Musik.
(Concerte. — „
Bunte Blätter“ von
Ambros.)
Ed. H. Es muß nur der rechte Virtuose kommen, dann
zeigt es sich, daß die Lust an Virtuosen-Concerten in Wien
nicht ausgestorben ist. Rubinstein ist solch ein Rechter
und darf sich was Rechtes zugute thun auf die Anziehungs
kraft seines letzten Concertes. Eine kleine Völkerwanderung
bewegte sich am Mittwoch Abends gegen den Musikverein
hin, vor welchem lange Wagenreihen Queue machten, wie bei
einem „Eliteball“. Der große Musikvereinssaal, dessen Or
chester-Podium zu Cerclesitzen verwendet war, hatte kaum
Einen unbesetzten Platz aufzuweisen. Ueber Rubinstein’s außer
ordentliches Clavierspiel haben wir so oft schon berichtet, daß
wir uns wol kurz fassen dürfen; neue Seiten seines Talentes
hat er uns an diesem Abend ohnehin nicht entfaltet. Strotzende
Kraft und Jugendfrische, unvergleichliche Behandlung der
Melodie, vollendeter Anschlag im brausendsten Sturme wie
im leisesten Verhallen des Klanges, eine Ausdauer und ein
Gedächtniß ohnegleichen — das Alles und mehr noch be
wunderten wir neuerdings an Rubinstein. Wenn etwas viel
leicht momentan stören konnte, so waren es einige flüchtige
Unreinheiten des Spieles, sodann ein die Klarheit und Schön
heit beeinträchtigendes Tastenwüthen in vollgriffigen Fortissimo-
Stellen. Beides war in demselben Stücke wahrzunehmen,
einer Partie Variationen eigener Composition (Op. 89), wo
mit Rubinstein das Concert eröffnete. Diese unabsehbar lange
und unbegreiflich schwierige Composition wirkte trotz einzelner
(stark von Schumann’s Einfluß zeugender) Schönheiten er
müdend und erkältend. Unter den Variationen ist eine (ich
glaube die dritte), deren Effect auf dem sicheren Treffen der
höchsten Noten durch die überschlagende Linke beruht; gerade hier
griff Rubinstein wiederholt daneben. In dem Finalsatz hingegen
hörte man zeitweilig nur ein wirres Tosen und Toben der Baß
saiten, Kraftproben der übermüthig gewordenen Bravour. Un
willkürlich dachten wir an die goldenen Worte, welche Goethe
dem Maler Müller über dessen Bilder schrieb: „Der feurigste
Maler darf nicht sudeln, so wenig als der feurigste Musiker
falsch greifen darf; das Organ, in dem die größte Gewalt
und Geschwindigkeit sich äußern will, muß erst richtig sein.“
Glücklicherweise ereignet sich bei Rubinstein derlei Aus
gleiten nur selten, und spielt derselbe bekanntlich viel besser,
als Müller gemalt hat. Mit Ausnahme seiner langen Va
riationen-Reihe trug Rubinstein nur lauter kleinere Stücke
vor, mitunter Musik von allerintimstem Charakter: Schu
mann’s „Studien für den Pedalflügel“, Chopin’sPrälu
dien und dergleichen. Er spielte das Alles wunderbar schön,
demungeachtet wollte diese Herrschaft des kleinen Genres nicht
recht stimmen zu dem imposanten Raume des großen Musik
vereinssaales. Es war uns, als träten wir in ein hohes
Palmenhaus und fänden darin lauter kleine Resedastöckchen.
Für eine Sonate von Beethoven, Schubert oder We
ber wäre wol Platz gewesen. Rubinstein spielte nicht weni
ger als zwanzig Stücke, Alles ohne Begleitung. Mit diesen
Clavier-Productionen wechselten Gesangsvorträge — eine Maß
regel von eigentlich selbstverständlicher Zweckmäßigkeit, die wir
aber trotzdem ausdrücklich loben müssen. Denn es scheint hier
seit jüngster Zeit wieder Mode werden zu wollen, ganze Con
cert-Abende nur mit Clavierspiel und nur mit den Leistungen
des Concertgebers auszufüllen. Fräulein Menter und Herr
Wieniawski haben kürzlich solche Isolir-Concerte gegeben.
Damit beeinträchtigten sie nur die Wirkung ihrer eigenen
Vorträge, welche ohne jegliche Klangabwechslung das Audito
rium schneller abstumpfen. Aber nicht blos der Hörer, auch
der Spieler ermüdet früher und bedarf längerer Ruhepausen,
welche mit einigen Liedern ausgefüllt zu sehen ein sehr natür
licher und bescheidener Wunsch des Publicums ist. Mit seltenen
Ausnahmen (wie es zum Beispiel Bülow’s systematisch geordnete
Beethoven-Productionen sind) sind Concert-Programme, die
durchaus nur von Einem Künstler abgespielt werden, von einer ge
wissen Eitelkeit dictirt, die sich gewöhnlich an dem concertgebenden
Clavier-Eremiten rächt. Die Gesangsnummern in Rubinstein’s
Concert wurden von Frau Jauner-Krall vorgetragen.
Jeder Musikfreund in Wien, dessen Gedächtniß 20 Jahre
weit reicht, entsinnt sich mit Vergnügen der jugendlichen Sän
gerin Emilie Krall, deren warme, sympathische Stimme
und seelenvoller Vortrag ihr in Wien so rasch alle Herzen
gewann. Namentlich in der Oper „Jolanthe“ und dem Ora
torium „Johannes der Täufer“ (Beides zu früh vergessene
Compositionen unseres Johannes Hager) erregte ihr frisch
aufknospendes Talent freudige Sensation. Durch eine Reihe
von Jahren die Zierde der Dresdener Oper, hat Frau Jauner-
Krall kürzlich der Bühne Lebewohl gesagt und die alte Hei
mat Wien wieder aufgesucht. Wir freuten uns der vortreff
lichen Methode, der lebhaften Empfindung und des fein nuan
cirten Vortrages, welche Frau Jauner-Krall in Liedern von
Schubert und Mendelssohn bewährte — künstlerische Vorzüge,
welche über einige Schäden der Stimme wol zu trösten ver
mögen. Ganz vortrefflich war namentlich der Vortrag des
„Wohin?“ aus Schubert’s Müllerliedern. Eine unerwartete
Ueberraschung bereitete dem Publicum Herr Franz Jauner,
indem er den Gesang seiner Gattin am Clavier sehr gewandt
und ausdrucksvoll begleitete. Wir kannten Herrn Jauner bis
her nur als vortrefflichen Schauspieler und wahren Proteus in
seinem Fache — daß er sich auch beliebig in einen guten Mu
siker und Pianisten verwandeln könne, haben seine Verehrer
vom Carltheater erst in Rubinstein’s Concert erfahren.
Ueber den großen Erfolg Rubinstein’s sollen einige an
dere Concerte nicht vergessen werden, welche in kleinerem Rah
men anmuthende, sauber ausgeführte Bilder brachten. Darunter
ist zuerst das Concert von Fräulein Helene Magnus zu
nennen. Längst ein erklärter Liebling des Wiener Publicums,
hat Fräulein Magnus dasselbe mit ihren neuesten Gesangs
vorträgen ganz besonders enthusiasmirt. Ihre in den letzten
Jahren empfindlich angegriffene Stimme scheint sich wieder
erholt zu haben. Nebst Gesängen von Schubert, Schumann
und Brahms war es insbesondere ein Lied: „Willst du dein
Herz mir schenken, so fang’ es heimlich an“, welches der Sän
gerin zu größtem Beifall verhalf. Es ist, dem Programme zufolge,
„von Johann Sebastian Bach“. Man sollte solcher Angabe wenig
stens beisetzen: „aus Brachvogel’s Roman: „Friedemann Bach“,
denn dieser ist so ziemlich die einzige Quelle für jene Autorschaft.
Dem sentimentalen Bedürfniß des Romanschriftstellers mußte
es natürlich ungemein entsprechen, den alten Sebastian als
Componisten eines Liebesliedes aufführen zu können. Allein der
Umstand, daß dieses Lied (nebst vielen anderen) in dem Ge
sangbuch der GattinBach’s sich notirt vorfand, mit dem
Beisatz „von Giovannini“, liefert für sich doch nicht den
Schatten eines Beweises für die Autorschaft Bach’s, unter
dessen bis jetzt bekannten Werken sich gar keine Lieder vor
finden. Kurz vor der Soirée des Fräulein Magnus hatte
die Sängerin Fräulein Anna Regan sich in einem zweiten
Concert auf das ehrenvollste von dem Wiener Publicum ver
abschiedet. Letzteres hat ihr so warme Theilnahme bezeigt,
daß Fräulein Regan hier der freundlichsten Aufnahme gewiß
sein kann, wann immer und so oft sie wiederkehren möge.
Eine Production von eigenthümlichem Gepräge war das
„Historische Concert“, welches Herr J. Promberger
(emeritirter Professor am Petersburger Conservatorium) im
kleinen Musikvereinssaale gab. Das Programm durchmaß so
ziemlich die ganze Ausdehnung der Musikgeschichte und brachte
viel des Interessanten und Belehrenden. Herr Promberger
erwies sich darin als tüchtiger Musikkenner und fertiger Clavier
spieler. Auch eine „Novitäten-Soirée“ unseres recht beliebten
und geschätzten J. P. Gotthard fand lebhaften Anklang.
Dieser thätige Verleger credenzte nur musikalischen Eigenbau,
d. h. ausschließlich Werke aus seinem Verlag. War auch nicht
jede Flasche von gleicher Güte, so gab es doch darunter manch
edlen, preiswürdigen Tropfen. Das vierte Philharmonische
Concert (am 7. d. M.) brachte ein auserlesenes Programm:
Schumann’sC-dur-Symphonie, die beiden (durch Herbeck
aufgefundenen) Sätze einer unvollendeten H-moll-Symphonie
von Schubert, endlich Beethoven’sClavier-Concert in
Es-dur, gespielt von Herrn Hanns v. Bülow. Der technisch
vollendete, geistvolle, stellenweise nur allzu absichtsvoll pointirte
Vortrag des berühmten Künstlers erregte stürmischen Beifall.
Wir werden Gelegenheit bekommen, demnächst ausführlicher
über Herrn v. Bülow zu berichten.
Zum Schlusse gestatte uns der Leser, einen Abstecher
aus unserem eigenen Feuilleton in eine Sammlung fremder
Feuilletons zu machen, welche sich merkwürdigerweise mit
einer Art Excommunication des Feuilletons einführt.
Dr. Ambros hat nämlich unter dem Titel: „Bunte
Blätter“ eine Reihe von Skizzen und Studien über Musik
und bildende Kunst veröffentlicht, welche größtentheils in der
„Neuen Freien Presse“ erschienen und unseren Lesern gewiß
in angenehmer Erinnerung sind. In der Vorrede sagt Ambros
viel Schlimmes, darunter viel Wahres über das Feuilleton,
welches er für ein Uebel unserer Zeit ansieht, wenngleich „für
ein nothwendiges“. Ohne Zweifel hat es uns daran gewöhnt,
sehr ernste Fragen „in leichtem Plauderton abgefertigt zu
finden“. Aber liefern nicht gegen dies anklagende Vorwort
die nachfolgenden Aufsätze selbst die kräftigste Einrede?
Ambros contra Ambros? Beweisen sie nicht, daß im Feuilleton
eine Fülle von gründlichem Wissen stecken kann, welches blos
deßhalb höher aufgeschürzt und leichteren Trittes einhergeht,
um einen größeren Leserkreis für Betrachtung wichtiger Kunst
angelegenheiten zu gewinnen? Aus guten Feuilletons lernt
nicht nur das große Publicum bisweilen mehr als aus dicken
Büchern (schon weil es letztere überhaupt nicht liest), auch
der Fachmusiker wird keines der Ambros’schen Feuilletons ohne
bleibenden Nutzen gelesen haben. Ja, für Ambros selbst ist
der Nutzen nicht ausgeblieben; seine Aufsätze in der „Neuen
Freien Presse“ haben zuerst sein Talent in weiteste Kreise
verbreitet, wo man ihn vielleicht nur dem Namen nach als
Verfasser einer gelehrten „Geschichte der Musik“ kannte, die
— wie man sich zuflüsterte — am Schlusse ihres dritten
Bandes eben erst bei der Geburt Palestrina’s angelangt sei.
Das Vergnügen an den geistreichen Musik-Feuilletons von
Ambros hat nachträglich gewiß so Manchen auch zur Lectüre
jenes Hauptwerkes verlockt — das ist der Nutzen des „noth
wendigen Uebels“ für den Autor wie für den Leser. Wir
möchten aber noch weitergehen. Ambros schriftstellerische Per
sönlichkeit ist nicht complet, nicht erkennbar ohne seine
feuilletonistischen Arbeiten. Die Gabe unterhaltender, durch
überraschende Aperçus und Citate gewürzter Darstellung,
die ganz individuelle, gern ins Humoristische spielende
Färbung derselben sind wesentlich feuilletonistische Vorzüge,
welche, mit Ambros’ ganzer Persönlichkeit untrennbar ver
wachsen, doch nur im Feuilleton vollständig und vollberechtigt
zu verwerthen sind. Seine Gelehrsamkeit weist ihn an streng
wissenschaftliche Forschung, aber sein angeborenes Naturell ge
hört dem Feuilleton. Sein Styl ist glänzend, aber nicht
glänzend wie polirter Stahl (Lessing, Ranke, Macaulay),
sondern glänzend wie ein mit Gold, Perlmutter und vielerlei
Edelsteinen ausgelegtes Schatzkästchen. Dieses luxurirende
Element gehört zur Charakteristik unseres Autors; es kann
mit außerordentlicher Gelehrsamkeit zusammentreffen, ist aber
an sich ein vorwiegend feuilletonistisches Merkmal. Ambros’
Gedächtniß und Vielseitigkeit sind beinahe sprichwörtlich. Es
gibt wenig Gebiete menschlichen Wissens, auf welchen Ambros
nicht eine Menge Dinge gelernt hätte — um sie nie wieder
zu vergessen. Gleich erfahren in der Musik wie in den bil
denden Künsten, gleich sattelfest in der Bibel wie in den
Pandekten, ebenso belesen in den römischen Classikern wie in
französischer Novellistik, ist Ambros im Besitz eines ungeheuren
Materials für seinen Witz. Drückt seine Feder auf irgend
ein Schlagwort, so springen in seinem Gedächtniß sofort un
zählige Ideen-Associationen auf; aus allen Zeiten und Ländern,
in allen Sprachen und Formen stürzen die Citate, Anekdoten,
Bilder, Vergleiche dem Schlagworte nach. Mitunter hat ein
so unsterbliches Gedächtniß auch seine Gefahr. Es läßt
seinen glücklichen Besitzer nicht leicht los, und solch
lustige Jagd von Citaten und Gleichnissen macht es oft
schwierig zu unterscheiden, wer das Wild sei und wer der
Jäger. Wäre es dabei auf eitles Prahlen abgesehen, der
Leser würde bei aller Bewunderung für Ambros’ Poly
historie wahrscheinlich bald ermüden. In Wirklichkeit ist
aber dieser Zug in Ambros’ ganzem Wesen begründet,
untrennbar von seiner Persönlichkeit, und darum macht,
was er schreibt, immer den Eindruck individueller Natürlich
keit und Aufrichtigkeit. Auf die Feuilletons von Ambros spe
ciell paßt, was er vom deutschen Feuilleton im Allgemeinen
behauptet: daß nämlich Jean Paul einen sehr großen Ein
fluß darauf geübt. Weit zweifelloser ist jedenfalls die über
wiegende (mitunter recht beklagenswerthe) Einwirkung Heine’s
auf die deutschen Feuilletonisten; nicht allzu viele haben sich
davon zu befreien vermocht. Entscheidend für unseren Autor
und den Werth seines neuesten Buches bleibt es, daß jedes
seiner „Bunten Blätter“ dem festen, fruchtbaren Erdreich
wissenschaftlicher Tüchtigkeit entsprießt. Man sehe nur (um
von den musikalischen Skizzen anzufangen) die Artikel über
Berlioz, Thalberg, Fétis an. Neu sind zwei Auf
sätze: „Alessandro Stradella“ und „Robert Franz“,
welche zu den besten der Sammlung gehören. Aus dem Ge
biete der bildenden Kunst hat Ambros seine zuerst in der
„Neuen Freien Presse“ veröffentlichten Reiseskizzen aus Italien
vermehrt durch zwei werthvolle Studien über Giotto und
die „Geschichte des Antichrists“. Nach Deutschland wendet
er sich mit einer geistreichen Parallelisirung von Schwind’s
„Melusina“ mit der gleichnamigen Ouvertüre von F. Men
delssohn, sodann mit einem trefflichen Aufsatz über die Hol
bein-Ausstellung in Dresden. Letzterer Kreuzzug zur Ehre
der Dresdener Madonna wird Jeden erfreuen, der mit den
bilderstürmenden „Darmstädtern“ nicht sympathisirt. Als ich
im August 1869 mit lieben Freunden die Holbein’sche Ma
donna in der Dresdener Galerie begrüßte, wäre eine Pro
phezeiung der ihr im Jahre 1871 bevorstehenden leidenschaft
lichen Angriffe mit ungläubigem Lächeln, vielleicht gar mit
Hinauswurf erwidert worden. Ambros vergleicht diese neueste
Kunstfehde mit dem berüchtigten Streit über die Echtheit des
Mozart’schen Requiems und gibt seinem Votum folgenden
treffenden Schluß: „Wäre ich der hohe Besitzer des Dresde
ner Bildes, so ließe ich — und das wäre die entsprechendste
Strafe für die Kopfschüttler und Nasenrümpfer — an Stelle
des Gemäldes, zur Nachahmung jener schwarzen Tafel im
Dogensaale zu Venedig: „Hic est locus Marini Falleri
decapitati pro criminibus“ die Inschrift anbringen: „Dies
ist der Ort der ehemals für Holbein’s Werk gehaltenen Ma
donna“. Das Bild selbst aber ließe ich in meine Gemächer
schaffen und würde täglich davor treten, und wenn ich mich
an der idealen Schönheit, der Hoheit, Milde und Heiligkeit
dieser Maria innigst erbaut und erhoben, würde ich alle gute
und schlechte Kritik vergessen.“