Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 2995. Wien, Dienstag, den 24. December 1872 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 2995. Wien, Dienstag, den 24. December 1872 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Wien 24.12.1872
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Concerte. Wien, 23. December

Ed. H. Es sind mehrere Jahre her, daß Freund Landsberg, welcher damals seine Feuilletons in einer ebenso lesenswerthen als wenig gelesenen Zeitung verschwieg, das Glück pries, für einen großen Leserkreis zu schreiben. „Was Sie heute in die Druckerei schicken, lesen morgen dreißig tausend Menschen. Ja, in die „Neue Presse“ ist das schönste Schreiben!“ Mit diesem durch die Drolligkeit der Satzfügung wie des Vortrages mir unvergeßlich gebliebenen Stoßseufzer schloß er seine Rede. Er hatte Recht mit seiner wohlwollend neidischen Gratulation; aber ein halbunter drückter Seufzer klang unwillkürlich auch durch meine Ant wort. Denn es kommt im Leben des Feuilletonisten doch hin und wieder ein Tag, wo die gar so vielen Leser ihn eigent lich geniren, wo wir kleinmüthig, zum Schreiben unaufge legt oder auf sehr dürftigen Stoff angewiesen sind und dieses Bekenntniß viel leichter vorbringen würden in einem kleinen intimen Kreise. Am liebsten möchte man so ein Pflicht-Feuilleton geschrieben haben, ohne es erst schreiben zu müssen. Da dies leider auf keine Weise angeht, so wünscht man mindestens, es möchte, was unter solchen Um ständen nun einmal geschrieben und gedruckt sein muß, so wenig als möglich gelesen werden. Einen Tag im Jahre gibt es, an dem man mit größter Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit darauf zählen kann; einen Tag, den man nach Analogie des bekannten Saales „des pas perdus“ im Pariser Justizpalast den Tag der verlorenen Feuilletons nennen darf. Dieser Tag ist der 24. December. Da sehen die Männer ihr Journal nur flüchtig an, die Frauen gar nicht. Ein rascher Blick auf die Telegramme, auf die Tages neuigkeiten, auf die Weihnachts-Inserate und dann — fort, in die Kaufläden und zurück zum Schmücken des Christ baumes, der vom frühen Morgen an ganz eigentlich das Haus beherrscht und Groß und Klein zu seinen vergnügten Sklaven macht. Am 24. December leben die Menschen in

viel zu glücklicher, erwartungsvoller Geschäftigkeit, um Con certberichte zu lesen, und die Wenigen, denen keine liebe Hand mehr einen Christbaum aufputzt und die für keine Lebenden ein Wachskerzchen anzuzünden haben, sie irren wol auch, Vergessenheit suchend, in den Straßen oder wühlen daheim in Erinnerungen, die weitab liegen von der neuesten Zeitung. So oft es nur anging, habe ich diesen Tag für meine Feder in Beschlag genommen, diesen Einen Melusinen tag im Jahre, wo man „unter dem Strich“ einsam in spärlichem Gedankenbassin plätschern kann, ohne daß Jemand durch die Spalten hereinsieht.

Es fehlte zwar nicht an Musikproductionen aller Art seit meinem letzten Concertberichte. Dennoch findet sich nur wenig darunter, was zu eingehender Kritik auffordert. Das hat keineswegs von vornherein eine tadelnde oder gering schätzige Bedeutung, denn auch über die vortrefflichste Com position läßt sich nichts Neues sagen, wenn sie und die aus führenden Künstler längst bekannt sind. So verhält es sich z. B. mit Jean Becker’s „Florentiner Quartett“, das uns, mit einer einzigen Ausnahme, nur Längstbekanntes in freilich trefflicher Ausführung darbot. Diese Ausnahme, Vincenz Lachner’sVariationen-Quartett über die C-dur- Tonleiter“ (schon der Titel hat etwas Anstrengendes) ver langt große Bravour und Ausdauer, ohne daß der Hörer erheblich für die Mühe belohnt würde, welche das Stück den Spielern bereitet. — In Hellmesberger’s zweiter Quartett-Soirée debütirte Herr Willi Deutsch aus Pest, dessen Ruf als tüchtiger Pianist und ausgezeichneter Lehrer daheim längst begründet ist und durch seinen Wiener Erfolg nur noch mehr befestigt werden kann. In derselben Produc tion wurde das Octett des jungen Grädener mit Beifall wiederholt. — Gleichfalls aus Pest kam uns ein zweiter, aber wohlbekannter Virtuose, Herr Dragomir Krancse vics, welcher bereits in sehr jungen Jahren, als Schüler Hellmesberger’s, hier Anerkennung gefunden hat. Er spielte im dritten „Philharmonischen Concert“ das G-dur-Concert von Spohr, womit er keine glückliche Wahl getroffen. Wenn ich lange Zeit nichts von Spohr gehört — und man scheint ihn allzu früh zu vergessen — so begrüße ich immer

wieder mit einer Art nichtrostender Jugendliebe den Namen des verehrten Meisters. Aber das genannte Concert gehört doch zu den schnell welkenden, es hat keinen kräftigen Trieb und Aufschwung; das edle Pathos des ersten Satzes geht bald in gebildete Redseligkeit über, das des Finale endlich wirkt geradezu herabstimmend. Auch dem Spieler erweist sich das Stück nicht eben dankbar; kaum kann Anfang und Ende eines Concertes weniger glänzend und pompös sein; der Virtuose tritt gleichsam unangemeldet, unbeachtet ein und entfernt sich am Schlusse still à la hollandaise. Mit dem wahlverwandten Geiste und der seelenvollen Zartheit Lauterbach’s vorgetragen, vermöchte Spohr’s G-dur- Concert allenfalls die Zuhörer zu erwärmen. Herr Krancse vics bewies viel Fertigkeit, Kraft und Sicherheit, aber sein Vortrag war nicht warm und poetisch genug, beinahe gleich giltig. Auch störte es, daß seine Geige gegen die Orchester stimmung zu hoch stand. Herr Krancsevics gefiel übrigens und wurde mehrmals gerufen.

Der „Orchesterverein der Gesellschaft der Musik freunde“ erhält sich unter Herrn Friedrich Heßler’s Lei tung in besonderer Gunst des Publicums; seine Aufführun gen sind stets gedrängt voll. In Compositionen, welche die Kräfte eines Dilettanten-Orchesters nicht übersteigen, leistet der Verein sehr Tüchtiges, so zum Beispiel in der ersten Symphonie von Beethoven, welche das Haupt- und Schluß stück des Concerts vom 19. d. M. bildete. Ungewöhnliches Glück machten an diesem Abend zwei junge Künstlerinnen, die Sängerin Clementine Proska und die Pianistin Jo sephine Schebesta. Fräulein Proska, eine unserem Concert- Publicum bereits bekannte und schon durch ihr Aeußeres jederzeit willkommene Erscheinung, sang Lieder von Schubert, Mendelssohn und Dessauer mit klangvoller Stimme und hübschem Vortrage. Fräulein Schebesta trat mit dem Weber’schen „Concertstücke“ zum erstenmale vor die Oeffent lichkeit. Aus den ersten Tacten war die Befangenheit des jungen Mädchens noch herauszuhören, aber bald gewann sie Muth und führte das schwierige Stück mit tadelloser Reinheit und echt musikalischer Empfindung so glücklich durch, daß ein Sturm von Beifall sich erhob. Wir können

dieses vielversprechende, mit so gewinnender Bescheidenheit auftretende Talent zu seinem ersten Erfolge nur beglück wünschen.

Das lieblich klingende Lob- und Trostwort „vielver sprechend“, das uns Gutes in vermehrter, Mangelhaftes in verbesserter Zukunftsauflage erscheinen läßt, es spricht nur zur Jugend. Producirt sich hingegen ein Mann in den „besten Jahren“ nicht zum besten, so kann man schwerlich mehr an seine künftigen Fortschritte appelliren. Das ist der Fall mit dem Pianisten Louis Marek aus Lemberg, der am 18. d. M. ein Concert im kleinen Musikvereinssaale gab. Herr Marek macht als Clavierspieler den Eindruck eines Mannes, der verhältnißmäßig spät angefangen und sich dann mit außerordentlichem Fleiß ein ziemliches Kapital von Technik erarbeitet hat, welches aber nicht mehr die rechten musikalischen Zinsen tragen will. Er hat einen harten, trockenen Anschlag, eine eigenthümlich schwere Hand, welche die feinere poetische Empfindung, falls Herr Marek sie be sitzen sollte, nicht leicht zum Ausdruck gelangen läßt. Beethoven scheint ihm mehr Anstands- als Herzenssache zu sein, da nun einmal §. 1 des concertgeberischen Compli mentirbuches eine Beethoven’sche Sonate für unausweichlich erklärt. Herr Marek hatte die C-moll-Sonate op. 111 ge wählt, ein Tonstück, das nicht blos die ausgebildetste Bra vour, sondern außerdem ein tief und geistvoll eindringendes Verständniß erfordert. Gleich das erste Allegro-Thema, ge spielt mit der ganzen Blasirtheit eines falschen Liszt (bei dem echten hat Herr Marek mehrere Monate zugebracht, wie jetzt jeder Concertgeber von gutem Ton) gab eine be denkliche Vorahnung für das Ganze. Wirklich schien Herr Marek die Sonate als eine Serie von Fingerübungen zu behandeln, deren brillanteste er zu einer kleinen Hetzjagd verwendete. Auch Liszt’sMephisto-Walzer“ hätten wir gerne besser spielen gehört, am liebsten gar nicht, denn in der ganzen Clavier-Literatur gibt es kaum ein ähnliches kleines Scheusal. Um erträglich zu sein, muß es mit dem genialen Esprit Liszt’s gespielt werden, und nicht mit der schwerfälligen Correctheit eines Organisten. Besser erging es Herrn Marek mit Chopin, dessen polnische Landsmann

schaft doch ein vernehmlicheres Echo in ihm weckte. Liszt’s Fuge über den Namen Bach, welche schrecklich in die Mode kommt, stand glücklicherweise nur auf dem Concert programm und wurde uns in Wirklichkeit nachgesehen. Das Programm war auch außerdem von einer verwirrenden Unrichtigkeit: weder Herr Popper noch Fräulein Girzig, Beide als Mitwirkende verzeichnet, ließen sich sehen. Dafür spendete ex improviso Herr R. Schmidtler einige Lieder vorträge, die Beifall fanden.

Gehen wir von den Einzel-Virtuosen zu den Gesang vereinen über, welche in letzter Zeit stark im Vordergrunde standen. Da gab es eine „Gründungs-Liedertafel“ des Aka demischen Gesangvereines, dann eine „Fest-Lieder tafel“ des Männergesang-Vereines, beide vor einer dichtgedrängten Zuhörerschaar, welche sich an den kräf tigen, scharf zusammenklingenden Männerstimmen und dem feinen, effectvollen Vortrag der Chöre erfreute. In beiden Productionen war Engelsberg mit vier Compositionen der Held des Abends. Neu waren die Chöre „Fischen und Erwischen“, „Heimweh“ (mit Bariton-Solo) und „Im Dunklen“; die beiden ersten mußten auf stürmisches Ver langen wiederholt werden, bei dem dritten (soeben in schöner Ausstattung bei F. Buchholz in Wien erschienen) wehrte nur die große Ausdehnung des Stückes dem gleichen Wunsche. Noch größeren Jubel erregte Engelsberg’s „Landtag von Wolkenkukuksheim“, der im Jahre 1865 hier zum erstenmale gegeben und damals von uns ausführlicher besprochen wurde. Diese komischen Singspiele à la camera, wie der „Landtag“, Das Rigorosum im Sommer“, „Die Thiergarten-Scenenu. s. w., sind ganz eigentlich Engelsberg’s Erfindung und bisher von Niemandem mit Erfolg nachgemacht. Man muß nur das Publicum ansehen, die behagliche Lust und hinge bende Fröhlichkeit auf allen Mienen, wenn so ein Engels berg’sches Chorspiel seinen melodischen Blüthenregen nieder gehen läßt! Was diesen Sachen ihren letzten, echten Reiz gibt, ist ihre vollendete Aufrichtigkeit und Anspruchslosigkeit; sie versuchen, so viel Geist auch darin steckt, nirgends, sich einen falschen Anstrich von Tiefe oder Bedeutsamkeit zu geben. Sie haben durch ihre eigenste melodiöse und poetische Kraft

sich in ganz Deutschland Bahn gebrochen und werden in Breslau und Königsberg ebenso gern gesungen, wie in Graz und Marburg. Welches Aufheben würde man in Frankreich von einem so productiven, im besten Sinne populären Talent wie Engelsberg machen! Das Publicum läßt es auch hier an herzlichster Anerkennung nicht fehlen, und die Kritik, die doch am besten wissen muß, wie selten Talente von der Art Engelsberg’s sind, kann, unse res Erachtens, sich dieser Zustimmung nur anschließen. Die Ausführung der Engelsberg’schen und der übrigen meist bekannten Chöre war vorzüglich. Der Akademische Gesang verein kann sich zu der wiedergewonnenen Thätigkeit des Ehren-Chormeisters Dr. Eyrich gratuliren; im Männer gesang-Verein wechselt der Dirigentenstab bekanntlich zwi schen Herrn Weinwurm und Herrn Kremser, befin det sich also jederzeit in besten Händen. Herr Weinwurm dirigirt übrigens noch die Sing-Akademie, welche am letzten Sonntag ein recht gelungenes Concert veranstaltete. Man begann mit drei alten geistlichen Vocalchören von Anton Scandellus, Bartholomäus Gesus und Leonhart Schröter, Jeder für sich interessant, namentlich für den Musik-Historiker. Für die Länge wird man allerdings dieser altdeutschen Holzschnittmanier und schwerfälligen Choral rhythmik müde. Sehr dankbar sind wir Herrn Weinwurm für die Bekanntschaft mit zwei Schumann’schen Chören: Am Bodensee“ (Text von Platen), deren zweiten, lang samer von rührender Zartheit und Innigkeit ist. Men delssohn’sAve Maria“ klingt äußerlich wie eine mehr aus Gefälligkeit, ohne rechten inneren Antheil dargebrachte Gabe des Meisters; ein junger Solo-Tenor that das Sei nige, um die Composition zu ruiniren. Von Peter Cor nelius, dem geistreichen Schriftsteller, kam eine Serie von „Weihnachtsliedern“ zur Aufführung, deren Text er gleichfalls gedichtet. Die Compositionen von Cornelius sind nicht das Werk eigenthümlich schöpferischer Kraft, sondern Producte der Bildung und Anempfindung. Erfreulich ist der schlichte Ton und die verhältnismäßig melodiöse Fär bung, insbesondere in dem ersten Liede „Christbaum“; der geschätzte Componist hat ehedem zu seinem Schaden erfah

ren, welch gefährlich Ding die Nachahmung Richard Wag ner’s sei.

Zum Schlusse: „Die Schöpfung“ von Haydn, am 22. December. „Die Schöpfung“ und „Die Jahres zeiten“ sind bei uns so innig verwachsen mit Weihnachten und der Osterzeit, daß man sagen darf, Vater Haydn ge höre hier zu den unfehlbaren, fast unentbehrlichen Vorboten der beiden schönsten Feste des Jahres. „Die Schöpfungwürde unter Dessoff’s Leitung im Burgtheater gegeben, mit all den bekannten akustischen Uebelständen, welche als 70jähriger „edler Rost“ an diesen Aufführungen haften und nachgerade eine historische Weihe erlangt haben. Der lie benswürdige Geist der Composition und die schönen Ge sangsleistungen von Fräulein Proska, Herrn Walter und Herrn Mayerhofer ließen auch diesmal kein Miß behagen in den Zuhörern aufkommen, welche schon in ver gnügter Christbaumstimmung Platz nahmen und beim Fort gehen, nach rechts und links grüßend, zu sagen schienen: Fröhliche Weihnachten!