Concerte.
Door’s Trio-Soiréen. — Sing-Akademie. — Concert von Fräulein
Magnus
und Herrn
Epstein.
Ed. H. Es wäre zu wünschen, daß die Door’schen Trio-
Soiréen, welche soeben mit der dritten Production ab
schlossen, sich alljährlich wiederholen und zu einem festen,
bleibenden Factor unseres Concertlebens gestalten möchten.
In Wien ist noch hinreichend Platz für auserlesene Musik-
Productionen, und gerade die genannten haben — wie die
Theilnahme des Publicums bewies — eine Lücke ausgefüllt.
Man gewöhnt sich gern und leicht an Gutes, und so möch
ten wir das Zusammenspiel der Herren Door, Walter
und Popper im nächsten Jahre nicht vermissen. Ihre
Productionen würden durch solche periodische Wiederkehr
an äußerem Erfolg wie an innerer Vollendung gewinnen;
haben die drei Künstler häufiger zusammengewirkt, sich
intimer mit einander eingespielt, so wird auch dasjenige er
reicht sein, was jetzt noch hin und wieder mangelte: die
vollständige Homogenität des Klanges und der letzte Schliff
im Detail. Die Anordnung des Programms wünschten wir
beibehalten, desgleichen die Localität. Mit dem „Bösendor
fer’schen Saal“ in der Herrengasse ist seit Beginn dieser
Saison ein neues Concert-Local entstanden, welches wesent
lichen Anforderungen entspricht. In der inneren Stadt ge
legen, licht, sehr geräumig, leicht zugänglich (ein Hoch
parterre von wenig Stufen), endlich durch einen breiten
Hofraum vom Straßenlärm vollständig abgeschlossen, hat
der Bösendorfer’sche Saal sogar manche Bequemlichkeit vor
dem kleinen Musikvereinssaale voraus. Störend wirkt nur
die Kahlheit der Wände, welche, ungeschmückt und von kei
ner Galerie oder Logenreihe unterbrochen, flehentlich um
einige Malerei und Drapirung bitten. Wir schwärmen kei
neswegs für decorativen Luxus in einem Concertsaal, aber
zwischen der überreichen (jetzt freilich schon stark ver
blichenen) Gold- und Farbenpracht des Musikvereines
saales und der puritanischen Einfachheit des Bösendorfer’
schen empfiehlt sich ein juste milieu, und dieses
dürfte nachträglich ohne viel Mühe, wenn auch nicht ohne
Geldopfer zu erreichen sein. Herr Bösendorfer, welcher diesen
Concertsaal, eine Reitschule von Geburt, mit großen Kosten
hergestellt und sich damit ein wirkliches Verdienst geschaffen
hat, wird sicherlich dabei nicht stehen bleiben. Für das
Auge nicht nur, auch für das Ohr muß insofern noch gesorgt
werden, als die allzu laute Resonanz des Saales einer
Dämpfung durch zweckmäßig angebrachte Vorhänge und
Teppiche bedarf. Bei einigem Kraftaufwand hallt das
Clavier, namentlich bei gehobener Dämpfung, zu stark und
lange nach. Der Vorwurf, daß Herr Door in den kräftigen
Stellen seine beiden Mitspieler deckte, ist nicht ganz unge
rechtfertigt, er vertheilt sich aber zwischen den Pianisten und
die Akustik des Saales. Door’s Spiel hat uns auch am
dritten Abend sehr befriedigt; insbesondere fand sein brillanter
Vortrag der schwierigen A-moll-Sonate von Rubinstein
einstimmige Anerkennung. In dieser Composition (op. 19
für Clavier und Violine) arbeitet die ganze Frische, aber
auch die ganze Zügellosigkeit und Flüchtigkeit des jungen
Rubinstein. Nicht leicht wird man in ein und derselben
Sonate einem so reizenden, feinen Scherzo neben einem so ge
schmacklos spectaculirenden Finale begegnen. Sehen wir in
den meisten Clavier-Compositionen Rubinstein’s den Ton
dichter im Streit mit dem Virtuosen, so hat in diesem Fi
nale der Erstere gänzlich abgedankt und Letzterer springt wie
ein unbewachter Junge ausgelassen über Tisch und Bänke.
Herr Concertmeister Joseph Walter entwickelte in der
Sonate eine ungewöhnliche Bravour, sein Ton hingegen
ließ an dem Abend Manches zu wünschen übrig; er griff
seinen zarten Stradivari zu heftig an, riß und rasselte an
den Saiten, auf Kosten der Reinheit und Klangschönheit.
Vortrefflich spielte Herr Popper eine sehr gefällige „Sara
bande“ eigener Composition und zwei nach Schumann’schem
Vorbild recht hübsch componirte Charakterstücke von Gram
mann.
Die „Wiener Sing-Akademie“ gab ihr
zweites Concert im kleinen Musikvereinssaale bei Clavier
begleitung. Diese Productionen erfreuen sich eines constan
ten, sehr aufmerksamen und wohlwollenden Publicums. Es
herrscht da eine gemüthlich friedliche, fast familienhafte
Stimmung, welche sich bei allem Gelungenen lebhaft er
wärmt und auch dann kaum merklich abkühlt, wenn der
gute Wille der Vortragenden stärker ist, als deren Kunst
und Stimme. „Dem Wohlwollenden genügt auch das,“
pflegte Schumann zu sagen. Jedenfalls verdient der
Dirigent, Herr Rudolph Weinwurm, die aufrichtigste
Anerkennung für seine sorgfältige Leitung der „Sing-Aka
demie“, wie für die meistens interessante Zusammenstellung
der Programme. Den Anfang machte Durante’s be
kanntes Magnificat. Es folgten vier Madrigale englischer
Tondichter aus dem letzten Decennium des sechzehnten
Jahrhunderts (John Bennett, Dowland und Thomas Mor
ley); kurze Stücke für gemischten Chor, in welchen sich
die prunklose Tüchtigkeit des Engländers mit überraschender
Zartheit und Anmuth paart. Sehr willkommen und zum
erstenmale vollständig gehört waren Schumann’s „Spa
nische Liebeslieder“ für eine und mehrere Stimmen mit
vierhändiger Clavierbegleitung. Es ist dies das zweite
spanische Liederspiel Schumann’s, im selben Jahre (1849,
Düsseldorf) mit dem ersten, op. 74, componirt, aber erst
unter dem „Nachlaß“ als op. 138 veröffentlicht. Diese
Fortsetzung erreicht nicht entfernt die Schönheit der früheren
Sammlung, die in ihren besten Nummern zu dem Rei
zendsten gehört, was Schumann im Liede geschaffen. Welch
tiefglühende, schmerzliche Leidenschaft in dem Frauenduett:
„Dereinst, o Gedanke mein, wirst ruhig sein“! Welch be
zaubernde Anmuth in den beiden anderen Duetten:
„Von dem Rosenbusch, o Mutter“ und „Nelken wind’
ich und Jasmin“! Solche Blüthen hat die zweite Samm
lung nicht aufzuweisen, dennoch bringt auch sie manche
zartempfundene klangschöne Strophe. Durch den ganzen
Cyklus weht noch viel von jenem süß berauschenden Schu
mann’schen Duft, der erst in des Componisten letzter Periode
matt und abschmeckend geworden wie ein lange stehengebliebenes
Glas Wein. Das paßt auf den dritten Cyklus von Liebes
liedern, den Schumann unter dem Titel „Minnespiel aus
Rückert’s Liebesfrühling“ (op. 101) folgen ließ, ein kühler,
fröstelnder Morgen nach jenen spanischen Frühlingsnächten.
Unter den Solisten der Sing-Akademie ragte Herr Dr. Krauß
hervor, welcher den „Fluthenreichen Ebro“ wiederholen
mußte; in einigem Abstand davon sind die tüchtigen Leistun
gen von Fräulein Tomsa und Herrn Adolph Schultner
zu loben. Fräulein Fillunger’s ehedem so klangvolle
Stimme scheint — nach dem starken Tremoliren zu schließen
— vor der Zeit angegriffen. Die Clavierbegleitung zu den
„Spanischen Liebesliedern“ verlangt ein feines, rhythmisches
Gefühl bei durchaus zarter Behandlung; die Herren Wolf
und Nikisch entsprachen dieser Anforderung. Zwischen den
Abtheilungen spielte Fräulein v. Benfeld mit Herrn
Door ein Concert von Sebastian Bach (C-moll) für
zwei Claviere. Aus Versehen ist in dem Referate über das
erste Concert der Sing-Akademie der Name unserer ge
schätzten Pianistin Frau Auspitz-Kolar weggeblieben,
welche mit zwei Clavierstücken von Dom. Scarlatti und
einer Bach’schen Fuge großen Beifall geerntet hat.
So oft der Professor des Clavierspiels, Herr Julius
Epstein, ein Concert anzeigt, kann er auf einen vollen Saal
zählen. Ebenso die k. k. Kammersängerin Fräulein Helene
Magnus. Was Wunder, daß die Association Beider am
letzten Dienstag ein Publicum versammelte, wie man es zahl
reicher und gewählter selten beisammen findet? Was Herrn
Epstein betrifft, wäre es schwer, über sein von echter mu
sikalischer Bildung und feinstem Geschmack beherrschtes Cla
vierspiel etwas Neues zu sagen. Erklärter Liebling des
Wiener Publicums, hat er sich diese Stellung durch jahre
lange künstlerische Thätigkeit redlich erworben. Er eröffnete
das Concert mit Mozart’s dreisätzigem G-moll Quartett,
das leider nicht zum besten begleitet wurde. Aus früheren
Concerten kennt man Epstein’s anmuthig klaren Vortrag
der Schubert’schen G-dur-Phantasie op. 78, in welcher
auch diesmal alle zierlichen Stellen vortrefflich gelangen.
Hingegen verriethen die kräftigen, pathetischen Partien, daß
eine gewisse Ermüdung seiner leidenden Hand noch anhaftet.
Obendrein spielte Epstein ein entschieden mittelmäßiges Cla
vier. Von besonderem Interesse war uns die seit Menschen
gedenken nicht in der Originalgestalt gehörte Beetho
ven’sche Sonate op. 17 für Waldhorn und Cla
vier. Beethoven hat sie bekanntlich für den berühmtesten
Hornvirtuosen seiner Zeit geschrieben, welcher als simpler
Johann Wenzel Stich seine böhmische Heimat verlassen
hatte, um bald nachher aus Italien als gefeierter „Punto“
zurückzukehren. Wie so manche Gelegenheits-Composition,
hatte Beethoven auch die für Punto bestimmte Sonate erst
im letzten Augenblicke, am Vorabend des Concertes (18. April
1800) niedergeschrieben. Unverkennbar ist an dem Werke
der Stempel genialer Flüchtigkeit, aber gerade diese Flüch
tigkeit rückte die F-dur-Sonate auf das Niveau des dama
ligen Concert-Publicums und machte sie zu einer der belieb
testen Compositionen des Meisters. Arrangements aller Art
vervielfältigten das Werk in zahlreichen Spiegelbildern. Der
Name „Sonatine“ wäre fast passender für diese Composi
tion, denn sie besteht eigentlich nur aus zwei, wenig ausge
führten Sätzen, zwischen welchen das poco adagio in F-moll
als Einleitung zum Schluß-Rondo anzusehen ist. Große
Bravour erfordert sie nicht, namentlich bei dem vervoll
kommneten Ventil-Mechanismus der heutigen Waldhörner.
Aber das Horn, zu Beethoven’s Zeit ein beliebtes Concert-
Instrument, ist gegenwärtig fast ganz ins Orchester zurück
getreten. Zu der Ungewohntheit des Solospieles braucht
nur irgend ein ungünstiger Temperatur-Einfluß oder der
gleichen noch hinzukommen und die Leistung verunglückt, wie
dies leider von Seite unseres im Orchester so ausgezeich
neten Herrn Kleinecke der Fall war.
Fräulein Helene Magnus sitzt so fest in der Gunst
des Publicums, wie Herr Epstein. Als Concertgeberin theilt
sie mit diesem den großen Vorzug, stets ein gediegenes und
interessantes Programm zusammenzustellen. In einer Reihe
von vierzehn Liedern entfaltete Fräulein Magnus die zarte
Empfindung und den feinen, durchdringenden Verstand, die
ihre Vorträge charakterisiren. Ihre Stimme, von Haus aus
bescheiden angelegt nach Kraft und Umfang hin, schien über
dies etwas angegriffen, wol in Folge der argen Feuerprobe,
welche sie kürzlich in der Elisabethstraße bestand. Die Aus
wahl von Liedern, welche eine so geringe Tongebung und
filigrane Empfindung zulassen, weiß Fräulein Magnus über
aus geschickt zu treffen. Ein glücklicher Anfang waren gleich
die zwei schönen Mendelssohn’schen Lieder. Von den
drei Schubert’schen ist „Leiden der Trennung“ für die
Oeffentlichkeit neu und eines der werthvolleren von den
jüngst bei Gotthard erschienenen „Vierzig Liedern von Schu
bert“. Man findet es dort unter Nr. 32 mit der Auf
schrift: „Fräulein Helene Magnus gewidmet vom Ver
leger“. Die anderen Lieder dieser Schubert-Sammlung
prangen mit Dedicationen an Frau Dustmann, Fräulein
Ambros, Herrn G. Walter, Herrn Stockhausen
und Andere. Bei aller freundschaftlichen Achtung für diese
Persönlichkeiten und für Herrn Gotthard selbst wollen
mir die posthumen Dedicationen Schubert’scher Lieder doch
nicht gefallen. Es wäre nicht gut, wenn dieser Vorgang
noch mehr um sich greifen würde. Eine Dedication ist doch
immer Herzenssache, und wenn man das Werk eines ver
ewigten Tondichters einer ihm ganz fremden Person dedicirt,
so unterschiebt man ihm gleichsam einen Gedanken, eine Em
pfindung, die er nie gehabt hat. Wer weiß, so denken wir
unwillkürlich, an welche ihm theure Person der Componist
gerade bei diesem Liede gedacht haben mag! welche persönliche
Deutung oder Erinnerung er im Geiste damit verband? In
dieser Beziehung halte ich jedes Lied, jedes Gedicht für ein
unverjährbares Eigenthum seines Autors. Dem Verleger
gehört nur das bedruckte Papier; er kann einem Freunde
allenfalls hundert Exemplare der Schubert’schen Lieder zum
Präsent machen, aber nicht die Widmung derselben. Es ist
hier nicht von Recht im juristischen Sinne die Rede, son
dern von einer Frage der Schicklichkeit, des Zartgefühls,
von einer Gefühlssache, wenn man will. Warum soll sie
deßhalb nicht einmal zur Sprache kommen? In der Litera
tur herrschen hierin viel correctere Begriffe; alle Welt fände
es unerhört, wenn die Herausgeber von Grillparzer’s
Nachlaß den „Bruderzwist“ Herrn Lewinsky, die „Libussa“
Fräulein Wolter, die Gedichte Herrn Krastel u. s. w.
dedicirt haben würden.
Zu den Perlen des Programms, gehörten zwei
Brahms’sche Lieder: „Gang zum Liebchen“ aus op. 18
und „Nicht mehr zu dir“ aus op. 32. Es folgte „Nachts
in der Cajüte“, von Heine, componirt von Grammann —
die beiden ersten Strophen sehr ansprechend mit ihrer fein
durchrieselnden Begleitungsfigur, die Schlußstrophe (echt
Heine’sche Prahlerei vom „großen Herzen“) verfällt mit ihrer
klopfenden Accordbegleitung gewöhnlichen Theater-Effecten.
Dem Liede „Der Wald wird Dichter“ von unserem Gold
mark kann man das Prädicat geistreich nicht absprechen,
doch gehört es zu jener äußersten Zuspitzung des Schu
mann-Franz’schen Styls, welche der Natur des Liedes im
Grunde widerstrebt. Muß denn das schlichteste lyrische Ge
dichtchen wie ein Schmetterling mit Nadeln auf die Melodie
gespießt werden? Müssen Worte wie: „Das Gras wie hoch,
wie weich das Moos!“ durch schneidendste Dissonanzen ein
interessant schielendes Aussehen bekommen? Unwillkürlich
fielen mir dabei die mit Arsenik bestreuten Wiesen ein,
welche vor einigen Jahren in Kärnten Gegenstand eines
Sensations-Processes waren. Könnte der Dichter Geibel den
Componisten Goldmark nicht wegen musikalischer Wiesen
vergiftung klagen?
Das Lied „Willst du dein Herz mir schenken“ (ein
„Sebastian Bach“ von Brachvogel’s Gnaden) scheint förm
lich Mode zu werden; das hübsche Gedicht ächzt unter dem
Puderstaub der Musik. Zwischen diesem halbitalienischen
Rococo und den „distinguirten“ Gefühlen unserer neuesten
Deutschen wirkte wahrhaft herzerquickend das einfach rüh
rende Volkslied C. M. Weber’s: „Mein Schatz ist auf der
Wanderschaft“. Drei Lieder von Robert Franz, wor
unter sein schönstes: „Als die Stunde kam“, vervollstän
digten das reichhaltige Programm. Fräulein Magnus hat
in Wien durch ihren seelenvollen Vortrag Franz’scher Lieder
viel für diesen Componisten gewirkt. Nicht begnügt mit
diesem künstlerischen Verdienste, stellt sie sich in diesem Augen
blicke an die Spitze eines heimlichen Comités, welches dem
in schwerem Siechthum und drückenden Verhältnissen lebenden
Tondichter eine sorglosere Zukunft bereiten will. Der Anstoß
zu dieser rühmenswerthen That kam von Berlin aus, wo
ein für Robert Franz veranstaltetes Concert und reichliche
Privatbeiträge bereits ein ansehnliches Resultat lieferten.
Liszt ist mit einem Concert in Pest nachgefolgt; wie er
einer der Ersten gewesen, welcher dem scheinlosen, sensitiven
Talente des jungen Franz zu öffentlicher Anerkennung ver
half, so ist er jetzt einer der Ersten, wo es gilt, dem alt
und krank Gewordenen zu helfen. Wie gesagt, waltet hier
zu gleichem Zwecke Helene Magnus im Kreise ihrer
Freunde. Ein Aufruf an die Oeffentlichkeit ist uns durch
den ausdrücklichen Willen von Robert Franz verwehrt; aber
den Verehrern des theuren Meisters zu verrathen, daß er
der Hilfe bedarf und daß zu solcher Hilfe sich freundliche
Vermittlung bietet, das wird wol Niemand verwehren kön
nen, noch wollen.