Musik.
Ed. H. Der Carneval ist die Fastenzeit der Musik-Kritik.
In dem Maße, als die Bälle an Pracht und Anzahl zu
nehmen, werden die Concerte immer weniger und klein
licher; genau bis zum Aschermittwoch repräsentiren wir
Musik-Kritiker die armen Leute des Sprichworts, die „mit
Wasser kochen“. Da nach Ansicht der verehrlichen Redactio
nen trotzdem hin und wieder gekocht werden muß, so gibt
es an solchen Tagen unverzeihlich magere Kost. Bescheiden
wir uns und beginnen rasch, bevor der kleine Proviant
rettungslos veraltet. Da gab es zuerst ein Concert des
Pianisten Sigismund Blumner aus Berlin in dem Foyer
oder Nebenzimmer des Bösendorfer’schen Saales. Das Aus
sehen — nicht des Pianisten, der hierin zur Jaell’schen
Schule gehört, aber des Concertes — hatte etwas Klöster
liches, das Programm bestand ohne jegliche Abwechslung
aus lauter Solonummern des Herrn Blumner. Das Spiel
dieses Pianisten hat den Vorzug eines klangvollen, markigen
Anschlags und durchwegs den Charakter gesunder Kraft und
Frische. Schade, daß jener Vorzug mitunter in eine fast
derbe Ueberkraft umschlug, welche bei der hallenden Reso
nanz des Locales wol über die Berechnung des Spielers
hinausging. Für flüchtig hingleitendes zierliches Passagen
werk hat Herr Blumner eine etwas zu schwere Hand.
Den Maßstab modernster Bravour darf man überhaupt
an Herrn Blumner nicht anlegen, dem es auch offenbar
weniger darum zu thun scheint, sich als Virtuose, denn viel
mehr als guter Musiker und solider Spieler hier einzu
führen. Als gut musikalisch documentirte ihn nicht blos sein
sachgemäßer, warmer Vortrag, sondern ebensosehr sein ge
schicktes Arrangement zweier Perlen der vierhändigen Clavier-
Literatur. Fürs erste Mozart’s im Jahre 1791 compo
nirte F-moll-Phantasie (Nr. 608 bei Köchel), eine der be
deutendsten Clavier-Compositionen des Meisters, ja nach der
großen, Beethoven’s Geist anticipirenden C-moll-Phantasie
wol die bedeutendste. Sodann Schubert’s vierhändige
Variationen über ein Original-Thema, op. 35, ein liebens
würdiges Tonspiel, das wir schlechtweg geistreich nennen
möchten, haftete an dem Wort nicht bereits ein so impo
tenter Beigeschmack. Die übrigen von Herrn Blumner vor
getragenen Stücke waren ein Präludium und eine Sarabande
von Sebastian Bach, das B-moll-Scherzo von Chopin, end
lich zwei recht gefällige Kleinigkeiten (Wiegenlied und Mazurka)
eigener Composition — sie erfreuten sich sämmtlich einer bei
fälligen Aufnahme.
„Unser thätiger und liebenswürdiger Musikverleger“
(Jedermann weiß, daß mit diesem stereotypen Kosenamen
nur Herr Gotthard gemeint ist) veranstaltete eine Novi
täten-Matinée, in welcher ausschließlich neue, bei ihm er
schienene Compositionen von Wiener Tonsetzern zur Auffüh
rung kamen. Daß darunter zwei leibhaftige Grafen und ein
Baron figuriren, sieht fast wie eine Privilegien-Verletzung
des Herrn Adolph Bösendorfer aus, dessen Verlags-Katalog
bekanntlich einem Auszug aus dem Gotha’schen Kalender
ähnelt und vom Herzog von Würtemberg und der Gräfin
Wurmbrand bis herab zum ganz gewöhnlichen Edlen
v. Meyer alle Adelsstufen repräsentirt. Dem Concert konnte
ich leider nicht selbst beiwohnen, darf aber glaubwürdigen
Freunden nacherzählen, daß ein Lied vom Grafen Albert
Amadei („Bitte“) so sehr gefiel, daß es wiederholt wer
den mußte. Herr Walter soll es ganz herzbewegend vor
getragen haben, desgleichen Lieder vom Grafen Nyary,
von Hermann Riedel, Karl Goldmark und Jacob
Fischer. Unermüdlich, wie Herr Walter für die Lieder,
erwies sich Herr Door für die Clavierstücke des Gotthard’
schen Verlags. Er spielte mehrere kleine Charakterstücke von
Nawratil, Gotthard, Gramman und Robert
Fuchs, endlich mit dem jungen Cellisten Spitzer eine
Sonate von Julius Zellner. Diese Compositionen, sowie
eine von den Herren Epstein und Sturm vorgetragene
Partie Variationen von Baron Herzogenberg fanden
sämmtlich lebhaften Beifall. Erwähnen wir noch einer Ma
tinée des talentvollen Geigers W. Junck und eines von
der beliebten Gesanglehrerin Frau Passy-Cornet mit
ihren Schülerinnen veranstalteten Concertes, so dürften die
kleinen Concert-Erlebnisse der letzten Woche aufgezählt sein.
Im Hofoperntheater erwartet uns ein bedeutungsvoller
Abend: die Wiederaufführung der Gluck’schen „Iphigenia
auf Tauris“, welche bereits wiederholt angesetzt war, aber
wegen Erkrankung der Frau Dustmann noch verschoben ist.
Einige Aufführungen älterer Opern lockten nichtsdestoweni
ger zum Besuch des neuen Opernhauses. Da bot zum
Beispiel „Dom Sebastian“ das Interesse an zwei Neube
setzungen. Herr Müller sang zum erstenmal die Titel
rolle mit jenem glücklichen Effect, den seine klangvolle,
leicht ansprechende Höhe voraussetzen ließ und welcher nach
Abschleifung einiger harten Ecken sich künftig noch steigern
dürfte. Der neue Camoëns an seiner Seite, Herr
v. Bignio, brachte diese Rolle durch seelenvollen Vortrag
und nobles Spiel unter allgemeinem Beifall zur Geltung.
Mit aufrichtigem Antheil begrüßten wir auch unseren wackern
Dr. Schmid, welcher als Pogner in den „Meistersingern“
nach längerer Krankheit wieder zur regelmäßigen Thätigkeit
zurückkehrte. Eine Vorstellung, die wir lieber mit Stillschwei
gen übergehen, war die letzte des „Lohengrin“. Fräulein
Ehnn, welche Rollen von hoher Stimmlage und anhal
tend pathetischer Spannung, wie Elsa, überhaupt nur an
nähernd gewachsen ist, war an diesem Abend obendrein nicht
disponirt, wenigstens zum Reinsingen nicht. Das Gebet
im ersten Act gerieth dadurch so sehr ins Schwanken, daß
es der ganzen Geistesgegenwart Herbeck’s bedurfte, um
diesem Musikstücke doch zu einem gedeihlichen Ausgang zu
verhelfen. Wie Fräulein Ehnn diese Scharte bald darauf
als Mignon wieder auswetzte, weiß Jedermann, der diese
Glanzpartie der Sängerin kennt.
Eine erquickende Vorstellung, auf welche wir ein Jahr
lang vergebens gewartet, war die von Auber’s reizender
Oper: „Der schwarze Domino“. Die Ursache dieser unbe
greiflich langen Unterbrechung lag, dem Vernehmen nach, in
der Renitenz eines nicht allzu schön singenden schönen Man
nes, welcher sich gegen die Rolle des Grafen Juliano
sträubte. Nachdem er nämlich diese Rolle bereits ein
dutzendmal mit Lust und Beifall gesungen hatte, entdeckte
er plötzlich, daß sie eine Tenorpartie, er aber ein Bariton
sei. Wie die meisten derartigen Künstlerbedenken, hatte
auch dieses eine klingende Pointe und wurde auf metallur
gischem Wege beschwichtigt. Es brauchte von dem Falle nicht
weiter die Rede zu sein, wenn nicht Schiller’s Wort: „Ein
großes Beispiel weckt Nacheiferung“ für die Zukunft ähn
liche Baritonerien befürchten ließe. Da scheint es doch nicht
überflüssig, sich über die Natur solcher Rollen an der
Quelle, das heißt an der Pariser Opéra Comique, Rath
zu holen. Diese Oper hat in ihrem älteren und neueren
Repertoire eine Anzahl kleinerer Männer-Rollen, welche,
obgleich im Tenor- oder Violinschlüssel notirt, keineswegs
ausgesprochene Tenorpartien sind, sondern ebenso gut von
einem Bariton gesungen werden können und gesungen wer
den. Diese Rollen, in der Regel wichtiger durch ihre
schauspielerische als durch ihre gesangliche Wirkung, sind
die Domäne von Sängern, die wenig Stimme, aber das
Talent geistreicher Phrasirung und charakteristischer Darstel
lung besitzen. Der Ahnherr dieser echt französischen, für die
komische Oper ganz unentbehrlichen Sängerclasse war der
bekannte, ebenso unglückliche als talentvolle Trial, welcher,
ob seines politischen Gesinnungswechsels verfolgt und ge
ächtet, sich 1795 selbst den Tod gab. Rollen von der Art,
wie sie für Trial geschrieben, also weder der Tenor-, noch
der Baritonstimme ausschließlich zugedacht waren, sondern
einem musikalisch geschulten guten Schauspieler, sind noch
heutzutage in den französischen Partituren als „Trial“ be
zeichnet. Das weibliche Seitenstück zu Trial war seine be
rühmte Collegin Madame Dugazon, nach welcher man
noch immer Spielpartien, namentlich ältere Frauencharaktere
in der komischen Oper blos mit dem Namen „Dugazon“
benennt. Besitzt eine Opern-Direction in Frankreich für die
mitunter sehr wichtigen Trial-Rollen einen dafür passenden
Künstler, so theilt sie ihm dieselben zu, ohne zu fragen, ob
er sich für einen Tenor oder für einen Bariton halte. Die
Notirung im Violinschlüssel entscheidet da gar nicht, selbst
nicht die Bezeichnung „deuxième ténor“. So ist zum Bei
spiel Laërtes in „Mignon“ als deuxième ténor bezeichnet:
es war aber Couderc, der diese Rolle geschaffen, derselbe
berühmte Couderc, der in Baritonpartien wie Simeon in
„Joseph“ excellirt und zugleich der erste Künstler in allen
feinkomischen Rollen der Opéra Comique ist.
In der angeblichen Tenorpartie des Grafen Juliano
im „Domino noir“ hörte ich in Paris den Bariton Potel
und einige Tage später denselben Potel als Laërtes in
„Mignon“, also in der Rolle unseres Mayerhofer,
dem man gewiß keine „Tenorpartien“ zumuthet. Um beim
Grafen Juliano zu bleiben, so läßt ihn schon der natürliche
Contrast zu dem Tenor Massarena als Bariton erscheinen,
und ich habe die Rolle an verschiedenen Bühnen stets von
Baritonisten singen gehört, mitunter von trefflichen Darstel
lern des Don Juan, Hanns Heiling, Tell u. s. w. — Wie
für Couderc, so gibt es auch für seinen unübertrefflichen
Collegen Sainte-Foy in Paris keinen Unterschied zwi
schen Tenor- und Baritonpartien in seinem Fache. Er singt
heute den (überall von Bassisten dargestellten) Lord Kock
burn und morgen die Tenorpartie des Corentin in der
„Dinorah“. Ins Unzählige ließen sich diese Beispiele ver
mehren, welche beweisen, daß in den zweiten Rollen, komi
schen und Spielpartien der Opéra Comique jene strenge
Scheidung nicht existirt. Wer dort eine seinem Talente und
Rollenfache entsprechende Partie singen kann, der singt sie
auch ohne Widerrede. Wo dies nicht zu erwarten steht, da
wird man nach englischem oder amerikanischem Muster in
allen neuen Contracten die Verpflichtungen des Sängers
nicht weit genug definiren und in der Praxis nicht streng
genug auslegen können. Auf den „Schwarzen Domino“ im
neuen Opernhause zurückzukommen, er hat das Publicum
entzückt durch die Anmuth und Frische der Musik und durch
die trefflichen Leistungen Walter’s, Rokitansky’s und
der Minnie Hauck. Die letztgenannte Künstlerin gibt
die Titelrolle in Spiel und Gesang unübertrefflich. Die
Direction würde sich den Dank des Publicums verdienen,
wenn sie während des nur noch kurzen Engagements von
Minnie Hauck den „Schwarzen Domino“ und den gleich
falls lange zurückgesetzten „Fra Diavolo“ häufiger zur Auf
führung brächte.
In der „Stummen von Portici“ sang jüngst Herr
Scaria als Gast den Pietro. Einige Momente von Un
sicherheit und sein am Tactstab des Dirigenten haftender
Blick ließen vermuthen, daß Herr Scaria diese Rolle lange
nicht gesungen habe. Angelegt war sie wirksam, mitunter
eigenthümlich. Herr Scaria faßt den Pietro, der gewöhn
lich verschlossen, kalt, heimtückisch gespielt wird, viel jugend
licher und lebhafter. Die Rolle gewinnt dadurch eine un
gewöhnliche Energie; besonders in dem Zusammentreffen
mit dem flüchtigen Herzog im vierten Act gibt Herr Scaria
dem Zorn Pietro’s über den Edelmuth Masaniello’s den
lebendigsten Ausdruck. So weit konnte man an seiner Lei
stung Freude haben. Die Barcarole im fünften Act hin
gegen war verfehlt, das schöne Musikstück fiel einer neuen,
vielleicht pikanten Auffassung zum Opfer. Herr Scaria singt
die Barcarole in beschleunigtem Tempo, mit dem Ausdruck
schadenfroh-triumphirender Rachsucht, den er bis zu Tanz
bewegungen im Ritornell steigert, ähnlich wie sie Caspar
nach dem Trinkliede zu machen pflegt. Das widerspricht
sowol dem Text, einer Anrufung der Madonna in den Ge
fahren des Seesturmes, als dem Charakter der Melodie,
deren stimmungsvoller Reiz gerade in ihrem schwermüthigen
Ernste liegt. Ueberdies versagte der sichtlich angestrebte
große Effect in der Schlußphrase; nach der ziemlich schwer
fällig herabgerollten Scala schwang sich nämlich Herr Scaria
mit aller Macht auf das hohe E hinauf, eine ihm sehr un
günstige, weil hohl und trocken klingende Note, welche, so
herausfordernd ausgestellt, den Eindruck der pracht
vollen Mittellage Scaria’s verwischt. In Maske und Klei
dung sollte sich Herr Scaria mehr den Herren Adams
und Neumann nähern, weder seine Coiffüre noch die ballet
mäßig lichten Tricots stimmten zu dem Charakterbild des
neapolitanischen Fischers. Von großem Vortheil für das
Verständniß der Handlung war auch in dieser Oper Scaria’s
deutliche Aussprache. Wir hätten etwas davon den Dar
stellern Alfonso’s, Borella’s und Elvirens gewünscht, aus
deren rasch aufeinanderfolgenden Erzählungen im letzten Act
wir den ganzen Ausgang der Handlung erfahren sollen, was
aber nicht möglich ist, wenn man kein Wort von dem Ge
sungenen versteht. Frau Koch sang die wenig dankbare
Rolle der Elvira zum erstenmale und recht befriedigend. In
Masaniello’s Partie sollten sich eigentlich zwei Tenoristen,
ein lyrischer und ein heroischer, act- oder scenenweise theilen.
Herr Adams ist im Grunde doch nur ein anständiges
Surrogat für jeden dieser beiden Typen; er verdirbt weder
die lyrischen noch die heroischen Stellen, aber er entflammt
nicht mit diesen, rührt nicht mit jenen. Am besten gelang
ihm die Barcarole im zweiten Act, am schlechtesten das
Schlummerlied, welches spurlos vorüberging. Herr Pirk
(Herzog Alfonso) ist der beste Schusterlehrling, den sich
Hanns Sachs nur wünschen kann; kein Wunder, wenn seine
verschiedenen Don Alfonsos an das Lustspiel: „Der ver
wunschene Prinz“ erinnern. Uebrigens ist die Rolle des
Herzogs, welche im Original eine große Arie und ein Duett
mit Elvira hat, hier auf die bescheidenste Mitwirkung redu
cirt. Neu war Fräulein Mauthner in der Rolle der
Fenella. Abgesehen von dem unausweichlichen Rest heftiger
Rhythmik und conventioneller Zeichensprache, welcher jeder
Ballettänzerin in dieser Rolle anhaften bleibt, hat uns die
Leistung Fräulein Mauthner’s auf das angenehmste über
rascht. Ihr Spiel war nicht nur voll leidenschaftlichen
Ausdrucks, wo Fenella thätig in die Handlung eingreift oder
ihre Erlebnisse schildert, sondern auch wahr und empfunden
in den Scenen stummen Spiels. Denn so kann man in
dieser vollständigen stummen Rolle speciell jene (von den
Tänzerinnen meist vernachlässigten) Momente nennen, in
welchen Fenella unbeachtet und nur mit sich beschäftigt bei
seite steht. Die gewöhnliche, treffliche Darstellerin der Fenella,
Fräulein Salvioni, ist durch ihre ausdrucksvolle leiden
schaftliche Physiognomie vor Fräulein Mauthner begünstigt;
um so ehrenvoller für Letztere, daß sie an Wirkung nur wenig
hinter der Salvioni zurückstand und ihre Colleginnen Jacksch
und Schuller in der Fenella-Rolle weit überflügelte.