Hofoperntheater.
(Die Gäste: Herr
Hill, Herr
Adams, Fräulein
Zimmermann, Fräulein
Trousil.)
Ed. H. Wenn man den erschreckend großen und raschen
Verbrauch an Gesangskräften beobachtet, der sich in unserem
modernen Opernwesen vollzieht, so muß man oft besorgt
werden für die allernächste Zukunft. Wir sehen nach einander
unsere besten Künstler abdanken oder altern und können doch
trotz der Genügsamkeit, mit welcher wir unsere Ansprüche
von Jahr zu Jahr herabstimmen, nirgends einen ausreichen
den Nachwuchs erblicken. Sänger, die eben nur von anständi
ger Tüchtigkeit sind, allenfalls glänzend in Einem Punkte,
sei es die Stimme oder die Virtuosität oder die dramatische
Begabung, bei gleichzeitiger Dürftigkeit in allen übrigen, sie
werden jetzt — halbfertig — mit Summen engagirt, für
welche man vor zwanzig Jahren Künstler allerersten Ranges
gewann. Wie soll das weitergehen? In so skeptisch und
hypochondrisch stimmenden Verhältnissen thut es doppelt wohl,
wenn plötzlich, fast aus dem Dunkel, einige neue Talente her
vortreten, die wieder tröstliche Zuversicht verbreiten. So sind
in Wien gleichzeitig die Sänger Vogl und Hill als unbe
rühmte, wenngleich nicht ganz unbekannte Namen erschienen,
um, mit dem Purpur eines glänzenden Erfolges bekleidet,
wieder nach Deutschland zurückzukehren. An sie schloß sich die
jugendliche Sängerin Emmy Zimmermann, deren Name
ebenfalls einen ungleich stärkeren Klang von hier fortnimmt,
als er mitgebracht. Wien hat dabei nur die Freude, daß es
in Einem Abende den Ruhm eines fremden Talentes mächti
ger fördert, als ein jahrelanges pflichttreues Wirken an
deutschen Stadt- und Hoftheatern es vermocht. Man kann
allerorten in Deutschland ein tüchtiger Künstler sein, ein be
rühmter wird man nicht ohne Wien und Berlin.
Die Opernlaufbahn der genannten Sänger datirt aus
neuester Zeit. Vogl war vor sieben oder acht Jahren ehr
samer Schullehrer in einem baierischen Städtchen. Hill
lernte ich noch im Jahre 1866 als Postbeamten der freien
Stadt Frankfurt kennen; damals schon als Lieder- und Ora
toriensänger geschätzt, vertauschte er doch erst später die
Briefpost mit der Opernbühne — ein trefflicher Entschluß,
durch den er sich im schönsten Sinne frei und recommandirt
gemacht hat. Emmy Zimmermann endlich ward als An
fängerin aus kleinstädtischen Verhältnissen durch Laube
emporgehoben und am Leipziger Theater engagirt. Laube’s
scharfer Blick hatte den Werth dieses schönen, bildungsfähigen
Talentes erkannt, unbeirrt von mißtrauischen Bedenken seiner
Capellmeister; der Erfolg gab ihm Recht, denn nach wenigen
Monaten fleißigen Studiums war Fräulein Zimmermann die
größte Anziehungskraft seines Theaters.
Herrn Vogl’s leicht ansprechenden, wohlgeschulten,
jugendlich kräftigen Tenor lernten wir leider nur im Ora
torium kennen. An drei aufeinanderfolgenden Abenden (in der
„Schöpfung“, den „Jahreszeiten“ und der „Matthäus-Passion“)
machte dieser unermüdliche Sänger Furore, und so wird es
hoffentlich sein eigener Wunsch sein und nicht blos der unserige,
sich den Wienern recht bald auch als Opernsänger zu zeigen.
Der mecklenburg’sche Kammersänger Herr Hill, welcher be
reits in vier Rollen hier aufgetreten ist, theilt mit Vogl den
unschätzbaren Vorzug musikalischer Durchbildung und Sicher
heit, die Natur hat ihn allerdings minder freigebig bedacht.
Seine Stimme, ein Bariton von immerhin ausreichender
Kraft, entbehrt des Metalls, klingt gedeckt, in der Tiefe hohl
und wird bei starkem Ansatz in der Höhe leicht unedel. Weich
und seelenvoll spricht seine Stimme im Piano und Mezza
voce an, während im Forte die Töne sich sondern und die
mächtigeren Lagen leicht zerbröckeln. Hill’s Aussprache ist
wunderbar deutlich, seine Intonation unfehlbar rein, seine
Methode überhaupt so gediegen, daß sie selbst den etwas
kurzen Athem geschickt maskirt. Mit diesen keineswegs glän
zenden Mitteln (auch Statur und Gesichtsbildung sind nicht
bedeutend) weiß Herr Hill große Wirkungen zu erreichen. Durch
anhaltende Schulung hat er seine Stimme gehorsam und geschmeidig
gemacht, durch geistigen Ausdruck und dramatische Beseelung wird
sie ihm zum Organ der edelsten künstlerischen Intentionen.
Hill ist ein eminent dramatischer Sänger; er setzt seine Rol
len nicht aus effectvollen Einzelheiten zusammen, sondern ge
staltet sie organisch, bis in die feinsten Auszweigungen, aus
dem Mittelpunkt des Charakters. Gesang und dramatische
Darstellung sind ihm Aeußerungen eines Wesens. Sein
schönster Vorzug ist die innige und vollkommene gegenseitige
Durchdringung von Wort und Ton, seine größte Kunst die
Behandlung des declamatorischen Elementes im Gesang.
Ueberall, wo diese speciellen Vorzüge den Ausschlag geben,
da steht Hill als Herr und Meister auf seinem eigensten
Boden; das zeigte sein Wolfram von Eschenbach, sein
„fliegender Holländer“. Wolfram’s Rhapsodien beim Sän
gerkrieg, sonst keine kleine Geduldprobe für den Hörer, wußte
Hill mit so eindringender Articulation vorzutragen, daß sie
durch diesen Vortrag interessirten. Ohne Zweifel hat er viel
von der Gesangsweise Stockhausen’s gelernt, und ähnlich
können wieder alle Sänger von Herrn Hill profitiren. Musi
kalisch wie dramatisch waren beide Rollen vortrefflich; als
Holländer hatte Herr Hill noch den Vortheil, besser aus
zusehen, als in dem bunten Gewande Wolfram’s. Es kann
Herrn Hill’s Holländer nichts anhaben, daß man Beck’s
mächtiges Organ und feurigeren Vortrag in den effectvollsten
Stellen vermißte. Glänzender, hinreißender ist Beck’s „flie
gender Holländer“ ohne Frage; allein das ruhigere, in ge
dämpften, durchgeistigten Farben ausgeführte Bild Herrn Hill’s
steht als Kunstwerk hinter jenem nicht zurück. Hill faßt den
Charakter viel elegischer auf als Beck; die schmerzliche, beinahe
resignirte Sehnsucht nach Erlösung bildet den Grundton,
gegen welchen die dämonischen und heroischen Accente fast
ganz zurücktreten. Dieser Auffassung gemäß begibt sich Hill
der starken Ausbrüche von Leidenschaft, um durch Rührung
den Weg zum Herzen zu finden. Das gelang ihm als Hol
länder, ohne in Weichlichkeit zu verfallen; seine Klage war
tief, aber nicht unmännlich. Von eindringendem Verständniß
der Rolle zeugte auch die äußerste Sparsamkeit im Geberden
spiel; Hill, der überhaupt selten eine unnöthige Bewegung
macht, erreichte gerade durch die fast statuarische Darstellung
des Holländers die rechte, volle Wirkung.
Gegen diese trefflichen Rollen Hill’s in den beiden
Wagner’schen Opern standen sein Figaro (in „Figaro’s
Hochzeit“) und Valentin (in „Faust“) unleugbar zurück,
obgleich Beides ganz tüchtige Leistungen sind. Für Charaktere
wie Figaro scheint Herrn Hill die natürliche Beweglichkeit
und Laune zu fehlen, auch bereitete die tiefe Lage dieser Baß
partie ihm einige Schwierigkeiten. Noch Eines fiel im
Figaro auf: daß Herr Hill (wie manche denkende Künstler
im Gefühl ihrer geistigen Selbstständigkeit gern thun) zu ab
sichtsvoll ins Detail arbeite, bekannten Stellen neue Accente
und Auffassungen aufdränge. In der Stelle: „Will der
Herr Graf“ in der Schlußarie des ersten Actes unter Anderem
fielen uns solche allzu reflectirte, interpretirende Züge auf,
die doch nicht mehr und nicht Besseres leisten, als der volle,
ungehemmte Strom der Melodie für sich vollbringt. Vor
züglich gelang Herrn Hill die große Arie im letzten Act,
deren schnelles Tempo sich auf deutschen Text so unbarm
herzig schwer singt. Daß unser geschätzter Gast den Valen
tin im „Faust“ richtig erfaßte und wiedergab, bedarf nicht
ausdrücklicher Erwähnung, die Rolle ist nicht zu vergreifen.
Nur vergriff sich Herr Hill einigemal in der Tonstärke und
forcirte seine Stimme zu unschöner Klangwirkung. Dieser
kleine Flecken vermag uns aber das Gesammtbild Hill’s
nicht zu trüben, in welchem wir einen der besten Gesangs
künstler und Darsteller kennen gelernt, deren die deutsche
Oper sich heutzutage rühmen kann.
Fräulein Zimmermann, welche bisher in drei
Rollen (Elsa, Gretchen, Alice) aufgetreten ist, hat zwei wuch
tige Bundesgenossen: ihre Persönlichkeit und ihre Stimme.
Sie braucht blos aufzutreten und einige Tacte zu singen, so
hat sie auch schon das Publicum eingenommen. Die persön
liche Erscheinung einer Darstellerin ist nichts Gleichgiltiges
oder Nebensächliches, wie man gerade in der Oper uns manch
mal weißmachen möchte; nur wer das musikalische Drama
vom bloßen Concert nicht unterscheidet, kann sie dafür halten.
Müssen wir in der Regel schon zufrieden sein, wenn die Per
sönlichkeit eines Opernsängers die dramatische Illusion nicht
geradezu Lügen straft, so dürfen wir wol auch dankbar sein,
wenn sie diese Illusion einmal fördert. Wir empfinden es
schmerzlich, wenn wir einer Sängerin, singe sie noch so vir
tuos, keine ihrer Gestalten glauben können; daß Elsa oder
Alice in der Phantasie des Dichters so aussah, wie Fräulein
Zimmermann in diesen Rollen aussieht, das glaubt man
sofort und bringt damit die rechte „gläubige“ Stimmung
den poetischen Ereignissen auf der Bühne entgegen. Die Gestalt
Fräulein Zimmermann’s ist fein und stattlich, ihre Gesichtszüge
sind edel, von sanftem Ausdruck, die mimische Gewalt über dieselben
freilich noch unentwickelt. Die Stimme der Sängerin, ein Sopran
von bezauberndem Wohlaut, weich und blühend, klingt durchaus
gleichmäßig, am schönsten in der Mittellage, nur etwas müh
sam im starken Anschlagen der hohen über A hinaus liegenden
Töne. Eine tadellose Tonbildung, reine Intonation, gute
Aussprache und ruhige Haltung sind Fräulein Zimmermann
nachzurühmen. Ueberdies phrasirt sie gut, schreit nicht, tre
molirt nicht, hat überhaupt keine modernen Gesangsunarten.
Was hingegen noch mangelt, ist die dramatische Energie, der
volle Erguß des Gefühles. Vortrag und Spiel dieser Sängerin
sind zwar immer fein und stylvoll, jedoch kühl angehaucht von
jener zurückhaltenden Verständigkeit und Reflexion, welche
norddeutschen Sängerinnen so häufig eignet. Wo der Feuer
strom der Leidenschaft sich entfesseln oder die tiefsten, leisesten
Töne des Herzens erklingen sollen, da läßt uns Fräulein
Zimmermann unbefriedigt; es fehlt ihr gewiß nicht an Em
pfindung, aber an dem naiven, unmittelbaren Ausdruck der
selben. Insbesondere mußte Gretchen (in Gounod’s
„Faust“) diesen Mangel an Ursprünglichkeit und Naivetät
empfinden lassen; die ganze Gestalt wurzelte nicht im Volk,
sondern in den gebildeten Ständen Norddeutschlands. Diese Ueber
feinerung im Spiel machte sich analog in der Musik durch Neigung
zum sentimentalen Schleppen des Zeitmaßes (zum Beispiel in der
ersten Begegnung, im „König von Thule“ etc.) geltend. In
der Scene vor dem Madonnenbild entwickelte Fräulein Zim
mermann mehr Energie, als wir vermuthet hätten; hingegen
blieb ihr Liebesduett mit Faust, sowie das mit Lohengrin bei
nahe wirkungslos. Gerade in Wien ist man in diesen Num
mern den Ausdruck leidenschaftlicher Erregung in Gesang und
Spiel gewohnt. Fräulein Zimmermann wurde als Elsa
wie als Gretchen sehr freundlich aufgenommen, den entschiedensten,
ungetheiltesten Erfolg errung sie jedoch als Alice in
„Robert der Teufel“. Im ersten Acte war sie ganz vor
trefflich, in den Kraftstellen der folgenden verursachten die
höchsten Töne zwar einige Anstrengung, aber sie mißglückten
nicht. In diesen Scenen ist man hier freilich an solche
Entfesselung der Stimmkraft gewöhnt oder verwöhnt, daß
bald nichts mehr stark genug sein wird. Wer Sinn und
Werthschätzung für musikalische Vorzüge hat, wird die Leistun
gen Fräulein Zimmermann’s, so weit sie auch noch zur Voll
endung haben, mit aufrichtigem Vergnügen begrüßen. Es ist
dies eine reich ausgestattete, gut musikalische, talentvolle und
offenbar noch bildungsfähige Sängerin. Bleibend in ein
Ensemble eingereiht, das etwas frischer und heißblütiger sich
bewegt, würde Fräulein Zimmermann wahrscheinlich auch noch
wärmer werden und einige ihrer allzu zierlichen Spitzen gegen
eine kräftigere Natürlichkeit eintauschen. Die neueste hier
gastirende Sängerin, Fräulein Johanna Trousil (eine
Schülerin der Bochkoltz-Falconi), ist bis jetzt nur als Jemmy
im „Tell“ aufgetreten — einer Rolle, die bekanntlich wenig Ge
legenheit zur Auszeichnung gibt. Immerhin hat Fräulein
Trousil durch ihre wohltönende, kräftige Mezzosopran
stimme und durch guten Vortrag die Aufmerksamkeit in
günstiger Weise auf sich gelenkt, so daß man ihren nächsten
(hoffentlich etwas dankbareren) Rollen mit Interesse entgegen
sehen darf.
Den Tenoristen Herrn Adams, welcher gegenwärtig
auf dem Theaterzettel „als Gast“ figurirt, brauchen wir nicht
als solchen vorzustellen, er ist ein guter alter Bekannter un
seres Publicums und erst seit ganz kurzer Zeit kein engagirtes
Mitglied des Hofoperntheaters mehr. Fleißig und verwend
bar wie er ist, hilft Herr Adams in dieser bösen Periode der
Tenoristennoth wacker aus. Er ist, was man in der fran
zösischen Theatersprache „grande utilité“ nennt und als solche
willkommen. Das Nützliche und das Reizende sind freilich
zweierlei in der Kunst. Herr Adams wird keine Rolle ver
derben, aber auch in keiner einzigen entzücken oder hinreißen.
Was er auch an Fleiß und Geschicklichkeit aufwende, es schei
tert an dem trockenen, reizlosen, papierenen Klang seiner Stimme.
Der Glanz ist von jeder Tenorpartie weggewischt, wenn Herr
Adams sie singt. Da hilft kein Leugnen und kein noch so
wohlwollendes Anerkennen der formellen Vorzüge dieses Sän
gers. Auch gegen diese formelle Abrundung seiner Leistungen
wird man unempfindlicher, wenn man ihn (wie in den letzten
Wochen Gelegenheit war) oft nach einander in verschiedenen
Rollen hört. Da ist eine genau wie die andere, Robert der
Teufel, Lohengrin, Edgar — immer dieselbe kerzengerade Hal
tung, dasselbe unbewegliche, hübsche Gesicht, dieselben akade
misch gerundeten Armbewegungen, kein Schritt kürzer oder
länger, kein Ton heftiger oder sanfter als in jeder anderen
Rolle. Herr Adams, der im Privatleben für einen tadel
losen Gentleman gilt, ist dies auch auf der Bühne, leider ist
er in jeder Rolle immer und blos Gentleman. Von den
neuesten Leistungen des Herrn Adams war Lohengrin die
relativ glänzendste; die schwächste war Robert der Teufel,
eine Rolle, die ohne sinnliche Schönheit der Stimme gar nicht
gedacht werden kann. Und dennoch wollen wir sie künftig
hin uns lieber denken.