Concerte.
Ed. H. Wem in neuester Zeit unsere Concert-Feuille
tons zu oft kommen, der bedenke gefälligst, daß uns die
Concerte auch zu oft kommen. Kein Tag, der jetzt nicht
ein Concert ausbrütet, und keine Woche, wo sie nicht irgend
einmal paarweise auskriechen. So fand kürzlich zur selben
Stunde die Production des Orchestervereins im
Musikvereinssaal und ein Concert von Fräulein Gabriele
Joël bei Bösendorfer statt. Man kennt Fräulein Joël
seit Jahren als virtuose Pianistin; aber eben deßhalb darf
sie uns nicht zürnen, daß wir um einer noch unbekannten
Pianistin willen den Weg zum Musikverein einschlugen.
Leicht war er nicht, dieser Weg, denn es hatte stark gereg
net, und die beiden Musikvereinssäle, meerumschlungen wie
Schleswig-Holstein, spotteten förmlich jedes Angriffes. Wie
gewöhnlich, wagte sich auch auf zwei Meilen keine Mieth
kutsche in die Nähe der Insel. Dieses fürsorgliche Verhal
ten unserer Gesellschaft der Musik-, aber nicht Menschen
freunde blieb nicht ohne Einfluß auf den Concertbesuch, und
der Orchesterverein, welcher sonst wie die Sonne „kein
Weißes duldet“, spielte diesmal vor stark gelichteten Bän
ken. Den Anfang machte Catel’s Ouvertüre zu „Semi
ramis“, dieses Prototyp des theatralisch-pathetischen Orche
sterstyls der französischen Revolutions- und Kaiserzeit.
Hierauf spielte Herr Wilhelm Junck unter lebhaftem Bei
fall Mendelssohn’s schönes Violinconcert. Wäre sein Spiel
in Bezug auf Reinheit und Rundung des Tones nur halb
so ausgebildet wie in der Bravour, und seine linke Hand so
zuverlässig und behend wie sein (besonders in Arpeggien ex
cellirender) rechter Arm, so könnte man zufrieden sein. Aber
der hübsche junge Mann mit dem feinsinnlichen, echt musi
kalischen Kopf hat eine bedenkliche Neigung zum Falschspie
len; in Homburg oder Wiesbaden wäre es ihm an diesem
Abend schlimm ergangen. Das Interesse des Auditoriums
concentrirte sich hauptsächlich auf Frau Emilie Heßler,
welche Beethoven’s C-moll-Concert mit kraftvollem Anschlag
und tadelloser Sicherheit vortrug. Gattin des Dirigenten
unseres Orchestervereins und Tochter des um das Prager
Musikleben hochverdienten Violin-Virtuosen Mildner, ist
diese Dame, durch Geburt und Verheiratung, doppelt musi
kalisch. Ihr erstes öffentliches Auftreten glückte vollständig
und reiht Frau Heßler fortan unter unsere vorzüglichsten
Dilettantinnen.
Der Wiener Männergesang-Verein gab seine
zweite statutenmäßige Production unter der Leitung der Chor
meister Weinwurm und Kremser. Von den darin
wiederholten Repertoirestücken waren uns Schubert’s
23. Psalm, dieser silberhelle Strom erquickender Musik,
und Schumann’s ebenso kunstvolles als tiefpoetisches
Ritornell („Die Rose stand im Thau“) die willkom
mensten. Für Esser’s allerwärts beliebten Chor: „Der
Frühling ist ein starker Held“ haben wir uns niemals er
wärmen können, die Declamation ist doch zu haarsträubend.
Daß trotzdem an dieser stimmgerecht gesetzten und lebhaft
pulsirenden Composition ein unfehlbarer Effect haftet, hat
die jüngste Aufführung neuerdings bewiesen. Mit Spannung
horchten wir einer Novität aus Schumann’s Nachlaß:
„Der Eidgenossen Nachtwache“. Von Schumann erwarten
wir immer etwas Eigenthümliches, in seiner Art Bedeuten
des und mußten um so schmerzlicher enttäuscht sein, als
sich diese „Nachtwache“ nicht über die Capellmeister-Musik
im gebräuchlichen Liedertafelstyl emporheben wollte. Daß
dieser Chor eine ziemlich laue Aufnahme fand, konnte uns
nicht wundern; erst später, als wir sahen, welche Mittel
mäßigkeiten enthusiastisch applaudirt wurden, gestatteten wir
uns für Schumann doch einiges nachträgliche Erstaunen.
Dürrner’s „Sturmbeschwörung“ ist Coulissen-Malerei
und keine von der besten Sorte. Ein von Leopold Lands
kron componirter Chor: „Perser-Gebet“, bestätigte neuer
dings, welch musikalisch gefährlicher Poet Hermann Lingg
ist. Der Composition selbst können wir kaum etwas An
deres nachrühmen, als die sorgfältige Declamation. Bei
sehr mäßiger musikalischer Erfindung und fortwährendem
Ringen nach sublimstem Ausdrucke ist sie prätentiös und er
müdend. Wirksamer durch melodiöse Behandlung sind die
„Toscanischen Lieder“ von Rudolph Weinwurm, eine
Art italienisches Liederspiel, welches sein Vorbild, das „spa
nische“ von Schumann, nicht verleugnen kann. Gar manche
Stellen entfalten eine gefällige Anmuth, andere wieder thun
der volksthümlichen Einfachheit des Textes Gewalt an.
Weinwurm’s Talent dünkt uns wie eine angenehme schwache
Stimme, die um keinen Preis forcirt werden darf. In
dieser Hinsicht ziehen wir den natürlicheren Fluß seiner
„Alpenstimmen aus Oesterreich“ vor, deren Aufführung sich
lohnen würde. Eine wohlthuende Unterbrechung der Ge
sangsnummern verdanken wir Herrn Doppler, welcher
eine Idylle eigener Composition mit Begleitung von vier
Waldhörnern auf der Flöte blies. So reizend vorgetragen,
trägt dieses anspruchslose Stück seinen Namen: „Wald
vöglein“ mit Ehren; ein wahres Nachtigallen-Solo. Die
Wirkung desselben ist auf das geschickteste berechnet und
dadurch erhöht, daß das Hornquartett in beträchtlicher Ent
fernung hinter dem Flötenspieler sich befindet.
Nachdem die Kammersängerin Fräulein Helene Mag
nus und Herr Julius Epstein zum zweitenmal den Kreis
ihrer Verehrer um sich versammelt hatten, producirte sich
Herr Hermann Riedel im Bösendorfer’schen Saal als
Pianist und Compositeur. Man muß vor Allem als Mensch
sehr geschätzt und beliebt sein, wenn man in Wien ein so
volles Concert wie Herr Riedel zuwege bringt. Unser Pu
blicum kann bei der Ueberfülle von Einzelconcerten unmög
lich viel Empfänglichkeit dafür haben; selten ist es zahlreich,
noch seltener zahlend. Angesichts der unabsehbaren Concert
zettel begreift man oft kaum, wo all’ diese zum Theile ganz
unbekannten Virtuosen überhaupt Leute hernehmen. Hector
Berlioz pflegte eine hübsche Geschichte von einem Pariser
Pianisten zu erzählen, welcher kein Concert zu Stande brin
gen konnte, da auch die Freibillette regelmäßig unbenützt
blieben. Da kam er auf die Idee, ein Concert mit dem
Beisatze anzukündigen, es werde jedem Zuhörer am Schluß
eine Tasse Chocolade servirt werden. Sofort besuchten ihn
einige junge Leute mit der bescheidenen Anfrage, ob es nicht
möglich wäre, die Tasse Chocolade zu bekommen, ohne
das Concert anzuhören? Da wurde unser Pianist wüthend
und gab weder Musik noch Chocolade. Eine andere Lieb
lingsgeschichte von Berlioz — es ist vielleicht sehr unvor
sichtig von mir, sie weiter zu erzählen — war folgende:
Berlioz war als Musik-Kritiker des Journal des Debats in
einer besonders anstrengenden Concertsaison caput geworden
und mußte einige Tage das Zimmer hüten. Da kommt ein
wildfremder Mann zu ihm, stellt sich als Violin-Virtuose
vor und erbittet sich Berlioz’ Anwesenheit bei seinem mor
gigen Concert. Berlioz versichert, daß ihm dies unmöglich
sei. „Auf diese Antwort war ich gefaßt,“ erwiderte der un
erschrockene Concertgeber, „ich habe deßhalb meine Geige und
die Noten gleich mitgebracht und werde die Ehre haben,
Ihnen meine Concertnummern jetzt vorzuspielen.“ Obgleich
Berlioz, wie kürzlich Bismarck in der preußischen Kammer,
„einiges Recht, müde zu sein“, in Anspruch nehmen durfte,
blieb ihm doch keine Note geschenkt.
Hermann Riedel, der schwärmerische Eusebius unter
den jüngeren Wiener Componisten, ist ein Musiker von echter,
zarter Empfindung. Letztere findet in manchen seiner Lieder
überzeugende Töne, in anderen wird sie zu schwelgerischer
Empfindsamkeit und zerrüttet die einheitlichen Grundfesten
des musikalischen Baues. In seinem neuesten, von Fräulein
Ehnn und Herrn Walter überaus schön vorgetragenen
Lieder-Cyklus aus Scheffel’s „Trompeter von Säckingen“ ge
wahren wir einen erfreulichen Fortschritt des begabten Com
ponisten. Es dürfte ihm allmälig gelingen, des Zerfließenden,
Weichlichen Herr zu werden und dem blühenden Fleische sei
ner Musik auch festere Knochen zu geben. Polyphone und
contrapunktische Arbeiten werden ihn am besten fördern. Als
tüchtiger Pianist bewährte sich Herr Riedel in dem Vortrag
der Beethoven’schen As-dur-Sonate op. 110 und zweier un
erquicklicher, wenigstens für den Concertsaal unpassender „Stim
mungen“ von Hermann Grädener. Interessant war eine
von Riedel zum erstenmal gespielte, bisher unbekannte Ma
zurka von Chopin. Dieses graziöse herzhafte Stück er
scheint demnächst bei Gotthard, welcher ohne Zweifel
die Echtheit der über ein Vierteljahrhundert versteckt geblie
benen Reliquie authentisch nachweisen wird. Aus der Musik
selbst, ohne Einblick in das Autograph, würde ich dafür nicht
einzustehen wagen, obwol keine inneren Gründe gegen diese
Echtheit sprechen. So prägnant die Chopin’schen Mazurkas
bei ihrem Erscheinen von allem Bekannten abstachen, ihr
Styl ist seither typisch geworden und den jüngeren polnischen
Componisten völlig in Fleisch und Blut übergegangen. Ich
kenne mehr als Eine reizende Mazurka von Mikuli, Graf
Zaluski und Anderen, die man unbedenklich für Chopin’sche
ausgeben könnte.
Seit Monaten machten große Concertplacate darauf
aufmerksam, daß Herr Hellmesberger seine zweihun
dertste Quartett-Soirée geben werde. Daß ich über diese
Production nicht berichten kann, wird man mir hoffentlich
nicht als schweres Versäumniß anrechnen. Die drei vorge
tragenen Quartette (Haydn, Schubert, Beethoven) haben
wir von Hellmesberger oft und oft gehört; seine hervorra
genden Verdienste um das öffentliche Quartettspiel und die
Einbürgerung Schubert’s und des späteren Beethoven habe
ich in zahlreichen Kritiken und zu dauerhafterer Erinnerung
in der „Geschichte des Wiener Concertwesens“ eingehend
gewürdigt. Was also zu besprechen übrig bliebe, ist lediglich
eine zwischen dem Gefeierten und seinem Stammpublicum
abgespielte Familien-Rührscene mit Lorbeerkränzen, Anreden,
Ehrengeschenken, hundert Hervorrufen und tausend gerührt
abwehrenden Bücklingen und was sonst noch die zunächst
Betheiligten interessiren kann. Ich bedauere, daß mir für
derlei Exhibitionen maßloser Gemüthlichkeit der rechte Sinn
fehlt, weßhalb ich lieber zu beschreiben unterlasse, was richtig
zu genießen mir versagt ist. Ueberdies wird sich das Ver
säumte wol bald nachholen lassen; da Hellmesberger’s
Quartett-Unternehmung im Jahre 1849 begann, so steht
uns ohne Zweifel im nächsten Jahre die Feier ihres fünf
undzwanzigjährigen Jubiläums in Aussicht.
Das siebente „Philharmonische Concert“
begann mit Gade’s bekannter B-dur-Symphonie, einer
liebenswürdigen, von wählerischem Geschmack geglätteten
Tondichtung. Nicht zu verhehlen ist es, daß man auf seine älteren
Compositionen zurückgreifen muß, wenn man Gade, wie er
es verdient, dem Concert-Repertoire erhalten will. Der
noch immer rastlos schaffende Componist hat sich schnell
ausgegeben und trotz aller redlichen Bemühung seine
ersten Erfolge nie wieder eingeholt. Seine späteren Sym
phonien und Cantaten, seine Ouvertüren zu „Hamlet“ und
„Michel Angelo“ beweisen das. Die Gade’sche Symphonie, welche
wundervoll gespielt wurde, fand im Publicum warmen An
theil, wenn auch keinen enthusiastischen. Dasselbe gilt von
Haydn’sG-dur-Symphonie (Nr. 7) mit dem köstlichen
Dudelsack-Trio im Menuet. Musterhafte Aufführungen, wie
die unserer Philharmoniker, haben eine große Macht, und
es verdient alles Lob, daß man diese Macht auch für
Haydn ins Treffen schickt. Die Symphonien dieses Meisters,
welche eine aufs Gewaltsame gestellte Zeit nicht mehr an
erkennen will, dürfen trotzdem unseren großen Concerten
niemals ganz verloren gehen. Lebhaften Beifall erntete ein
Capriccio für Orchester von Hermann Grädener, ein
recht geistreich erfundenes und pikant instrumentirtes Ton
stück. Auf anhaltendes Rufen und Beifallklatschen holte
Dessoff den Componisten aus seinem bescheidenen Versteck
und stellte ihn dem Publicum vor. Eine andere Novität
war Liszt’sOrchester-Bearbeitung des Schubert’schen
Trauermarsches in Es-moll (Nr. 5 der „Sechs heroischen
Märsche“ zu vier Händen). Wie die Composition als Clavier
stück vorliegt, ist sie echt schubertisch gesangvoll, natürlich
hinfließend, aber keineswegs bedeutend; das Trio in Es-dur,
das für einen Trauermarsch doch gar zu vergnügt klingt,
wird in seiner harmonischen und rhythmischen Einfachheit und
dürftigen Achtelbegleitung in so häufiger Wiederholung ge
radezu ermüdend. Was hat aber Liszt aus dieser kleinen
Zeichnung zu machen gewußt! Ein imposantes, farbenpräch
tiges Bild, an dem man sich nicht sattsehen kann und das
immer neue coloristische Wunder enthüllt. Das ist wahre
Poesie der Instrumentirung, zum Unterschied von jener herz
losen technischen Geschicklichkeit, die man an so vielen mo
dernen Orchesterstücken loben muß. Wie das Thema erst
im Dunkel der Violen und tiefen Clarinett-Töne erscheint,
dann lichter wird durch Hinzutreten von Geigen und Flöten,
wie endlich im zweiten Theil nach und nach Hörner, Trom
peten und die drei Posaunen nebst Tuba einen feierlichen
Glanz wie brennendes Abendroth darüber breiten, das ent
zieht sich jeder Beschreibung. Und jenes Dur-Trio, wie weiß
es Liszt durch wechselnde, fein abgestufte Instrumentirung
zu bereichern und zu heben! Zuerst bringen die Celli in
gesangvoller Tenorlage die Melodie, dann die Violinen auf
der G-Saite, endlich Waldhorn, Clarinett und Flöte über einer
durch Triolen leicht belebten Begleitung der Geigen. Im
zweiten Theil des Trios bläst das erste Horn Solo, ohne
Dämpfer, die drei tieferen Hörner secundiren gedämpft, wäh
rend zwei Flöten in gebundenen Arpeggien sachte darüber
flattern; endlich erfassen alle Geigen und Celli unisono und
in Octaven das Thema und steigern es zu höchster Kraft,
worauf ganz zum Schluß noch eine neue Wendung uns
überrascht: die Melodie in den Oboën. Diese Bearbeitung
Liszt’s ist in ihrer Genialität geradezu eine Neuschöpfung
zu nennen, und doch wird kein Tact des Originals durch
sie geändert, keine Schubert’sche Note Lügen gestraft. Wenn
Schubert seinen Marsch in Liszt’s Instrumentirung hören
könnte, ich glaube, er würde denselben bewundernden Aus
ruf thun, den man Voltaire nacherzählt, als dieser eine
seiner Tragödien-Rollen von der Clairon unübertrefflich
spielen sah: „Bin ich es, der das gemacht hat?“