Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 3065. Wien, Donnerstag, den 6. März 1873 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 3065. Wien, Donnerstag, den 6. März 1873 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Wien 06.03.1873
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Musik. (Außerordentliches Concert der Gesellschaft der Musikfreunde.)

Ed. H. Händel’s Oratorium „Saul“ wurde am ver flossenen Freitag Abend unter Brahms Leitung im gro ßen Musikvereins-Saale aufgeführt, zum erstenmale in Wien aufgeführt. So befremdend, fast unglaublich Letzteres klingt, die Thatsache bleibt nichtsdestoweniger richtig. Wir mögen noch so ungeduldig in den alten Repertorien blättern, den Saul“ finden wir weder unter den geistlichen Concerten des Theaters an der Wien (1806, 1807 etc.), noch in den Musikfesten der „Gesellschaft der Musikfreunde“, welche (18121816) mit Händel’schen Oratorien ihre ersten Schritte ins Leben that, noch endlich bei der „Tonkünstler- Societät“, als sich diese aus ihrem ausschließlichen Haydn- Cultus aufraffte und von 1820 bis 1830Händel’sche Ora torien mit beiden Cantaten von Haydn abwechseln ließ. Selbst die großen Privat-Aufführungen bei von Swieten, diese erste Quelle, aus welcher für Wien Kenntniß und Pflege Händel’scher Musik strömte, blieben unberührt von Saul“. Mozart hat dieses Oratorium nicht, wie andere von Händel, durch verstärkte Instrumentirung den Zeitgenos sen nähergerückt, auch Mosel verschonte dasselbe mit sei ner wohlmeinenden, aber übelberathenen Bearbeiter-Passion. Hätte in Wien ein halbwegs regelmäßiger Händel-Cultus Bestand gewonnen, wie in England oder selbst in Nord deutschland, so würde ein Ignoriren des „Saul“ durch volle hundertunddreißig Jahre eine Unmöglichkeit gewesen sein. Für das periodische, immer erst nach mehrjähriger Pause stoß weise hervorbrechende Händel-Interesse in Wien genügte jedoch ein begrenzter Turnus von Aufführungen, welcher Samson“, „Jephta“, „Messias“, „Timotheus“, „Belsazarund „Judas Maccabäus“ einschloß. Der große Reichthum Händel’scher Production konnte in den sporadische Musik festen Alt-Wiens nicht erschöpft werden, und so war die Bekanntschaft des „Saul“ erst dem musikalisch reformirten neuen Wien vorbehalten. Es ist das Verdienst von Johannes Brahms, daß nunmehr dieses Oratorium, das wir unbedenklich zu dem Schönsten und Gewaltigsten

von Händel zählen, in würdigster Form hier zur Auffüh rung kam.

Saul“, zum erstenmale 1738 im Haymarket-Theater zu London aufgeführt, darf als das erste in der Reihe der großen geschichtlichen Oratorien Händel’s bezeichnet werden. Die mehr cantatenartigen — „Acis und Galathea“, „Athalia“, Alexanderfest“ — waren vorausgegangen. Das Textbuch, das, abgesehen von seiner enormen Ausdehnung, geschickt angelegt und nicht ohne poetische Empfindung ausgeführt ist, behandelt die Geschichte der letzten Regierungsjahre König Saul’s. Die rührende Gestalt des jugendlichen Hel den und Sängers David tritt hier in das Leben Saul’s, welcher Jenem anfangs Dankbarkeit und Freundschaft ent gegenbringt, um ihn bald darauf in Eifersucht und Zorn zu verfolgen. David entgeht dem Wurfspeer des Königs und stellt sich, nachdem Saul in der Schlacht gefallen, an die Spitze seines Volkes, das er zu neuem Glanze erhebt. Aus diesem historischen Bilde treten als leuchtende Neben figuren die beiden Kinder Saul’s, Jonathan und Michal, der treue Freund und die zärtliche Braut David’s heraus. Eine andere handelnde Person, die hochmüthige ältere Toch ter des Königs, Merab, wurde für die Wiener Aufführung vollständig beseitigt, zum Vortheile des Werkes, das trotz vieler Kürzungen drei Stunden lang spielte und in seiner ganzen Vollständigkeit wahrscheinlich bis gegen Mitternacht gedauert hätte.

Die Ouvertüre (eine aus vier ziemlich unvermittelten Sätzen bestehende „Symphonie“) ließ Brahms weislich fort und begann gleich mit dem kraftvollen Chor „Wie groß und hehr“. Die Exposition des Dramas — denn drama tisch ist fast die ganze Anlage des Werkes — gehört zu den vortrefflichsten: eine Siegesfeier zu Ehren David’s, welcher den Riesen Goliath zu Boden geschmettert. Einige zum Theile veraltete und reizlose Arien Michal’s, Merab’s und Jonathan’s lassen den nachfolgenden Triumphzug David’s, den Lobgesang und Jubeltanz der Töchter Judas, in wel chem Händel den populären Aufputz durch ein Glockenspiel nicht verschmäht, nur um so glänzender hervortreten. Saul’s eifersüchtiger Mißmuth unterbricht nur vorüber gehend die Feststimmung. Sein an die bekannte Polyphem- Arie erinnernder Gesang: „Im Busen hab’ ich genährt die

Schlange“, welchen Händel’s Publicum wahrscheinlich als vollendeten musikalischen Ausdruck heroischen Zornes bewun derte, hat für uns einen entschiedenen Anflug von Buffo styl, wie denn auch Jonathan’s Arie im Drei-Achtel-Tact mit dem mazurka-artigen Accent auf die schwachen Tacttheile („Rang und Hoheit sind mir Tand“) in einem komischen Singspiele stehen könnte. In solchen Dingen wechselt die musikalische Empfindungsweise verschiedener Zeiten. Eigen sinnige Händel-Anbeter, welche das Rad der Zeit zurück drehen wollen und uns beweisen, daß unsere Voreltern im mer Recht und wir immer Unrecht haben, ändern daran nicht das Allergeringste. Die erwähnte Arie Saul’s, welche angeblich damit schließt, daß der König den Wurfspieß gegen David schleudert, weist übrigens auf eine Anomalie der gan zen Gattung, auf einen jener selten ganz zu vermeidenden Punkte, in welchen das Oratorium als eine unausge wachsene Oper erscheint. Daß Jemand einen Speer nach seinem Gegner wirft, dieser aber unverletzt entkommt, das müssen wir entweder sehen (dramatisch) oder eine der Per sonen muß es uns erzählen (episch). Wenn aber, wie in Händel’s „Saul“, blos das Textbuch die eingeklammerte Bemerkung enthält: „Saul wirft seinen Speer, David ent flieht“, so ist das ein ganz unzureichender Behelf und für die Anschauung so gut wie nicht vorhanden. Ungemein zart und fast modern angehaucht ist das zweistrophige Lied Da vid’s in F-dur, das die Bettelheim so überaus schön vortrug. Mit einer imposanten Fuge voll dramatischen Le bens: „Errette ihn“, schließt die erste Abtheilung.

Der viel kürzere zweite Theil des Oratoriums stellt die einzelnen Personen mehr in den Vordergrund. Von genialer Kraft und Charakteristik ist der berühmte einleitende Chor: „Neid, du ältester Sohn der Hölle!“, mit seinem aus der absteigenden Es-dur-Scala gebildeten, unermüdlich wieder holten Basso continuo; rührend in seiner Einfachheit die Arie Jonathan’s: „O frevle nicht!“ Hingegen klingt uns das Liebesduett zwischen David und Michal in seinem phleg matisch wiegenden Sechs-Achtel-Tact doch gar zu spielend; man denkt dabei eher an zwei Kinder, die ein Geburtstagsgedicht aufsagen, als an ein Brautpaar, das böse Tage hinter sich hat und nun den glücklichsten entgegengeht. Der Schluß chor zeigt uns Händel wieder in seiner ganzen Heldengröße.

Dieser Chor: „O blinde Raserei!“ gehört zu jenen von höch ster Kunst geschaffenen und doch allgemein verständlichen, überwältigenden Musikstücken, wie sie nur Händel geschrie ben. Wie scharf und tief einschneidend wirkt insbesondere der langsame Satz: „Auf Schuld häufe Schuld“ mit seinem furchtbar bedeutsamen Septimen-Absturz von h nach cis!

Der dritte Theil ist die Krone dieses Oratoriums. Er beginnt mit Saul’s Wallfahrt zur Hexe von Endor, welche auf sein Verlangen den Geist Samuel’s beschwört. Die Scene entwickelt sich vollkommen dramatisch und verfehlt nur insofern ihre Wirkung, als die Darstellung der Hexe durch einen Tenor von einem komischen Beigeschmack nicht zu trennen ist. Samuel weissagt den bevorstehenden Unter gang Saul’s, welcher, allzu unscheinbar für den Helden des Stückes, sofort aus der Reihe der handelnden Personen ver schwindet. Ein vom Schlachtfelde kommender Soldat mel det den Tod Saul’s und Jonathan’s. Von diesem Momente wird die Handlung zur Leichenfeier für die beiden gefalle nen Helden; es ist das schönste und großartigste musikalische Requiem, das wir kennen. Zuerst der berühmte Trauer marsch in C-dur, der bei keinem vornehmen Leichenbegäng niß in England fehlen darf, ein Musikstück von feierlichstem Charakter bei nahezu unbegreiflicher Einfachheit. Hierauf der mächtige Trauerchor: „Klage, Israel“, dessen Beglei tungsfigur Spohr in der Introduction zur „Jessonda“ (Lei chenfeier des Rajah) vorgeschwebt haben mag. Nach dem Klaggesang stimmt David ein Loblied von volksthümlicher, rührender Einfachheit an. Es ist ein großartig schöner Zug, daß die Trauernden, nachdem sie sich in Schmerz und Kla gen ersättigt, sich glücklichen Erinnerungen an das Verlorene hingeben; wie schön das war, wenn Jonathan seinen Bogen spannte oder der gewaltige Saul das Schwert zum Kampfe zog! Noch einmal gewinnt der Schmerz die Oberhand: ein Klaggesang David’s mit Chor („O schwerer Tag!“) läßt ihn in männlich würdigen Klängen ausströmen. Mit einer Hinweisung auf den ruhmvollen Glanz, den David vom Throne Saul’s über sein Volk verbreiten werde, ge winnt die Stimmung wieder zuversichtlichen Muth, und das Oratorium schließt unter hellem Trompetenklang mit dem allgemeinen herzhaften Aufruf: „Gürt’ um den Schwert!“

Die Aufführung des „Saul“ kam durch ein Zusam menwirken seltener Kräfte zu Stande, die sich für ihre

hohe Aufgabe freudig anzuspannen schienen. Man sah es jedem der Musiker an, vom Dirigenten bis zum Pauken schläger, daß er mit Lust und Liebe an dem Werke mit arbeite. Der beste Dank gebührt Frau Caroline Bet telheim-Gomperz, welche den David, die hervor ragendste und sympathischeste Figur dieses Oratoriums, mit prachtvoller Stimme und edlem Ausdrucke sang. Für die echt künstlerische Bereitwilligkeit, mit welcher diese Frau, auch nach ihrem Scheiden von der Bühne, ihr Talent un gesäumt und uneigennützig zur Verfügung stellt, wo es sich um die Aufführung eines Meisterwerkes handelt, ist kein Lob groß genug. Als die Philharmoniker kürzlich Beet hoven’s Neunte Symphonie gaben, kam Frau Bettelheim- Gomperz eigens nach Wien, um die Altstimme in dem Solo quartett zu singen, eine schwierige, wichtige Aufgabe, welche in Bezug auf Beifall nicht nur nicht dankbar, sondern eigent lich gar nicht ist. Für die Partie des David war ursprüng lich Frau Amalie Joachim bestimmt, welche aber, durch Fa milien-Verhältnisse in Berlin festgehalten, ihr Ausbleiben entschuldigte. Da war es wieder unsere Bettelheim, welche, weit entfernt von jeder Empfindlichkeit, sofort für Frau Joachim eintrat, die Partie in acht Tagen studirte und so die Aufführung des „Saul“ ermöglichte, deren schönste Zier sie wurde. Freuen wir uns, daß diese Künstlerin jetzt wieder bleibend in unserer Mitte weilt. Allein nicht blos David, auch die übrigen Solopartien waren in den besten Händen. Frau Dustmann sang mit hingebender Begeisterung die mitunter anstrengend hochliegende Partie der Michal: Herr Scaria wirkte als Saul durch die Gewalt seines Organs nicht minder, als durch die nachdrückliche Deutlichkeit seiner Recitation: Herr Walter endlich, vortrefflich bei Stimme, war ein Jonathan voll Zärtlichkeit und Wärme der Empfin dung. Auch wollen wir nicht so vergeßlich sein, wie der Concertzettel, welcher den tüchtigen Bassisten Herrn Maaß zu nennen unterließ. Die Hauptperson in jedem Händel’schen Oratorium bleibt im Grunde doch der Chor. Unser rühm lich bewährter „Singverein“, der sich unter Brahms Leitung sichtlich wohlbefindet, leistete im „Saul“ sein Bestes. Und so blieb denn dieser Abend von Anfang bis zu Ende ein ungetrübt schöner und erhebender, ein Musikfest im voll sten Sinne des Wortes.