Zwei Tonkünstler-Biographien.
I. Ignaz
Moscheles.
Ed. H. Es sind wenige Jahre her, daß Deutschland
zwei gefeierte Tonkünstler verloren hat: den Balladen-
Componisten Dr. Karl Loewe und den Clavier-Virtuosen
Ignaz Moscheles. Von beiden in hohem Alter ver
storbenen Tondichtern sind kürzlich Selbstbiographien er
schienen, welche nicht blos für ihre speciellen Verehrer, son
dern für jeden Liebhaber der Musikgeschichte unleugbares
Interesse haben. Beiden Künstlern lauschte ehedem ein ent
zückter Kreis von Hörern, wo immer sie erscheinen mochten;
man darf hoffen, daß auch ein ansehnlicher Leserkreis den
Erzählungen beider Meister theilnehmend folgen werde.
Grundverschieden in der Art ihres Talentes, ihres Bildungs
ganges, ihrer Lebensweise, erscheinen doch beide Compo
nisten gleichmäßig berufen, Bedeutendes und Anziehendes
aus ihrem langen Erdenwallen zu erzählen. Loewe ist
durch eine classische Schulbildung hindurchgegangen, er war
Theologe und Gymnasiallehrer, bevor er Musikdirector
würde; Geist und Bildung befähigten ihn, seine Kunst auch
reflectirend zu durchdringen und das Resultat dieses Denkens
in gewählter Form mitzutheilen. Moscheles hingegen,
der schon in zartem Knabenalter seine Bestimmung zum
Virtuosen verrieth und eine rein musikalische Erziehung er
hielt, konnte der gelehrten Bildung Loewe’s eine große Welt
erfahrung und reichste Kenntniß von Ländern und Menschen
entgegensetzen. Sein Leben wie seine Kunst war äußerlich
glänzender und bewegter; fast immer auf Reisen, war
Moscheles auch wieder überall zu Hause, während Loewe,
in enge Verhältnisse eingesponnen, nur die Ferienzeit zu
kleinen künstlerischen Ausflügen benützen konnte.
Als ich vor 15 Jahren Moscheles in Leipzig besuchte,
überraschte mich die Lebhaftigkeit und Frische, mit welcher
der alte Herr von seinen englischen und französischen Con
certreisen, von seinen alten Wiener Erinnerungen sprach. Der
Ausruf: „Sie sollten doch Memoiren schreiben!“ drängte
sich mir unwillkürlich auf die Lippen. „Ich selbst nicht
mehr,“ erwiderte damals Moscheles, „aber ein Anderer wird
nach meinem Tode wol etwas zusammenstellen können aus
den Tagebüchern, die ich mit größter Regelmäßigkeit seit
dem Anfange meiner Künstlerlaufbahn bis auf den heutigen
Tag führe.“ Moscheles’ Gattin fügte mit einer feinen Be
merkung zustimmend hinzu, es liege auch in den Briefen
ihres Mannes an sie ein Schatz musikalischer Erinnerungen
bewahrt. Diese würdige Frau, durch Herzensgüte, Bildung
und feinste Sitte eine Zierde ihres Geschlechtes, war damals
schon von Moscheles zur Ausführung seines literarischen Ver
mächtnisses bestimmt. Es war stets Moscheles’ Wunsch, daß
die Kunsterfahrungen seiner beinahe sechzigjährigen Laufbahn
nach seinem Tode veröffentlicht würden, und zwar durch
seine Frau. Sie übernahm denn auch diese schwierige Ar
beit. „Andere,“ sagt sie im Vorwort, „hätten sie wol besser
gemacht, Niemand mit so viel Liebe.“ Das Buch ist so zusam
mengestellt, daß theils Tagebuchnotizen und Briefe von
Moscheles, theils die Herausgeberin selbst das Wort führen.
Der soeben erschienene erste Band
„Aus Moscheles’ Leben.“ Nach Briefen und Tage
büchern herausgegeben von seiner Frau. Erste Band. 1872. Leipzig,
bei Duncker und Humbolt.
reicht von Moscheles’
Kindheit bis zum Jahre 1855. Wir erfahren aus dem ersten
Abschnitte, daß Moscheles (geboren 1794 als Sohn eines
kleinen jüdischen Kaufmannes in Prag) schon sehr früh Pro
ben eines ungewöhnlichen musikalischen Talentes ablegte,
anfangs von Dionys Weber unterrichtet, dann als vier
zehnjähriger Knabe zur weiteren Ausbildung nach Wien ge
schickt wurde. Er studirte einige Monate bei Albrechts
berger, welcher damals unter den musikalischen Theoreti
kern eine analoge Stellung einnahm, wie Haydn unter
den Componisten, d. h. den unbestritten ersten Rang in
Europa. Dann wurde er Schüler Salieri’s, auch durch
drei Jahre lang dessen Adjunct im Hofoperntheater. Diese
bescheidene Anstellung, welche den jungen Mann schnell in
einem wichtigen Theile der musikalischen Praxis heimisch
machte, hatte für ihn außerdem noch denselben Vortheil, wie
die Schulgehilfenstelle für Franz Schubert: sie befreite von
der Militär-Conscription. Die glänzende, anregende Zeit
dieses ersten Wiener Aufenthaltes brachte dem jungen Mo
scheles als besonders werthvolles Geschenk auch den persön
lichen Verkehr mit Beethoven, für welchen er den Clavier
auszug aus der Oper „Fidelio“ bearbeitete. Sein Talent
entfaltete sich so rasch und glänzend, daß der junge Virtuos
bald zu den Lieblingen des Wiener Publicums gehörte.
Nur zwischen Moscheles und Hummel konnte die Palme
streitig sein. Während Hummel, unerreichbar im Legato,
„Sammt unter den Fingern gehabt, von dem seine laufen
den Passagen sich gleich Perlenschnüren abrollten“, wirkte
Moscheles hinreißend durch übersprudelnde Bravour und
jugendlichen Enthusiasmus. Eines Morgens im Jahre 1815
ließ die Stiftsdame Gräfin HardeggMoscheles zu sich
bitten, um ihn zur Mitwirkung in einem Wohlthätigkeits-
Concert zu ersuchen. Er bedauerte, keine neuen Composi
tionen zu haben. Da wurde ausgemacht, Moscheles sollte
Variationen über den Marsch schreiben, welchen (zur Con
greßzeit) das dem Kaiser Alexander von Rußland zugewiesene
Regiment spielte. Es waren dieselben so berühmt gewor
denen „Alexandermarsch-Variationen“, von denen es lange
Zeit hieß, nur Moscheles könne sie spielen, und welche in
Wien wie auf allen Kunstreisen seinen Erfolgen die Krone
aufsetzten. Im Jahre 1816 unternimmt Moscheles seine
erste Kunstreise durch Deutschland, 1820 besucht er Holland,
Frankreich und England mit außerordentlichem Succeß. Die
Tagebuchblätter über diese Concertreisen zeigen nun aller
dings, daß gar Vieles, was für den Gefeierten selbst und
seine Angehörigen von großem Interesse ist, nicht die gleiche
Wichtigkeit für den Leser hat. Letzterer wird leicht unge
duldig, immer und immer wieder unter dem verschiedensten
Datum zu lesen: „Meine Alexander-Variationen gespielt.
Mein Es-dur-Concert gespielt. Der Saal ganz gefüllt, der
Beifall wollte nicht enden. Die Herzogin X. schickte mir
eine goldene Dose. Der Kronprinz Y. machte mir dieses
oder jenes Compliment u. s. w.“ Auch auf die Aufzählung
aller Merkwürdigkeiten, welche Moscheles in Paris und
London besichtigt, würden wir gern verzichten, da doch jeder
Reisende dieselben Dinge dort angesehen hat. Selbst die
Bekanntschaft des Autors mit den ersten musikalischen No
tabilitäten seiner Zeit kommt nicht immer dem Leser
zu statten, wenn Jener nichts Neues oder Charak
teristisches von ihnen mittheilt. Für ein Tagebuch
oder einen Familienbrief reicht es hin, zu notiren: „Mit
Cherubini, Boïeldieu, Auber, Herold, Paër etc. in der
Soirée bei Z. gewesen“ — der Leser jedoch, der nicht mit
dort war, profitirt wenig davon, und wenn es sich zwan
zigmal wiederholte. Einiges Kürzen und Zusammenziehen
des Materiales würde der Wirkung und Aufnahme des
Buches nur genützt haben. Ausführlichere, mitunter recht
interessante Mittheilungen und Urtheile bringt Moscheles
über die Pianisten Kalkbrenner und J. Cramer,
dann über Felix Mendelssohn, mit welchem ihn die
innigste Freundschaft verband. Die neidlose, begeisterte An
erkennung, mit welcher Moscheles von den Compositionen
und dem Spiele seines jüngeren Freundes spricht, muß
Jedermann für Moscheles’ liebenswürdigen, lauteren Charak
ter einnehmen. In London hatte Moscheles so enthusiastische
Aufnahme gefunden, daß er sich 1821 dort niederließ. Er
klärter Liebling der Engländer, war Moscheles bald der ge
suchteste Lehrer der Aristokratie, der gefeiertste Pianist in
London geworden, man ernannte ihn zum Professor an der
königlichen Musik-Akademie, zum Mitdirector der Philhar
monischen Concerte etc. Um die Verbreitung classischer
Musik, namentlich Beethoven’s, in London (außerdem auch
in Schottland und Irland) hat Moscheles sich vielfach ver
dient gemacht. Er wagte es zuerst, Beethoven’s Phantasie
mit Chor, Op. 80, in London öffentlich zu spielen (1822),
unabgeschreckt durch tausend Schwierigkeiten und das voraus
zusehende Fiasco beim Publicum. Ein unwissender Kritiker
warf ihm sogar vor, Moscheles habe die Chöre selbst hin
zugesetzt und dadurch die „ungenießbare“ Länge der Compo
sition verschuldet! Auch Beethoven’s „Missa solennis“ ward
in London zum erstenmal (1832) unter Moscheles’ Direction
aufgeführt. Wer übrigens die Eigenthümlichkeiten des eng
lischen Musicirens kennt, wird es begreifen, daß Moscheles
als die „Lichtseiten“ seiner Londoner Thätigkeit „die gute
Bezahlung und das Carrièremachen“ bezeichnet. „Ich muß
zu viel seichte Musik machen und hören“, klagt er. Im
Jahre 1823 kehrte Moscheles zum erstenmale wieder
nach Deutschland zurück. Vor dem sächsischen Hofe spielte
er in Pillnitz während der Tafel, worauf ihm
eine goldene Dose und Ein Thaler überreicht wurden. Einem
verjährten Gebrauch zufolge sollte der Künstler sich dafür
Handschuhe kaufen. „Paßt zum Vandalismus des Tafel
concerts!“ bemerkt Moscheles. In Berlin kommt er ins
Mendelssohn’sche Haus und wird nicht müde, es in seinem
Tagebuch zu preisen. „Das ist eine Familie, wie ich noch
keine gekannt habe; der 15jährige Felix, eine Erscheinung,
wie es keine mehr gibt! Was sind alle Wunderkinder neben
ihm? Sie sind eben Wunderkinder und sonst nichts;
dieser Felix Mendelssohn ist schon ein reifer Künstler und
dabei erst 15 Jahre alt!“ Die Eltern bitten Moscheles wie
derholt um einige Lectionen für Felix, worauf er aber stets
in bescheidenster Weise ausweichend antwortet. Ins Tagebuch
schreibt er: „Der hat keine Lectionen nöthig! Will er mir
etwas abmerken, was ihm neu ist, so kann er’s leicht.“
Immer enger schließt sich Moscheles an die Mendelssohn’sche
Familie; das Freundschaftsbündniß mit Felix wurde später
hin von nachhaltiger künstlerischer Bedeutung, indem Men
delssohn es war, welcher nach Gründung des Leipziger Con
servatoriums Moscheles bewog, nach Leipzig zu übersiedeln
und die erste Professur des Clavierspiels an dieser Anstalt
zu übernehmen. Für das Gedeihen des Leipziger Conser
vatoriums war dieser Gewinn um so größer, als schon im
folgenden Jahre (1847) der Tod Mendelssohn wegraffte.
Da war es vornehmlich Moscheles’ berühmter Name,
welcher nach wie vor eine große Anzahl Schüler, nament
lich aus England und Amerika, an das Leipziger Conser
vatorium zog.
Bei Gelegenheit eines Concertes, das er 1825 in Ham
burg gab, lernte Moscheles ein junges, geistvolles Mädchen,
Charlotte Embden, kennen, die Tochter eines dortigen
Bankiers. Wenige Tage nach ihrer ersten Bekanntschaft verlobte
er sich mit ihr, vier Wochen später feierten sie ihre Hochzeit.
Moscheles verdankte ihr das reinste häusliche Glück während
einer durch volle 45 Jahre ungetrübt bestandenen Muster-Ehe.
Ihren ersten Knaben, Felix, hob Mendelssohn aus der Taufe.
Eine schöne, aber leider kurze Freude brachte der Besuch Carl
Maria Weber’s in Moscheles’ Haus. Weber war bekannt
lich im Vorfrühling 1826 nach London gekommen, um seinen
„Oberon“ dort zur ersten Aufführung zu bringen. Am
13. März ist Weber Tischgast bei Moscheles. „Welche
Freude!“ schreibt Letzterer. „Aber auch da ward unser Mit
leid aufs innigste angeregt! Denn sprachlos trat er in un
ser Wohnzimmer: die eine kleine Treppe, die dahin führte,
hatte ihm den Athem gänzlich benommen; er sank in einen
der Thür nahestehenden Stuhl, erholte sich aber bald und
war dann der liebenswürdigste, geistreichste Gesellschafter.“
Die Anstrengungen und Aufregungen dieser Londoner Musik
saison gaben Weber’s sehr angegriffener Gesundheit den letz
ten Stoß. Am 4. Juni schrieb Moscheles in sein Tagebuch:
„Als ich Weber heute, Sonntag, besuchte, sprach er zwar zu
versichtlich von seiner Abreise nach Deutschland, aber der ent
setzliche Krampfhusten, der in kurzen Intervallen wiederkehrte
und eine gänzliche Entkräftung zurückließ, spannte unsere
Angst aufs höchste, und als er mühsam hervorbrachte, er
reise in zwei Tagen, ich möge ihm nur Briefe mitgeben, er
hoffe mich morgen wiederzusehen, wurde mir weh ums Herz,
obwol ich nicht vermuthete, daß ich ihn zum letztenmale unter
den Lebendigen erblickte.“ Am folgenden Morgen fand man
Weber todt in seinem Bette. Moscheles, aufs schmerzlichste
ergriffen von diesem Verlust, zeigte sich rastlos thätig We
ber’s Angelegenheiten in Ordnung zu bringen; gemeinschaft
lich mit George Smart und dem Flötisten Fürstmann ver
siegelte er Weber’s Papiere, machte ein Verzeichniß aller hin
terlassenen Effecten und bildete ein Comité zur Besorgung
der Leichenfeier.
Moscheles hat sich auch gegen Beethoven in dessen
letzter Krankheit als werkthätiger, liebevoller Freund bewährt.
Es ist und bleibt ein peinliches Blatt in Beethoven’s Lebens-
und Leidensgeschichte, daß er sich (durch Moscheles) an die
Engländer um eine Geldunterstützung wendete. In Mo
scheles’ Biographie finden wir nebst der ganzen Correspon
denz eine ausführliche Erzählung dieser Angelegenheit, welche
der Hauptsache nach bekannt, aber von den meisten Biogra
phen in einem schiefen, gehässigen Lichte dargestellt ist. Ge
hässig entweder gegen Beethoven oder gegen die Wiener.
So unerfreulich es auch sei, daß Beethoven mit gänzlicher
Uebergehung Deutschlands und speciell Wiens sich um eine
Unterstützung direct an das Ausland wendete, so wenig darf
man sich im Urtheile darüber reinen menschlichen Erwägun
gen verschließen und über den deutschen Künstler den verein
samten, ängstlichen, schwer kranken Menschen vergessen. „Schon
vor einigen Jahren,“ schreibt Beethoven am 22. Februar
1827 an Moscheles, „hat mir die Philharmonische Gesell
schaft in London die schöne Offerte gemacht, zu meinem
Besten eine Akademie zu veranstalten. Damals war ich gott
lob nicht in der Lage, von diesem edlen Antrage Gebrauch
machen zu müssen. Ganz anders ist es aber jetzt, wo ich
schon bald drei Monate an einer äußerst langwierigen Krank
heit daniederliege. Ans Schreiben ist jetzt lange nicht zu
denken, und so könnte ich leider in die Lage versetzt werden,
Mangel leiden zu müssen. Sie haben nicht nur ausgebrei
tete Bekanntschaften in London, sondern auch bedeutenden
Einfluß bei der Philharmonischen Gesellschaft. Ich bitte
Sie daher, diesen, so viel es Ihnen möglich, anzuwenden,
daß die Philharmonische Gesellschaft jetzt von neuem diesen
edlen Entschluß fassen und bald in Ausführung bringen
möge.“ Jene ihm bereits früher freiwillig gemachte „schöne
Offerte“ der Philharmonic Society in London war somit
der natürlichste Anlaß und in Verbindung mit Moscheles’
erprobter Freundschaft die bequemste Handhabe für Beetho
ven, sich schnell und ohne viel Aufsehen eine Aushilfe zu
verschaffen, für welche er sich in gesünderen Tagen durch die
Ueberlassung einer neuen Symphonie dankbar zu erweisen
versprach. Moscheles trat sogleich mit den Directoren der
Philharmonischen Gesellschaft in Berathung, und da die Vor
bereitungen zu einer großen Akademie Monate gebraucht
haben würden, schickte man (gleichsam a conto dieser zu
gebenden Akademie) sofort hundert Pfund Sterling an
Beethoven. Ohne das Verdienst dieser That im mindesten
schmälern zu wollen, darf man doch behaupten, daß sie in
Wien ebenso rasch und ebenso ausgiebig gethan worden wäre,
hätte man hier Beethoven’s Wunsch gekannt. Es ist geradezu
lächerlich, zu glauben, daß eine Stadt, in welcher einige
Männer der Aristokratie für Beethoven eine lebenslängliche
Pension von jährlich 4000 fl. ausgesetzt hatten, ohne die
mindeste Gegenverpflichtung, blos um den Meister in Oester
reich zu behalten — daß eine solche Stadt nicht 1000 fl.
mit Freuden dargebracht hätte, wäre Beethoven’s Brief,
statt an Moscheles, an eine Wiener Notabilität gerichtet ge
wesen. Das unsäglich Traurige dieser Begebenheit liegt
darin, daß Beethoven’s kummervolle Lage, seine Krankheit und
Besorgniß bevorstehenden Mangels in Wien so wenig be
kannt waren. Moscheles selbst, der doch durch Schindler’s
Briefe sehr zu Ungunsten der Wiener eingenommen sein
mußte, schrieb auf den Rand eines dieser Briefe: „Ich
habe jedoch viele Beweise, welche Theilnahme Beethoven’s
gefahrvoller Zustand damals in Wien erregt hat, und daß
viele seiner Verehrer ihm mit Trost und Hilfe entgegen
geeilt wären, wenn seine Zurückgezogenheit den Zutritt zu
ihm oder seiner nächsten Umgebung nicht zu sehr erschwert
hätte.“ Beethoven selbst hatte durch sein mißtrauisches, hef
tiges Wesen fast alle seine Freunde verscheucht. „Sein Eigen
sinn,“ schreibt Schindler an Moscheles, „ist noch immer
entsetzlich und wirkt vorzüglich auf mich sehr hart, indem
er durchaus Niemanden um sich leiden will, als mich.“
Schindler’s Mittheilungen an Moscheles machen weder den
Eindruck der Uneigennützigkeit, noch der Wahrheit. Wenn
er schreibt: „Die 1000 fl. werden (für die Krankheits- und
Begräbnißkosten) gerade ausreichen, ohne daß viel übrig
bleibt“, so erwies sich das Gegentheil als wahr, denn im
Nachlasse Beethoven’s fanden sich, nach Abschlag aller Kosten,
über 8000 fl. und außerdem die 1000 fl. von der Philhar
monischen Gesellschaft ganz unberührt. Schindler’s Aus
spruch: „Die Philharmonische Gesellschaft hat die Ehre, die
sen großen Mann von ihrem Gelde beerdigt zu haben“, ist
gleichfalls eine Lüge. Wenn Schindler, anstatt in Briefen
nach London über das Wiener „Canaillenvolk“ zu schimpfen,
auch nur Einen Schritt gethan hätte, Beethoven’s Freunde
in Wien von der Sachlage zu informiren, wie das seine
Pflicht war, so hätte der ganze traurige Zwischenfall mit
London erspart bleiben können. Die 1000 fl. der Philhar
monischen Gesellschaft erbte sammt dem übrigen Nachlasse
Beethoven’s Neffe Karl, derselbe Unwürdige, um dessent
willen der Meister unablässig gespart, gesorgt und sich ab
gehärmt hatte.
Die weiteren Jahresläufe von Moscheles’ Biographie
bringen noch viel Anziehendes und Bemerkenswerthes.
Darunter zählen wir besonders seinen Verkehr mit Walter
Scott, Henriette Sonntag und Paganini. Sehr hübsch ist
ein Abend bei Moscheles beschrieben, wo Henriette
Sonntag mit Walter Scott und Clementi zusam
mentraf und die beiden alten Herren der reizenden Sän
gerin ganz entzückt den Hof machten. Walter Scott be
schrieb ihr jede Falte des schottischen Costüms, wie sie es in
der „Donna del Lago“ tragen müsse, und Clementi erhob
sich plötzlich mit den Worten: „Heute Abends möchte ich
auch spielen!“ Das gab allgemeinen Jubel. „Er phantasierte
mit Jugendfrische,“ schreibt Moscheles, „und schon der Um
stand, daß er sich sonst nie hören ließ, gab seinem Spiele
großen Reiz. Nun hätte ihr sehen sollen, wie die beiden
Greise, Scott und Clementi, sich über einander freuten, sich
die Hände gaben, trotz beiderseitiger Sonntag-Bewunde
rung gar nicht eifersüchtig auf einander waren, sondern der
große Mann dem großen Manne Anerkennung zollte.“ Auch
Heinrich Heine kam in London gern und häufig in Mo
scheles’ Haus, meist ungebeten, zu Tische. Frau Moscheles
verschaffte ihm zu allen Privat-Galerien, Parks, öffentlichen
Gebäuden die Einlaßkarten, bat sich aber dafür aus, daß
Heine in seinem Buche über EnglandMoscheles nicht
nenne. Auf sein Erstaunen erklärte sie weiter: „Moscheles’
Specialität ist die Musik, die interessirt Sie vielleicht, aber
Sie haben doch kein besonderes Verständniß dafür, können
also nicht eingehend darüber schreiben. Hingegen könnten
Sie leicht irgend einen Anhalt für Ihre genialisch-satyrische
Ader an ihm finden und den bearbeiten, das möchte ich
nicht.“ Heine gab ihr lachend seine Hand darauf. Ein hüb
scher, echt weiblicher Zug. Moscheles’ Biographie wird je
weiter desto reichhaltiger und lebendiger. Wir haben allen
Grund, dem zweiten Bande mit Vergnügen entgegenzu
sehen, und werden nicht unterlassen, seinerzeit unseren Le
sern davon zu erzählen.