Musik.
(„
Der Schauspieldirector“ und „
Die Entführung aus dem Serail“, von
Mozart.)
Wien, 19. Januar.
Ed. H. Zwei lange nicht aufgeführte Mozartiana be
kamen wir jüngst in rascher Folge zu hören: den „Schauspiel
director“ und die „Entführung aus dem Serail“ — die beiden
ersten dramatischen Werke, welche Mozart in deutscher Sprache
für deutsche Sänger schrieb. Diese historische Bedeutung ver
knüpft die beiden an Werth und Einfluß freilich sehr un
gleichen Compositionen. „Der Schauspieldirector“ ist ein
kleines Gelegenheitsstück, nicht weiter genannt, wenn von Mo
zart’s Opern die Rede ist. Kaiser Joseph hatte (1786) zur
Verherrlichung eines großen Gartenfestes in der Orangerie
zu Schönbrunn ein deutsches und ein italienisches Gelegenheits
stück anbefohlen, worin die besten Mitglieder beider Opern-
Gesellschaften beschäftigt sein sollten. Salieri hatte das
italienische, Mozart das deutsche zu componiren, nämlich den
von Stephanie dem Jüngeren verfaßten „Schauspieldirector“.
Es war dies eine kleine, nothdürftig mit lockerer Handlung
ausgestattete Posse, welche die Verlegenheiten eines Theater-
Directors, schnell eine Opern-Gesellschaft zusammenzubringen,
schildert. Dieselbe ist damals nach drei Vorstellungen im
Kärntnerthor-Theater wieder verschwunden. Unter den fünf
Mozart’schen Musikstücken, welche diese Kleinigkeit enthielt,
machten sich zwei durch Geist und dramatische Lebendigkeit
hervorragend bemerkbar: die Ouvertüre und das Terzett: „Ich
bin die erste Sängerin“. Der Wunsch, diese beiden lieblichen
Blüthen aus dem kleinen, rasch verwelkenden Kranze zu retten,
gab wol den ersten Anlaß zu den späteren Bearbeitungen des
ursprünglichen „Schauspieldirectors“. Hofrath L. Schneider
(der bekannte Vorleser des verstorbenen Königs von Preußen)
verfaßte zu diesem Zweck ein ganz neues Stück: „Der Schau
spieldirector, oder: Mozart und Schikaneder“, in wel
ches außer den genannten beaux restes der ursprünglichen
Partitur eine Anzahl anderer Mozart’scher Gesangstücke ein
gelegt wurden. Das Stück ist herzlich platt und geistlos: die
sich wiederholenden Situationen, daß zwei Sängerinnen dem
armen, förmlich ans Clavier geschmiedeten Mozart eine Arie
nach der anderen vorsingen, macht es auch musikalisch lang
weilig. Das Terzett: „Ich bin die erste Sängerin“ erzielt
bei virtuoser Ausführung und charakteristischem Spiel aller
Betheiligten gute Wirkung, desgleichen das launige „Bandel-
Terzett“, die beste von den späteren Einlagen. Hingegen
klingen die Arien: „Männer suchen stets zu naschen“,
„Bester Jüngling“, „An Chloë“ etc. zopfig und lang
weilig, insbesondere wenn sie so gedehnt und pathetisch
vorgetragen werden, wie es bei der (zum Vortheil der „Con
cordia“ gegebenen) Vorstellung im Carltheater geschah. Die
beiden Hofopernsängerinnen Rabatinsky und Hauck hatten
eben keinen guten Abend, ihre Stimmen waren stark umflort,
ihr Vortrag nicht launig und einfach genug. Der Beifall,
den sie demungeachtet fanden und ob ihrer rühmlichen Gefällig
keit auch verdienten, desgleichen die laute Anerkennung der
Leistungen Jauner’s (Mozart) und Hölzel’s (Schikaneder)
mochte in manchem Anwesenden die Idee einer Aufführung
des „Schauspieldirectors“ im Hofoperntheater anregen. Wir
hörten dieses Singspiel vorschlagen als ergänzenden Act zu
Schubert’s „Häuslichem Krieg“, dessen Wiederaufnahme im
Hofoperntheater bevorsteht. So dankbar wir die Schubert’sche
Oper begrüßen werden, so ungern möchten wir dort dem
„Schauspieldirector“ begegnen. Es ist streng, aber nicht un
gerecht, wenn Otto Jahn über dieses Schneider’sche Geistes
product sagt: „Es ist unglaublich, daß der Meister, dessen
Andenken durch die Wiederbelebung seiner Musik geehrt wer
den soll, hier gegen alle Wahrheit als ein unbesonnener, ver
liebter Fant, unwürdig in seiner Abhängigkeit von Schikaneder,
wie in seinem Verhältnisse zur Schwägerin Aloisia Lange
lächerlich gemacht wird vor dem Publicum, das sich an der
Musik erfreut und dabei solche Sottisen geduldig erträgt.“
Zu dieser alten Verurtheilung des Textbuches tritt bei uns
noch der frische Eindruck der im Carltheater ausgestandenen
musikalischen Langweile, um uns gegen die Aufführung des
„Schauspieldirectors“ im neuen Opernhause zu stimmen.
Eine erwünschte Bereicherung hat hingegen unser Opern-
Repertoire in Mozart’s „Entführung aus dem Serail“
gewonnen, welche am 17. d. zum erstenmale im neuen Hause
gegeben wurde — mit einer Besetzung und einem Orchester,
wie sie kaum auf einer anderen Bühne zu finden sein dürften.
Die ganze Aufführung (von Director Herbeck persönlich ge
leitet) war von einer Sorgfalt, Feinheit und Noblesse, die
ebenso viel Geschmack als Pietät verriethen. Jene echte Pietät
meinen wir, welche im Interesse des Ganzen allenfalls auch
ein paar Tacte opfert. So hatte man Constanzens zweite
große Bravour-Arie weggelassen, welche „Martern aller Arten“
heißt und wirklich deren einige für die Sängerin und den Zu
hörer enthält. Das übermäßig lange Liebesduett im dritten
Acte war durch eine geschickte Kürzung wirksamer geworden,
die unbedeutende vierte Arie Belmonte’s endlich durch die
ungemein zarte A-dur-Arie Fernando’s aus „Cosi fan tutte“
ersetzt. Zwischen dem ersten und zweiten Acte spielte das
Orchester das allen Clavierspielern wohlbekannte „Rondo alla
Turca“ in A-moll, von Mozart, in Herbeck’s ebenso feiner
als effectvoller Instrumentirung. Die Anregung dazu scheint
vom Théâtre Lyrique in Paris ausgegangen zu sein, wo ich
bereits im Jahre 1860 das türkische Rondo als Zwischenacts
musik zur „Entführung“ hörte, freilich in einer ziemlich schäbi
gen Orchestrirung von Pascal. Die französische Bearbeitung
nimmt sich noch einige andere Freiheiten, von denen eine und
die andere nicht zum Nachtheile des Werkes ausfallen. So
werden die drei Acte der „Entführung“ in zwei zusammen
gezogen und schließen mit einer etwas moderneren, weniger
kindischen Lösung des Knotens. Am selben Abend pflegte das
Théâtre Lyrique vor Mozart’s „Entführung“ die einactige
komische Oper „Abu-Hassan“, von K. M. v. Weber,
aufzuführen. Und diese liebenswürdige Kleinigkeit ist es, die
wir zur Completirung des dem „Häuslichen Krieg“ zuge
dachten Theater-Abends vorschlagen möchten. Weber schrieb den
„Abu-Hassan“ in seinem vierundzwanzigsten Jahre, ein viel
versprechendes, in heiterstem Jugendglanze leuchtendes Präludium
zu seiner späteren großen Wirksamkeit im dramatischen Fache.
Das überaus einfache Sujet (es schildert den ärmlichen Haus
halt zweier Liebenden, Hassan und Fatime, welche sich über
ihr Mißgeschick mit ihrer gegenseitigen Zärtlichkeit trösten)
gibt allerdings wenig Gelegenheit zu reicher musikalischer Ent
faltung. Aber als ein keineswegs unreifes Jugendwerk Weber’s
der bereits früher mit „Peter Schmoll“ und dem „Wald
mädchen“ debutirt hatte, verdient „Abu-Hassan“ die Aufmerk
samkeit der Musikwelt. Die Wiener Opernbühne könnte den
Versuch damit um so ruhiger wagen, als der in Deutschland
beinahe unbekannte „Abu-Hassan“ nicht nur in Paris, sondern
seither auch in London sich anziehend und lebensfähig erwiesen hat.
Zurückkehrend zu unserer Mozart-Vorstellung, haben wir
zuerst Herrn Rokitansky’s vorzügliche Leistung als Osmin
hervorzuheben. Es dürfte gegenwärtig wenige Sänger geben,
die sich durch Stimmcharakter, Gesangstechnik und künst
lerische Individualität so prächtig für den Osmin eignen,
wie Herr Rokitansky. Wenn es ihm demnächst noch gelingt,
in die Arie: „Ha, wie will ich triumphiren“ mehr Leiden
schaftlichkeit zu legen, so wird sein Osmin mustergiltig da
stehen. Herr Walter, unser bewährtester Interpret Mozart’
scher Tenorpartien, war ein zärtlich liebevoller Belmonte,
Herr Pirk ein recht aufgeweckter Pedrillo. Diesem männ
lichen Kleeblatte standen die beiden weiblichen Darstellerinnen
ebenbürtig zur Seite. Fräulein Hauck sang und spielte das
Blondchen vortrefflich, und Frau Wilt bewältigte die schwie
rige Rolle der Constanze so meisterhaft, daß man ihre bis
ans Aeußerste (das heißt hart an die Gerichtsschranken) ge
triebene Weigerung, die Partie zu singen, nachträglich kaum
begreifen kann. Dieser Streit Frau Wilt’s mit der Hofopern-
Direction, welcher die Vorstellung der Oper um viele Wochen
verzögerte, hat hinreichend von sich reden gemacht. Die per
sönliche Seite desselben hat gar kein öffentliches Interesse,
war auch durch die übereinstimmenden Rechtsgutachten zweier
Advocaten schnell entschieden. Der Contract der Frau Wilt
(O weiser Daniel, der ihn verfaßt!) engagirt dieselbe einfach
„für erste Sopranpartien“; Constanze ist ohne Frage
eine erste Sopranpartie, folglich kann Frau Wilt dieselbe
keineswegs auf Grund ihres Vertrages zurückweisen. Der
Streit wurde jedoch auf ein allgemeineres Gebiet hinaus
gespielt, indem Frau Wilt ihre Weigerung damit motivirte,
Constanze sei eine „Coloratur-Partie“ und deßhalb
einer „dramatischen Sängerin“ nicht zuzumuthen.
Es wäre wünschenswerth, daß man sich endlich über diese
mißverständlichen, der bloßen Theater-Routine dienstbaren Aus
drücke klar würde. An und für sich schließen die Begriffe:
colorirter Gesang und dramatischer Gesang einander
keineswegs aus; es kann Rollen geben, die von Colo
ratur-Passagen gänzlich verschont und doch nicht dra
matisch sind, gerade so, wie es eminent dramatische
Gesangspartien geben kann und in großer Anzahl gibt, welche
trotzdem reichverziert und nur von einer coloraturgeschulten
Sängerin ausführbar sind. Aus historischem Gesichtspunkt er
weist sich diese angebliche Contradiction noch weniger stich
hältig, als aus logischem. Mozart, seine italienischen Vor
gänger und Zeitgenossen verstanden unter einer Primadonna
nur eine Sängerin, welche eine brillante Gesangstechnik mit
pathetischem Vortrag des Recitativs und leidenschaftlichem Aus
druck starker, bewegter Situationen vereinigte, also der „Coloratur“
und dem „dramatischen“ Vortrag gewachsen war. Das eine
oder das andere dieser Elemente mochte vorwiegen, aber keine
erste Sopranpartie von Mozart gibt es, in welcher eines der
selben fehlte. Donna Anna, Elvira, die Gräfin, Susanne —
sie alle sind dramatische und zugleich Coloratur-Partien. Die
Königin der Nacht und Constanze, diese musikalischen
Zwillingsschwestern, tragen allerdings schwer an ihrem Bravour
schmuck, dennoch sind sie eigentliche Coloratur-Partien nur in
den Allegros ihrer Arien; ihre Recitative und langsamen
Ariensätze bewegen sich in dem pathetischen, hochgespannten
Ton, welcher damals der „dramatische“ par excellence war,
sie sind überdies in die Handlung eingreifende Personen. Noch
bei den späteren Italienern fehlt die Scheidung „dramatischer“
von „Coloratur-Partien“; wir nennen als Ein Beispiel für
hunderte Bellini’s Norma. Erst mit Meyerbeer tritt
jene Scheidung in ausgesprochener Weise hervor: Alice und
Isabella, Valentine und Margarethe. Meyerbeer theilt die
Primadonnen schon in solche, welche Virtuosität im colorirten
Gesang besitzen, und solche, denen sie fehlt. Verdi und vollends
Richard Wagner kennen nur mehr Eine Gattung Sängerinnen:
„dramatische“, das heißt solche, die des colorirten Gesanges nicht
mächtig sind und dessen von Maestros Gnaden auch nicht bedürfen.
Rollen, in welchen die Gesangsbravour und der leidenschaft
liche Ausdruck sich die Wage halten, werden zu „dramatischen“
oder zu „Coloratur-Partien“, je nach der künstlerischen Per
sönlichkeit, die sie ausführt. Die Königin der Nacht ist
reine Coloratur-Partie, ein Concertstück im Costüm, wenn
Fräulein Murska sie darstellt; sie wird zu einer dramati
schen Rolle in den Händen der Dustmann. Lucia und
die Nachtwandlerin waren eminent dramatische Partien
großer italienischer Sängerinnen; wir sehen sie täglich zu
bloßen Coloratur-Partien degradirt von geistlosen Triller-
Virtuosinnen. Diese und ähnliche Opern-Charaktere bieten dem
dramatischen Gesangsvortrag und dem schauspielerischen Talent
einen so großen Spielraum, daß man eigentlich nicht mehr
zu fragen hat, ob die Rolle, sondern nur ob die Sängerin,
die sie eben darstellt, „dramatisch“ sei. Zur Zeit, als man von
einer Primadonna schlechtweg voraussetzte, daß sie „singen“
könne, in dem Sinne, wie es sich heutzutage noch von einem
ersten Geiger oder Flötisten von selbst versteht, daß er sein
Instrument gründlich und mit Leichtigkeit zu behandeln gelernt
habe, war jede erste Rolle mehr oder minder „Coloratur-
Partie“. Wenn heutzutage eine Primadonna solche Aufgaben
refüsirt, so kann sie dies keineswegs thun, weil sie eine
„dramatische Sängerin“, sondern lediglich weil sie eine nicht
hinreichend geschulte Sängerin ist. Das ist, wir gestehen es
bereitwillig, ein triftiger Grund. Von zehn Primadonnen wer
den ihn heutzutage neun für sich anführen können. Wenn aber
die zehnte, welche wir gerne Frau Wilt nennen wollen, und
die heute als Norma, morgen als Königin der Nacht glänzt,
die Rolle der Constanze zurückweist wie eine ungebührliche
Zumuthung, für welche man mit den Gerichten droht, dann
hat sie schwerlich musikalische, wenn auch vielleicht sonst klin
gende Interessen im Sinne. Wir schwärmen nicht im geringsten
für die Rolle der Constanze, welche (mit König Lear zu
reden) gar sehr „nach Sterblichkeit riecht“. Es ist eine
schwierige, kaum entsprechend lohnende Partie, aber ohne
Constanze ist nun einmal die „Entführung“, diese schöne
Jugendblüthe des Mozart’schen Genius, nicht möglich. Und
deßhalb haben gefeierte „dramatische Sängerinnen“, wie die
Hasselt, Tietjens, Dustmann, die Rolle ehedem
ohne Zaudern studirt und sie Mozart zu Ehren gesungen, so
oft es die Direction gewünscht hat.
Wir möchten Mozart’s „Entführung“ niemals gänzlich
vom Repertoire verschwinden sehen. Ein Kassenmagnet wird
diese Oper nicht mehr werden, wie sie es in Wien vor gerade
90 Jahren (1782) gewesen. So langer Zeitverlauf macht
Vieles verwelken. Viel Veraltetes haftet an dieser Partitur,
aber zugleich auch die ganze, durch nichts Anderes zu ersetzende
Frische und Unbefangenheit der Jugend! Den ganzen Werth
der „Entführung aus dem Serail“ vermag man heute freilich
nur zu ermessen, wenn man sich gegenwärtig hält, was sie
zu ihrer Zeit bedeutete. Das deutsche Singspiel tastete schüch
tern und zurückgesetzt in seinen ersten, ungeschickten Anfängen.
Die italienische Oper, hoch geehrt und hoch belohnt, herrschte
noch so gut wie unbeschränkt. Da schrieb Mozart seine
„Entführung“ und — die deutsche Oper war geschaffen, war
gerettet für alle Zukunft! Die Zeitepoche und die eigenthüm
lichen Verhältnisse der Entstehung dieser Oper haben ihr
natürlich manche Spuren aufgedrückt. In der „Entführung“
stehen die Elemente der absterbenden, conventionellen italieni
schen Oper und jene des neu aufblühenden deutschen Sing
spiels fast unvermittelt neben einander, gerade so wie die
frischesten, genialsten Ideen Mozart’s neben seinen flüchtigsten,
allgemeinsten Redensarten. Das Schöne an dieser Schöpfung
hat Niemand schöner herausgefühlt und wärmer ausgesprochen,
als Karl Maria Weber in folgenden aus dem Jahre 1818
stammenden Worten: „Meinem persönlichen Künstlergefühle
ist diese heitere, in vollster üppiger Jugend lodernde, jung
fräulich zart empfindende Schöpfung besonders lieb. Ich
glaube in ihr das zu erblicken, was jedem Menschen seine
frohen Jünglingsjahre sind, deren Blüthenzeit er nie wieder
so erringen kann und wo beim Vertilgen der Mängel auch
unwiederbringliche Reize fliehen. Ja, ich getraue mir den
Glauben auszusprechen, daß in der „Entführung“ Mozart’s
Kunsterfahrung ihre Reife erlangt hatte und dann nur
die Welterfahrung weiter schuf, Opern wie „Figaro“
und „Don Juan“ war die Welt berechtigt, mehrere von
ihm zu erwarten. Eine „Entführung“ konnte er mit dem
besten Willen nicht wieder schreiben.