Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2951. Wien, Sonntag, den 10. November 1872 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2951. Wien, Sonntag, den 10. November 1872 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Wien 10.11.1872
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Neueste Richard-Wagner-Literatur.

Ed. H. Wagnerianer von allen Seiten! Schriften von Wagner, Schriften für Wagner, Schriften gegen Wagneres fängt an, unerträglich zu werden. Wie gütig und weise wäre es doch von allen diesen Herren, ein paar Jahre zu pausiren, die Musikwerke Wagner’s vorläufig selbst für sich oder gegen sich sprechen zu lassen und der in zwei Lager gespaltenen Musikerwelt einen ganz kurzen Waffenstillstand zu gönnen. Gibt es doch nichts Verderblicheres für die ge deihliche Entwicklung und das geistige Reifen der Kunst, als dieses unaufhörliche Gezänk und Gehetze. Was ist nicht schon Alles über das ungelegte Ei von Bayreuth geschrieben und gedruckt worden! Wagner selbst scheint von einem wahren Schreibefieber befallen, das in wenigen Jahren seinen „Ge sammelten Schriften“ zu einer erschreckenden Cor pulenz verhelfen dürfte.

Von dieser Gesammt-Ausgabe sind bis jetzt sechs starke Bände in Groß-Octav erschienen. Da Richard Wagner sehr viel geschrieben hat, Bücher, Flugschriften, Journal-Artikel, worunter so manches schwer Zugängliche oder fast Verschollene, so war die Idee einer Sammlung ganz zweckmäßig, voraus gesetzt, daß sie systematisch geordnet werde und man das Zusammengehörige darin auch wirklich beisammen finde. Aber Wagner hat das gerade Gegentheil davon beliebt. Der Zusammenhang des Inhalts gilt ihm gleich, nur seine individuelle Entwicklung, seine Persönlichkeit erscheint ihm wichtig, und so bringt er, „nach psychologischer Methode“, seine Schriften in chronologischer Reihenfolge. Wer nur einigen literarischen Ordnungssinn besitzt, dem wird übel zu Muthe, wenn er in diesen „Gesammelten Schriften“ das Textbuch zu „Rienzi“ neben kritischen Auf sätzen über Weber und Halévy, dann verschiedene Novellen, hierauf wieder das „Tannhäuser“-Libretto, einen Bericht über Weber’s Leichenfeier, einen Entwurf der „Nibelungen“ (als Drama), den „Lohengrin“-Text, einen Trinkspruch auf die Dresdener Hofcapelle, darauf gleich „das Kunstwerk der Zukunft“ u. s. w. findet. Diesen verwirrenden Mischmasch rechtfertigt Wagner mit dem Vortheil, daß so „der Leser

nach allen Seiten meiner Entwicklung mir folgen kann“. Die Operntexte gehören, unseres Erachtens, gar nicht zu den selbstständigen literarischen Productionen Wagner’s und deßhalb auch nicht in die „Gesammelten Schriften“. Sie sind ein unzertrennlicher Bestandtheil seiner Opern, und wer den „Lohengrin“ oder „Tannhäuser“ kennen lernen oder studiren will, der holt sich die Musik mit dem darunter stehenden Text. Sollten aber diese Textbücher, die wol kaum Jemand ohne die Musik lesen wird, dennoch in die Gesammt-Ausgabe kommen, so mußten sie in Einem Band zusammengestellt werden. Den hätten freilich wenige Leute gekauft, und so hat man es denn so eingerichtet, daß, wer zwei bis drei neue (d. h. verschollene) Journal-Artikel Wag ner’s erwerben will, immer auch mehrere altbekannte Text bücher mitkaufen muß. Ja, noch mehr: ein untrennbares, bisher in Einem Bande erschienenes Werk: „Oper und Drama“, ist mitten entzweigesäbelt und jede Hälfte, mit dem unvermeidlichen Ballast von Operntextbüchern beschwert, in einem anderen Band untergebracht. Ebenso die zusam mengehörige „Nibelungen“-Trilogie. Man darf wol behaup ten, daß noch niemals Autors-Eitelkeit und Verleger- Speculation sich zur Hervorbringung einer solchen bibliogra phischen Mißgestalt vereinigt haben, wie es diese „Gesammt- Ausgabe“ von Richard Wagner’s Schriften ist.

Von den aus Wagner’s Hauptquartier hervorgegange nen Verherrlichungs-Broschüren ist die neueste: „Die Auf führung von Beethoven’s Neunter Symphonie unter Richard Wagner in Bayreuth am 22. Mai 1872“. Sie rührt von Herrn Porges her, einem der fanatischesten Anhänger Wagner’s. Es ist derselbe Kritiker, der in Brendel’s Musikzeitung bei Besprechung des Rheingold“ den Ausspruch gethan, Wagner’s Schriften hät ten „dieselbe Bedeutung wie Schiller’s ästhetische Schriften“, und der „die Stellung Wagner’s in der Entwicklung des Geisteslebens des deutschen Volkes“ dahin präcisirt: Schiller sei der philosophische Dichter, Goethe der plastische Dich ter, Wagner der musikalische Dichter der Nation. Also Wagner als Dichter, abgesehen von seiner Musik, als Drit ter neben Goethe und Schiller gestellt! Die schwierige Auf gabe, eine Musik-Aufführung zu erzählen, löst Herr Porges mit unleugbarem Geschick, er erzählt aber in einem Tone

solcher Verzückung, als wäre ihm die Neunte Symphonie etwas ganz Neues. Dahin zielt auch das Ganze ab, daß eigentlich Niemand, der diese Tondichtung nicht unter Wag ner’s Direction in Bayreuth gehört, sie wahrhaft kenne und begreife. Es ist charakteristisch, daß Herr Porges von beson ders ergreifenden Stellen der Symphonie sagt: „Wagner entrollte hier vor uns ein Bild von schreckenvoll gewaltigem Charakter.“ Also Wagner, nicht Beethoven.

Die maßlose Verherrlichung Wagner’s, wie sie dessen zahlreiche Adepten (zum Theile nach seinem eigenen Vorbilde) betreiben, erzeugt als natürlichen Rückschlag ebenso maßlose Angriffe auf Wagner’s Leistungen. Die meisten dieser geg nerischen Broschüren sind bei sehr gutem Willen doch so plump und geistlos geschrieben, daß sie Wagner unmöglich schaden können, sondern nur den Verfassern selbst. Dahin gehört eine angebliche „musikalische Studie“ von Berthold Settenhofer (Wien, 1873), welche in der Schnelligkeit von 9 1/2 Octavseiten Wagner abthut und die Frage: „Kann Wagner’s Musik Zukunftsmusik werden?“ so apodiktisch ver neint, wie nur ein Kalendermacher das Wetter auf hundert Jahre voraus prophezeien kann. Es sei nicht anzunehmen (so lautet die Beweisführung des Verfassers), daß „die für den Moment begeisterten Wagnerianer sich eines Besseren besinnen und zurückkehren in den angenehmen Schoß der Alten. Die Wagner-Feinde aber, die werden nie seine Freunde werden, und deßhalb ist die Reformation eine Halb heit und undurchführbar“. Genug an dieser Probe, die Broschüre verdient keine Kritik. Eine andere, ähnlich gesinnte Schrift heißt: „Richard Wagner und Jacob Offen bach; ein Wort im Harnisch von einem Freunde der Ton kunst“ (Altona, bei A. Prinz). Diese Broschüre, in welcher musikalischer Dilettantismus, leidenschaftliches Vorurtheil und schlechter Styl zu gleichen Theilen zusammenwirken, will gleich zwei große Fliegen mit Einem Schlage vernichten, dürfte aber die eine so wenig treffen wie die andere. Wag ner und Offenbach! Die Zusammenstellung zweier so grund verschiedener, gefeierter Componisten wäre so übel nicht. Aber der Verfasser müßte den Punkt erkannt haben, der die Beiden vereinigt: das Talent. Wagner und Offenbach sind gegenwärtig die einzigen Deutschen, die sich als Opern- Componisten einen Weltruf errungen haben; nebst Verdi die

fruchtbarsten und originellsten Talente auf dem Gebiete der Theatermusik. Jeder von Beiden hat seinen eigenen Styl — gut oder übel — sein eigenes Cachet, an dem er sofort kennbar ist. Das will nicht wenig sagen und läßt sich weder todtschweigen, noch mit Grobheiten „im Harnisch“ todtschlagen.

Unvergleichlich besser als die genannten Broschüren ist ein Epilog zur Bayreuther Grundsteinlegung, von Dr. Wil helm Mohr, betitelt: „Das Gründerthum in der Musik“ (Köln, 1872). Diese mit musikalischer Einsicht und in urbanem Ton verfaßte Gelegenheitsschrift beleuchtet (nur nicht so eingehend, als der Titel erwarten ließ) eine ganz neue Seite von Wagner’s Kunstthätigkeit, nämlich die eigenthümliche „Financirung“ des Wagner-Theaters in Bay reuth, die „Nibelungen“ auf Actien. Richard Wagner erscheint hier als „Gründer“ nicht eines neuen Opernstyls oder eines Musik-Instituts, sondern als Gründer im modernsten Börsenverstand. Der Verfasser erzählt, wie Wagner „mit dem Schwarm seiner Anbeter unter den glotzenden Bay reuthern erscheint — wie ein Wesen höherer Art. Je dreister seine Phrasen dem gesunden Menschenverstand ins Gesicht schlagen, um so wüthender wird der Applaus“. Der Ver fasser schildert die Bayreuther Grundsteinlegung als „ein Schauspiel von empörender Lächerlichkeit und Servilität“ und fragt, ob denn „keinem der Festtheilnehmer das Unziem liche dieser Comödie zum Bewußtsein gekommen“? „Mag Wagner (so lautet der Schluß des Mohr’schen Epilogs) sich bescheiden, das musikalische Drama vom alten Schlen drian zu säubern. Mag er versuchen, diese Gattung in bessere Bahnen zu leiten und die neuen Formen mit echt poetischem und musikalischem Gehalt zu erfüllen, wenn er dazu das Zeug hat. Aber wenn er uns nicht von vorn herein mit Zweifel erfüllen will über die Lauterkeit seiner Absichten, so lasse er alle gründermäßigen Kniffe beiseite und bewahre seine Worte vor hohlem Bombast, seine Ge danken vor eitler Ueberhebung und seine Werke vor Schwindel.“

Anti-wagnerisch ist ferner die kürzlich bei Braun und Weber in Königsberg erschienene Broschüre von Gustav Dullo: „Richard Wagner; ein Wort der Aufklärung über dessen Nibelungen-Trilogie.“ Der Verfasser geht mit gründlichster Vorbildung und ernster Kritik an die Zer

gliederung und Beurtheilung des „Nibelungen“-Textbuches von Wagner. Er hat den Muth, all das Widerwärtige, Abgeschmackte und Häßliche dieser „Dichtung“ beim rechten Namen zu nennen.

Ueber die Bayreuther Unternehmung urtheilt G. Dullo fast wörtlich wie oben Dr. Mohr: „daß die Wahl des ein samen Bayreuth nichts ist als ein mit den Schaaren seiner Getreuen besetzter Wall gegen das Publicum und sein Urtheil: die öffentliche Meinung“.

Ein ganz ungewöhnliches Aufsehen macht die soeben ausgegebene Broschüre von Dr. Th. Puschmann: Richard Wagner; eine psychiatrische Studie(Berlin bei H. Behr, 1873). Der Verfasser ist praktischer Arzt, speciell Irrenarzt in München, wo er (wie aus dem ganzen Büchlein hervorgeht) in persönlichem Verkehr mit Wagner gestanden sein muß. Er hebt jedoch hervor, daß er zu Wagner niemals politische oder künstlerische Beziehun gen hatte, daß er, jeder Partei fernstehend, weder zu den Anhängern, noch zu den Gegnern Wagner’s ge höre. In der That hat die Schrift Dr. Puschmann’s keine tendenziöse, noch weniger eine satyrische Färbung; sie ist durchaus ruhig und ernsthaft geschrieben, ganz wie ein erfahrener Arzt über einen von ihm beobachteten Patienten berichtet. Wäre dies nicht der Fall, man müßte das ganze Büchlein eine empörende Impertinenz nennen. Die ernst hafte Ueberzeugung jedoch, mit welcher der Verfasser sein Thema aus dem Gesichtspunkte seiner wissenschaftlichen Spe cialität behandelt, läßt eine solche Bezeichnung nicht zu; höchstens die Versicherung, daß diese „psychiatrische Studie“ ihrem Autor viele und unversöhnliche Feinde machen wird. Der Verfasser glaubt in dem ganzen Lebensgange, den Selbstbekenntnissen, Handlungen und Schriften Richard Wag ner’s den Beweis zu finden, „daß seine Verstandesthätigkeit nicht mehr eine normale ist, und daß er bereits an Wahn- Ideen leidet, deren Folgen auf seine ganze psychische Con stitution einen deletären Einfluß ausgeübt haben“. Die Richtigkeit der von Dr. Puschmann angeführten That sachen dürfte wol Jedermann bestätigen, der Wagner’s Werke studirt und mit ihm persönlich verkehrt hat; ob je doch die aus diesen Prämissen gezogenen Schlüsse richtig sind, das können nicht wir, sondern nur Aerzte vom Fach

entscheiden. Wir enthalten uns daher auch jedes eigenen Urtheils über das außerhalb unserer Competenz liegende Ergebniß dieser Studie und wollen nur rein objectiv deren Hauptinhalt unseren Lesern mittheilen.

Dr. Puschmann, ein warmer Verehrer der früheren Opern Wagner’s, namentlich des „unsterblichen Meisterwerks Tannhäuser“, findet, daß in dem Componisten nach dem Lohengrin“ eine ungeheure Veränderung in psychischer Bezie hung vorgegangen sei. Unter den krankhaften Symptomen, die der Verfasser aufführt, ist das erste die „alles Maß und Ziel überschreitende Selbstüberschätzung“. Beweise dafür bieten bekanntlich in Hülle und Fülle Wagner’s Schriften, und der Verfasser hat nicht schlecht ausgewählt. Ebenso anmaßend wie in seinen Schriften sei Wagner auch im persönlichen Verkehr. Wagner leide am Größenwahn, und dieser sei „ein charakteristisches Symptom der psychischen Entartung, welche häufig nur die Vorstufe zu tieferen Störungen der Geistesthätigkeit sei. Es braucht mit dieser Form durchaus nicht eine gänzliche Verrückung der psychischen Processe ver bunden zu sein, wenn sich auch früher oder später die Fol gen der geistigen Störung geltend machen werden“. Der Wahnsinn aus Hochmuth befällt gewöhnlich jene intelligenten Menschen, bei denen der Egoismus die ganze gemüthliche Sphäre ausgelöscht hat. Ein zweites Krankheitssymptom bei Wagner ist der Verfolgungswahn, wie er sich am deutlichsten in der bekannten Broschüre vom „Judenthum in der Musik“ äußere. Darin behauptet Wagner, die gesammte deutsche, französische und englische Presse habe ein Complot gegen ihn geschmiedet; es existire in Europa eine große Ver schwörung, deren Complicen nur der Einen geheimen Ordens regel gehorchen, welche Haß und Verfolgung Wagner’s lautet u. s. w. Zu den Verschworenen gehören die musikalischen Recensenten, die Intendanzen der großen Theater, vor Allem aber die Juden, die sich solidarisch verbunden und verpflichtet haben, Wagner und seine Werke zu verderben. „Sein kran ker Wahn,“ bemerkt Dr. Puschmann sehr richtig, „läßt Wag ner nicht zu dem Bewußtsein kommen, daß der Jude viel zu gescheit ist, um auf so unnütze, faule Geschäfte, wie die Verfolgung Wagner’s wäre, sein Geld und seine Mühe zu verwenden.“ Intellectuelle Störungen verrathen ferner die politischen und social-reformatorischen Versuche Wagner’s.

Julius Fröbel (ein Verehrer der Wagner’schen Musik) be zeichnete einmal treffend Wagner als den „Gründer einer Secte, welche Staat und Religion abschaffen und an ihre Stelle ein Operntheater setzen will, von dem aus er zu regieren beabsichtigt“. Krankhaft sei ferner der StylWag ner’s in seinen theoretischen Schriften, noch mehr in seinen neueren Operndichtungen, welche, „voll süßlich mystischer Schwärmerei, sich bald in albernen Knittelversen, bald in unverhüllten Frivolitäten ergehen“. (Es folgt eine Blumen lese stylistischer Ungeheuerlichkeiten in Prosa und Versen.) Nach Dr. Puschmann spielt eben der Styl, die Redeweise eines Menschen — gleichsam der Reflex seines geistigen Ge haltes — eine hervorragende Rolle in der Diagnose der Geisteskrankheiten.

Nach dieser Betrachtung der intellectuellen Seite von Wagner’s Seelenleben geht der Verfasser auf die moralische über, auf den Charakter. Der Verfasser bespricht jene Form der Geisteskrankheiten, welche „moralischer Irrsinn“ (moral insanity) genannt wird und sich weniger in Alienationen der Intelligenz, als der Gefühle und des Willens äußert. „Die Krankheit zeigt sich in Verkehrtheit der Neigungen, Perversität der Begierden und Wünsche und in dem vollständigen Mangel der sittlichen und socialen Gefühle.“ Daß die Wahn-Ideen etwas Accidentelles und der eigentliche Charakter der Seelenstörung die moralische Alienation ist, haben in neuester Zeit die wissenschaftlichen Gutachten der berühmten Irrenärzte Dr. Mayer (Göttingen) und Dr. Moreau in dem Chorinsky’schen Proceß nur zu schlagend bewiesen. In ihren Augen war Chorinsky bereits unzurechnungsfähig zu einer Zeit, wo ihn Niemand noch für geisteskrank hielt, weil der schärfere Blick des Psychiaters dort schon das erste Stadium der Geistesstörung erkennt, wo der Laie nur unbegreifliche Inconsequenz, Thorheit und Bosheit erblickt. „Wer, wie Richard Wagner, die geheiligten Bande der Familie, der Ehe, der Freundschaft und Liebe frech zerreißt und seine moralische Entartung zur Schau trägt,“ sagt Puschmann, „der hat nur Anspruch auf die Verachtung, oder wenn, wie hier, Geistesstörung vorliegt, auf das Mitleid der Welt.“ Nachdem der Verfasser auch das physiologische Gebiet berührt und den großen Ein fluß einer überreizten geschlechtlichen Sinnlichkeit abge

schätzt hat, gibt er eine kleine psychologische Skizze von Wagner’s Leben, die jedenfalls von sehr genauer Informa tion zeugt. In den einzelnen Wendepunkten dieses reichbe wegten, wechselvollen Lebens sucht der Verfasser den Ursachen der angeblichen Geistesstörung Wagner’s, so weit es möglich ist, auf die Spur zu kommen. Die immerhin waghalsige Veröffentlichung seiner psychiatri schen Studie rechtfertigt Dr. Puschmann mit folgenden Worten: „Wagner hat, durch sein Genie und durch außer gewöhnliche Glücksumstände emporgewirbelt, eine culturhisto rische Bedeutung erlangt; er ist der Führer, der Name für eine krankhafte Bewegung, welche in unseren Tagen immer mehr Terrain zu erobern droht. Sie ist es, nicht die Person Wagner’s, die wir schlagen wollten. Hat demnach die rück sichtslose Art, mit der wir den persönlichen Charakter Wag ner’s besprochen, der Person gegenüber etwas Hartes und Herzloses, so trösten wir uns mit dem Gedanken, daß sie vielleicht für manchen seiner Anhänger sehr nützlich und heil sam sein wird, indem sie ihn von einem Wege abbringt, der zum Verderben und geistigen Ruin führen muß. Auch der Person Wagner’s glauben wir mit unserem Spiegel einen Dienst zu leisten; für Krankheit, welche ein Unglück, aber keine Schande ist, gibt es Heilung und Genesung.“