Aus dem Leben und der Correspondenz von Franz
Hauser.
II.
(Briefe von
Seydelmann, Jenny
Lind und Otto
Jahn.)
Ed. H. Der berühmte Schauspieler Seydelmann, am
Prager Theater zugleich mit Hauser engagirt, blieb diesem
zeitlebens in warmer Freundschaft zugethan. Mit Schmerz
sieht er ihn von Prag nach Kassel übersiedeln und sendet ihm
eine Reihe von Briefen, deren gleichmäßige feinste Perlschrift
manchmal von dem etwas derben Schauspieler-Humor des
Inhalts absticht. „Wenn dieser Brief an Sie kommt,“ be
ginnt Seydelmann’s erster Prager Brief vom Mai 1822, „so
weiß ich nichts davon, denn ich gab’ ihn gar nicht auf die
Post — Sie Grobian!“ Trotz dieser forcirten Lustigkeit
macht sich jetzt schon das misanthropische Wesen bemerkbar,
das später in Seydelmann überhandnahm. Obgleich er seinen
Director Franz v. Holbein hochschätzt, geht er nicht zu dessen
Soireen, „was selbst Bayer fleißig thut, Polawsky und
Wilhelmi“. „Ich hofire nicht,“ fährt er fort, „mich juckt es
nicht, gleich den Leuten so zu vertrauen, eine Art Fremdheit
find’ ich viel ersprießlicher; auf freundlich-süß ins Werk
gesetzte Schurkereien bin ich stets gefaßt, auf Dienste, die nur
mir allein von Nutzen, rechne ich nicht.“ Im Jahre 1825
finden wir Seydelmann in Kassel engagirt, von wo jedoch
Hauser bereits nach Dresden abgegangen war. Seydelmann
kann dem Freunde jetzt aus Kassel, wie früher aus Prag, be
richten, daß keiner von Hauser’s Nachfolgern in dessen Rollen
zu gefallen vermöge. Seydelmann fühlt sich bald unglücklich
in Kassel, wo Alles Convenienz ist, nichts Kräftiges, nichts
Gefühltes, nur Mißtrauen und Kälte. Er fragt wiederholt,
ob er nicht beim Dresdener Theater ankommen könnte — „ich
beneide Sie um Tieck’s Nähe!“ Im Jahre 1828 war
Börne acht Tage lang in Kassel. „Es hat ihm so
gefallen,“ schreibt Seydelmann, „daß er mich auf
munterte, lieber heut’ als morgen davonzugehen.“ Persön
liches und eine Menge Theatergeschichtchen füllen zumeist
Seydelmann’s Briefe;
So endet ein langer Brief Seydelmann’s (Kassel1825) mit
der Nachschrift: „Um Gotteswillen! Da hätte ich bald das Wichtigste
vergessen: Ludwig Löwe geht mit ’nem Schnurrbart herum!“
wo Kunsturtheile vorkommen, sind
sie ernst und strenge. So sagt er von dem berühmten Teno
risten Franz Wild (1825): „Wild ist kein Künstler, ein
seltener Sänger, ja, aber doch ein Comödiant. Sein Don
Juan berechtigt zu dem Ausspruch.“ Seydelmann tadelt nun
das „schmähliche Verfahren“ Wild’s, die Melodien zu ändern,
zu verunglimpfen, obendrein in der Försterscene ein Ariettchen
einzulegen. Nur als Othello findet er Wild hinreißend.
Noch strenger erscheint uns Seydelmann’s Urtheil über die
große Schauspielerin Sophie Schröder — ein Urtheil, das
jedoch zu viel Treffendes enthält und zu ehrenvolles Zeugniß
gibt für den seltenen Ernst von Seydelmann’s Kunstanschauung,
als daß es der Vergessenheit anheimzufallen verdiente. Er
schreibt an Hauser über die im Jahre 1825 in Kassel gasti
rende Wiener Hofschauspielerin: „Auch Madame Schröder
ist keine Künstlerin. Das klingt nun freilich ganz entsetzlich,
wenn man von dieser weltbekannten Dame spricht. Mich kön
nen aber Anderer Meinungen nicht gut verblüffen. Eigenschaf
ten, Künstlerin zu sein, sind beiweitem nicht die Sache selbst,
und Madame Schröder hat’s versäumt, seltene Gaben künst
lerisch zu bilden und zu einen. Daß sie in der Reihe deutscher
Schauspielerinnen, die mit ihr in Einem Fache wirken, als
die bessere, als die beste meinetwegen dasteht, kann ihr doch
unmöglich schon das Prädicat der Künstlerin erwerben; in
diesem Fall wär’ ja der Einäugige unter den Blinden ein
völlig Gesunder. Madame Schröder ist nichts als eine glück
liche, eine seltene Naturalistin. Seltenes Organ, seltene Kraft
und Dauer, heißes Blut (und nicht Gemüth!), Geschick im
Auffinden und Hinstellen sogenannter Knall-Effecte, ein unge
fähres Fassen ihrer Aufgabe, hin und wieder auch ein
feiner Zug: das ist’s, was ich aus ihrem Spiele
erkannt. Ideal sind ihre Leistungen mir keineswegs
erschienen; es belebt sie eine Kraft (die übrigens weit mehr
vom Teufel als von Oben stammt!), sich über die Alltäglich
keit zu heben; doch gilt dies nur von Augenblicken — diese
Augenblicke nun verblüffen und — futsch! sind die Kenner (!)
wie die Laien. Mir aber gelten derlei Augenblicke nichts,
gar nichts, wenn sie sich zum Uebrigen verhalten, wie der
Bettelsack zur kurfürstlich hessischen Schatzkammer. Ein
mittelmäßiges Ganzes — muß es uns nicht lieber sein, als
ein Rafael’scher Kopf auf einem miserablen Rumpf? An
einem schönen Kunstgebilde darf nichts unschön sein, und wenn
ich nun ein angepriesenes Kunstwerk jener hochgepriesenen
Frau gesehen hatte, so konnte ich mit ihr nur grollen,
daß so schöne Gaben gleichwol verschwendet sind.“
Seydelmann schien es nicht beschieden zu sein, irgendwo
dauernde Befriedigung zu finden; in seinen späteren Briefen
klagt er über Mannheim und Stuttgart, wie früher über
Kassel. Als Grund, warum er 1832 schon zum zweitenmal
um seine Entlassung vom Stuttgarter Hoftheater gebeten,
nennt er „die überhandnehmende Schürzenherrschaft“ einer
damals berühmten, dem verstorbenen König sehr nahestehenden
Künstlerin. „Nimmermehr kann ich dieser Wirthschaft hul
digen. Und das Schlimmste von diesem öffentlichen Geheimniß
ist: man darf’s nicht wissen!“ Wien hieß von jetzt an
die Sehnsucht Seydelmann’s, wie vordem Dresden. Seinem
Freunde Hauser war es vergönnt, wonach Seydelmann so
lange vergeblich strebte, eine würdige Stätte seiner Thätigkeit
zuerst in Dresden, dann in Wien zu finden.
Sehr interessant, charakteristisch für die Schreiberin wie
für den Empfänger, sind die Briefe Jenny Lind’s an
Hauser. Es spricht daraus jenes tiefe Freundschaftsgefühl,
jene bis zum Herben strenge Wahrhaftigkeit und Moralität,
welche wir an dieser Künstlerin kennen. Wir begreifen, wie
treu ihr Jeder anhing, den sie einmal in ihr Herz geschlossen,
während kaum Jemand, dem nur oberflächlicher Verkehr mit
Jenny Lind vergönnt war, sie „liebenswürdig“ gefunden hat.
Unser Hauser erfreute sich ganz besonderer Bevorzugung von
Seite dieser Künstlerin; als Mensch und Künstler stand er
ihr überaus hoch. Jenny Lind brachte Hauser bei ihrer ersten
Kunstreise nach Wien einen Empfehlungsbrief von Mendels
sohn und verkehrte viel und gern mit Hauser. Bald nach
ihrer Abreise von Wien beginnen ihre Briefe, deren große
ungefüge Lateinschrift in nicht allzu leserlichen Zügen und nicht
allzu correctem Deutsch eigenthümlich zu uns spricht. „Ich
habe oft, seitdem ich von Wien fort bin, an Sie gedacht,“
schreibt sie aus Bremen im Juni 1845 an Hauser, „und oft
im Gedanken an Sie geschrieben — aber nun kommt es auf
einmal wieder so mit Gewalt über mich, daß muß Ihnen
sprechen mit ein schlechten Feder, schlimmes Papier und in
deutschen Sprache! Aber was schadet das Alles, wenn man
an einen Mensch schreibt. Ich habe was auf’s Herz, und das will
ich Ihnen ordentlich erzählen, aber zu allererst: ich danke
Ihnen für die Zeit, die ich in Wien war! ich danke Ihnen
dann aus vollstem Herzen für die Freundschaft, die Sie mir
gegeben und bewiesen. Ich danke Ihnen, daß Sie mir er
kannt, ich meine, daß sie gleich auf der Stelle bemerkt, daß
auch mir der liebe Gott ein Herz gegeben! und nun kommt
meine Erzählung: ich habe Sie innig herzlich lieb gewonnen
und fühle mit Bestimmtheit, daß ich Sie nie in meinem
Leben werde vergessen können, und daß Sie zu denen (ge)hören,
für die ich wol ein großes Opfer machen könnte, wenn es
darauf käme! Dies ist allerdings ein Geheimniß, was die
ganze Welt wissen darf, das was unter uns Viere (ich
meine nicht vier Augen) doch am hübschesten bleibt. So,
nun bin ich gleich leichter zu Muthe. Glauben Sie nur
nicht, daß ich irgend ein Brief oder Antwort verlange, oder
daß Sie eine Correspondenze auf dem Halse bekommen haben.
Nein, das ist ja nicht nöthig, aber doch möchte ich doch ein
mal hören, wie es Ihnen alle geht! Sie sind doch wohl in
Wien nächsten Winter? Denn wie soll es denn gehen, wenn
ich nicht Ihr freundliches Gesicht auf der Bühne zuweilen zu
sehen kriege, oder Ihren väterlichen Rath oder dergleichen?
Am Rhein war es schön! Die Zeit ist sehr sehr schnell vor
über gegangen, aber sie lebt doch in frischen Farben in mein
dankbares Herz. Denn das größte Glück bleibt doch: Reine,
Edle Menschenherzen zu finden. Sie zweifeln gewiß
nicht, daß dies Bezug auf meine Reisegefährten hat! Ach!
Das Leben ist schön, das Leben ist reich. Das Andere
muß aber etwas ruhiger und länger werden, sonst bleib’ ich
glaub’ ich lieber hier! Aber — Scherz bei Seite — mögen
wir uns doch am liebsten bald da wiedersehen, wo
keine Trennung mehr vorkommt (aber wieder kein
Wiedersehen, und das ist schade!) Gott beschütze Sie!
Für immer Ihre treu ergebene Jenny Lind.“
Die nächsten Briefe sind schon nach München gerichtet, wo
Hauser Director des Conservatoriums geworden war. „Sind
Sie noch krank?“ fragt Jenny Lind. „Ja, ja — das ist
eine böse Krankheit, wenn man sich nach irgend etwas sehnt,
besonders nach dem Vaterlande! Ach warum sind die meisten
Menschen entweder dumm, boshaft, neidisch oder ohne
die geringste Auffassung? Warum haben alle nicht so ein
Gebirgsgemüth wie z. B. Gasser, für dessen Gefühle
und Aeußerungen ich niederknien könnte, so rein und himmels
blau kommen sie alle heraus!
Es ist der Bildhauer Hanns Gasser gemeint.
Wie neugierig bin ich, zu
sehen, wie der liebe Gott die Menschen classiren werde ein
mal. Da gibt’s eine schöne Geschichte. O Friede! O stille zu
rückgezogene Häuslichkeit! Wann werd’ ich in deine Thüre ein
gelassen!“
Der herzliche, freundschaftliche Ton bleibt sich immer
gleich, auch in folgenden Briefen, die Jenny Lind zu Anfang
des Jahres 1847 aus Wien an Hauser schreibt. „Nun schrei
ben wir also 1847! Ja, alles geht in der Welt — und
Sieben und vierzig wird wol auch gehen. Mögen Sie froh, ge
sund und glücklich bleiben, und mögen Sie überhaupt es so
haben, wie ich’s Ihnen wünsche. Aber Sie wissen ja, man
kann nur das Beste für seine Freunde hoffen und wünschen,
das Leiden kann man dennoch nicht immer vorbeugen! Ich
werde Sie immer mit der aufrichtigsten Freundschaft gedenken,
und zwischen uns wird’s immer beim alten bleiben, d. h. wir
werden uns gewiß immer gut verstehen und vertragen können
und fürchte nie, daß eine veränderte Stimmung zwischen uns
je eintreffen wird. Dafür bürge ich und ich weiß — Sie
auch.“ „Wohin werden aber die Wiener zuletzt kommen, bester
Hauser? Es ist zu toll. Ich war gestern im Kärnthnerthor
(oder wie schreibt man das Wort) und hörte Robert und
es ging so schändlich, daß ich weiß keine Worte dafür.
Die Hasselt-Barth sang Alice! und die Zerr die Prin
zessin, o du mein Himmel! und das Publicum hat gerast!
Ich zittere noch heute, wenn ich an dies Tremulando von
diesen beiden Damen denke. Das ist uns’re jetzige Kunst! Es
ist viel besser in München, und sogar bei Pokorny ist es
viel besser. Gott sei Dank, ich bleibe nicht lange. Die Regi
mentstochter wird wol übermorgen sein, Staudigl macht den
Sergeanten.“
Am 20. Februar 1847 schreibt Jenny Lind sehr aufgeregt
über die durch Lola Montez heraufbeschworenen Unruhen in
München, von welchen Hauser ihr eben Nachricht gegeben:
„Ich kann Ihnen nicht beschreiben,“ ruft sie aus, „wie mich
die Sachen aufgeregt! Ist denn alle Vernunft ausgestorben?
und kann man denn so eine ganze Nation wegwerfen? Es ist
traurig. Gebe Gott, daß da bald was geschieht — aber
bald — und daß Sie in voller Ruhe dort bleiben können,
und daß irgend eine Veränderung eintreffe und Sie wieder
vielleicht nach Wien kämen — so passen Sie mal auf (wie
der Dessauer immer sagt) dann heirathe ich hier in Wien,
damit wir zusammen bleiben. Sonderbar, wie es nur in der
letzten Zeit sonderbar geht! So viel Spectakel in London,
daß ich lieber ich weiß nicht was thue, als hinzugehen, und
nach München zu gehen wird jetzt bedenklich. Gott behüte
Euch vor Revolution; die Sache ist zu scabrös und fordert
große Opfer, ehe es wieder gut gehen kann. Ist denn so un
möglich, dies verlorene Wesen wegzubringen, todt oder lebendig
— einerlei? Nein, das ist wahr, etwas Aehnliches hat man
nie erlebt; keine Zeit, schlecht sie auch war, vermag etwas
Aehnliches aufzuweisen!“ Von der Politik geht die Brief
stellerin nun zur Kunst über und berichtet von der ersten Auf
führung der „Vielka“ im Wiedener Theater. „Die Oper ist
sehr gut aufgenommen worden und Meyerbeerstürmisch
empfangen. Ich hatte eine solche Angst, daß ich stockheiser
war, und begreife nicht, daß man mich nicht ausgepfiffen hat.
Die Oper enthält viel Schönes, etwas lang — aber je mehr
man sie hört, desto mehr versöhnt man sich damit. Sag’ ich,
daß die Oper für die Wiener so eigentlich paßt, so lüge ich,
aber sie sind Alle in solcher Aufregung, daß sie noch nicht
wissen, wie es zusammenhängt. Von halb 11 Uhr an war
der Schauplatz beinahe gefüllt, und also beinah dreizehn Stun
den sind die Menschen dagesessen! Oh Dieu!! Ich sehne
mich so nach dem Frühling und von der Bühne! Nach
jeder Vorstellung nimmt dieser Wunsch bei mir zu. Die
Intriguen in London will ich nicht mitmachen; in dieses
Elend hinzugehen, fällt mir nicht ein, denn es ward gewiß
um mich geschehen, dies Alles kann mein Talent nicht tragen!
Heute ist wieder die „Vielka“ — Gott stehe uns Allen bei!“
Diese Abneigung gegen London verkehrte sich bald in das
Gegentheil, denn noch im selben Jahre (August 1847) schreibt
Jenny Lind von dort an Hauser: „Ich habe eine schöne Zeit
erlebt und es ist mir gelungen das ganze Theater auf meinen
Schultern zu tragen und das ist meine einzige Entschuldigung
warum ich nicht geschrieben. Ich habe sehr viel gearbeitet und
bin auch reichlich belohnt, denn das hiesige Publicum behandelt
mich wie ihr Kind! und ich finde die Engländer das
dankbarste Publicum das existirt. Mit der Nachtwandlerin
hab’ ich besonders Glück gemacht und wir hätten diese Oper
allein geben (können) die ganze Saison. Die Königin ist sehr
gnädig und lieb gegen mich gewesen, die Mutter Grisi
aber — sie mag mir gar nicht leiden.“
Eine lebhafte Correspondenz von durchaus ernstem, meist
musikwissenschaftlichem Inhalte verband Hauser mit dem
trefflichen Mozart-Biographen Professor Otto Jahn. Ein
Päckchen Briefe von Letzterem liegt uns vor, sie reichen vom
Jahre 1853 bis 1868 — immer dieselben unverändert festen,
sauberen Züge, die engste, kleinste, aufrechtstehendste aller
Rabenfederschriften! Sebastian Bach und die Ausgabe
seiner Werke durch die „Bach-Gesellschaft“ bilden den Stoff
der ersten, noch aus Jahn’s Leipziger Aufenthalt stammenden
Briefe. Hauser war im Besitze zahlreicher sehr werthvoller
und seltener „Bachica“; es wird von Seite Jahn’s um
Mittheilung derselben für die Bach-Gesellschaft gebeten, über
Thätigkeit und Methode der letzteren berichtet, endlich der Rath
Hauser’s in Betreff einzelner Bach-Editionen und Autographe an
gesucht. Jahn’s Briefe bleiben meistens streng bei der Sache, doch
enthalten einige davon auch manche willkommene Abschweifung und
feine selbstständige Bemerkung: „Wenn Sie nicht ein so lebens
erfahrener Mann wären,“ apostrophirt er einmal seinen Freund
Hauser, „würde ich Ihnen eine schöne Entschuldigung her
setzen, warum ich erst jetzt schreibe: so aber zweifle ich nicht
im mindesten, daß Sie genau wissen, wie es zugeht, daß man
zu Zeiten alle seine Briefe in Gedanken, aber keinen mit der
Feder schreibt. Warum hat man noch keinen Gedanken-Tele
graphen erfunden? Man wird es gewiß, aber hoffentlich er
leben wir es nicht mehr, wo sollte man vor lauter Gedanken
hin?“ Während Jahn noch an seinem „Mozart“ arbeitete, beschäf
tigte ihn bekanntlich schon der Plan einer später zu verfassen
den Beethoven-Biographie. Darauf bezieht sich folgende Stelle
aus einem Briefe Jahn’s vom 19. Juni 1858: „Was Sie
über das Verhältniß Mozart’s und Beethoven’s andeuten, in
teressirt mich lebhaft und hat mich, wie Sie denken können,
lange und lebhaft beschäftigt. In Mozart kann ich Sie fast
ganz umgehen und thue es absichtlich, weil ich so weitgrei
fende Fragen nicht gern abstract, sondern vom Concreten aus
und in ihrem ganzen lebendigen Zusammenhange behandle;
bei Beethoven liegt die Frage nothwendig vor, und mir graut
davor, nicht weil ich mich fürchte, offen herauszureden, sondern
weil so etwas nicht blos Schweiß, sondern Herzblut kostet.
Ihre Gegensätze: Italienisch — deutsch, akademisch — nicht aka
demisch sind gewiß treffend, aber ich meine, man muß noch
weiter hineingehen, und ich weiß nicht, wie weit Sie mitgehen.
Mir scheint, der alte nie endende Kampf um die Freiheit des
Individuums, den der Humanismus, die Reformation, die
Revolution u. s. w. an anderen Stellen der geistigen Exi
stenz begonnen haben, den hat Beethoven in der Musik auf
genommen. Mit Ernst und Wahrheit unternehmen das nur
große Naturen, und noch hat es Keiner gethan, ohne die Ge
fahren aufzudecken, die es ihm und seinen Nachfahren bringt.
Ich glaube, seine Größe und seine Schwächen liegen in diesem
Keime nothwendig beschlossen, darum zeugen auch seine
Schwächen für seine Größe. Natürlich trauen Sie mir nicht
zu, daß ich ihn für einen Radicalen in Religion, Politik,
Philosophie, nebenbei auch in Musik halte, wie man jetzt zu
schwatzen liebt, ich spreche von seiner innersten künstlerischen
Natur. Aber, bester Freund, das ist ein Meer auszutrinken
und nichts für einen Brief.“
Zehn Jahre später (1868) correspondiren die beiden
Freunde über die Herausgabe einer Auswahl von M. Haupt
mann’s Briefen. Nach dem Tode dieses berühmten Musik-
Theoretikers und geistvollen Schriftstellers hatte Jahn sich
entschlossen, eine Auswahl von Hauptmann’s Briefen zu ver
öffentlichen. „Ich denke, das kann und soll ein Buch werden,
wie es nicht viele gibt!“ Hauptmann hat mitunter seine
treffendsten Urtheile, seine geistreichsten Ausführungen in
freundschaftlichen Briefen niedergelegt, und wer je einige
davon gelesen, wird obigem Ausrufe Jahn’s beistimmen und
mit uns bedauern, daß jenes Unternehmen noch immer nicht
ausgeführt ist. Vielleicht die kostbarsten Briefe Hauptmann’s
waren an Hauser gerichtet, der, in langjährigem freundschaft
lichsten Verkehr mit ihm stehend, drei Bände solcher Briefe
von Hauptmann besaß und an Jahn einschickte. Letzterer starb
über der Redaction dieser Briefsammlung, welche sich wahr
scheinlich in Händen der Herren Breitkopf und Härtel in
Leipzig befindet. Möchten diese Zeilen dazu beitragen, die
hochverdienten Verleger zur baldigen Herausgabe dieses Brief
schatzes anzueifern! Jahn’s letzter kurzer Brief an Hauser
(aus Bonn, den 15. Juni 1869) macht einen tiefwehmüthigen
Eindruck. „Sie machen sich,“ beginnt er, „eine falsche Vor
stellung von meiner Gesundheit, lieber Freund, wenn Sie
mich auf einem Musikfest vermuthen. Seit mehreren Jahren
habe ich mich von allem socialen und wissenschaftlichen Um
gang und Verkehr ganz zurückgezogen und lebe ganz isolirt.
Musik habe ich seit drei Jahren keinen Ton gehört und werde
keinen wieder hören. Besonders in diesem Jahre ist mein
Befinden so gesunken, daß ich mit Mühe den Pflichten des
Amtes nachkomme. Da sieht es nicht gut mit Hauptmann’s
Briefen aus, die Frische und Freiheit und Kraft verlangen;
vielleicht hilft der Sommer noch etwas nach.“ Der Sommer
hat leider nicht nachgeholfen: der unvergeßliche und unersetz
liche Mann starb wenige Wochen nach jenem Briefe.
(Ein dritter und letzter Artikel folgt.)