Deutsche und
italienische Oper.
Ed. H. Wie gewöhnlich begann der Monat August mit
Gastspielen. Zwei davon, auf eine längere Ausdehnung be
rechnet, sind auch schon wieder abgebrochen worden, ganz
plötzlich und unerwartet. Wir meinen das Gastspiel der
Frau Pauli-Markovits aus Pest im neuen Opern
hause und die Vorstellungen der italienischen Operngesell
schaft im Carltheater. Frau Markovits kennen wir als eine
graziöse Coloratur-Sängerin von bedeutender Technik und
geschmackvollem Vortrage. Als diese Künstlerin vor mehreren
Jahren hier gastirte, haben wir ihr Engagement am Hof
operntheater (für die Rollen der Liebhardt und Wildauer)
warm befürwortet. Ihr Erfolg war so zweifellos wie ihr
Talent. Aber ein Grund, der mit beiden nichts zu schaffen
hatte, bestimmte damals die Direction, sich die Pester Nach
tigall entschlüpfen zu lassen. „Jedes Licht hat seinen Schatten,
jede Frau hat ihren Gatten,“ heißt ein boshaftes Epigramm
von Bauernfeld. Nun tritt im Theaterleben manchmal der
erschwerende Umstand ein, daß das Licht ohne den Schatten
gar nicht engagirt werden will, besäße Letzterer auch nur
einen Schatten von Tenorstimme. Director Salvi fand
diese Bedingung zu kostspielig und meinte, ein Engagement
sei keine Hochzeitsreise. Wir haben allen Grund, diese Spar
samkeit zu beklagen; hätten wir heute eine Prinzessin im
„Robert der Teufel“ wie Frau Markovits, so dürfte sie
immerhin über den Raimbeaud ihren Schatten werfen.
Gegenwärtig ist das Ehepaar an die ungarische National-
Oper in Pest gebunden. Frau Markovits hat ihr Gastspiel
im Hofoperntheater vor wenigen Tagen als Margarethe
von Valois in den „Hugenotten“ eröffnet und — beschlossen.
Eine hartnäckige Heiserkeit zwingt sie zu längerer Schonung.
Hoffentlich sehen wir sie im Winter neu gestalt zurück
kehren.
Das zweite „unterbrochene Opferfest“ (für uns mehr
Opfer als Fest) fand an einem der heißesten Abende im
Carltheater statt. Eine italienische Operngesellschaft unter der
Direction der Herren Meynadier und Somigli eröff
nete ein Gastspiel mit der komischen Oper: „Le Educande
di Sorrento“ (die Schülerinnen von Sorrent). Trotz des
freundlichsten Beifalls gestaltete sich das Resultat des Abends
doch recht entmuthigend. Der Besuch war schwach am ersten,
noch schwächer am zweiten Abend, so daß wir ganz wohl
begreifen können, warum am dritten Tage das gesammte
Pensionat von Sorrent verschwunden war. Wir wissen nicht,
welche Art von Vereinbarung zwischen Director Jauner und
den Italienern bestand; ob nun Letztere auf eigene Rechnung
oder auf Theilung spielten, gewiß ist, daß es im ersten Falle
nichts zu gewinnen, im zweiten nichts zu theilen gab. So
blieb denn nichts Besseres übrig, als den Kampf mit der
Sommerhitze und der Theilnahmslosigkeit des Publicums
aufzugeben. Mit aufrichtigem Bedauern sahen wir die ita
lienischen Gäste sich vor leeren Bänken anstrengen; sie leiste
ten zwar nichts Hervorragendes, aber doch jedenfalls An
ständiges und Annehmbares. Zweierlei hatte uns von vornherein
zu ihren Gunsten eingenommen: einmal, daß ihr Repertoire
der Opera buffa angehörte, sodann, daß sie gleich mit einem
für Wien neuen Werke auftraten. Die komische Oper ist
nun einmal ohne Frage dasjenige Feld, welches italienische
Sänger und Componisten am glücklichsten cultiviren. Hier
entfalten sich die liebenswürdigen Seiten ihres National-
Charakters am freiesten und eigenthümlichsten, während ihre
musikalische Tragik doch nur einzelne schöne Momente er
hascht, selten ein Ganzes hinstellt, das von falschem Pathos
und trivialem Ausdrucke frei bliebe. Mit Ausnahme Bel
lini’s und Verdi’s, welche — nicht zu ihrem Vortheile —
jeder Spur von Humor entbehren, haben alle namhaften
Componisten Italiens auch die komische Oper gepflegt und
darin in der Regel ihr Bestes geleistet. Von Pergolese
an, dessen unverwelkliche „Serva Padrona“ alle seine tragi
schen Opern bereits um ein Jahrhundert überlebt hat, bis
auf Cimarosa und Paësiello, deren komische Musik
wir ernstlich hochschätzen, während ihre ernsten Opern uns
geradezu komisch erscheinen, und so weiter bis auf Rossini
und Donizetti — überall finden wir das Talent der
italienischen Meister am kräftigsten und wahrsten im heiteren
Styl. Rossini’s „Barbier“ ist vom Anfang bis zum Ende
unvergleichliche Buffo-Musik, aber man geht nicht zu weit,
wenn man auch den größten Theil in seinen tragischen Parti
turen Buffo-Musik nennt. Sogar in „Semiramis“ und
„Mosè“ (von „Tancred“ und dergleichen nicht zu reden) finden
sich zahlreiche Nummern, welche ganz im Styl der „Cene
rentola“ oder des „Barbiere“ geschrieben sind und mit ver
ändertem Texte in jeder Rossini’schen Opera buffa stehen könnten.
In neuester Zeit haben die Tondichter Italiens, Verdi
nacheifernd, sich immer mehr von dem komischen Genre ab
gewendet und das ernste bevorzugt. Gegen frühere Perioden
ist die Quantität der neuen komischen Opern in Italien
auffallend klein, und nicht weniger schlimm steht es um
deren Qualität. Sind doch Mittelmäßigkeiten wie Ricci’s
„Crispino“ und Pedrotti’s „Tutti in maschera“ das
Erfolgreichste, was die komische Oper Italiens seit dem
liebenswürdigen „Don Pasquale“, also seit fast dreißig
Jahren hervorgebracht hat!
Trotzdem athmet jeder Theaterbesucher auf, wenn er
einmal etwas Neues zu hören bekommt. Das gewöhnliche
Repertoire der italienischen Operngesellschaften ist so gründ
lich abgenützt, daß nur außergewöhnlich glänzende Talente,
wie die Patti oder Artôt, uns über dessen Monotonie hin
weghelfen können. In Wien, wo man dieses Repertoire so
oft hat von den besten Sängern durchsingen hören, wird
eine Truppe zweiten, dritten oder noch tieferen Ranges damit
nur leere Häuser machen. Das Strampfer-Theater, das doch
bald gefüllt ist, weiß davon zu erzählen. Wo die An
ziehungskraft großer Gesangskünstler fehlt, da sind neue
Opern der einzige Magnet, der noch vorgeschoben werden
kann. Und dies beherzigt zu haben, ist der zweite Vorzug,
welchen wir der Operngesellschaft von Meynadier und So
migli zuerkennen. Der hier total unbekannte Componist,
mit dessen Oper man begann, heißt Usiglio und ist ein
Triestiner. Die Oper selbst: „Le Educande di Sor
rento“, hat an mehreren italienischen Bühnen Erfolg ge
habt, ja förmliche Beliebtheit errungen. Mit Sängern von
eminentem Darstellungstalente und anziehender Persönlichkeit
mag diese Oper immerhin Effect machen, ihr eigner musi
kalischer Werth ist gering. In keiner Weise hervorragend,
bietet die Partitur weder Züge von genialer Eigenthümlich
keit, noch von technischer Meisterschaft. Unverholen folgt
der Componist den Fußstapfen Rossini’s und Donizetti’s,
dessen „Dulcamara“ das „Specificum“ für die komischen
Effecte liefert.
Daß auch Verdi seinen Kugelsegen darüber gesprochen,
versteht sich von selbst und verräth sich schon durch die häu
fige Verwendung des Flügelhorns und der kleinen Trommel.
Dennoch hat die Composition auch ihre guten Seiten. Zu
nächst freilich negative; aber auch das ist schon etwas. Haben
uns doch die neuesten Maëstri an so viel Rohheit und Tri
vialität gewöhnt, daß wir schon erkenntlich sind und halb
befriedigt, wenn in einer wälschen Novität das Allerschlimmste
vermieden und ein mäßiger Ideengehalt wenigstens in an
ständiger, natürlicher Haltung präsentirt wird. Dies ist der
Fall des Signor Usiglio. Seine Oper hält sich gleich
mäßig auf einem mittleren Niveau der Heiterkeit und fließt,
ohne widerliche Absprünge in den Styl der großen Oper,
recht glatt und anspruchslos dahin. Zu einem kräftig strö
menden Humor bringt sie es nirgends, verfällt aber auch
andererseits nicht in unpassende Sentimentalität oder ge
spreiztes Pathos. Die Formen sind knapp und sehr über
sichtlich, die Instrumentirung größtentheils discret, die Füh
rung der Singstimme desgleichen. Die leichte Ausführbarkeit
dieser Oper, welche weder Riesenlungen noch Virtuosenkünste
beansprucht, erklärt ohne Zweifel einen Theil ihrer Erfolge.
An munteren, gefällig im Ohr haftenden Einzelheiten fehlt
es nicht, wenn sie auch keineswegs dicht gesäet sind; wir
erinnern an das langsame B-dur-Quintett im zweiten Act
und an das Trinklied der Luigia: „Non sia mai“.
Die Aufführung der Oper war nicht schlecht, ihre Sig
natur: reizlose Anständigkeit. Reizlos bis an die Grenzen
des theatralisch Erlaubten war zuerst die Primadonna,
Signora Marinoni; ein spitzes, ausgesungenes Stimm
chen, das jedoch mit einer von guter Schule zeugenden Ge
läufigkeit verwendet ist. Stattlicher an Stimme und Person
präsentirte sich die Altistin, Signora Magi, in ihrer kleinen
Rolle als Instituts-Vorsteherin. Den Baßbuffo Fiora
vanti kennen wir vom Hofoperntheater her als sehr ge
wandten Routinier; für einen guten Komiker haben wir ihn
auch in seiner besten Zeit nicht halten können. Sein angeb
licher Humor ist nur eine wohlassortirte Hausapotheke von
allen gebräuchlichen Surrogaten der Komik. Sämmtliche
Lazzi der italienischen Buffos stehen ihm zu Gebote, aber es
fehlt die komische Ader, die sie von Innen heraus durchströmt
und zusammenhält. Da Fioravanti mit seinen bescheidenen
Stimm-Mitteln heute so ziemlich auf der Neige ist, zieht er
es vor, gesichterschneidend im Tacte zu sprechen, anstatt zu
singen. Nicht ohne behagliche Komik gab Signor
Guarducci den Pförtner des Pensionates. Unbe
deutend in seinen natürlichen und künstlerischen Qualitäten
ist der Tenorist Brogi; einen günstigen Eindruck machte die
weiche, angenehme Stimme des Baritons Bronzino.
Auf welcher Stufe dramatischer Auffassung diese Herren
stehen, möge man aus einem einzigen Zug entnehmen. Sie
haben zwei junge verliebte Freunde zu spielen, welche in
ein strengbewachtes Mädchen-Pensionat gelangen wollen und
zu diesem Zwecke sich unter der Maske von Prälaten dort
einführen. Die Maske ist getreu von dem Tonsurkäppchen
bis auf die violetten Handschuhe herab, dazu aber tragen
die Herren Brogi und Bronzino stattlich gewichste Schnurr
bärte! Natürlich wird dadurch die ohnehin unwahrscheinliche
Handlung zur baren Unmöglichkeit, zum Unsinn, denn zwei
junge Fante mit Schnurrbärten wird man in keinem Pen
sionat der Welt als Prälaten becomplimentiren, sondern
man wirft sie ohneweiters hinaus, und das Stück hat ein
Ende. Aber ein italienischer Tenorist opfert eher den Sinn
seiner Rolle und der ganzen Oper, als seinen Schnurrbart.
Ein italienischer nur? Ach nein, die meisten deutschen sind
darin nicht besser, obwol wir glauben wollen, daß sie im
ähnlichen Fall die theure Lippenzierde wenigstens „weg
schminken“ oder zu einem ehrwürdigen Vollbart verlängern
würden. Nichts unterscheidet schlagender den Opernsänger
vom Schauspieler in Bezug auf künstlerischen Ernst und
dramatisches Verständniß, als sein Verhalten zum Schnurr
bart. Während dieser es sich gar nicht beifallen läßt, sein
Gesicht durch einen Schnurrbart ein für allemal zu stereo
typiren, wehrt sich Jener darum mit Löwenmuth gegen den
gescheitesten und couragirtesten Director. Dem Schauspieler
liegt zumeist an seinem richtigen und charakteristischen Aus
sehen auf der Bühne, dem Opernsänger viel mehr an seiner
schmucken Erscheinung auf der Straße. Keinem ernsthaften
Schauspieler braucht man erst zu sagen, daß das Publicum
auch ein Recht auf sein Gesicht hat — einem Opernsänger
wird man das schwerlich einreden. Wir bekennen, daß die
Schnurrbärte der beiden Prälaten uns die ganze Handlung
der neuen Oper verleidet und deren Komik vernichtet haben.
Auch sonst herrschte in der Regie eine wahrhaft naive Libe
ralität. Obwol der Theaterzettel ausdrücklich die „Mitte des
achtzehnten Jahrhunderts“ festgesetzt hatte, trugen die Dar
steller Kleider und Coiffüren vom heutigen Tage; gepudert
erschienen nur — die Soldaten.
Kehren wir zu unserem Ausgangspunkte, dem Hof
operntheater, zurück. Abermals wechseln da zwei Gäste mit
einander ab: Fräulein Telini vom Stuttgarter Hof
theater und der Baritonist Betz aus Berlin. Fräulein
Telini hat zuerst die Valentine in den „Hugenotten“ und
hierauf die ihrer Individualität weit besser zusagende Agathe
im „Freischütz“ gesungen. Sie besitzt eine klangvolle, nament
lich in der Höhe kräftige Sopranstimme, die man wol schön
nennen darf, trotz der eigenthümlichen, etwas krankhaften
Verschleierung des Tones. Reinheit der Intonation und
Correctheit des Vortrages sind dieser Sängerin nicht abzu
sprechen, Wärme und Schwung desto mehr. Dieser Mangel
an Temperament, an dramatischem Feuer läßt Fräulein
Telini’s Leistungen zu keiner rechten Wirkung kommen; man
bleibt ungerührt, unüberzeugt. In dieser klagenden, mono
tonen Färbung der Rollen erinnert Fräulein Telini an die
Orgeni, mit welcher sie auch die Neigung zu schleppenden
Zeitmaßen und möglichst lang ausgehaltenen Noten theilt.
Im „Freischütz“ fiel auch ihre gesprochene Prosa sehr un
günstig auf, so wenig wir in diesem Punkte verwöhnt sind.
Fräulein Telini wurde übrigens lebhaft applaudirt und
nach dem zweiten Acte gerufen. — Ungleich bedeutender und
interessanter ist unser zweiter Gast, Herr Betz, welcher
vorgestern seinen Rollen-Cyklus als Hanns Sachs in Wag
ner’s „Meistersinger“ eröffnete. Wir können nur wieder
holen, was wir im vorigen Sommer dieser Leistung nach
gerühmt: daß sie uns musterhaft und vollkommen erscheint
von der ersten Note bis zur letzten. Die Eigenschaften,
welche gerade diese Rolle vom Sänger und Schauspieler
verlangt, besitzt Herr Betz so vollständig und hat sie zu
solcher Feinheit ausgebildet, daß kein zweiter Hanns
Sachs ihm gleichkommen, geschweige denn ihn überflügeln
dürfte. Die von Herbeck dirigirte Vorstellung war sehr
animirt und ging bei überfülltem Hause unter lebhaftestem
Beifall vor sich.