Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2784. Wien, Sonntag, den 26. Mai 1872 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2784. Wien, Sonntag, den 26. Mai 1872 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Wien 26.05.1872
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Hofoperntheater. („Der Wasserträger“, von Cherubini.)

Ed. H. Männer von siebzig Jahren, welche kräftigen Aussehens, frisch und stattlich einhergehen, gehören zu den angenehmen täglichen Erscheinungen. Eine siebzigjährige Oper hingegen, welche noch fest auf den Beinen steht, zählen wir unter die Seltenheiten. Cherubini’sWasserträger“, dessen erste Aufführung ins Jahr 1800 fällt, ist eine davon. Es gibt nur sehr wenige Opern berühmterer Meister, die, in gleichem oder gar höherem Alter stehend, jetzt noch lebendig wären. Von den Opern des gegen wärtigen Repertoires in Deutschland reichen nur vier Mo zart’sche und zwei bis drei Gluck’sche ins vorige Jahrhundert, höchstens daß noch hie und da Dittersdorf’sDoctor und Apotheker“ oder Cimarosa’sHeimliche Ehe“ daneben auftaucht. Was zu Anfang des Jahrhunderts an neuen Opern glänzte und gefeiert wurde, ist fast durchwegs bis auf den Namen verschwunden. Cherubini lebt noch durch seinen Wasserträger“, Méhul einzig durch „Joseph und seine Brüder“; Grétry, Catel, Lesueur, Salieri, Paër, Spontini — Alles wie weggeblasen, unserer Landsleute: Winter, Weigl, Simon Mayer, Gyrowetz etc. nicht zu gedenken. Und doch waren ihre Er folge groß und verbreitet, ihren Lieblingswerken ward ewige Jugend nachgerühmt, Unsterblichkeit prophezeit. Die ewige Jugend währte bestenfalls vierzig bis fünfzig Jahre, die Unsterblichkeit hat sich von der Bühne längst ins Conver sations-Lexikon zurückgezogen. Ja, die Musik lebt ein kurzes Leben, und am raschesten ist ihr Verbrennungsproceß auf der Bühne. Der „Wasserträger“ gehört zu den wenigen älteren prunklosen Opern, welche nach mehrjähriger Vergessenheit immer wieder hervorgesucht werden, obgleich die Theater- Directionen sich volle Häuser und eine enthusiastische Auf nahme nicht mehr davon versprechen können. Wenn trotz des

schönen Frühlingsabends am 25. d. das neue Opernhaus recht gut besucht war, so spricht dies tröstlich für die noch immer ansehnliche Zahl von Freunden classischer Musik.

Das ganze Genre, dem der „Wasserträger“ angehört, ist unserem an die große Oper gewöhnten Publicum bereits sehr entfremdet. Das Libretto war einstens höchlich bewun dert und von Goethe selbst als Muster eines Operntextes gepriesen. Eines der spannendsten Textbücher von ehedem, ent spricht es doch nicht mehr den Anforderungen der Gegenwart. Offenbar hat der Dramatiker Bouilly hier den Kinder schriftsteller nicht verleugnen können. Die (unter dem Cardi nal Mazarin spielende) Handlung verdiente einen großartige ren geschichtlichen Hintergrund. Einen bedeutenden historischen Moment, den Schlag, gegen den als Rückschlag die große Bewegung der Fronde erfolgte, sehen wir hier in eine dürftige, moralisirende Rettungsgeschichte ausgearbeitet. Von langwei liger Breite im ersten Act, concentrirt sich im zweiten das Buch zwar zu besserer dramatischer Wirkung, verfällt jedoch im dritten beinahe ins Kindische. Ueberdies schwillt der gesprochene Dialog (ein Element, das unserer Zeit immer fremder und störender wird) zu einer Redefluth an, welche im dritten Act die Musik nahezu verdrängt. Trotz dem ist der „Wasserträger“, dem es ja an spannenden und rührenden Momenten nicht fehlt, das beste Libretto, welches Cherubini je componirt hat und ein wahres Meisterstück gegen die Textbücher zu „Lodoiska“ und „Faniska“, deren kindische Albernheit es hauptsächlich verschuldet, daß diese von Cheru bini mit so bedeutender Musik ausgestatteten Opern für die Jetztzeit verloren sind. Seltsam, daß der erste dramatische Componist gerade in Paris, dem Hauptsitz guter Libretto- Poesie, keinen seinem Talent ebenbürtigen Operntext jemals erhalten konnte.

Ueber die Mängel des Textbuches hilft uns Cherubini’s ebenso feine als ausdrucksvolle, wenn auch etwas schwer flüssige Musik aufs wirksamste hinweg. Mit welcher Liebe gibt er sich der Sache hin, mit welcher Gewissen haftigkeit arbeitet er sie bis in die letzte Note aus!

Von der ersten Aufführung des „Wasserträger“ datirt recht eigentlich die Anerkennung Cherubini’s in Deutschland, wo er bald besser verstanden und eifriger gepflegt war, als in Frank reich selbst. Eine unleugbare Wahlverwandtschaft mit dem deutschen Geiste klang aus dieser Musik heraus und bereitete ihr gerade in Deutschland die schönsten und nachhaltigsten Erfolge. Von dem italienischen Opernwesen hatte sich der junge Florentiner schon früher losgesagt, seinen eigenthüm lichen Styl schuf er sich vollständig jedoch erst im „Wasser träger“. In jedem Sinne vornehmer und bedeutender erschien dieser Styl, als der seiner französischen Zeitgenossen, von denen Méhul ihm am nächsten stand. Wie gesagt, der Assimi lations-Proceß mit dem deutschen Geiste ist darin unverkenn bar. Unser Haydn war Cherubini’s Ideal, und Haydn’s Musik hat so epochemachend, für’s ganze Leben bestimmend auf Cherubini gewirkt, wie bald nachher die erste Be kanntschaft mit Gluck’s Opern auf Spontini. Gar schön offenbart sich hier das Geheimniß nationaler Wechsel wirkung: die tiefe Anregung, welche Cherubini dem deutschen Haydn verdankte, hat er später an Beethoven gleichsam zurück gezahlt. Letzterer schätzte bekanntlich unter den dramatischen Componisten Cherubini zuhöchst, und wirklich verräth „Fideliomehr Cherubini’sche als Mozart’sche Einwirkung. Seine Hin neigung zur deutschen Musik hemmte anfangs Cherubini’s Carrière; denn Napoleon, der Enthusiast für Cimarosa und Païsiello, konnte einem Italiener den Abfall von der italieni schen Melodie nicht verzeihen. Der Componist der „Deux Journées“ hatte zehn volle Jahre in Paris gewirkt, ohne ein Werk bei der Großen Oper anbringen zu können. Diese bornirte Unnahbarkeit der „Académie impériale“ ward von entscheidendem Einfluß auf sein Schaffen, denn sie drängte sein ursprünglich groß angelegtes Talent in die Richtung der Spieloper. All die schönen Werke, die man in Deutschland von ihm bewundert, hat Cherubini für das kleine Théâtre Feydeau (die nachmalige Opéra Comique) geschrieben. Bei den streng bewachten Privilegien de Großen Oper durfte kein anderes lyrisches Theater in Paris

Opern mit Recitativen und mit Ballet geben. Alle Opern mit gesprochenem Dialog und ohne Ballet fielen der Opéra Comique zu, weßhalb wir denn sehr ernsthafte Stücke, wie Cherubini’sMedea“, „Elisa“, „Wasserträger“, Lodoiska“; Méhul’sJoseph“ u. dgl., unter den komischen Opern der Franzosen aufgezählt finden. Die „komische Oper“ (richtiger die „kleine“ oder „Spieloper“) gewann dadurch bei den Franzosen ein ungleich größeres Feld, als bei uns, und eine reichere Mannichfalt der Stoffe. Sie pflegte außer dem Lustspiel vornehmlich das musikalische Rührstück und die Idylle. Das bedeutende Gewicht, das hier, verschieden von der großen Oper, auf Handlung und Dialog, auf Spiel und Darstellung fiel, nähert mitunter die berühmtesten dieser Opern dem deutschen Singspiel. Der „Wasserträger“ gehört zu dieser eigenthümlichen Mittelgattung, welche wir nur mit Hinblick auf jene historischen Bedingungen vollständig würdigen können. Heutzutage müssen wir allerdings bedauern, daß im „Wasser träger“ die einfachsten Formen des Strophenliedes und der Romanze so sehr bevorzugt erscheinen. Eigentlich sind es nur die beiden Finale des ersten und zweiten Actes, welche eine aus geführte musikalische Form und reiche dramatische Gliederung ausweisen. Diese beiden Nummern bleiben aber unvergängliche Proben von Cherubini’s musikalisch-dramatischer Kraft. Mit noch zwei bis drei solchen Musikstücken wäre der „Wasser träger“ nicht blos eines der werthvollsten, er bliebe auch eines der lebendig wirksamsten Repertoirestücke jeder Bühne. Der musikalisch sehr dürftige dritte Act schließt, ganz im Geiste des französischen Singspiels, mit einem kurzen, lebhaften Chor satz (G-dur, 6/8), dem das Motiv des Savoyardenliedes zu Grunde liegt. Bei der hiesigen Aufführung ließ man statt dessen den schwungvollen Allegrosatz aus dem ersten Finale am Schlusse der Oper wiederholen. Es ist das eine Eigen mächtigkeit, die wir jedoch zu tadeln nicht den Muth haben, da ihr ein nur zu begründetes Bedürfniß nach breiterem Ab schlusse des Ganzen zu Grunde liegt.

Die Aufführung des „Wasserträger“ im neuen Opern hause verdient alles Lob. Bedeutendere Partien sind nur die

des Wasserträgers Micheli und der Gräfin Constanze. Herr Beck gab den großmüthigen, zu jeder Aufopferung bereiten Wasserträger, der in der deutschen Bearbeitung dem Stücke den Namen gibt, mit wahrer Meisterschaft. Er hat die Partie bereits vor 16 Jahren vortrefflich gesungen, aber welch außer ordentliche Fortschritte im Sprechen und Spielen hat dieser musterhaft fleißige und gewissenhafte Künstler seither gemacht! Diese Fortschritte, welche er im musikalischen Charakterfach als Simeon, Agamemnon, Hanns Sachs u. s. w. seither be wiesen, sie kommen nunmehr auch seinem Wasserträger zu statten. Herr Beck wirkte durch sein charaktervolles Spiel und seine deutliche, unbeengte Prosa fast ebensosehr, wie durch den trefflichen Vortrag der Musikstücke; auf seine Leistung concentrirte sich fast der ganze Beifall des Abends. Constanze, welche wenigstens im ersten Acte brillirt, in den beiden fol genden aber beinahe verschwindet, fand in Frau Dustmann eine bereits bewährte, geistvolle Darstellerin. Graf Armand, um dessen Rettung sich die ganze Handlung dreht, ist ein bloßer Lückenbüßer, der sich in alle Schlupfwinkel stoßen und packen lassen muß, damit der Wasserträger Geistesgegenwart, die Gräfin Seelengröße zeigen könne; im dritten Act, wo er zeitweilig aus einem hohlen Baume wie ein Rauchfangkehrer auftaucht, pflegt er sogar Heiterkeit zu erregen. Fast alle Darsteller des Armand spielen diese traurige Figur mit Un lust, was sich, wenngleich nicht billigen, doch sehr wohl be greifen läßt. Herr Adams machte eine Ausnahme davon, jedoch fühlte er sich durch die gesprochene Prosa sehr genirt. Die kleineren Rollen sind mit den Herren Krauß, Hablawetz, Mayerhofer, Pirk und Fräulein Trou sil ganz vorzüglich besetzt. Die Vorstellung, welcher man durch Zugabe eines Ballet-Fragmentes („Fiammella“ zweiter Act) die gebührende Theaterlänge gegeben, fiel unter der Leitung des wiedergenesenen Capellmeisters Fischer präcis und lebhaft aus. Nach dieser Wahrnehmung dürfte der „Wasserträger“, der so glücklich über die 70 Jahre hinausgekommen, es auch auf 90 bringen.