Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2394. Wien, Mittwoch, den 26. April 1871 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2394. Wien, Mittwoch, den 26. April 1871 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Aus dem Leben und der Correspondenz von Franz Hauser. II. (Briefe von Seydelmann, Jenny Lind und Otto Jahn.)

Ed. H. Der berühmte Schauspieler Seydelmann, am Prager Theater zugleich mit Hauser engagirt, blieb diesem zeitlebens in warmer Freundschaft zugethan. Mit Schmerz sieht er ihn von Prag nach Kassel übersiedeln und sendet ihm eine Reihe von Briefen, deren gleichmäßige feinste Perlschrift manchmal von dem etwas derben Schauspieler-Humor des Inhalts absticht. „Wenn dieser Brief an Sie kommt,“ be ginnt Seydelmann’s erster Prager Brief vom Mai 1822, „so weiß ich nichts davon, denn ich gab’ ihn gar nicht auf die Post — Sie Grobian!“ Trotz dieser forcirten Lustigkeit macht sich jetzt schon das misanthropische Wesen bemerkbar, das später in Seydelmann überhandnahm. Obgleich er seinen Director Franz v. Holbein hochschätzt, geht er nicht zu dessen Soireen, „was selbst Bayer fleißig thut, Polawsky und Wilhelmi“. „Ich hofire nicht,“ fährt er fort, „mich juckt es nicht, gleich den Leuten so zu vertrauen, eine Art Fremdheit find’ ich viel ersprießlicher; auf freundlich-süß ins Werk gesetzte Schurkereien bin ich stets gefaßt, auf Dienste, die nur mir allein von Nutzen, rechne ich nicht.“ Im Jahre 1825 finden wir Seydelmann in Kassel engagirt, von wo jedoch Hauser bereits nach Dresden abgegangen war. Seydelmann kann dem Freunde jetzt aus Kassel, wie früher aus Prag, be richten, daß keiner von Hauser’s Nachfolgern in dessen Rollen zu gefallen vermöge. Seydelmann fühlt sich bald unglücklich in Kassel, wo Alles Convenienz ist, nichts Kräftiges, nichts Gefühltes, nur Mißtrauen und Kälte. Er fragt wiederholt, ob er nicht beim Dresdener Theater ankommen könnte — „ich beneide Sie um Tieck’s Nähe!“ Im Jahre 1828 war Börne acht Tage lang in Kassel. „Es hat ihm so gefallen,“ schreibt Seydelmann, „daß er mich auf munterte, lieber heut’ als morgen davonzugehen.“ Persön liches und eine Menge Theatergeschichtchen füllen zumeist

Seydelmann’s Briefe; So endet ein langer Brief Seydelmann’s (Kassel1825) mit der Nachschrift: „Um Gotteswillen! Da hätte ich bald das Wichtigste vergessen: Ludwig Löwe geht mit ’nem Schnurrbart herum!“ wo Kunsturtheile vorkommen, sind sie ernst und strenge. So sagt er von dem berühmten Teno risten Franz Wild (1825): „Wild ist kein Künstler, ein seltener Sänger, ja, aber doch ein Comödiant. Sein Don Juan berechtigt zu dem Ausspruch.“ Seydelmann tadelt nun das „schmähliche Verfahren“ Wild’s, die Melodien zu ändern, zu verunglimpfen, obendrein in der Försterscene ein Ariettchen einzulegen. Nur als Othello findet er Wild hinreißend. Noch strenger erscheint uns Seydelmann’s Urtheil über die große Schauspielerin Sophie Schröder — ein Urtheil, das jedoch zu viel Treffendes enthält und zu ehrenvolles Zeugniß gibt für den seltenen Ernst von Seydelmann’s Kunstanschauung, als daß es der Vergessenheit anheimzufallen verdiente. Er schreibt an Hauser über die im Jahre 1825 in Kassel gasti rende Wiener Hofschauspielerin: „Auch Madame Schröder ist keine Künstlerin. Das klingt nun freilich ganz entsetzlich, wenn man von dieser weltbekannten Dame spricht. Mich kön nen aber Anderer Meinungen nicht gut verblüffen. Eigenschaf ten, Künstlerin zu sein, sind beiweitem nicht die Sache selbst, und Madame Schröder hat’s versäumt, seltene Gaben künst lerisch zu bilden und zu einen. Daß sie in der Reihe deutscher Schauspielerinnen, die mit ihr in Einem Fache wirken, als die bessere, als die beste meinetwegen dasteht, kann ihr doch unmöglich schon das Prädicat der Künstlerin erwerben; in diesem Fall wär’ ja der Einäugige unter den Blinden ein völlig Gesunder. Madame Schröder ist nichts als eine glück liche, eine seltene Naturalistin. Seltenes Organ, seltene Kraft und Dauer, heißes Blut (und nicht Gemüth!), Geschick im Auffinden und Hinstellen sogenannter Knall-Effecte, ein unge fähres Fassen ihrer Aufgabe, hin und wieder auch ein feiner Zug: das ist’s, was ich aus ihrem Spiele erkannt. Ideal sind ihre Leistungen mir keineswegs erschienen; es belebt sie eine Kraft (die übrigens weit mehr vom Teufel als von Oben stammt!), sich über die Alltäglich keit zu heben; doch gilt dies nur von Augenblicken — diese

Augenblicke nun verblüffen und — futsch! sind die Kenner (!) wie die Laien. Mir aber gelten derlei Augenblicke nichts, gar nichts, wenn sie sich zum Uebrigen verhalten, wie der Bettelsack zur kurfürstlich hessischen Schatzkammer. Ein mittelmäßiges Ganzes — muß es uns nicht lieber sein, als ein Rafael’scher Kopf auf einem miserablen Rumpf? An einem schönen Kunstgebilde darf nichts unschön sein, und wenn ich nun ein angepriesenes Kunstwerk jener hochgepriesenen Frau gesehen hatte, so konnte ich mit ihr nur grollen, daß so schöne Gaben gleichwol verschwendet sind.“ Seydelmann schien es nicht beschieden zu sein, irgendwo dauernde Befriedigung zu finden; in seinen späteren Briefen klagt er über Mannheim und Stuttgart, wie früher über Kassel. Als Grund, warum er 1832 schon zum zweitenmal um seine Entlassung vom Stuttgarter Hoftheater gebeten, nennt er „die überhandnehmende Schürzenherrschaft“ einer damals berühmten, dem verstorbenen König sehr nahestehenden Künstlerin. „Nimmermehr kann ich dieser Wirthschaft hul digen. Und das Schlimmste von diesem öffentlichen Geheimniß ist: man darf’s nicht wissen!“ Wien hieß von jetzt an die Sehnsucht Seydelmann’s, wie vordem Dresden. Seinem Freunde Hauser war es vergönnt, wonach Seydelmann so lange vergeblich strebte, eine würdige Stätte seiner Thätigkeit zuerst in Dresden, dann in Wien zu finden.

Sehr interessant, charakteristisch für die Schreiberin wie für den Empfänger, sind die Briefe Jenny Lind’s an Hauser. Es spricht daraus jenes tiefe Freundschaftsgefühl, jene bis zum Herben strenge Wahrhaftigkeit und Moralität, welche wir an dieser Künstlerin kennen. Wir begreifen, wie treu ihr Jeder anhing, den sie einmal in ihr Herz geschlossen, während kaum Jemand, dem nur oberflächlicher Verkehr mit Jenny Lind vergönnt war, sie „liebenswürdig“ gefunden hat. Unser Hauser erfreute sich ganz besonderer Bevorzugung von Seite dieser Künstlerin; als Mensch und Künstler stand er ihr überaus hoch. Jenny Lind brachte Hauser bei ihrer ersten Kunstreise nach Wien einen Empfehlungsbrief von Mendels sohn und verkehrte viel und gern mit Hauser. Bald nach ihrer Abreise von Wien beginnen ihre Briefe, deren große

ungefüge Lateinschrift in nicht allzu leserlichen Zügen und nicht allzu correctem Deutsch eigenthümlich zu uns spricht. „Ich habe oft, seitdem ich von Wien fort bin, an Sie gedacht,“ schreibt sie aus Bremen im Juni 1845 an Hauser, „und oft im Gedanken an Sie geschrieben — aber nun kommt es auf einmal wieder so mit Gewalt über mich, daß muß Ihnen sprechen mit ein schlechten Feder, schlimmes Papier und in deutschen Sprache! Aber was schadet das Alles, wenn man an einen Mensch schreibt. Ich habe was auf’s Herz, und das will ich Ihnen ordentlich erzählen, aber zu allererst: ich danke Ihnen für die Zeit, die ich in Wien war! ich danke Ihnen dann aus vollstem Herzen für die Freundschaft, die Sie mir gegeben und bewiesen. Ich danke Ihnen, daß Sie mir er kannt, ich meine, daß sie gleich auf der Stelle bemerkt, daß auch mir der liebe Gott ein Herz gegeben! und nun kommt meine Erzählung: ich habe Sie innig herzlich lieb gewonnen und fühle mit Bestimmtheit, daß ich Sie nie in meinem Leben werde vergessen können, und daß Sie zu denen (ge)hören, für die ich wol ein großes Opfer machen könnte, wenn es darauf käme! Dies ist allerdings ein Geheimniß, was die ganze Welt wissen darf, das was unter uns Viere (ich meine nicht vier Augen) doch am hübschesten bleibt. So, nun bin ich gleich leichter zu Muthe. Glauben Sie nur nicht, daß ich irgend ein Brief oder Antwort verlange, oder daß Sie eine Correspondenze auf dem Halse bekommen haben. Nein, das ist ja nicht nöthig, aber doch möchte ich doch ein mal hören, wie es Ihnen alle geht! Sie sind doch wohl in Wien nächsten Winter? Denn wie soll es denn gehen, wenn ich nicht Ihr freundliches Gesicht auf der Bühne zuweilen zu sehen kriege, oder Ihren väterlichen Rath oder dergleichen? Am Rhein war es schön! Die Zeit ist sehr sehr schnell vor über gegangen, aber sie lebt doch in frischen Farben in mein dankbares Herz. Denn das größte Glück bleibt doch: Reine, Edle Menschenherzen zu finden. Sie zweifeln gewiß nicht, daß dies Bezug auf meine Reisegefährten hat! Ach! Das Leben ist schön, das Leben ist reich. Das Andere muß aber etwas ruhiger und länger werden, sonst bleib’ ich glaub’ ich lieber hier! Aber — Scherz bei Seite — mögen

wir uns doch am liebsten bald da wiedersehen, wo keine Trennung mehr vorkommt (aber wieder kein Wiedersehen, und das ist schade!) Gott beschütze Sie! Für immer Ihre treu ergebene Jenny Lind.“ Die nächsten Briefe sind schon nach München gerichtet, wo Hauser Director des Conservatoriums geworden war. „Sind Sie noch krank?“ fragt Jenny Lind. „Ja, ja — das ist eine böse Krankheit, wenn man sich nach irgend etwas sehnt, besonders nach dem Vaterlande! Ach warum sind die meisten Menschen entweder dumm, boshaft, neidisch oder ohne die geringste Auffassung? Warum haben alle nicht so ein Gebirgsgemüth wie z. B. Gasser, für dessen Gefühle und Aeußerungen ich niederknien könnte, so rein und himmels blau kommen sie alle heraus! Es ist der Bildhauer Hanns Gasser gemeint. Wie neugierig bin ich, zu sehen, wie der liebe Gott die Menschen classiren werde ein mal. Da gibt’s eine schöne Geschichte. O Friede! O stille zu rückgezogene Häuslichkeit! Wann werd’ ich in deine Thüre ein gelassen!“

Der herzliche, freundschaftliche Ton bleibt sich immer gleich, auch in folgenden Briefen, die Jenny Lind zu Anfang des Jahres 1847 aus Wien an Hauser schreibt. „Nun schrei ben wir also 1847! Ja, alles geht in der Welt — und Sieben und vierzig wird wol auch gehen. Mögen Sie froh, ge sund und glücklich bleiben, und mögen Sie überhaupt es so haben, wie ich’s Ihnen wünsche. Aber Sie wissen ja, man kann nur das Beste für seine Freunde hoffen und wünschen, das Leiden kann man dennoch nicht immer vorbeugen! Ich werde Sie immer mit der aufrichtigsten Freundschaft gedenken, und zwischen uns wird’s immer beim alten bleiben, d. h. wir werden uns gewiß immer gut verstehen und vertragen können und fürchte nie, daß eine veränderte Stimmung zwischen uns je eintreffen wird. Dafür bürge ich und ich weiß — Sie auch.“ „Wohin werden aber die Wiener zuletzt kommen, bester Hauser? Es ist zu toll. Ich war gestern im Kärnthnerthor (oder wie schreibt man das Wort) und hörte Robert und es ging so schändlich, daß ich weiß keine Worte dafür.

Die Hasselt-Barth sang Alice! und die Zerr die Prin zessin, o du mein Himmel! und das Publicum hat gerast! Ich zittere noch heute, wenn ich an dies Tremulando von diesen beiden Damen denke. Das ist uns’re jetzige Kunst! Es ist viel besser in München, und sogar bei Pokorny ist es viel besser. Gott sei Dank, ich bleibe nicht lange. Die Regi mentstochter wird wol übermorgen sein, Staudigl macht den Sergeanten.“

Am 20. Februar 1847 schreibt Jenny Lind sehr aufgeregt über die durch Lola Montez heraufbeschworenen Unruhen in München, von welchen Hauser ihr eben Nachricht gegeben: „Ich kann Ihnen nicht beschreiben,“ ruft sie aus, „wie mich die Sachen aufgeregt! Ist denn alle Vernunft ausgestorben? und kann man denn so eine ganze Nation wegwerfen? Es ist traurig. Gebe Gott, daß da bald was geschieht — aber bald — und daß Sie in voller Ruhe dort bleiben können, und daß irgend eine Veränderung eintreffe und Sie wieder vielleicht nach Wien kämen — so passen Sie mal auf (wie der Dessauer immer sagt) dann heirathe ich hier in Wien, damit wir zusammen bleiben. Sonderbar, wie es nur in der letzten Zeit sonderbar geht! So viel Spectakel in London, daß ich lieber ich weiß nicht was thue, als hinzugehen, und nach München zu gehen wird jetzt bedenklich. Gott behüte Euch vor Revolution; die Sache ist zu scabrös und fordert große Opfer, ehe es wieder gut gehen kann. Ist denn so un möglich, dies verlorene Wesen wegzubringen, todt oder lebendig — einerlei? Nein, das ist wahr, etwas Aehnliches hat man nie erlebt; keine Zeit, schlecht sie auch war, vermag etwas Aehnliches aufzuweisen!“ Von der Politik geht die Brief stellerin nun zur Kunst über und berichtet von der ersten Auf führung der „Vielka“ im Wiedener Theater. „Die Oper ist sehr gut aufgenommen worden und Meyerbeerstürmisch empfangen. Ich hatte eine solche Angst, daß ich stockheiser war, und begreife nicht, daß man mich nicht ausgepfiffen hat. Die Oper enthält viel Schönes, etwas lang — aber je mehr man sie hört, desto mehr versöhnt man sich damit. Sag’ ich, daß die Oper für die Wiener so eigentlich paßt, so lüge ich, aber sie sind Alle in solcher Aufregung, daß sie noch nicht

wissen, wie es zusammenhängt. Von halb 11 Uhr an war der Schauplatz beinahe gefüllt, und also beinah dreizehn Stun den sind die Menschen dagesessen! Oh Dieu!! Ich sehne mich so nach dem Frühling und von der Bühne! Nach jeder Vorstellung nimmt dieser Wunsch bei mir zu. Die Intriguen in London will ich nicht mitmachen; in dieses Elend hinzugehen, fällt mir nicht ein, denn es ward gewiß um mich geschehen, dies Alles kann mein Talent nicht tragen! Heute ist wieder die „Vielka“ — Gott stehe uns Allen bei!“ Diese Abneigung gegen London verkehrte sich bald in das Gegentheil, denn noch im selben Jahre (August 1847) schreibt Jenny Lind von dort an Hauser: „Ich habe eine schöne Zeit erlebt und es ist mir gelungen das ganze Theater auf meinen Schultern zu tragen und das ist meine einzige Entschuldigung warum ich nicht geschrieben. Ich habe sehr viel gearbeitet und bin auch reichlich belohnt, denn das hiesige Publicum behandelt mich wie ihr Kind! und ich finde die Engländer das dankbarste Publicum das existirt. Mit der Nachtwandlerin hab’ ich besonders Glück gemacht und wir hätten diese Oper allein geben (können) die ganze Saison. Die Königin ist sehr gnädig und lieb gegen mich gewesen, die Mutter Grisi aber — sie mag mir gar nicht leiden.“

Eine lebhafte Correspondenz von durchaus ernstem, meist musikwissenschaftlichem Inhalte verband Hauser mit dem trefflichen Mozart-Biographen Professor Otto Jahn. Ein Päckchen Briefe von Letzterem liegt uns vor, sie reichen vom Jahre 1853 bis 1868 — immer dieselben unverändert festen, sauberen Züge, die engste, kleinste, aufrechtstehendste aller Rabenfederschriften! Sebastian Bach und die Ausgabe seiner Werke durch die „Bach-Gesellschaft“ bilden den Stoff der ersten, noch aus Jahn’s Leipziger Aufenthalt stammenden Briefe. Hauser war im Besitze zahlreicher sehr werthvoller und seltener „Bachica“; es wird von Seite Jahn’s um Mittheilung derselben für die Bach-Gesellschaft gebeten, über Thätigkeit und Methode der letzteren berichtet, endlich der Rath Hauser’s in Betreff einzelner Bach-Editionen und Autographe an gesucht. Jahn’s Briefe bleiben meistens streng bei der Sache, doch enthalten einige davon auch manche willkommene Abschweifung und

feine selbstständige Bemerkung: „Wenn Sie nicht ein so lebens erfahrener Mann wären,“ apostrophirt er einmal seinen Freund Hauser, „würde ich Ihnen eine schöne Entschuldigung her setzen, warum ich erst jetzt schreibe: so aber zweifle ich nicht im mindesten, daß Sie genau wissen, wie es zugeht, daß man zu Zeiten alle seine Briefe in Gedanken, aber keinen mit der Feder schreibt. Warum hat man noch keinen Gedanken-Tele graphen erfunden? Man wird es gewiß, aber hoffentlich er leben wir es nicht mehr, wo sollte man vor lauter Gedanken hin?“ Während Jahn noch an seinem „Mozart“ arbeitete, beschäf tigte ihn bekanntlich schon der Plan einer später zu verfassen den Beethoven-Biographie. Darauf bezieht sich folgende Stelle aus einem Briefe Jahn’s vom 19. Juni 1858: „Was Sie über das Verhältniß Mozart’s und Beethoven’s andeuten, in teressirt mich lebhaft und hat mich, wie Sie denken können, lange und lebhaft beschäftigt. In Mozart kann ich Sie fast ganz umgehen und thue es absichtlich, weil ich so weitgrei fende Fragen nicht gern abstract, sondern vom Concreten aus und in ihrem ganzen lebendigen Zusammenhange behandle; bei Beethoven liegt die Frage nothwendig vor, und mir graut davor, nicht weil ich mich fürchte, offen herauszureden, sondern weil so etwas nicht blos Schweiß, sondern Herzblut kostet. Ihre Gegensätze: Italienischdeutsch, akademisch — nicht aka demisch sind gewiß treffend, aber ich meine, man muß noch weiter hineingehen, und ich weiß nicht, wie weit Sie mitgehen. Mir scheint, der alte nie endende Kampf um die Freiheit des Individuums, den der Humanismus, die Reformation, die Revolution u. s. w. an anderen Stellen der geistigen Exi stenz begonnen haben, den hat Beethoven in der Musik auf genommen. Mit Ernst und Wahrheit unternehmen das nur große Naturen, und noch hat es Keiner gethan, ohne die Ge fahren aufzudecken, die es ihm und seinen Nachfahren bringt. Ich glaube, seine Größe und seine Schwächen liegen in diesem Keime nothwendig beschlossen, darum zeugen auch seine Schwächen für seine Größe. Natürlich trauen Sie mir nicht zu, daß ich ihn für einen Radicalen in Religion, Politik, Philosophie, nebenbei auch in Musik halte, wie man jetzt zu schwatzen liebt, ich spreche von seiner innersten künstlerischen

Natur. Aber, bester Freund, das ist ein Meer auszutrinken und nichts für einen Brief.“

Zehn Jahre später (1868) correspondiren die beiden Freunde über die Herausgabe einer Auswahl von M. Haupt mann’s Briefen. Nach dem Tode dieses berühmten Musik- Theoretikers und geistvollen Schriftstellers hatte Jahn sich entschlossen, eine Auswahl von Hauptmann’s Briefen zu ver öffentlichen. „Ich denke, das kann und soll ein Buch werden, wie es nicht viele gibt!“ Hauptmann hat mitunter seine treffendsten Urtheile, seine geistreichsten Ausführungen in freundschaftlichen Briefen niedergelegt, und wer je einige davon gelesen, wird obigem Ausrufe Jahn’s beistimmen und mit uns bedauern, daß jenes Unternehmen noch immer nicht ausgeführt ist. Vielleicht die kostbarsten Briefe Hauptmann’s waren an Hauser gerichtet, der, in langjährigem freundschaft lichsten Verkehr mit ihm stehend, drei Bände solcher Briefe von Hauptmann besaß und an Jahn einschickte. Letzterer starb über der Redaction dieser Briefsammlung, welche sich wahr scheinlich in Händen der Herren Breitkopf und Härtel in Leipzig befindet. Möchten diese Zeilen dazu beitragen, die hochverdienten Verleger zur baldigen Herausgabe dieses Brief schatzes anzueifern! Jahn’s letzter kurzer Brief an Hauser (aus Bonn, den 15. Juni 1869) macht einen tiefwehmüthigen Eindruck. „Sie machen sich,“ beginnt er, „eine falsche Vor stellung von meiner Gesundheit, lieber Freund, wenn Sie mich auf einem Musikfest vermuthen. Seit mehreren Jahren habe ich mich von allem socialen und wissenschaftlichen Um gang und Verkehr ganz zurückgezogen und lebe ganz isolirt. Musik habe ich seit drei Jahren keinen Ton gehört und werde keinen wieder hören. Besonders in diesem Jahre ist mein Befinden so gesunken, daß ich mit Mühe den Pflichten des Amtes nachkomme. Da sieht es nicht gut mit Hauptmann’s Briefen aus, die Frische und Freiheit und Kraft verlangen; vielleicht hilft der Sommer noch etwas nach.“ Der Sommer hat leider nicht nachgeholfen: der unvergeßliche und unersetz liche Mann starb wenige Wochen nach jenem Briefe. (Ein dritter und letzter Artikel folgt.)