Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 3040. Wien, Sonntag, den 9. Februar 1873 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 3040. Wien, Sonntag, den 9. Februar 1873 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Wien 09.02.1873
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Concerte. Door’s Trio-Soiréen. — Sing-Akademie. — Concert von Fräulein Magnus und Herrn Epstein.

Ed. H. Es wäre zu wünschen, daß die Door’schen Trio- Soiréen, welche soeben mit der dritten Production ab schlossen, sich alljährlich wiederholen und zu einem festen, bleibenden Factor unseres Concertlebens gestalten möchten. In Wien ist noch hinreichend Platz für auserlesene Musik- Productionen, und gerade die genannten haben — wie die Theilnahme des Publicums bewies — eine Lücke ausgefüllt. Man gewöhnt sich gern und leicht an Gutes, und so möch ten wir das Zusammenspiel der Herren Door, Walter und Popper im nächsten Jahre nicht vermissen. Ihre Productionen würden durch solche periodische Wiederkehr an äußerem Erfolg wie an innerer Vollendung gewinnen; haben die drei Künstler häufiger zusammengewirkt, sich intimer mit einander eingespielt, so wird auch dasjenige er reicht sein, was jetzt noch hin und wieder mangelte: die vollständige Homogenität des Klanges und der letzte Schliff im Detail. Die Anordnung des Programms wünschten wir beibehalten, desgleichen die Localität. Mit dem „Bösendor fer’schen Saal“ in der Herrengasse ist seit Beginn dieser Saison ein neues Concert-Local entstanden, welches wesent lichen Anforderungen entspricht. In der inneren Stadt ge legen, licht, sehr geräumig, leicht zugänglich (ein Hoch parterre von wenig Stufen), endlich durch einen breiten Hofraum vom Straßenlärm vollständig abgeschlossen, hat der Bösendorfer’sche Saal sogar manche Bequemlichkeit vor dem kleinen Musikvereinssaale voraus. Störend wirkt nur die Kahlheit der Wände, welche, ungeschmückt und von kei ner Galerie oder Logenreihe unterbrochen, flehentlich um einige Malerei und Drapirung bitten. Wir schwärmen kei neswegs für decorativen Luxus in einem Concertsaal, aber zwischen der überreichen (jetzt freilich schon stark ver blichenen) Gold- und Farbenpracht des Musikvereines saales und der puritanischen Einfachheit des Bösendorfer’ schen empfiehlt sich ein juste milieu, und dieses dürfte nachträglich ohne viel Mühe, wenn auch nicht ohne Geldopfer zu erreichen sein. Herr Bösendorfer, welcher diesen Concertsaal, eine Reitschule von Geburt, mit großen Kosten hergestellt und sich damit ein wirkliches Verdienst geschaffen hat, wird sicherlich dabei nicht stehen bleiben. Für das

Auge nicht nur, auch für das Ohr muß insofern noch gesorgt werden, als die allzu laute Resonanz des Saales einer Dämpfung durch zweckmäßig angebrachte Vorhänge und Teppiche bedarf. Bei einigem Kraftaufwand hallt das Clavier, namentlich bei gehobener Dämpfung, zu stark und lange nach. Der Vorwurf, daß Herr Door in den kräftigen Stellen seine beiden Mitspieler deckte, ist nicht ganz unge rechtfertigt, er vertheilt sich aber zwischen den Pianisten und die Akustik des Saales. Door’s Spiel hat uns auch am dritten Abend sehr befriedigt; insbesondere fand sein brillanter Vortrag der schwierigen A-moll-Sonate von Rubinstein einstimmige Anerkennung. In dieser Composition (op. 19 für Clavier und Violine) arbeitet die ganze Frische, aber auch die ganze Zügellosigkeit und Flüchtigkeit des jungen Rubinstein. Nicht leicht wird man in ein und derselben Sonate einem so reizenden, feinen Scherzo neben einem so ge schmacklos spectaculirenden Finale begegnen. Sehen wir in den meisten Clavier-Compositionen Rubinstein’s den Ton dichter im Streit mit dem Virtuosen, so hat in diesem Fi nale der Erstere gänzlich abgedankt und Letzterer springt wie ein unbewachter Junge ausgelassen über Tisch und Bänke. Herr Concertmeister Joseph Walter entwickelte in der Sonate eine ungewöhnliche Bravour, sein Ton hingegen ließ an dem Abend Manches zu wünschen übrig; er griff seinen zarten Stradivari zu heftig an, riß und rasselte an den Saiten, auf Kosten der Reinheit und Klangschönheit. Vortrefflich spielte Herr Popper eine sehr gefällige „Sara bande“ eigener Composition und zwei nach Schumann’schem Vorbild recht hübsch componirte Charakterstücke von Gram mann.

Die „Wiener Sing-Akademie“ gab ihr zweites Concert im kleinen Musikvereinssaale bei Clavier begleitung. Diese Productionen erfreuen sich eines constan ten, sehr aufmerksamen und wohlwollenden Publicums. Es herrscht da eine gemüthlich friedliche, fast familienhafte Stimmung, welche sich bei allem Gelungenen lebhaft er wärmt und auch dann kaum merklich abkühlt, wenn der gute Wille der Vortragenden stärker ist, als deren Kunst und Stimme. „Dem Wohlwollenden genügt auch das,“ pflegte Schumann zu sagen. Jedenfalls verdient der Dirigent, Herr Rudolph Weinwurm, die aufrichtigste Anerkennung für seine sorgfältige Leitung der „Sing-Aka demie“, wie für die meistens interessante Zusammenstellung der Programme. Den Anfang machte Durante’s be kanntes Magnificat. Es folgten vier Madrigale englischer

Tondichter aus dem letzten Decennium des sechzehnten Jahrhunderts (John Bennett, Dowland und Thomas Mor ley); kurze Stücke für gemischten Chor, in welchen sich die prunklose Tüchtigkeit des Engländers mit überraschender Zartheit und Anmuth paart. Sehr willkommen und zum erstenmale vollständig gehört waren Schumann’sSpa nische Liebeslieder“ für eine und mehrere Stimmen mit vierhändiger Clavierbegleitung. Es ist dies das zweite spanische Liederspiel Schumann’s, im selben Jahre (1849, Düsseldorf) mit dem ersten, op. 74, componirt, aber erst unter dem „Nachlaß“ als op. 138 veröffentlicht. Diese Fortsetzung erreicht nicht entfernt die Schönheit der früheren Sammlung, die in ihren besten Nummern zu dem Rei zendsten gehört, was Schumann im Liede geschaffen. Welch tiefglühende, schmerzliche Leidenschaft in dem Frauenduett: Dereinst, o Gedanke mein, wirst ruhig sein“! Welch be zaubernde Anmuth in den beiden anderen Duetten: Von dem Rosenbusch, o Mutter“ und „Nelken wind’ ich und Jasmin“! Solche Blüthen hat die zweite Samm lung nicht aufzuweisen, dennoch bringt auch sie manche zartempfundene klangschöne Strophe. Durch den ganzen Cyklus weht noch viel von jenem süß berauschenden Schu mann’schen Duft, der erst in des Componisten letzter Periode matt und abschmeckend geworden wie ein lange stehengebliebenes Glas Wein. Das paßt auf den dritten Cyklus von Liebes liedern, den Schumann unter dem Titel „Minnespiel aus Rückert’s Liebesfrühling“ (op. 101) folgen ließ, ein kühler, fröstelnder Morgen nach jenen spanischen Frühlingsnächten. Unter den Solisten der Sing-Akademie ragte Herr Dr. Krauß hervor, welcher den „Fluthenreichen Ebro“ wiederholen mußte; in einigem Abstand davon sind die tüchtigen Leistun gen von Fräulein Tomsa und Herrn Adolph Schultner zu loben. Fräulein Fillunger’s ehedem so klangvolle Stimme scheint — nach dem starken Tremoliren zu schließen — vor der Zeit angegriffen. Die Clavierbegleitung zu den Spanischen Liebesliedern“ verlangt ein feines, rhythmisches Gefühl bei durchaus zarter Behandlung; die Herren Wolf und Nikisch entsprachen dieser Anforderung. Zwischen den Abtheilungen spielte Fräulein v. Benfeld mit Herrn Door ein Concert von Sebastian Bach (C-moll) für zwei Claviere. Aus Versehen ist in dem Referate über das erste Concert der Sing-Akademie der Name unserer ge schätzten Pianistin Frau Auspitz-Kolar weggeblieben, welche mit zwei Clavierstücken von Dom. Scarlatti und einer Bach’schen Fuge großen Beifall geerntet hat.

So oft der Professor des Clavierspiels, Herr Julius Epstein, ein Concert anzeigt, kann er auf einen vollen Saal zählen. Ebenso die k. k. Kammersängerin Fräulein Helene Magnus. Was Wunder, daß die Association Beider am letzten Dienstag ein Publicum versammelte, wie man es zahl reicher und gewählter selten beisammen findet? Was Herrn Epstein betrifft, wäre es schwer, über sein von echter mu sikalischer Bildung und feinstem Geschmack beherrschtes Cla vierspiel etwas Neues zu sagen. Erklärter Liebling des Wiener Publicums, hat er sich diese Stellung durch jahre lange künstlerische Thätigkeit redlich erworben. Er eröffnete das Concert mit Mozart’s dreisätzigem G-moll Quartett, das leider nicht zum besten begleitet wurde. Aus früheren Concerten kennt man Epstein’s anmuthig klaren Vortrag der Schubert’schen G-dur-Phantasie op. 78, in welcher auch diesmal alle zierlichen Stellen vortrefflich gelangen. Hingegen verriethen die kräftigen, pathetischen Partien, daß eine gewisse Ermüdung seiner leidenden Hand noch anhaftet. Obendrein spielte Epstein ein entschieden mittelmäßiges Cla vier. Von besonderem Interesse war uns die seit Menschen gedenken nicht in der Originalgestalt gehörte Beetho ven’sche Sonate op. 17 für Waldhorn und Cla vier. Beethoven hat sie bekanntlich für den berühmtesten Hornvirtuosen seiner Zeit geschrieben, welcher als simpler Johann Wenzel Stich seine böhmische Heimat verlassen hatte, um bald nachher aus Italien als gefeierter „Puntozurückzukehren. Wie so manche Gelegenheits-Composition, hatte Beethoven auch die für Punto bestimmte Sonate erst im letzten Augenblicke, am Vorabend des Concertes (18. April 1800) niedergeschrieben. Unverkennbar ist an dem Werke der Stempel genialer Flüchtigkeit, aber gerade diese Flüch tigkeit rückte die F-dur-Sonate auf das Niveau des dama ligen Concert-Publicums und machte sie zu einer der belieb testen Compositionen des Meisters. Arrangements aller Art vervielfältigten das Werk in zahlreichen Spiegelbildern. Der Name „Sonatine“ wäre fast passender für diese Composi tion, denn sie besteht eigentlich nur aus zwei, wenig ausge führten Sätzen, zwischen welchen das poco adagio in F-moll als Einleitung zum Schluß-Rondo anzusehen ist. Große Bravour erfordert sie nicht, namentlich bei dem vervoll kommneten Ventil-Mechanismus der heutigen Waldhörner. Aber das Horn, zu Beethoven’s Zeit ein beliebtes Concert- Instrument, ist gegenwärtig fast ganz ins Orchester zurück getreten. Zu der Ungewohntheit des Solospieles braucht nur irgend ein ungünstiger Temperatur-Einfluß oder der

gleichen noch hinzukommen und die Leistung verunglückt, wie dies leider von Seite unseres im Orchester so ausgezeich neten Herrn Kleinecke der Fall war.

Fräulein Helene Magnus sitzt so fest in der Gunst des Publicums, wie Herr Epstein. Als Concertgeberin theilt sie mit diesem den großen Vorzug, stets ein gediegenes und interessantes Programm zusammenzustellen. In einer Reihe von vierzehn Liedern entfaltete Fräulein Magnus die zarte Empfindung und den feinen, durchdringenden Verstand, die ihre Vorträge charakterisiren. Ihre Stimme, von Haus aus bescheiden angelegt nach Kraft und Umfang hin, schien über dies etwas angegriffen, wol in Folge der argen Feuerprobe, welche sie kürzlich in der Elisabethstraße bestand. Die Aus wahl von Liedern, welche eine so geringe Tongebung und filigrane Empfindung zulassen, weiß Fräulein Magnus über aus geschickt zu treffen. Ein glücklicher Anfang waren gleich die zwei schönen Mendelssohn’schen Lieder. Von den drei Schubert’schen ist „Leiden der Trennung“ für die Oeffentlichkeit neu und eines der werthvolleren von den jüngst bei Gotthard erschienenen „Vierzig Liedern von Schu bert“. Man findet es dort unter Nr. 32 mit der Auf schrift: „Fräulein Helene Magnus gewidmet vom Ver leger“. Die anderen Lieder dieser Schubert-Sammlung prangen mit Dedicationen an Frau Dustmann, Fräulein Ambros, Herrn G. Walter, Herrn Stockhausen und Andere. Bei aller freundschaftlichen Achtung für diese Persönlichkeiten und für Herrn Gotthard selbst wollen mir die posthumen Dedicationen Schubert’scher Lieder doch nicht gefallen. Es wäre nicht gut, wenn dieser Vorgang noch mehr um sich greifen würde. Eine Dedication ist doch immer Herzenssache, und wenn man das Werk eines ver ewigten Tondichters einer ihm ganz fremden Person dedicirt, so unterschiebt man ihm gleichsam einen Gedanken, eine Em pfindung, die er nie gehabt hat. Wer weiß, so denken wir unwillkürlich, an welche ihm theure Person der Componist gerade bei diesem Liede gedacht haben mag! welche persönliche Deutung oder Erinnerung er im Geiste damit verband? In dieser Beziehung halte ich jedes Lied, jedes Gedicht für ein unverjährbares Eigenthum seines Autors. Dem Verleger gehört nur das bedruckte Papier; er kann einem Freunde allenfalls hundert Exemplare der Schubert’schen Lieder zum Präsent machen, aber nicht die Widmung derselben. Es ist hier nicht von Recht im juristischen Sinne die Rede, son dern von einer Frage der Schicklichkeit, des Zartgefühls, von einer Gefühlssache, wenn man will. Warum soll sie

deßhalb nicht einmal zur Sprache kommen? In der Litera tur herrschen hierin viel correctere Begriffe; alle Welt fände es unerhört, wenn die Herausgeber von Grillparzer’s Nachlaß den „Bruderzwist“ Herrn Lewinsky, die „LibussaFräulein Wolter, die Gedichte Herrn Krastel u. s. w. dedicirt haben würden.

Zu den Perlen des Programms, gehörten zwei Brahms’sche Lieder: „Gang zum Liebchen“ aus op. 18 und „Nicht mehr zu dir“ aus op. 32. Es folgte „Nachts in der Cajüte“, von Heine, componirt von Grammanndie beiden ersten Strophen sehr ansprechend mit ihrer fein durchrieselnden Begleitungsfigur, die Schlußstrophe (echt Heine’sche Prahlerei vom „großen Herzen“) verfällt mit ihrer klopfenden Accordbegleitung gewöhnlichen Theater-Effecten. Dem Liede „Der Wald wird Dichter“ von unserem Gold mark kann man das Prädicat geistreich nicht absprechen, doch gehört es zu jener äußersten Zuspitzung des Schu mann-Franz’schen Styls, welche der Natur des Liedes im Grunde widerstrebt. Muß denn das schlichteste lyrische Ge dichtchen wie ein Schmetterling mit Nadeln auf die Melodie gespießt werden? Müssen Worte wie: „Das Gras wie hoch, wie weich das Moos!“ durch schneidendste Dissonanzen ein interessant schielendes Aussehen bekommen? Unwillkürlich fielen mir dabei die mit Arsenik bestreuten Wiesen ein, welche vor einigen Jahren in Kärnten Gegenstand eines Sensations-Processes waren. Könnte der Dichter Geibel den Componisten Goldmark nicht wegen musikalischer Wiesen vergiftung klagen?

Das Lied „Willst du dein Herz mir schenken“ (ein „Sebastian Bach“ von Brachvogel’s Gnaden) scheint förm lich Mode zu werden; das hübsche Gedicht ächzt unter dem Puderstaub der Musik. Zwischen diesem halbitalienischen Rococo und den „distinguirten“ Gefühlen unserer neuesten Deutschen wirkte wahrhaft herzerquickend das einfach rüh rende Volkslied C. M. Weber’s: „Mein Schatz ist auf der Wanderschaft“. Drei Lieder von Robert Franz, wor unter sein schönstes: „Als die Stunde kam“, vervollstän digten das reichhaltige Programm. Fräulein Magnus hat in Wien durch ihren seelenvollen Vortrag Franz’scher Lieder viel für diesen Componisten gewirkt. Nicht begnügt mit diesem künstlerischen Verdienste, stellt sie sich in diesem Augen blicke an die Spitze eines heimlichen Comités, welches dem in schwerem Siechthum und drückenden Verhältnissen lebenden Tondichter eine sorglosere Zukunft bereiten will. Der Anstoß zu dieser rühmenswerthen That kam von Berlin aus, wo

ein für Robert Franz veranstaltetes Concert und reichliche Privatbeiträge bereits ein ansehnliches Resultat lieferten. Liszt ist mit einem Concert in Pest nachgefolgt; wie er einer der Ersten gewesen, welcher dem scheinlosen, sensitiven Talente des jungen Franz zu öffentlicher Anerkennung ver half, so ist er jetzt einer der Ersten, wo es gilt, dem alt und krank Gewordenen zu helfen. Wie gesagt, waltet hier zu gleichem Zwecke Helene Magnus im Kreise ihrer Freunde. Ein Aufruf an die Oeffentlichkeit ist uns durch den ausdrücklichen Willen von Robert Franz verwehrt; aber den Verehrern des theuren Meisters zu verrathen, daß er der Hilfe bedarf und daß zu solcher Hilfe sich freundliche Vermittlung bietet, das wird wol Niemand verwehren kön nen, noch wollen.