Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2844. Wien, Freitag, den 26. Juli 1872 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2844. Wien, Freitag, den 26. Juli 1872 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Wien 26.07.1872
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Zwei Tonkünstler-Biographien. I. Ignaz Moscheles.

Ed. H. Es sind wenige Jahre her, daß Deutschland zwei gefeierte Tonkünstler verloren hat: den Balladen- Componisten Dr. Karl Loewe und den Clavier-Virtuosen Ignaz Moscheles. Von beiden in hohem Alter ver storbenen Tondichtern sind kürzlich Selbstbiographien er schienen, welche nicht blos für ihre speciellen Verehrer, son dern für jeden Liebhaber der Musikgeschichte unleugbares Interesse haben. Beiden Künstlern lauschte ehedem ein ent zückter Kreis von Hörern, wo immer sie erscheinen mochten; man darf hoffen, daß auch ein ansehnlicher Leserkreis den Erzählungen beider Meister theilnehmend folgen werde. Grundverschieden in der Art ihres Talentes, ihres Bildungs ganges, ihrer Lebensweise, erscheinen doch beide Compo nisten gleichmäßig berufen, Bedeutendes und Anziehendes aus ihrem langen Erdenwallen zu erzählen. Loewe ist durch eine classische Schulbildung hindurchgegangen, er war Theologe und Gymnasiallehrer, bevor er Musikdirector würde; Geist und Bildung befähigten ihn, seine Kunst auch reflectirend zu durchdringen und das Resultat dieses Denkens in gewählter Form mitzutheilen. Moscheles hingegen, der schon in zartem Knabenalter seine Bestimmung zum Virtuosen verrieth und eine rein musikalische Erziehung er hielt, konnte der gelehrten Bildung Loewe’s eine große Welt erfahrung und reichste Kenntniß von Ländern und Menschen entgegensetzen. Sein Leben wie seine Kunst war äußerlich glänzender und bewegter; fast immer auf Reisen, war Moscheles auch wieder überall zu Hause, während Loewe, in enge Verhältnisse eingesponnen, nur die Ferienzeit zu kleinen künstlerischen Ausflügen benützen konnte.

Als ich vor 15 Jahren Moscheles in Leipzig besuchte, überraschte mich die Lebhaftigkeit und Frische, mit welcher der alte Herr von seinen englischen und französischen Con

certreisen, von seinen alten Wiener Erinnerungen sprach. Der Ausruf: „Sie sollten doch Memoiren schreiben!“ drängte sich mir unwillkürlich auf die Lippen. „Ich selbst nicht mehr,“ erwiderte damals Moscheles, „aber ein Anderer wird nach meinem Tode wol etwas zusammenstellen können aus den Tagebüchern, die ich mit größter Regelmäßigkeit seit dem Anfange meiner Künstlerlaufbahn bis auf den heutigen Tag führe.“ MoschelesGattin fügte mit einer feinen Be merkung zustimmend hinzu, es liege auch in den Briefen ihres Mannes an sie ein Schatz musikalischer Erinnerungen bewahrt. Diese würdige Frau, durch Herzensgüte, Bildung und feinste Sitte eine Zierde ihres Geschlechtes, war damals schon von Moscheles zur Ausführung seines literarischen Ver mächtnisses bestimmt. Es war stets Moscheles’ Wunsch, daß die Kunsterfahrungen seiner beinahe sechzigjährigen Laufbahn nach seinem Tode veröffentlicht würden, und zwar durch seine Frau. Sie übernahm denn auch diese schwierige Ar beit. „Andere,“ sagt sie im Vorwort, „hätten sie wol besser gemacht, Niemand mit so viel Liebe.“ Das Buch ist so zusam mengestellt, daß theils Tagebuchnotizen und Briefe von Moscheles, theils die Herausgeberin selbst das Wort führen. Der soeben erschienene erste Band Aus Moscheles’ Leben.“ Nach Briefen und Tage büchern herausgegeben von seiner Frau. Erste Band. 1872. Leipzig, bei Duncker und Humbolt. reicht von MoschelesKindheit bis zum Jahre 1855. Wir erfahren aus dem ersten Abschnitte, daß Moscheles (geboren 1794 als Sohn eines kleinen jüdischen Kaufmannes in Prag) schon sehr früh Pro ben eines ungewöhnlichen musikalischen Talentes ablegte, anfangs von Dionys Weber unterrichtet, dann als vier zehnjähriger Knabe zur weiteren Ausbildung nach Wien ge schickt wurde. Er studirte einige Monate bei Albrechts berger, welcher damals unter den musikalischen Theoreti kern eine analoge Stellung einnahm, wie Haydn unter den Componisten, d. h. den unbestritten ersten Rang in Europa. Dann wurde er Schüler Salieri’s, auch durch drei Jahre lang dessen Adjunct im Hofoperntheater. Diese

bescheidene Anstellung, welche den jungen Mann schnell in einem wichtigen Theile der musikalischen Praxis heimisch machte, hatte für ihn außerdem noch denselben Vortheil, wie die Schulgehilfenstelle für Franz Schubert: sie befreite von der Militär-Conscription. Die glänzende, anregende Zeit dieses ersten Wiener Aufenthaltes brachte dem jungen Mo scheles als besonders werthvolles Geschenk auch den persön lichen Verkehr mit Beethoven, für welchen er den Clavier auszug aus der Oper „Fidelio“ bearbeitete. Sein Talent entfaltete sich so rasch und glänzend, daß der junge Virtuos bald zu den Lieblingen des Wiener Publicums gehörte. Nur zwischen Moscheles und Hummel konnte die Palme streitig sein. Während Hummel, unerreichbar im Legato, „Sammt unter den Fingern gehabt, von dem seine laufen den Passagen sich gleich Perlenschnüren abrollten“, wirkte Moscheles hinreißend durch übersprudelnde Bravour und jugendlichen Enthusiasmus. Eines Morgens im Jahre 1815 ließ die Stiftsdame Gräfin HardeggMoscheles zu sich bitten, um ihn zur Mitwirkung in einem Wohlthätigkeits- Concert zu ersuchen. Er bedauerte, keine neuen Composi tionen zu haben. Da wurde ausgemacht, Moscheles sollte Variationen über den Marsch schreiben, welchen (zur Con greßzeit) das dem Kaiser Alexander von Rußland zugewiesene Regiment spielte. Es waren dieselben so berühmt gewor denen „Alexandermarsch-Variationen“, von denen es lange Zeit hieß, nur Moscheles könne sie spielen, und welche in Wien wie auf allen Kunstreisen seinen Erfolgen die Krone aufsetzten. Im Jahre 1816 unternimmt Moscheles seine erste Kunstreise durch Deutschland, 1820 besucht er Holland, Frankreich und England mit außerordentlichem Succeß. Die Tagebuchblätter über diese Concertreisen zeigen nun aller dings, daß gar Vieles, was für den Gefeierten selbst und seine Angehörigen von großem Interesse ist, nicht die gleiche Wichtigkeit für den Leser hat. Letzterer wird leicht unge duldig, immer und immer wieder unter dem verschiedensten Datum zu lesen: „Meine Alexander-Variationen gespielt. Mein Es-dur-Concert gespielt. Der Saal ganz gefüllt, der

Beifall wollte nicht enden. Die Herzogin X. schickte mir eine goldene Dose. Der Kronprinz Y. machte mir dieses oder jenes Compliment u. s. w.“ Auch auf die Aufzählung aller Merkwürdigkeiten, welche Moscheles in Paris und London besichtigt, würden wir gern verzichten, da doch jeder Reisende dieselben Dinge dort angesehen hat. Selbst die Bekanntschaft des Autors mit den ersten musikalischen No tabilitäten seiner Zeit kommt nicht immer dem Leser zu statten, wenn Jener nichts Neues oder Charak teristisches von ihnen mittheilt. Für ein Tagebuch oder einen Familienbrief reicht es hin, zu notiren: „Mit Cherubini, Boïeldieu, Auber, Herold, Paër etc. in der Soirée bei Z. gewesen“ — der Leser jedoch, der nicht mit dort war, profitirt wenig davon, und wenn es sich zwan zigmal wiederholte. Einiges Kürzen und Zusammenziehen des Materiales würde der Wirkung und Aufnahme des Buches nur genützt haben. Ausführlichere, mitunter recht interessante Mittheilungen und Urtheile bringt Moscheles über die Pianisten Kalkbrenner und J. Cramer, dann über Felix Mendelssohn, mit welchem ihn die innigste Freundschaft verband. Die neidlose, begeisterte An erkennung, mit welcher Moscheles von den Compositionen und dem Spiele seines jüngeren Freundes spricht, muß Jedermann für Moscheles’ liebenswürdigen, lauteren Charak ter einnehmen. In London hatte Moscheles so enthusiastische Aufnahme gefunden, daß er sich 1821 dort niederließ. Er klärter Liebling der Engländer, war Moscheles bald der ge suchteste Lehrer der Aristokratie, der gefeiertste Pianist in London geworden, man ernannte ihn zum Professor an der königlichen Musik-Akademie, zum Mitdirector der Philhar monischen Concerte etc. Um die Verbreitung classischer Musik, namentlich Beethoven’s, in London (außerdem auch in Schottland und Irland) hat Moscheles sich vielfach ver dient gemacht. Er wagte es zuerst, Beethoven’s Phantasie mit Chor, Op. 80, in London öffentlich zu spielen (1822), unabgeschreckt durch tausend Schwierigkeiten und das voraus zusehende Fiasco beim Publicum. Ein unwissender Kritiker

warf ihm sogar vor, Moscheles habe die Chöre selbst hin zugesetzt und dadurch die „ungenießbare“ Länge der Compo sition verschuldet! Auch Beethoven’s „Missa solennis“ ward in London zum erstenmal (1832) unter Moscheles’ Direction aufgeführt. Wer übrigens die Eigenthümlichkeiten des eng lischen Musicirens kennt, wird es begreifen, daß Moscheles als die „Lichtseiten“ seiner Londoner Thätigkeit „die gute Bezahlung und das Carrièremachen“ bezeichnet. „Ich muß zu viel seichte Musik machen und hören“, klagt er. Im Jahre 1823 kehrte Moscheles zum erstenmale wieder nach Deutschland zurück. Vor dem sächsischen Hofe spielte er in Pillnitz während der Tafel, worauf ihm eine goldene Dose und Ein Thaler überreicht wurden. Einem verjährten Gebrauch zufolge sollte der Künstler sich dafür Handschuhe kaufen. „Paßt zum Vandalismus des Tafel concerts!“ bemerkt Moscheles. In Berlin kommt er ins Mendelssohn’sche Haus und wird nicht müde, es in seinem Tagebuch zu preisen. „Das ist eine Familie, wie ich noch keine gekannt habe; der 15jährige Felix, eine Erscheinung, wie es keine mehr gibt! Was sind alle Wunderkinder neben ihm? Sie sind eben Wunderkinder und sonst nichts; dieser Felix Mendelssohn ist schon ein reifer Künstler und dabei erst 15 Jahre alt!“ Die Eltern bitten Moscheles wie derholt um einige Lectionen für Felix, worauf er aber stets in bescheidenster Weise ausweichend antwortet. Ins Tagebuch schreibt er: „Der hat keine Lectionen nöthig! Will er mir etwas abmerken, was ihm neu ist, so kann er’s leicht.“ Immer enger schließt sich Moscheles an die Mendelssohn’sche Familie; das Freundschaftsbündniß mit Felix wurde später hin von nachhaltiger künstlerischer Bedeutung, indem Men delssohn es war, welcher nach Gründung des Leipziger Con servatoriums Moscheles bewog, nach Leipzig zu übersiedeln und die erste Professur des Clavierspiels an dieser Anstalt zu übernehmen. Für das Gedeihen des Leipziger Conser vatoriums war dieser Gewinn um so größer, als schon im folgenden Jahre (1847) der Tod Mendelssohn wegraffte. Da war es vornehmlich Moscheles berühmter Name,

welcher nach wie vor eine große Anzahl Schüler, nament lich aus England und Amerika, an das Leipziger Conser vatorium zog.

Bei Gelegenheit eines Concertes, das er 1825 in Ham burg gab, lernte Moscheles ein junges, geistvolles Mädchen, Charlotte Embden, kennen, die Tochter eines dortigen Bankiers. Wenige Tage nach ihrer ersten Bekanntschaft verlobte er sich mit ihr, vier Wochen später feierten sie ihre Hochzeit. Moscheles verdankte ihr das reinste häusliche Glück während einer durch volle 45 Jahre ungetrübt bestandenen Muster-Ehe. Ihren ersten Knaben, Felix, hob Mendelssohn aus der Taufe. Eine schöne, aber leider kurze Freude brachte der Besuch Carl Maria Weber’s in Moscheles’ Haus. Weber war bekannt lich im Vorfrühling 1826 nach London gekommen, um seinen Oberon“ dort zur ersten Aufführung zu bringen. Am 13. März ist Weber Tischgast bei Moscheles. „Welche Freude!“ schreibt Letzterer. „Aber auch da ward unser Mit leid aufs innigste angeregt! Denn sprachlos trat er in un ser Wohnzimmer: die eine kleine Treppe, die dahin führte, hatte ihm den Athem gänzlich benommen; er sank in einen der Thür nahestehenden Stuhl, erholte sich aber bald und war dann der liebenswürdigste, geistreichste Gesellschafter.“ Die Anstrengungen und Aufregungen dieser Londoner Musik saison gaben Weber’s sehr angegriffener Gesundheit den letz ten Stoß. Am 4. Juni schrieb Moscheles in sein Tagebuch: „Als ich Weber heute, Sonntag, besuchte, sprach er zwar zu versichtlich von seiner Abreise nach Deutschland, aber der ent setzliche Krampfhusten, der in kurzen Intervallen wiederkehrte und eine gänzliche Entkräftung zurückließ, spannte unsere Angst aufs höchste, und als er mühsam hervorbrachte, er reise in zwei Tagen, ich möge ihm nur Briefe mitgeben, er hoffe mich morgen wiederzusehen, wurde mir weh ums Herz, obwol ich nicht vermuthete, daß ich ihn zum letztenmale unter den Lebendigen erblickte.“ Am folgenden Morgen fand man Weber todt in seinem Bette. Moscheles, aufs schmerzlichste ergriffen von diesem Verlust, zeigte sich rastlos thätig We ber’s Angelegenheiten in Ordnung zu bringen; gemeinschaft

lich mit George Smart und dem Flötisten Fürstmann ver siegelte er Weber’s Papiere, machte ein Verzeichniß aller hin terlassenen Effecten und bildete ein Comité zur Besorgung der Leichenfeier.

Moscheles hat sich auch gegen Beethoven in dessen letzter Krankheit als werkthätiger, liebevoller Freund bewährt. Es ist und bleibt ein peinliches Blatt in Beethoven’s Lebens- und Leidensgeschichte, daß er sich (durch Moscheles) an die Engländer um eine Geldunterstützung wendete. In Mo schelesBiographie finden wir nebst der ganzen Correspon denz eine ausführliche Erzählung dieser Angelegenheit, welche der Hauptsache nach bekannt, aber von den meisten Biogra phen in einem schiefen, gehässigen Lichte dargestellt ist. Ge hässig entweder gegen Beethoven oder gegen die Wiener. So unerfreulich es auch sei, daß Beethoven mit gänzlicher Uebergehung Deutschlands und speciell Wiens sich um eine Unterstützung direct an das Ausland wendete, so wenig darf man sich im Urtheile darüber reinen menschlichen Erwägun gen verschließen und über den deutschen Künstler den verein samten, ängstlichen, schwer kranken Menschen vergessen. „Schon vor einigen Jahren,“ schreibt Beethoven am 22. Februar 1827 an Moscheles, „hat mir die Philharmonische Gesell schaft in London die schöne Offerte gemacht, zu meinem Besten eine Akademie zu veranstalten. Damals war ich gott lob nicht in der Lage, von diesem edlen Antrage Gebrauch machen zu müssen. Ganz anders ist es aber jetzt, wo ich schon bald drei Monate an einer äußerst langwierigen Krank heit daniederliege. Ans Schreiben ist jetzt lange nicht zu denken, und so könnte ich leider in die Lage versetzt werden, Mangel leiden zu müssen. Sie haben nicht nur ausgebrei tete Bekanntschaften in London, sondern auch bedeutenden Einfluß bei der Philharmonischen Gesellschaft. Ich bitte Sie daher, diesen, so viel es Ihnen möglich, anzuwenden, daß die Philharmonische Gesellschaft jetzt von neuem diesen edlen Entschluß fassen und bald in Ausführung bringen möge.“ Jene ihm bereits früher freiwillig gemachte „schöne Offerte“ der Philharmonic Society in London war somit

der natürlichste Anlaß und in Verbindung mit Moscheleserprobter Freundschaft die bequemste Handhabe für Beetho ven, sich schnell und ohne viel Aufsehen eine Aushilfe zu verschaffen, für welche er sich in gesünderen Tagen durch die Ueberlassung einer neuen Symphonie dankbar zu erweisen versprach. Moscheles trat sogleich mit den Directoren der Philharmonischen Gesellschaft in Berathung, und da die Vor bereitungen zu einer großen Akademie Monate gebraucht haben würden, schickte man (gleichsam a conto dieser zu gebenden Akademie) sofort hundert Pfund Sterling an Beethoven. Ohne das Verdienst dieser That im mindesten schmälern zu wollen, darf man doch behaupten, daß sie in Wien ebenso rasch und ebenso ausgiebig gethan worden wäre, hätte man hier Beethoven’s Wunsch gekannt. Es ist geradezu lächerlich, zu glauben, daß eine Stadt, in welcher einige Männer der Aristokratie für Beethoven eine lebenslängliche Pension von jährlich 4000 fl. ausgesetzt hatten, ohne die mindeste Gegenverpflichtung, blos um den Meister in Oester reich zu behalten — daß eine solche Stadt nicht 1000 fl. mit Freuden dargebracht hätte, wäre Beethoven’s Brief, statt an Moscheles, an eine Wiener Notabilität gerichtet ge wesen. Das unsäglich Traurige dieser Begebenheit liegt darin, daß Beethoven’s kummervolle Lage, seine Krankheit und Besorgniß bevorstehenden Mangels in Wien so wenig be kannt waren. Moscheles selbst, der doch durch Schindler’s Briefe sehr zu Ungunsten der Wiener eingenommen sein mußte, schrieb auf den Rand eines dieser Briefe: „Ich habe jedoch viele Beweise, welche Theilnahme Beethoven’s gefahrvoller Zustand damals in Wien erregt hat, und daß viele seiner Verehrer ihm mit Trost und Hilfe entgegen geeilt wären, wenn seine Zurückgezogenheit den Zutritt zu ihm oder seiner nächsten Umgebung nicht zu sehr erschwert hätte.“ Beethoven selbst hatte durch sein mißtrauisches, hef tiges Wesen fast alle seine Freunde verscheucht. „Sein Eigen sinn,“ schreibt Schindler an Moscheles, „ist noch immer entsetzlich und wirkt vorzüglich auf mich sehr hart, indem er durchaus Niemanden um sich leiden will, als mich.“

Schindler’s Mittheilungen an Moscheles machen weder den Eindruck der Uneigennützigkeit, noch der Wahrheit. Wenn er schreibt: „Die 1000 fl. werden (für die Krankheits- und Begräbnißkosten) gerade ausreichen, ohne daß viel übrig bleibt“, so erwies sich das Gegentheil als wahr, denn im Nachlasse Beethoven’s fanden sich, nach Abschlag aller Kosten, über 8000 fl. und außerdem die 1000 fl. von der Philhar monischen Gesellschaft ganz unberührt. Schindler’s Aus spruch: „Die Philharmonische Gesellschaft hat die Ehre, die sen großen Mann von ihrem Gelde beerdigt zu haben“, ist gleichfalls eine Lüge. Wenn Schindler, anstatt in Briefen nach London über das Wiener „Canaillenvolk“ zu schimpfen, auch nur Einen Schritt gethan hätte, Beethoven’s Freunde in Wien von der Sachlage zu informiren, wie das seine Pflicht war, so hätte der ganze traurige Zwischenfall mit London erspart bleiben können. Die 1000 fl. der Philhar monischen Gesellschaft erbte sammt dem übrigen Nachlasse Beethoven’s Neffe Karl, derselbe Unwürdige, um dessent willen der Meister unablässig gespart, gesorgt und sich ab gehärmt hatte.

Die weiteren Jahresläufe von MoschelesBiographie bringen noch viel Anziehendes und Bemerkenswerthes. Darunter zählen wir besonders seinen Verkehr mit Walter Scott, Henriette Sonntag und Paganini. Sehr hübsch ist ein Abend bei Moscheles beschrieben, wo Henriette Sonntag mit Walter Scott und Clementi zusam mentraf und die beiden alten Herren der reizenden Sän gerin ganz entzückt den Hof machten. Walter Scott be schrieb ihr jede Falte des schottischen Costüms, wie sie es in der „Donna del Lago“ tragen müsse, und Clementi erhob sich plötzlich mit den Worten: „Heute Abends möchte ich auch spielen!“ Das gab allgemeinen Jubel. „Er phantasierte mit Jugendfrische,“ schreibt Moscheles, „und schon der Um stand, daß er sich sonst nie hören ließ, gab seinem Spiele großen Reiz. Nun hätte ihr sehen sollen, wie die beiden Greise, Scott und Clementi, sich über einander freuten, sich die Hände gaben, trotz beiderseitiger Sonntag-Bewunde

rung gar nicht eifersüchtig auf einander waren, sondern der große Mann dem großen Manne Anerkennung zollte.“ Auch Heinrich Heine kam in London gern und häufig in Mo scheles’ Haus, meist ungebeten, zu Tische. Frau Moscheles verschaffte ihm zu allen Privat-Galerien, Parks, öffentlichen Gebäuden die Einlaßkarten, bat sich aber dafür aus, daß Heine in seinem Buche über EnglandMoscheles nicht nenne. Auf sein Erstaunen erklärte sie weiter: „MoschelesSpecialität ist die Musik, die interessirt Sie vielleicht, aber Sie haben doch kein besonderes Verständniß dafür, können also nicht eingehend darüber schreiben. Hingegen könnten Sie leicht irgend einen Anhalt für Ihre genialisch-satyrische Ader an ihm finden und den bearbeiten, das möchte ich nicht.“ Heine gab ihr lachend seine Hand darauf. Ein hüb scher, echt weiblicher Zug. MoschelesBiographie wird je weiter desto reichhaltiger und lebendiger. Wir haben allen Grund, dem zweiten Bande mit Vergnügen entgegenzu sehen, und werden nicht unterlassen, seinerzeit unseren Le sern davon zu erzählen.