Hofoperntheater.
(„
Der Wasserträger“, von
Cherubini.)
Ed. H. Männer von siebzig Jahren, welche kräftigen
Aussehens, frisch und stattlich einhergehen, gehören zu den
angenehmen täglichen Erscheinungen. Eine siebzigjährige Oper
hingegen, welche noch fest auf den Beinen steht, zählen
wir unter die Seltenheiten. Cherubini’s „Wasserträger“,
dessen erste Aufführung ins Jahr 1800 fällt, ist eine
davon. Es gibt nur sehr wenige Opern berühmterer
Meister, die, in gleichem oder gar höherem Alter stehend,
jetzt noch lebendig wären. Von den Opern des gegen
wärtigen Repertoires in Deutschland reichen nur vier Mo
zart’sche und zwei bis drei Gluck’sche ins vorige Jahrhundert,
höchstens daß noch hie und da Dittersdorf’s „Doctor
und Apotheker“ oder Cimarosa’s „Heimliche Ehe“ daneben
auftaucht. Was zu Anfang des Jahrhunderts an neuen Opern
glänzte und gefeiert wurde, ist fast durchwegs bis auf den
Namen verschwunden. Cherubini lebt noch durch seinen
„Wasserträger“, Méhul einzig durch „Joseph und seine
Brüder“; Grétry, Catel, Lesueur, Salieri,
Paër, Spontini — Alles wie weggeblasen, unserer
Landsleute: Winter, Weigl, Simon Mayer,
Gyrowetz etc. nicht zu gedenken. Und doch waren ihre Er
folge groß und verbreitet, ihren Lieblingswerken ward ewige
Jugend nachgerühmt, Unsterblichkeit prophezeit. Die ewige
Jugend währte bestenfalls vierzig bis fünfzig Jahre, die
Unsterblichkeit hat sich von der Bühne längst ins Conver
sations-Lexikon zurückgezogen. Ja, die Musik lebt ein kurzes
Leben, und am raschesten ist ihr Verbrennungsproceß auf der
Bühne. Der „Wasserträger“ gehört zu den wenigen älteren
prunklosen Opern, welche nach mehrjähriger Vergessenheit
immer wieder hervorgesucht werden, obgleich die Theater-
Directionen sich volle Häuser und eine enthusiastische Auf
nahme nicht mehr davon versprechen können. Wenn trotz des
schönen Frühlingsabends am 25. d. das neue Opernhaus
recht gut besucht war, so spricht dies tröstlich für die noch
immer ansehnliche Zahl von Freunden classischer Musik.
Das ganze Genre, dem der „Wasserträger“ angehört,
ist unserem an die große Oper gewöhnten Publicum bereits
sehr entfremdet. Das Libretto war einstens höchlich bewun
dert und von Goethe selbst als Muster eines Operntextes
gepriesen. Eines der spannendsten Textbücher von ehedem, ent
spricht es doch nicht mehr den Anforderungen der Gegenwart.
Offenbar hat der Dramatiker Bouilly hier den Kinder
schriftsteller nicht verleugnen können. Die (unter dem Cardi
nal Mazarin spielende) Handlung verdiente einen großartige
ren geschichtlichen Hintergrund. Einen bedeutenden historischen
Moment, den Schlag, gegen den als Rückschlag die große
Bewegung der Fronde erfolgte, sehen wir hier in eine dürftige,
moralisirende Rettungsgeschichte ausgearbeitet. Von langwei
liger Breite im ersten Act, concentrirt sich im zweiten das
Buch zwar zu besserer dramatischer Wirkung, verfällt
jedoch im dritten beinahe ins Kindische. Ueberdies schwillt
der gesprochene Dialog (ein Element, das unserer Zeit
immer fremder und störender wird) zu einer Redefluth an,
welche im dritten Act die Musik nahezu verdrängt. Trotz
dem ist der „Wasserträger“, dem es ja an spannenden und
rührenden Momenten nicht fehlt, das beste Libretto, welches
Cherubini je componirt hat und ein wahres Meisterstück gegen
die Textbücher zu „Lodoiska“ und „Faniska“, deren kindische
Albernheit es hauptsächlich verschuldet, daß diese von Cheru
bini mit so bedeutender Musik ausgestatteten Opern für die
Jetztzeit verloren sind. Seltsam, daß der erste dramatische
Componist gerade in Paris, dem Hauptsitz guter Libretto-
Poesie, keinen seinem Talent ebenbürtigen Operntext jemals
erhalten konnte.
Ueber die Mängel des Textbuches hilft uns Cherubini’s
ebenso feine als ausdrucksvolle, wenn auch etwas schwer
flüssige Musik aufs wirksamste hinweg. Mit welcher Liebe
gibt er sich der Sache hin, mit welcher Gewissen
haftigkeit arbeitet er sie bis in die letzte Note aus!
Von der ersten Aufführung des „Wasserträger“ datirt recht
eigentlich die Anerkennung Cherubini’s in Deutschland, wo er
bald besser verstanden und eifriger gepflegt war, als in Frank
reich selbst. Eine unleugbare Wahlverwandtschaft mit dem
deutschen Geiste klang aus dieser Musik heraus und bereitete
ihr gerade in Deutschland die schönsten und nachhaltigsten
Erfolge. Von dem italienischen Opernwesen hatte sich der
junge Florentiner schon früher losgesagt, seinen eigenthüm
lichen Styl schuf er sich vollständig jedoch erst im „Wasser
träger“. In jedem Sinne vornehmer und bedeutender erschien
dieser Styl, als der seiner französischen Zeitgenossen, von denen
Méhul ihm am nächsten stand. Wie gesagt, der Assimi
lations-Proceß mit dem deutschen Geiste ist darin unverkenn
bar. Unser Haydn war Cherubini’s Ideal, und Haydn’s
Musik hat so epochemachend, für’s ganze Leben bestimmend
auf Cherubini gewirkt, wie bald nachher die erste Be
kanntschaft mit Gluck’s Opern auf Spontini. Gar
schön offenbart sich hier das Geheimniß nationaler Wechsel
wirkung: die tiefe Anregung, welche Cherubini dem deutschen
Haydn verdankte, hat er später an Beethoven gleichsam zurück
gezahlt. Letzterer schätzte bekanntlich unter den dramatischen
Componisten Cherubini zuhöchst, und wirklich verräth „Fidelio“
mehr Cherubini’sche als Mozart’sche Einwirkung. Seine Hin
neigung zur deutschen Musik hemmte anfangs Cherubini’s
Carrière; denn Napoleon, der Enthusiast für Cimarosa und
Païsiello, konnte einem Italiener den Abfall von der italieni
schen Melodie nicht verzeihen. Der Componist der „Deux
Journées“ hatte zehn volle Jahre in Paris gewirkt, ohne ein
Werk bei der Großen Oper anbringen zu können. Diese
bornirte Unnahbarkeit der „Académie impériale“ ward von
entscheidendem Einfluß auf sein Schaffen, denn sie drängte
sein ursprünglich groß angelegtes Talent in die Richtung der
Spieloper. All die schönen Werke, die man in Deutschland
von ihm bewundert, hat Cherubini für das kleine Théâtre
Feydeau (die nachmalige Opéra Comique) geschrieben. Bei
den streng bewachten Privilegien de Großen Oper
durfte kein anderes lyrisches Theater in Paris
Opern mit Recitativen und mit Ballet geben. Alle
Opern mit gesprochenem Dialog und ohne Ballet fielen der
Opéra Comique zu, weßhalb wir denn sehr ernsthafte Stücke,
wie Cherubini’s „Medea“, „Elisa“, „Wasserträger“,
„Lodoiska“; Méhul’s „Joseph“ u. dgl., unter den komischen
Opern der Franzosen aufgezählt finden. Die „komische Oper“
(richtiger die „kleine“ oder „Spieloper“) gewann dadurch bei
den Franzosen ein ungleich größeres Feld, als bei uns, und
eine reichere Mannichfalt der Stoffe. Sie pflegte außer dem
Lustspiel vornehmlich das musikalische Rührstück und die Idylle.
Das bedeutende Gewicht, das hier, verschieden von der
großen Oper, auf Handlung und Dialog, auf Spiel und
Darstellung fiel, nähert mitunter die berühmtesten dieser
Opern dem deutschen Singspiel. Der „Wasserträger“ gehört zu
dieser eigenthümlichen Mittelgattung, welche wir nur mit Hinblick
auf jene historischen Bedingungen vollständig würdigen können.
Heutzutage müssen wir allerdings bedauern, daß im „Wasser
träger“ die einfachsten Formen des Strophenliedes und der
Romanze so sehr bevorzugt erscheinen. Eigentlich sind es nur die
beiden Finale des ersten und zweiten Actes, welche eine aus
geführte musikalische Form und reiche dramatische Gliederung
ausweisen. Diese beiden Nummern bleiben aber unvergängliche
Proben von Cherubini’s musikalisch-dramatischer Kraft. Mit
noch zwei bis drei solchen Musikstücken wäre der „Wasser
träger“ nicht blos eines der werthvollsten, er bliebe auch eines
der lebendig wirksamsten Repertoirestücke jeder Bühne. Der
musikalisch sehr dürftige dritte Act schließt, ganz im Geiste
des französischen Singspiels, mit einem kurzen, lebhaften Chor
satz (G-dur, 6/8), dem das Motiv des Savoyardenliedes zu
Grunde liegt. Bei der hiesigen Aufführung ließ man statt
dessen den schwungvollen Allegrosatz aus dem ersten Finale
am Schlusse der Oper wiederholen. Es ist das eine Eigen
mächtigkeit, die wir jedoch zu tadeln nicht den Muth haben,
da ihr ein nur zu begründetes Bedürfniß nach breiterem Ab
schlusse des Ganzen zu Grunde liegt.
Die Aufführung des „Wasserträger“ im neuen Opern
hause verdient alles Lob. Bedeutendere Partien sind nur die
des Wasserträgers Micheli und der Gräfin Constanze. Herr
Beck gab den großmüthigen, zu jeder Aufopferung bereiten
Wasserträger, der in der deutschen Bearbeitung dem Stücke
den Namen gibt, mit wahrer Meisterschaft. Er hat die Partie
bereits vor 16 Jahren vortrefflich gesungen, aber welch außer
ordentliche Fortschritte im Sprechen und Spielen hat dieser
musterhaft fleißige und gewissenhafte Künstler seither gemacht!
Diese Fortschritte, welche er im musikalischen Charakterfach
als Simeon, Agamemnon, Hanns Sachs u. s. w. seither be
wiesen, sie kommen nunmehr auch seinem Wasserträger zu
statten. Herr Beck wirkte durch sein charaktervolles Spiel
und seine deutliche, unbeengte Prosa fast ebensosehr, wie durch
den trefflichen Vortrag der Musikstücke; auf seine Leistung
concentrirte sich fast der ganze Beifall des Abends. Constanze,
welche wenigstens im ersten Acte brillirt, in den beiden fol
genden aber beinahe verschwindet, fand in Frau Dustmann
eine bereits bewährte, geistvolle Darstellerin. Graf Armand,
um dessen Rettung sich die ganze Handlung dreht, ist ein
bloßer Lückenbüßer, der sich in alle Schlupfwinkel stoßen und
packen lassen muß, damit der Wasserträger Geistesgegenwart,
die Gräfin Seelengröße zeigen könne; im dritten Act, wo er
zeitweilig aus einem hohlen Baume wie ein Rauchfangkehrer
auftaucht, pflegt er sogar Heiterkeit zu erregen. Fast alle
Darsteller des Armand spielen diese traurige Figur mit Un
lust, was sich, wenngleich nicht billigen, doch sehr wohl be
greifen läßt. Herr Adams machte eine Ausnahme davon,
jedoch fühlte er sich durch die gesprochene Prosa sehr
genirt. Die kleineren Rollen sind mit den Herren Krauß,
Hablawetz, Mayerhofer, Pirk und Fräulein Trou
sil ganz vorzüglich besetzt. Die Vorstellung, welcher man durch
Zugabe eines Ballet-Fragmentes („Fiammella“ zweiter Act)
die gebührende Theaterlänge gegeben, fiel unter der Leitung
des wiedergenesenen Capellmeisters Fischer präcis und lebhaft
aus. Nach dieser Wahrnehmung dürfte der „Wasserträger“,
der so glücklich über die 70 Jahre hinausgekommen, es auch
auf 90 bringen.