Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2746. Wien, Mittwoch, den 17. April 1872 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2746. Wien, Mittwoch, den 17. April 1872 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien 17.04.1872
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Italienische und deutsche Oper. (Adeline Patti. — Fräulein Dillner im Hofoperntheater.) Wien, 16. April.

Ed. H. Neun Jahre sind verflossen, seit Adelina Patti im Carltheater zum erstenmale die Wiener entzückte. Wir theilten damals die allgemeine Bewunderung für die junge Sängerin und deren phänomenale Begabung. Die Huldigun gen, welche Adelina Patti seither in ganz Europa ununterbrochen empfangen, vermochten sie nicht zu blenden, sie selbst hat sich nicht für eine unfehlbare „Diva“ gehalten, sondern an ihrer künst lerischen Vervollkommnung redlich gearbeitet. Der ganze Blüthenzauber ihres liebenswürdigen Naturells ist ihr treu geblieben, neben demselben reifte mittlerweile ihre Kunst zur prachtvollen Frucht. Diejenigen Stimmen, welche vor neun Jahren die Patti-Bewunderung als bloße Modesache bespöt telten, der sie ein schnelles Ende prophezeiten, dürften wol jetzt verstummen. Der gegenwärtige Erfolg der Patti über ragt weitaus jenen vom Jahre 1863, obgleich uns das Ver gnügen sehr vergällt wird durch die fabelhaften Preise, die tropische Hitze und das maßlose Beifallsgeschrei im Theater an der Wien. Jener unwiderstehliche Reiz, welcher das erste Auftreten der Patti so eigenthümlich umgab: ihre naive Freude am Singen und Darstellen, er ist ihr mit den Jugendjahren nicht abhanden gekommen. Eine gottbegnadete Natur durch ihre natürliche Mitgift, ist Adelina Patti zugleich eine der glücklichsten durch die unversiegbare Freude an ihrem Beruf. Diese Eigenschaft geht nicht immer Hand in Hand mit dem Er folg. Carlotta Patti ersehnt den Tag, an welchem sie nicht mehr zu singen nöthig haben wird. Ihrer Schwester Adelina ist Singen und Spielen Lebensbedürfniß, und solche leidenschaftliche Künstlernaturen gewinnen bald einen magnetischen Rapport zum Publicum. In früheren Jahren war das musikalische Element, Gesangkunst und Gesanglust, stark vorstechend in den Leistungen der Patti, jetzt finden wir auch das dramatische bedeutend gewachsen, die Auffassung vertieft, die Darstellung verfeinert. Sie lebt vollständig in ihrer Rolle, bleibt stets bei der Sache, niemals erlaubt sie sich, eine Scene gleichgiltig zu behandeln, in welcher sie nichts oder wenig zu singen hat. Wie wunder schön versteht sie zuzuhören, wenn Pierotto (in der „Linda“) ihr sein Savoyardenlied vorsingt. Zeile für Zeile spielen theil

nehmend, verständißvoll ihre Mienen mit, wie ein musi kalisches Accompagnement. Noch sprechender ist ihr stummes Zuhören bei dem Trinklied, welches Alfredo im ersten Act der „Traviata“ an sie richtet. Die in Violetta aufkeimende, ihr selbst noch unbewußte Liebe für Alfredo wetterleuchtet be reits in diesem Mienenspiel. Eine so ausdrucksvolle, fein ausgeführte Darstellung wie ihr stummer Abschied von dem Geliebten (zweiter Act der „Traviata“) war der Patti im Jahre 1863 noch unerreichbar. Dabei ist dies Alles unge künstelt, einfach und wahr gegeben. Aber nicht blos als Schau spielerin, auch als Gesangskünstlerin hat sich Adelina Patti vervollkommnet. An Sicherheit, Leichtigkeit und Frische konnte ihr Gesang unmöglich mehr zunehmen, an Correctheit und edlem Geschmack jedoch hat er gewonnen. Wenigstens von ihren jüngsten Rollen (Linda, Traviata, Rosina) kann ich dies aus eigener Anschauung behaupten, während ich die ersten Vorstellungen („Rigoletto“ und „Lucia“) zu hören durch Krankheit leider verhindert war. In der „Linda“ glänzte namentlich die Eingangs-Arie und die Wahnsinnscene in einer Schönheit des Tones, des Vortrages und der Coloratur, welche man vollkommen nennen möchte. Der zweite Act dieser Oper gehört zu den schwierigsten Aufgaben: in der ganzen Gewalt pathetischer Situationen ist der Stimme eine auf die Spitze ausgebildete Schmiegsamkeit zugemuthet, das tragische Pathos soll mit den tändelnden Fiorituren einer vollendeten Virtuo sität Hand in Hand gehen. Leider genossen wir diese meister hafte Leistung der Patti unter fortwährender Gegenwirkung der geistlosen, langweiligen Musik und der widerlich rühr seligen Handlung. „Linda“ hat niemals zu unseren Lieblingen gezählt, auch nicht, als sie bei ihrem ersten Erscheinen in Wien so ausnehmende Schätzung und Ueberschätzung erfuhr. Der Gedanke, diesmal für ein deutsches Publicum zu schreiben, spornte allerdings den sonst so flüchtigen Donizetti zu größerer Sorgfalt an; schon die Ouvertüre (welche diesfalls nur in jener zu „Maria di Rohan“ ein Seitenstück hat) hebt sich über die italienische Schablone ansehnlich empor. An vielen Stellen dieser Oper ist das Orchester feiner behandelt als gewöhnlich, desgleichen der dramatische Ausdruck, welcher in Einzelnem, z. B. dem Anfang des Duettes zwischen Linda und ihrem Vater (zweiter Act), eine bemerkenswerthe Prägnanz erreicht. Ueberall hingegen, wo melodiöse Inspiration schöpfe risch eintreten soll, namentlich in den Liebesscenen, wird die Musik platt und geistlos. Es ist nicht Eine Nummer in der

Linda“, welche an das Sextett oder Edgar’s Sterbescene in Lucia“, an das Terzett oder Schlußduett im zweiten Acte der „Lucrezia“ hinanreicht. Die größere Mühe und Sorgfalt entscheidet eben nicht allein. Donizetti’s melodiöse Erfindung war offenbar mit der „Linda“ (1842) schon in das Stadium der Erschöpfung getreten; nur noch Einmal danach folgte ein glänzendes Aufflackern („Don Pasquale“, 1843), dann erlosch die Flamme.

Ergreifender als in der „Linda“ wirkt die Patti in Verdi’sTraviata“, wo ihrem Talente ein dankbares musikalisches und dramatisches Material zu statten kommt. Verdi’s „Traviata“ enthält neben oberflächlichen und banalen Partien wieder Stellen von glänzender musikalischer Einge bung, von energischer Leidenschaft, ja von ergreifender Wahr heit der Empfindung. Mit allen musikalischen Schwächen seiner Nation hat Verdi das dramatische Talent derselben in gestei gertem Maße mitbekommen; es ist viel leichter, das Schlechte in der „Traviata“ zu verspotten, als das Gute darin nach zuahmen oder zu übertreffen. Im dritten Acte tauchen Melo dien auf, Herzenstöne, welche ein empfänglich gestimmtes Ge müth so überzeugend ergreifen, daß sie, mit unserem Blute gleichsam sich verflößend, uns nicht wieder loslassen. Tur genieff, der seelenkundige russische Novellist, muß diese Wirkung an sich erfahren haben, so ergreifend weiß er in seine neueste Erzählung: „Helene“ eine Vorstellung der „Tra viata“ zu verflechten und darin die Reminiscenz: „O Dio, morir si giovane“ nachklingen zu lassen. Adelina Patti hat mit be wunderungswürdigem ästhetischen Instinct Alles hervor gehoben, was diese Violetta an Empfindung und Liebens würdigkeit besitzt, hingegen Alles gemildert und geadelt, was darin verletzend werden könnte. In den beiden ersten Acten war sie am letzten Abend geradezu vollendet, und den dritten (den ich diesmal nicht gehört) soll sie noch rührender geben, als vor neun Jahren.

So Bewunderungswürdiges die Patti in den genannten ernsten Rollen leistet, die eigentliche Heimat ihres vielgestaltigen Talentes bleibt doch das Reich des Heitern und Fröhlichen in seiner ganzen Ausdehnung vom fein Graziösen bis zur ausge lassenen Munterkeit. Zerline in „Don Juan“ und Rosine im „Barbier von Sevilla“ sind uns stets als ihre vollendetsten Leistungen erschienen. Als Rosine in der gestrigen Aufführung von Rossini’s, „Barbier“ hatte die Künstlerin einen ihrer glück lichsten Abende. Bekanntlich singt und spielt sie diese Rolle

mit einer Meisterschaft, daß wir fortwährend ein kleines Kunst werk vor uns haben, in welchem blühende Naivetät und feinste Berechnung fast ununterscheidbar zusammenfließen. In der „Gesangslection“ sang Adelina Patti den brillanten Bolero aus Verdi’s „Sicilianischer Vesper“ und das bekannte spanische Lied „La Calesera“ — da klang ihre Stimme so hell, stark und morgenfrisch wie Lerchenschlag.

Von der übrigen Merelli’schen Operngesellschaft können wir wenig Rühmliches melden, sie ist theilweise mittelgut, theilweise weniger als das. Als bedeutender Künstler ragt mir der Baritonist Graziani hervor, welcher eine ausge zeichnete Stimmbildung und seelenvollen Vortrag mit edler Repräsentation und durchdachtem (mitunter nur allzu de taillirtem) Spiel verbindet. Den Tenoristen Nicolini, welcher nach der vierten oder fünften Vorstellung abreiste, habe ich nicht gehört, sein Nachfolger, Corsi, ist unbedeutend. Desgleichen die übrigen Sänger, mit deren Namen wir unser und unserer Leser Gedächtniß nicht zu beschweren brauchen. Das Orchester vom Theater an der Wien nimmt sich unter Herrn Arditi’s Leitung sichtlich zusammen, die Chöre hin gegen huldigen in Bezug auf Reinheit und Präcision sehr liberalen Anschauungen. Die Begleitung der Secco-Recitative auf dem Clavier finden wir, auch abgesehen von der ehr würdigen Tradition, sehr zweckmäßig, keineswegs können wir uns aber mit Arditi’s Manier befreunden, die Accorde derge stalt in langsame Arpeggien zu zerquetschen, daß sie mitunter zu kleinen Clavier-Etuden ausarten.

Obgleich die Patti in diesem Augenblicke alles musika lische Interesse zu absorbiren scheint, so sehen wir doch Be such und Theilnahme an den Leistungen des Hofopern theaters in erfreulicher Stetigkeit. Wir haben in letzter Zeit alte Opern, wie „Freischütz“ und die „Lustigen Weiber“, bei vollem Hause unter lebhaftestem Beifalle dort aufführen sehen. An beiden Vorstellungen hatte die Sängerin Dillner vom Prager Theater ein besonderes Verdienst. Fräulein Bertha v. Dillner hat bekanntlich ihre theatralische Laufbahn am Hofoperntheater begonnen, wo sie unter Salvi für kleine Rollen engagirt war. Sie brachte für diese undankbaren Auf gaben so viel Fleiß und Eifer, so viel Stimme und Talent mit, daß wir damals für eine bessere Verwendung Fräulein Dillner’s wiederholt plaidirten. Es war erfolglos, und die junge Sängerin folgte einem Rufe nach Prag, wo sie bald der Liebling des Publicums wurde. Das Engagement an Provinz

bühnen hat den Vortheil, daß der Sänger über zu geringe oder einseitige Beschäftigung niemals klagen kann, in kurzer Zeit muß er sehr viele und verschiedenartige Rollen sich an eignen. So hat auch Fräulein Dillner sich ein erstaunlich reiches Repertoire geschaffen. Ihr Gastspiel im neuen Opern hause hat Fräulein Dillner als Page in den „Hugenotteneröffnet, als Aennchen im „Freischütz“ und Frau Fluth in den „Lustigen Weibern“ fortgesetzt. In all diesen Rollen, zu meist in der letztgenannten, haben ihre frische Stimme, ihr hüb scher Vortrag und lebhaftes, anmuthiges Spiel den günstigsten Eindruck gemacht. Für Fräulein Boschetti, welche im Verlaufe ihrer hiesigen Thätigkeit ebenso rasch an Stimme abgemagert wie an Leibesfülle zugenommen hat und deren Contract nicht wieder erneuert wird, wäre Fräulein Dillner ein sehr wün schenswerther Ersatz.