hof

capellmeister in Wien ernannt, war er für das Wohl seiner ärmeren Collegen redlich besorgt und gründete den genannten Pensionsfonds für Witwen und Waisen österreichischer Ton künstler — eine segensreiche Anstalt, nach deren Muster später die ähnlichen Versorgungs- und Concert-Institute in Berlin, St. Petersburg, Prag etc. entstanden. Wenn auch die Ton künstler-Societät bei ihrem Jubiläums-Concerte die Büste Gaßmann’s neben jener des großen Haydn nicht aufstellen mochte, so hätte sie wenigstens auf den Anschlagzetteln den Namen ihres Gründers in Erinnerung bringen können. Haydn wurde erst später der artistische Adoptiv-Vater, ja der musi kalische Schutzheilige der Pensions-Gesellschaft, welche seinen Werken die bessere Hälfte ihrer künstlerischen wie ihrer mate riellen Existenz dankt.

Die Wiener „Tonkünstler-Societät“ will immer unter zweifachem Gesichtspunkte betrachtet sein: als musikalisches Concert-Unternehmen und als Humanitäts-Institut zur Ver sorgung von Witwen und Waisen. Im Laufe der Zeit, na mentlich in dem Maße, als andere große Concert-Institute hier entstanden und die Tonkünstler-Societät überflügelten, ist die musikalische Bedeutung der letzteren hinter die humanitäre entschieden zurückgetreten. Im Anfange war dies nicht der Fall. Vielmehr genossen die Akademien unserer Tonkünstler- Societät einen solchen Ruf, daß die berühmtesten Künstler, wie Mozart und Beethoven, sich um die Ehre bewarben, als Componisten und Virtuosen darin aufzutreten. Oratorien, früher mehr ein Gegenstand geistlicher und ästhetischer An dacht und vorzugsweise in der Hofburgcapelle cultivirt, wur den erst durch die Societät in regelmäßig wiederkehrenden Concerten dem großen Publicum zugänglich gemacht und mit Aufführung von Symphonien und Virtuosen-Productionen ver bunden. Im Laufe von hundert Jahren hat dieser Verein 366 Akademien gegeben. Die erste derselben, am 29. März 1772, brachte Gaßmann’sitalienisches Oratorium: „La Betulia liberata“, zwei Symphonien von Starzer und Asplmayr, ein Flöten- und ein Violin-Concert. In den folgenden Jahren beherrschten Oratorien von Hasse, Bonno, Salieri, Dittersdorf, Albrechtsberger vorzugsweise das Re pertoire. Das Jahr 1799 brachte einen Wendepunkt in der Geschichte des Oratoriums und der Wiener Tonkünstler- Societät: das Erscheinen von Haydn’sSchöpfung“, wel

cher 1801Die Jahreszeiten“ folgten. Durch den Anschlag zettel des Jubiläums-Concertes, welcher die „Schöpfung“ als „zum erstenmale aufgeführt am 22. December 1799“ be zeichnet, und die „Jahreszeiten“ „am 22. December 1801“, könnte man leicht irregeführt werden, zu glauben, diese Werke seien erst an den genannten Tagen und erst durch die Ton künstler-Societät ans Licht gebracht worden — ein Irrthum, der überdies in Pohl’s „Denkschrift“ eine scheinbare, still schweigende Unterstützung findet. In Wahrheit wurden beide Oratorien nicht von der Tonkünstler-Societät, sondern zuerst (im fürstlich Schwarzenberg’schen Palais) von jener Gesell schaft von Cavalieren aufgeführt, welche unter van Swieten’s maßgebendem Einflusse zeitweilig größere Musik-Produc tionen veranstaltete und unter dem Namen des „adeligen Liebhaber-Concertes“ bekannt war. Von da an, also durch volle siebzig Jahre, erblicken wir auf den Program men der Tonkünstler-Societät in einer langen geraden Linie die fortgesetzte, nur selten durch ein anderes Werk unter brochene Herrschaft der „Schöpfung“ und der „Jahreszeiten“. Die „Schöpfung“ erlebte bis jetzt 72 Aufführungen, die Jahreszeiten“ deren 69. Der Gesammt-Ertrag, welchen diese beiden Werke bis zum Jahre 1869 der Tonkünstler-Societät lieferten, beläuft sich in runder Summe auf 112,000 fl. Oe. W. Wie viel Noth und Kummer ist damit gelindert, wie viel unverschuldete Armuth unterstützt worden! Haydn’s Ton dichtungen verdankt die Societät den größten Theil ihres Ver mögens, welches jetzt nahezu 500,000 fl. beträgt. Im Gefühle der Dankbarkeit gegen ihren größten Wohlthäter hat die Ton künstler-Societät bei ihrer Reorganisation im Jahre 1862 den Namen Haydn angenommen. Demselben Gefühle ent sprang auch die glückliche Idee der Societät, bei ihrer Jubel feier ausnahmsweise von der üblichen Wiederholung desselben Oratoriums am zweiten Concert-Abend abzugehen und beide, in ihrer Geschichte so eng verbundene Werke aufzuführen: Die SchöpfungundDie Jahreszeiten“.

Aeußerlich war die Festfeier durch eine reichere Beleuch tung des Theaters, durch die Aufstellung einer Colossalbüste Haydn’s und durch einen von Lewinsky declamirten Prolog bezeichnet. Das Gedicht, von August Silberstein verfaßt, ist sehr hart in der Sprache, enthält aber in den auf Haydn’s Hauptwerke anspielenden Strophen sinnige Wendungen.

Endlich verlieh auch die Mitwirkung fremder, eigens zu dem Jubiläum geladener Künstler (der Sänger Hill und Vogl) dem Festconcerte neuen Reiz, und dürfte der Direction auch für die Zukunft ein Fingerzeig sein, wie das naturgemäß sich abschwächende Interesse an einem kleinen, stabilen Repertoire sich auffrischen lasse. Herr Vogl, Hofopernsänger aus München, wie Herr Hill, Kammersänger aus Schwerin, er wiesen sich als classisch geschulte, echt musikalisch empfindende und gestaltende Künstler, als Oratorien-Sänger von bester Art. Beiden gemein ist der noble, verständnißvolle Vortrag, die überaus deutliche Aussprache, die klare Auseinandersetzung des Recitativs.

Vor Herrn Hill, dessen Baßbariton zwar ausgiebig, aber etwas hohl klingt, ist Herr Vogl im Vortheil durch seine klangvolle, männlich kräftige Tenorstimme, die durch dunkle Färbung und deutliche Tiefe nicht zum Nachtheil ihres Klanges einen baritonartigen Timbre erhält. Beide Sänger wurden in der „Schöpfung“ durch reichlichen Beifall ausgezeichnet; Vogl’s Arie: „Mit Würd’ und Hoheit angethan“ machte förmlich Furore. Auch Frau Dustmann erntete Applaus, obgleich sie, auffallend indisponirt, mit unzureichenden Stimm mitteln wirkte. Am zweiten Abend (in den „Jahreszeiten“) sang statt des plötzlich unwohl gewordenen Herrn Hill Herr Dr. Krauß die Baßpartie mit ehrenvollem Erfolg. Herr Vogl leistete abermals Vortreffliches; die fröhlichen wie die zärtlichen Gefühle des Bauernjungen Lucas gab er frisch, na türlich und ohne Ziererei wieder, die Schilderung des im Schneegestöber verirrten Wanderers mit sehr charakteristisch bedeutender Malerei im Vortrag. Großen Beifall fand die Leistung Fräulein Hauck’s (Hannchen); für einen ersten Ver such im Oratorium war sie auffallend gelungen und ließ außer einer deutlicheren Aussprache fast nichts zu wünschen übrig. Am ersten Abend dirigirte Herr Dessoff, am zweiten Herr Hellmesberger — Beide mit voller Hingebung an die Sache, welche diesmal auch weit besser ausfiel als gewöhnlich.

Beide Akademien fanden im Burgtheater statt. Daß gerade an diesem Ehrentage das gewöhnliche, akustisch so be rüchtigte Local beibehalten wurde, ist nicht anzufechten. Die ganze, jetzt hundertjährige Geschichte der Tonkünstler-Societät ist mit diesem Locale eng verwachsen, und zahlreiche ruhm

volle Erinnerungen hängen daran, welche an solchem Festtage beredter als sonst zu dem Zuhörer sprechen. An seinem Jubi läumstage durfte der Verein der ehrwürdigen Stätte nicht un treu werden, an welcher einst Haydn, Salieri, Dittersdorf, Mozart und Beethoven in den Societäts-Akademien dirigirten und spielten. Mit dieser Jubelfeier jedoch sollte der Verein definitiv und für immer Abschied nehmen vom Burgtheater. Eine neue Zeit braucht neue, vollkommenere Hilfsmittel. Das Burgtheater ist als ein ganz schlechtes, verderbliches Local für große Musik-Aufführungen obendrein schon in alten Zeiten bekannt gewesen. Berichtete doch schon im Jahre 1796 der Actuar der Societät, Wranitzky, amtlich über eine solche Burgtheater-Akademie: „Zu meinem Erstaunen hörte ich eine Symphonie von meiner Composition und glaubte, daß die Musik gar nicht im Theater ist oder daß sie sehr schwach besetzt sei. Ich sah hin und sah eine Quantität Menschen arbeiten.“ An dem musikalischen Sinken der Societäts-Akademien trägt das Burgtheater, als akustische Mißgeburt, eine wesentliche Schuld, wenn auch keineswegs die ganze. Ein hundertjähriges Jubiläum ist ein Freudenfest und darum kein passender Anlaß zu Tadel und Beschwerden gegen den Jubilar. Nicht um Vergangenes zu kritisiren, sondern um dem Vereine eine erfreuliche Perspective eröffnen zu können, singen wir heute zum allerletztenmale das alte Klagelied vom Burgtheater-Local mit der dringenden Aufforderung, der Haydn-Verein möge auch seinerseits darin zum allerletztenmale gesungen haben. Jedes Kind weiß, daß der Ton, in solchen langen, schmalen Sack gebannt, weder Kraft noch Glanz ent falten kann, daß nicht einmal Präcision des Zusammenspiels erreichbar ist, wo die zutiefst postirten Instrumentalisten den Dirigentenstab kaum ausnehmen können. Wer die Stelle: „Es werde Licht!“ nur im Burgtheater gehört, der wird den Weltruhm dieses Effectes kaum begreifen; im Gegentheile muß man sich bei dieser Stelle über das wie in Baumwolle ein gewickelte Fortissimo (?) jedesmal auf gut Wienerisch „giften“.

Der Haydn-Verein ist jetzt so wohlhabend, daß er unbe schadet seines finanziellen Zweckes auch für seine musikalische Stellung ein kleines Geldopfer bringen kann. Gedenkt er wirklich am Burgtheater, weil er es „umsonst“ hat, fest zuhalten, so dürfte es bald geschehen, daß er dort in einem

ganz anderen Sinne „umsonst“ concertirt. An seinen vier Productions-Abenden ohnehin von keiner Concurrenz beengt, sollte der „Haydn“ nicht länger säumen, für seine Concerte den großen Musikvereinssaal zu miethen. Wie müßte dort das Winzerfest in den „Jahreszeiten“ klingen — ein Stück, dessen Genialität die merkwürdigste Verjüngung und Modernisirung des alten Haydn offenbart, das ohne den vorausgegangenen „Don Juan“ kaum denkbar ist, ja geradezu Beethoven’sche Klänge vorausnimmt!

Im Besitze ausgezeichneter Solisten, tüchtiger Dirigenten, eines achtbaren Chor- und Orchesterkörpers, wie der „Haydn“ es derzeit ist, dürften seine Akademien im großen Musik vereinssaale bald wieder eine Bedeutung erreichen, welche der ruhmvollen Vergangenheit des Institutes entspricht und für welche der Dank des Publicums auch in klingender Münze nicht ausbleiben wird.

Schließlich verdient noch die „Denkschrift“ erwähnt zu werden, welche die Tonkünstler-Societät aus Anlaß ihres Jubiläums soeben im Selbstverlage herausgegeben hat. Diese von allem Raisonnement sich fernhaltende, rein actenmäßige Darstellung ist von Herrn C. F. Pohl verfaßt und wie alle Arbeiten dieses trefflichen Archivars ein Muster von Ge nauigkeit und Vollständigkeit. Neu sind darin zunächst die voll ständigen chronologischen und alphabetischen Verzeichnisse der Mitglieder der Societät, aller Künstler, die in den Akademien mitgewirkt haben, sämmtlicher Tonkünstler-Witwen und -Waisen mit ihren Bezügen etc. Beiläufig muß ich allerdings erwähnen (da es wahrscheinlich niemand Anderer für mich thun wird), daß die Geschichte der Tonkünstler-Societät, ihre Organisation und ihre musikalische Thätigkeit vom Gründungsjahre an bis auf die neueste Zeit sammt allen musikgeschichtlich interessanten Zwischenfällen und Personalien bereits in meiner (1869 erschiene nen) „Geschichte des Wiener Concertwesens“ aus den Original- Acten der Societät dargestellt, und zwar zum erstenmale dargestellt ist. Diese Prioritätswahrung kann und soll die Aner kennung des rühmlichen Fleißes nicht schmälern, womit Herr Pohl die voluminösen Acten des Vereines neuerdings durch stöbert und zu einem umfassenden, authentischen Nachschlage buche verarbeitet hat.