Musik.
(Orgel-Concert. — Clavier-Soiréen von
Bülow. — Philharmonie-Concert. — „
Abu
Hassan“ und „
Der häusliche Krieg“ im neuen Opernhause.)
Ed. H. Wer in London zum erstenmale einen der
großen Concertsäle betritt, wie Exeter-Hall oder St. James-
Hall, dem bleibt der Eindruck der Orgel unvergeßlich haften.
Noch bevor sie erklingt, wirkt diese „Königin der Instru
mente“ durch ihre bloße majestätische Erscheinung und ver
leiht dem Saale ein festlich imposantes Aussehen. Unser
großer Musikvereinssaal kann sich zur Stunde des gleichen
Schmuckes rühmen. In schönster architektonischer und deco
rativer Uebereinstimmung mit dem ganzen Bau prangt die
neue Orgel nunmehr vollendet am oberen Ende des Saales
und gibt diesem die letzte bedeutsame Weihe. Der Blick der
Zuschauer fällt unmittelbar auf die gewaltigen, zinnglänzen
den Prospectpfeifen, welche man gottlob nicht nach englischem
Geschmack bunt bemalt hat. Der Anblick dieses prächtigen,
orgelgekrönten Musiksaales darf jeden Bewohner Wiens mit
stolzer Genugthuung erfüllen; es ist keine Kleinigkeit, daß
so etwas geschaffen, durch eine Privatgesellschaft von Kunst
freunden geschaffen wurde. Das neue Opernhaus und das
Palais der Gesellschaft der Musikfreunde, das sind zwei
Schätze, um die uns jede Residenz beneiden muß, und von
welchen auch überall, ohne Ausnahme, weit mehr Aufhebens
gemacht würde, als in Wien gemacht worden ist. Es geht
eben ganzen Bevölkerungen wie einzelnen Menschen; auf
fallend schnell stumpft sich ihr Gefühl für den Werth eines
Besitzes ab, den sie eine zeitlang in ununterbrochener Regel
mäßigkeit benützen. Selten mehr gedenkt der in einem
Fauteuil des neuen Opernhauses behaglich Hingegossene der
überstandenen Unbequemlichkeiten des alten Kärntnerthor-
Theaters, und noch seltener hört man die Abonnenten im
neuen Musikvereinssaale einander erinnern, wie elend man
durch ein halbes Jahrhundert sich „unter den Tuchlauben“ hat
fristen müssen. Ich gestehe, daß ich niemals das neue
Opernhaus oder den großen Musikvereinssaal ohne eine
Regung von Dankbarkeit betreten habe — gleichviel was
eben darin bevorstand — und daß diese freudige Empfin
dung sich seit der Aufrichtung der neuen Orgel noch gestei
gert hat.
Diese von Friedrich Ladegast in Weißenfels erbaute
Orgel ist ein trefflich gelungenes Werk, das in Wien höch
stens an der Piaristen-Orgel in der Josephstadt einen eben
bürtigen Rivalen besitzt. Seitdem ihr Erbauer, Buckow,
und sein größerer College Welker in Ludwigsburg gestor
ben sind, darf Herr Ladegast wol für den Ersten seines
Faches in Deutschland gelten. Die Orgel im Musikvereins
saale zählt 52 Stimmen mit 3113 Pfeifen (also bedeutend
mehr, als Cavaillé-Col’s berühmtes Werk in der Kirche
St. Vincent de Paul in Paris und die neuesten, schönen
Preisarbeiten von Merklin-Schütze in Brüssel); ihre Töne
zeichnen sich durch Kraft und Schmelz aus, und gestatten
durch die Anwendung der drei Manuale, der Pedal-Clavia
tur und der fünfzehn Combinations-Pedale einen erstaun
lichen Reichthum verschiedenartigster Nüancen. Sie besitzt
alle modernen Spielbehelfe und dynamischen Effectmittel und
spricht (durch Barker’s unschätzbare Erfindung der „pneu
matischen Heber“) so leicht an, wie ein Clavier. Der Klang
der Mixturen dünkt uns etwas grell und scharf, wunder
schön klingen hingegen die zarten Flötenregister. In der
langsamen Einleitung von Bruckner’s Improvisation und
dem von Fischer gespielten Andante der Mendelssohn’schen
Sonate (op. 65 Nr. 4) konnte man den sanften Klang
zauber dieser Stimmen am günstigsten wahrnehmen. Speciell
der Orgel zu Ehren, um sie mit feierlichem Nachdruck dem
Publicum vorzustellen, gab die Gesellschaft der Musikfreunde
am 15. November ein eigenes Orgel-Concert. Aber schon am
Sonntag vorher, im ersten „Gesellschafts-Concert“, hatte das
Publicum den ersten musikalischen Eindruck dieser Orgel
empfangen, und dieser erste war zugleich der günstigste.
Man sang das „Dettinger Tedeum“ von Händel, und zum
erstenmal mischten sich in den jubelnden Chor- und Orchester
klang die brausenden Accorde der Orgel. Der Eindruck war
unvergleichlich, gerade als wenn ein neuer, feuriger Lebens
saft das Ganze durchströmte, ungewohnt, unerhört und doch
so ganz dazu gehörig, gar nicht mehr wegzudenken!
Wie herrlich wird sich demnächst Händel’s „Saul“
machen, wenn die Orgel nunmehr dem oft spröden
und dürftigen Orchestersatz Farbe und Fülle verleiht!
Und diese Aufgabe der Orgel, die begleitende, füllende in
großen chorischen Werken, scheint uns ihre eigentliche künst
lerische Mission im Musikvereinssaale. Als Concert-Instru
ment für sich allein möchten wir die Orgel keineswegs aus
schließen — gibt es doch zahlreiche classische Compositionen
dafür, deren Bekanntschaft wir nachzuholen haben — aber
ein weises Maß dünkt uns dabei empfehlenswerth. Eine
Reihe von Orgelstücken nach einander gehört, erzeugt nicht
blos Monotonie, sondern überdies eine mit der Art der Ton
erzeugung zusammenhängende nervöse Aufregung, um nicht
zu sagen Betäubung. Mehr oder weniger ist in allen der
artigen Compositionen die Bravour des Spielers bedacht,
eine Bravour in raschen, fugirten Sätzen und vielstimmiger
Contrapunktik, welche selbst von tüchtigsten Organisten selten
ohne Undeutlichkeit und Verschwommenheit geleistet wird.
Das gibt dann ein schmetterndes, brausendes und schluch
zendes Durcheinander, in welchem die Klarheit der Zeich
nung untergeht, ohne daß die bloße Tongewalt dafür ent
schädigt. In Sebastian Bach’s „Toccata“ war so Vieles
vom Schall verschluckt, daß, wer sie nie zuvor auf dem Cla
vier oder im Orchester-Arrangement gehört, durch die Orgel
keine klare Anschauung dieses kunstvollen Gewebes empfan
gen konnte. Herr August Fischer aus Dresden spielte
diese „Toccata“ und ein Friedemann Bach’sches Concert
mit großer Virtuosität, nur war uns der häufige jähe
Wechsel von vollem Werk und lispelnden, näselnden Regi
stern nicht erwünscht; in schnellem Tempo erinnerten letztere
mitunter an Spieluhren. Vortrefflich verwendete Herr Fischer
diese sanften Stimmen in dem bereits erwähnten Andante
der Mendelssohn’schen Orgelsonate in B-dur, weil anhaltend
und in langsamer gebundener Cantilene. Zum Schluß spielte Herr
Fischer die ebenso schwierige als widerhaarig unmusikalische
Fuge von Liszt über den Namen BACH. Neben Herrn
Fischer behauptete sich ehrenvoll unser einheimischer Orgel-
Virtuose Professor A. Bruckner in einer durch contra
punktische und modulatorische Gewandtheit bemerkenswerthen
Improvisation, in deren Schlußsatz er die österreichische
Volkshymne geschickt verwebte. Zwischen die Orgel-Produc
tionen hatte man weislich Vocal-Compositionen eingeschaltet,
und zwar durchaus Gesänge fromm-beschaulichen Charakters:
Schubert’s „Allmacht“ und die angeblich Stradella’sche
Kirchen-Arie (jene von Frau Wilt, diese von Herrn Wal
ter meisterhaft vorgetragen), endlich die jüngst im Gesell
schafts-Concert gehörten Vocalchöre von Johann Eccard
und Heinrich Isaak, beide von Brahms diri
girt. So standen denn sämmtliche Gesänge in einem
gewissen verwandtschaftlichen Verhältniß zum Charakter der
Orgel, der erklärten Schutzheiligen dieses halbgeistlichen
Concertes. Zur Eröffnung declamirte Lewinsky mit der
ihm eigenen schwungvollen und dabei doch stets durchsichtig
klaren Beredtsamkeit einen Prolog: „Die Orgel“. Das
Gedicht ist von Professor Joseph Weilen, der bereits bei
zahlreichen Anlässen sich in der weder häufigen noch gering
fügigen Eigenschaft eines vorzüglichen Gelegenheitsdichters
bewährt hat. An seinem neuesten Prolog schätzen wir den
rhetorischen Ausdruck höher als den Inhalt, welcher die
Erfindung der musikalischen Instrumente mit einer wahrhaft
luxurirenden Phantasie construirt. Daß die erste Flöte als
Nachahmung des Nachtigallenschlages entstand, lassen wir
uns noch gefallen und verzichten gern auf die Entscheidung,
ob jener rohrschnitzende Hirtenjüngling überhaupt etwas nach
ahmen wollte und was. Bedenklicher klingt es schon, wenn
Weilen die Erfindung der Trompete einem Feldherrn zu
schreibt, der in der Schlacht seinen metallenen Schild „zu
sammenpreßt, ihn wölbend formt und in die Höhlung haucht“,
wobei er uns nur in die Verlegenheit bringt, ob wir die
Kraft seines Armes oder die Kunstfertigkeit seiner Embou
chure mehr bewundern sollen. Nach dem zu Ehren dieses
Tages von den „Siegesberauschten“ veranstalteten Zweckessen
läßt der Dichter einen geistlichen Herrn in den Wald schlei
chen, wo gerade der Sturm die Tannen schüttelt. „Da
steigen vor seinem Geist empor aus Erze gebildete Tannen
und Fichten“ — „und die Orgel, die tönende, ward!“
Ueber diesen flotten Vorgang dürften unsere Orgelbauer
nicht wenig erstaunen. Wenn nur nicht dieser von Weilen
erfundene heilige Cäcilius gar unsere heilige Cäcilia ver
drängt, welche zwar an der Erfindung der Orgel genau so
unschuldig ist, aber doch bisher durch tausendjährigen un
gestörten Besitz und Betrieb des Mythus ein Privilegium
auf die Orgel hat.
Von hohem Interesse waren die beiden letzten Clavier-
Productionen Bülow’s im kleinen Musikvereinssaale. In
der zweiten Soirée hatte sich Bülow die mehr durch ihre
Seltsamkeit reizende, als durch Zweckmäßigkeit empfehlende
Aufgabe gestellt, ausschließlich Chopin zu spielen. Bei
aller geistvollen Eigenthümlichkeit sind doch Chopin’s Clavier-
Compositionen durch ihr ewig gebrochenes Licht und ihre
krankhafte Nervosität nicht angethan, einen ganzen Abend
hindurch ununterbrochen gehört zu werden. Chopin bewegt
sich als virtuoser Lyriker auf einem sehr begrenzten Empfin
dungsgebiet, gleichsam auf einem schmalen Wolkensaum, wo
wir ihn ohne Ueberreizung nicht lange begleiten können. Es
ist ein neuer Triumph von Bülow’s Vortragskunst, das
Publicum auch an diesem Abend bis zur letzten Note ge
fesselt zu haben. Die dritte Soirée enthielt ausschließlich
Mendelssohn und Schumann. Vortrefflich spielte Bülow
alle Mendelssohn’schen Stücke: die Variations sérieuses,
einige Lieder ohne Worte, und die aus Mendelssohn’s erster
Jünglingszeit stammenden „Charakterstücke“ (op. 7) und
Capriccio (op. 5). Die anmuthige Klarheit dieser feinen,
geistreichen, meist auch brillanten Musik, an welche die
Wellen der Leidenschaft und des Humors höchstens von ferne
leicht anschlagen, eignet sich vorzüglich für Bülow’s Spiel
weise. Weniger befriedigte uns sein Vortrag der Schumann’
schen F-moll-Sonate („Concert sans orchestre“). Derlei
Tondichtungen, in welchen das pathetische Element schon ins
Pathologische überschlägt, verlangen eine leidenschaftliche
Hingabe des Spielers; sie müssen mit seinem Herzblut ge
färbt scheinen. Bülow gab sie aber fast gar nicht gefärbt,
sondern in scharfer, kühler Crayonzeichnung; insbesondere
in den beiden äußeren Sätzen vermißten wir Blut und
Leben, den vollen inneren Antheil. Hingegen fand Schu
mann’s „Faschingsschwank aus Wien“ in Bülow einen
vollendeten Interpreten. Mit dem viel früher componirten
„Carneval“ nicht zu vergleichen an musikalischem Reiz und
anschaulicher Charakteristik, hat noch der „Faschingsschwank“
derzeit im Concertsaal den Vorzug einer sehr geringen Ab
nützung. Seltsam ist der Widerspruch dieser Musik mit
ihrem Titel; von Faschingslust, vollends von einer
wienerisch gefärbten, hat sie kaum einen Anklang. Es
ist der alte, bald grübelnde, bald leidenschaftlich erregte
Schumann, den wir hier, nicht wenig erstaunt, im Ball
saal treffen, wo er es höchstens zu einigen Redensarten
mäßiger Heiterkeit bringt. Schubert’s „Soirées de Vienne“
in der Liszt’schen Bearbeitung, das wäre die rechte Musik
für jenen Titel, ein Stück idealisirtes und doch naturwahres
Wiener Faschingsleben. Aus derselben nicht eben produc
tiven Wiener Zeit Schumann’s stammen die zwei Romanzen
in B-moll und Fis-dur, welche Bülow mit unübertrefflicher
Feinheit spielte. Die „Novelletten“ würden wir gern einmal
sammt und sonders von Bülow hören. Das Publicum war
sehr beifallslustig, leider nicht sehr zahlreich. Daran ist ohne
Zweifel das schlechte Wetter schuld, welches seit einiger Zeit
den Zugang zum Musikvereinssaal, namentlich des Abends,
zu einem abenteuerlichen Unternehmen gestaltet, dem nur
die allerwasserdichtesten Musik-Enthusiasten gewachsen sind.
So lange man nicht daran denkt, die zum Musikverein füh
renden Straßen zu pflastern, die Straßenbeleuchtung daselbst
zu vermehren, endlich für Aufstellung von Fiakern und Ein
spännern vor dem Concertgebäude zu sorgen, so lange wer
den die Abendconcerte nur bei Vollmondschein und voll
ständig trockenem Wetter Aussicht auf einigen Besuch haben.
Nicht einmal ein paar Bretter sind dort gelegt, um den
Fußgängern das Durchwaten der größten Binnenseen und
Kothlager zu erleichtern. Wir wissen recht gut, daß in
diesem Punkt die Direction der Musikfreunde schon jahre
lang auf die Initiative des Gemeinderathes wartet und um
gekehrt; die Concertbesucher haben jedoch wenig Interesse
daran, ob die Erkältung, welche sie sich dort holen, eine
musikalische oder eine magistratische sei, ihnen bleibt nichts
übrig, als — wegzubleiben.
Die „Philharmoniker“ haben gestern unter
Dessoff’s Leitung ihre Concerte in glänzendster Weise
begonnen. Für ihre Ausführung von Beethoven’s zweiter
„Leonoren“-Ouvertüre gibt es nur Eine Bezeichnung:
höchste Vollendung. Der Beifall wollte danach gar kein
Ende nehmen. Eine werthvolle Bekanntschaft machten oder
erneuerten wir in der Person des Violin-Virtuosen Herrn
Edmund Singer. Herr Singer, Ungar von Geburt und
Zögling des Wiener Conservatoriums, hatte vor etwa
fünfundzwanzig Jahren seine Virtuosensporen sich in Wien
verdient und lebt seither als Concertmeister und Kammer
virtuose in Stuttgart. Er spielte das Beethoven’sche Con
cert mit einer Süßigkeit und Reinheit des Tones, welche
an Sivori erinnert. Dem Vortrag fehlte es an Größe und
an Feuer, er erreichte in keinem Tacte das hinreißende
Pathos, mit welchem Joachim das Stück vorträgt. Der
Bravour gönnte Herr Singer in zwei fast über Gebühr
ausgesponnenen Cadenzen breiteste Entfaltung und erwies
sich namentlich in Trillerketten und Terzenläufen als
eminenter Virtuose. An dritter Stelle brachten die Phil
harmoniker eine ganz reizende Novität: Robert Volk
mann’s „Serenade in F-dur für Streichorchester“. Sie
besteht aus vier kurzen Sätzen von bezaubernder Anspruchs
losigkeit und Anmuth (Allegro, Scherzo, Walzer und
Marsch). Das Publicum wollte die Wiederholung der beiden
mittleren Sätze förmlich erzwingen, aber Herr Dessoff konnte
mit Rücksicht auf die ohnehin sehr lange Dauer des Concerts
(es schloß mit Schumann’s B-dur-Symphonie) diesem
Wunsche nicht nachgeben. Es ist uns eine Herzensfreude,
daß Volkmann, der im vorigen Jahre mit einem merk
würdigen Nachtstücke von leidenschaftlichstem Charakter
(Ouvertüre zu „Richard III.“) so glänzend reussirte, jetzt auch
in dieser lieblichen Nachtmusik die noch ungeschwächte Kraft
seiner Erfindung beweist.
Es bleibt uns leider nur ein sehr bescheidener Raum
für den Bericht über den genußreichen Abend im neuen
Opernhause, an welchem Weber’s „Abu Hassan“ und
Schubert’s „Häuslicher Krieg“ in Scene gingen. Das
einactige Singspiel „Abu Hassan“ ist der gegenwärtigen Ge
neration eine vollständige Novität; es wurde hier 1813 im
Theater an der Wien gegeben (unter Treitschke, Seyfried
und Spohr), aber nach der vierten Vorstellung zurückge
legt. Weber schrieb den „Abu Hassan“ 1811, in jener kriti
schen, bewegten Darmstädter Periode, welche uns Max v.
Weber in seinem trefflichen „Lebensbild“ so lebendig schil
dert. Die Handlung — ein in Schulden steckender, lebens
lustiger junger Mann, der sich todt stellt, um seine Gläu
biger zu prellen — hatte damals für Weber nur allzu
viel Actualität. Der Chor der drängenden Wucherer: „Geld!
Geld! Geld!“ war das Erste, was Weber davon componirte,
und „Geld!“ lautete auch das nächste Ziel, auf das er mit
der fertigen Partitur lossteuerte. „Ich werde,“ schreibt er an
einen Freund, „den Abu Hassan dem Großherzog dediciren,
vielleicht speit er da etwas Ordentliches.“ Serenissimus geruh
ten auch wirklich 440 Gulden zu „speien“, und Weber war
für eine Zeitlang sorgenfrei. Die Musik zu „Abu Hassan“
hat für uns hauptsächlich das Interesse, daß sie uns We
ber’s Genie in bescheidenen, noch halbgeschlossenen Knospen
zeigt, welche erst zehn Jahre später im „Freischütz“ sich zur
vollen Blume entfalten sollten. Eine Anfänger-Arbeit kann
man dieses Singspiel trotzdem nicht nennen, Weber schrieb
es mit vierundzwanzig Jahren und hatte bereits Mehreres
mit Erfolg auf die Bühne gebracht. Aber Weber hat sei
nen vollen Wuchs verhältnißmäßig spät erreicht, und so liegt
denn zwischen dem „Abu Hassan“ und dem „Freischütz“ eine
beträchtliche Kluft. Die Musik zu „Abu Hassan“ hat einige
Nummern von liebenswürdiger Frische und Zierlichkeit, Anderes
ist wiederum geringfügig oder von veraltetem Zuschnitt,
jedenfalls bleibt der Total-Eindruck heiter und befriedigend.
Die Hauptrollen machen große Ansprüche an das Schauspie
ler-Talent und die komische Kraft der Darsteller: Dinge, die
man eher auf kleinen Bühnen als auf großen findet. Fräu
lein Minnie Hauck, die Herren Müller und Mayer
hofer fanden in diesen Hauptrollen reichlichen und ver
dienten Beifall. Zum erstenmale war in „Abu Hassan“
der Versuch gemacht, die Handlung auf einen kleinen
Theil der Bühne zu concentriren, was mittelst eines
von Brioschi sehr hübsch gemalten Pavillons auf
das beste gelang. Ein ungleich größerer musikalischer
Reichthum entfaltet sich in Schubert’s einactiger
Oper: „Der häusliche Krieg“, welche bekanntlich
dreißig Jahre nach Schubert’s Tod von Herbeck aufge
funden und zuerst aufgeführt wurde. „Der häusliche Krieg“
hat nun auch die Feuerprobe im neuen Opernhause glän
zend bestanden. Im „Abu Hassan“ interessirt uns der
künftige Weber, im „Häuslichen Krieg“ entzückt uns der
ganze, volle Schubert. Die Aufführung war eine überwie
gend gute; die früher von Fräulein Krauß, Frau Hoffmann
und Herrn Erl gesungenen Rollen gewinnen jetzt sehr durch
die frischeren, jugendlicheren Stimmen von Fräulein Hauck,
Frau Materna und Herrn Müller. Fräulein
Minnie Hauck lieferte überdies durch ihre haltungsvolle
Darstellung einer ältlichen Anstandsdame einen neuen Be
weis ihres schauspielerischen Talentes; die muthwillig-naive
Fatime aus „Abu Hassan“ war kaum wiederzuerkennen.
Sehr effectvoll sang Frau Materna das Duett mit Herrn
Müller; in der ersten Romanze aber möchten wir sie
dringend bitten, nicht unmittelbar vor der Schlußnote
Athem zu schöpfen. Herr Mayerhofer ist uns aus der
früheren Besetzung als ein vortrefflicher „Graf Heribert“
geblieben. Nur die früher von Friederike Fischer so
liebenswürdig dargestellte Rolle der Isella befindet sich jetzt
in gänzlich ungenügenden Händen. Von prachtvoller Klang
wirkung waren alle Chöre und Ensembles; das Orchester
endlich leistete, unter Herbeck’s Direction, so Ausgezeich
netes, daß die beiden Ouvertüren förmlich Furore machten.