Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2546. Wien, Dienstag, den 26. September 1871 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2546. Wien, Dienstag, den 26. September 1871 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien 26.09.1871
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Musikalische Neuigkeiten. I. Robert FranzBroschüre über die Bearbeitung von Vocal-Compositionen Bach’s und Händel’s.

Ed. H. Offener Brief an Eduard Hanslick. Ueber Bearbeitungen älterer Tonwerke, namentlich Bach’scher und Händel’scher Vocalmusik.“ Von Robert Franz. (Leipzig bei C. Sander, 1871.) Es war an einem September-Abend des Jah res 1862, daß Robert Franz mit mir im Mirabell-Garten in Salzburg um Sebastian Bach’s willen eingesperrt wurde. In lebhaftem Gespräch über Bach, dessen Evangelium Robert Franz mit unerschöpflicher Begeisterung verkündete, waren wir lange den einsamen Garten auf und ab gewandelt, ohne zu bemerken, daß wir daselbst die letzten Spaziergänger geblieben. Da hörten wir das eiserne Gitterthor klirrend ins Schloß fallen und sahen gerade noch, wie der pünktlichste aller In validen den großen Schlüssel umdrehte und abzog. Glückli cherweise erreichte unser Ruf den martialischen Wächter, wel cher keineswegs darauf bestand, uns die Nacht im Garten zu bringen zu lassen. Das Gespräch über Bach wurde unter [?]stlichem Dache rüstig fortgesetzt. Wahrhaft rührend war der apostolische Eifer, mit welchem Franz mich zu denjenigen Werken Bach’s zu „bekehren“ unternahm, welche mir damals befremdend, unverständlich, kalt entgegenstanden. Schon als Knabe sattelfest im „Wohltemperirten Clavier“ und anderen Instrumental-Compositionen Bach’s, hatte ich doch, wie die meisten Musiker in Oesterreich, lange Zeit nur geringe Kennt niß von dessen Vocal-Compositionen und konnte namentlich für die grübelnde Ascetik und den wunderlich krausen Vocalsatz der mir bekannt gewordenen Kirchen-Cantaten mich nicht er wärmen. Franz war unermüdlich, mir zu erklären, was ich mangelhaft kannte, mir zu preisen, was ich einseitig auffaßte. „Sehen Sie sich,“ so schrieb er mir bald nach jener Garten scene, „diese Kirchen-Cantaten unbefangen an — ich zweifle keinen Augenblick, daß Sie der hohe Geist derselben entzücken wird. Treten Sie dem Meister zunächst aber mit dem Ge

müthe nahe; der sichtende und ausgleichende Verstand wird schon von selbst auch seine Rechnung finden. Glücklich würde ich mich preisen, wenn ich ein Geringes dazu beitragen könnte. Ihr Interesse auf des Mannes ungemessene Größe lebhafter hinzulenken. Haben Sie sich erst in seine Art vertieft, dann wird er auch Ihre Seele gefangen nehmen und umstricken, wie er das an den Seelen unserer Lieblinge in der Kunst, an Mozart, Beethoven, Mendelssohn und Schumann zu vollziehen wußte: er schlug sie in Fesseln, um sie dafür um so freier zu machen! Und das kann Jeder durch ihn an sich erle ben — schon darum muß er der Menschheit nähergebracht werden!“

Und nicht blos durch das Wort, durch die That hat Robert Franz seinen geliebten Altmeister Bach „der Mensch heit nähergebracht“. Diese That von unvergänglichem Werth sind seine Bearbeitungen Bach’scher Vocal-Compositionen. Sie förderten ungemein die Verbreitung und Aufnahme dieser Werke und haben überhaupt zu Bach Manchen bekehrt, der, zurückfröstelnd vor dem starren Gerippe der Original-Parti turen, nicht „mit dem Gemüth“ an den Meister heranzutreten vermochte.

Daß die Mehrzahl begleiteter Vocal-Compositionen älterer Meister eine lebendige Wirkung heute nur erreichen kann, wenn eine künstlerisch nachhelfende Hand die Lücken darin er gänzt, den Klangkörper vervollkommt, die Andeutungen aus führt, geben wol derzeit alle Tonkünstler zu, welche die Musik als lebendige Kunst und nicht als archäologisches Studium auffassen. Nur über das Maß und über die Methode solcher Nachhilfe kann Streit stattfinden. Wissen wir doch, daß die meisten älteren Werke nicht nach dem Wortlaute der Parti turen aufgeführt worden sind. Der bezifferte Baß in diesen Partituren beweist, daß Improvisation auf der Orgel oder dem Clavier ergänzend hinzutrat, und beglaubigte Nachrichten sagen uns, daß namentlich Bach, der über eine sehr unzu reichende Besetzung zu verfügen hatte, sein Accompagnement fast zur Hauptsache machte, nothgedrungen dazu machen mußte. „Wer das Delicate im Generalbaß und was sehr wohl accom pagniren heißt, recht vernehmen will,“ schreibt der alte

Mitzler, „muß den großen J. S. Bach hören, welcher einen jeden Generalbaß zu einem Solo so accompagnirt, daß man denkt, es sei ein Concert und wäre die Melodie, so er mit der ersten Hand machet, schon vorhero gesetzt worden.“ Gegen diese Klangwirkung voll Fülle und Leben, wie sie Bach’s Cantaten unter seinen Händen gewannen, sind die uns über kommenen Partituren ganz eigentlich nur Partituren-Skizzen, denen mehr oder minder das blühende Fleisch fehlt. Werden diese Partitur-Skizzen — gegen die Absicht des Meisters — wörtlich wiedergegeben, so klingen insbesondere die Arien und Duette mit den unermüdlich mitlaufenden obligaten Instru menten dürftig, leer, oft geradezu widerwärtig und machen das boshafte Wort eines „Modernen“ begreiflich, welcher beim Anhören einer Bach’schen Arie mit obligater Violine äußerte: das sei, wie wenn eine Mutter mit ihrem Kinde betteln geht. Die Wiederherstellung und Ergänzung Bach’scher Partituren im Geiste des Meisters zu vollziehen, ist eine unendlich schwie rige Aufgabe. Pedantische Philologen, denen der todte Buch stabe über Alles geht, werden sie nie erfüllen, ebensowenig bloße Routiniers, welche zunächst nach leichterer Ausführbar keit trachten. Nur wer eine Künstlernatur, wer selbst Ton dichter ist, wird das sicher leitende feine Gefühl mitbringen, was in solcher Nachschöpfung erlaubt sei, wie gewissenhaft textgetreu er einzuhalten habe, „was sich ziemt“, und wie weit er hinzufügen dürfe, „was gefällt“. Diese Begabung hat Nie mand in reicherem Maße bewährt, diese Kunst Niemand mit größerer Meisterschaft geübt, als Robert Franz. Dem Bachschen Geiste wahlverwandt, hat Franz mit einer Feinfühligkeit ohnegleichen aus den todten Partituren heraus empfunden, wie der alte Meister sich die lebendige Aufführung gedacht habe.

Robert Franz ist der Musikwelt zunächst als Componist zahlreicher Lieder bekannt, die zu dem Zartesten und Gemüth vollsten gehören, was wir in diesem Fache besitzen. Ruhm und Erfolg auf dieser Bahn haben ihn jedoch nicht abgehalten, seit nahezu zehn Jahren auf eigenes Produciren beinahe zu verzichten, um seine ganze Kraft auf die Bearbeitung Bachscher und Händel’scher Werke zu wenden — ein seltener Be weis von selbstloser, werkthätiger Verehrung der großen

Meister. Seine Beschäftigung mit Bach begann mit der Bearbeitung von sechsunddreißig Arien (mit Clavier-Accom pagnement) aus verschiedenen Cantaten und Messen Bach’s, denen neuestens als Seitenstück eine reiche Auswahl der schönsten Arien von Händel folgte. Man höre nur, wie das Alles klingt und sich rundet im Vergleiche mit anderen Bearbeitungen dieser Stücke. Höhere Ziele steckte sich Franz mit der Clavierbearbeitung von neun Bach’schen Cantaten; endlich folgten ganze Orchester-Bearbeitungen größerer Werke: das Magnificat“, die „Matthäus-Passion“ und mehrere der schönsten Cantaten von Bach; außerdem Händel’sJubilate“, Astorga’sStabat mater“ und Durante’sMagnificat“. In diesen Bearbeitungen hat Franz in bescheidener und doch wirksamster Weise das moderne Orchester zur Colorirung jener in herrlichen Umrissen gedachten Tondichtungen ver wendet. Angesichts solcher Bearbeitungen über unberufene Modernisirung zu klagen, ist uns unmöglich. Vielmehr unter schreiben wir mit Freuden den Ausspruch eines älteren Kritikers über Robert Franz: „Eine Tondichtung in diesem Sinne reproduciren, heißt nichts Anderes, als ihr das Recht und die Bedeutung erkämpfen, die sie wirklich hat.“

In dem eben erschienenen „Offenen Brief“ erzählt uns Robert Franz die lehrreichen Erfahrungen, die er durch lang jährige, unverdrossene Versuche gesammelt hat, und entwickelt in klarer, anziehender Weise seine dabei beobachtete Methode. In Halle war es, wo im Beginn der Vierziger-Jahre Franz, als Dirigent der Sing-Akademie, die Musik Bach’s und Händel’s zum Mittelpunkte derselben machte. Anfangs führte er die Bach’schen Messen und Cantaten nach den Marx’schen Ausgaben auf. „Zwar machte das Publicum zuweilen große Augen, wenn ihm in einer Bach’schen Cantate ein seltsames Zwiegespräch zwischen Flöte und Contrabaß vorgetragen wurde oder wenn gar der Continuo einen langen, grämlichen Monolog zum Besten gab — dergleichen focht uns aber weiter nicht an und kam auf Rechnung der guten alten Zeit, die man hinnehmen zu müssen glaubte, wie sie eben war.“ Den Solo nummern gegenüber griff Franz anfangs zum Rothstift und

strich munter drauf los. Auf die Dauer konnte das nicht so fortgehen: einmal wurde der Zusammenhang des Ganzen oft bedenklich in Frage gestellt, dann standen wieder einzelne Arien in gar zu herrlichen Umrissen da, als daß man sie ohnewei ters übersehen durfte. Franz entschloß sich zu dem Versuche, ein Accompagnement auszuarbeiten. Zuerst versuchte er es mit accordischen Ausführungen, ohne von der Wirkung befriedigt zu sein. Später fiel ihm ein, es mit der polyphonen Schreibart zu versuchen. „Und siehe da: zu meiner freudigen Ueberraschung wurde plötzlich Alles lebendig, die Stimmen schienen nur darauf gewartet zu haben, daß man sie nieder schriebe, und waren offenbar prämeditirt worden. Schnell be griff ich, daß die Skizzen keineswegs flüchtige Entwürfe seien, sondern ebenso vollendet und abgeschlossen wie der übrige wirklich ausgeführte Tonsatz. Indem die alten Meister die selben aufzeichneten, schufen sie zugleich das noch fehlende Stimm gewebe im Geiste mit und konnten sich umsomehr darauf verlassen, es wieder zu finden, als sie gewöhnlich selbst für die Ausführung des Accompagnements Sorge trugen.“ Immer von dem Streben geleitet, „hinter die eigentlichen Absichten der Autoren zu kommen“, gelangte Franz durch zahllose, mühe volle Versuche zu einer festen Methode, die, auf dem Mate rial der Skizzen fußend, mit deren Bestandtheilen die Aus führung bestreiten lernte. „Sowol in der Structur des Basses, als in dem Figurenwerk der Cantilene stellten sich Momente dar, die sich zu Motivbildungen eigneten und mit denen gear beitet werden konnte — waren sie nur erst aufgefunden, dann entwickelte sich der weitere Verlauf wie von selbst. Be greiflich genug: der Styl der alten Meister entsprang aus den einfachsten, elementarsten Gesetzen — ihren Kunstgebilden liegt ein ganz ähnliches Princip zu Grunde wie das, nach welchem Pflanze, Blüthe und Frucht aus einem Keime emportreiben.“ Die näheren technischen Ausführungen über den Tonsatz und das Klangmaterial in Franzens Bearbei tungen möge man in der Broschüre selbst nachlesen; sie sind lehrreich und überzeugend. Hier möge nur noch ein polemischer Excurs des „Offenen Briefes“ Erwähnung finden, welcher

gehöriges Aufsehen machen dürfte in Tonkünstlerkreisen; er ist gegen Herrn Chrysander gerichtet. Dieser Herr hat in der Leipziger Allgemeinen Musikzeitung, welche unter ihrem früheren verdienstvollen Redacteur Bagge mit so viel Wärme für Robert Franz eingestanden war, die Bearbeitungen des Letzteren mit hochmüthiger Ueberlegenheit be krittelt. Natürlich, „Madame file aussi,“ wie es in der franzö sischen Fabel heißt. Herr Chrysander, der allzeit Unfehlbare, hat sich auch versucht in Bearbeitungen Händel’scher Vocal- Compositionen und läuft nun wie eine böse Spinne gegen Jeden los, der anders und besser spinnt. Was es aber für Bewandtniß hat mit dem musikalischen Gespinnste des Herrn Chrysander, das kann man aufs genaueste aus dem „Offenen Brief“ von Robert Franz erfahren. Der Verfasser gibt eine kleine Blumenlese der haarsträubendsten Satzfehler in Chry sander’s Bearbeitungen: offene Quinten und Octaven die Menge, verstümmelte Accordfolgen, „welche Auge und Ohr martern“, vorsündfluthliche Claviersätze von „knäuelartiger Verwachsenheit“ u.s.f. Ohne sich auch nur zu Einem leidenschaftlichen, heftigen Wort hinreißen zu lassen, lediglich in Notenbeispielen sprechend, entrollt Franz ein musikalisches Sündenregister, das geradezu vernichtend ist für den Nimbus des armen Chrysander. Und dieser Mann, dem jede feinere Empfindung für musikalischen Wohllaut abgeht, der Schul fehler gröbster Art arglos hinschreibt, hofmeistert Künstler wie Mendelssohn-Bartholdy und Robert Franz ob ihrer Händel-Bearbeitungen und belegt mit Interdict alle Sing- Akademien, welche die „leidigen modernen Bearbeitungen“ be nützen? Herr Chrysander gefällt sich bekanntlich in der Rolle eines unfehlbaren Musikpapstes von Deutschland, dessen fleißig geübter Bannfluch unausweichlich die ewige Verdammniß für den Betroffenen nach sich zieht. Der „Offene Brief“ von Robert Franz wird hoffentlich nebst anderen guten Wirkungen auch die haben, das krankhaft angeschwollene Selbstbewußtsein unseres händelsuchenden Händel-Pächters angenehm herab zustimmen.