Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 3071. Wien, Mittwoch, den 12. März 1873 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 3071. Wien, Mittwoch, den 12. März 1873 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Wien 12.03.1873
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Concerte.

Ed. H. Wem in neuester Zeit unsere Concert-Feuille tons zu oft kommen, der bedenke gefälligst, daß uns die Concerte auch zu oft kommen. Kein Tag, der jetzt nicht ein Concert ausbrütet, und keine Woche, wo sie nicht irgend einmal paarweise auskriechen. So fand kürzlich zur selben Stunde die Production des Orchestervereins im Musikvereinssaal und ein Concert von Fräulein Gabriele Joël bei Bösendorfer statt. Man kennt Fräulein Joël seit Jahren als virtuose Pianistin; aber eben deßhalb darf sie uns nicht zürnen, daß wir um einer noch unbekannten Pianistin willen den Weg zum Musikverein einschlugen. Leicht war er nicht, dieser Weg, denn es hatte stark gereg net, und die beiden Musikvereinssäle, meerumschlungen wie Schleswig-Holstein, spotteten förmlich jedes Angriffes. Wie gewöhnlich, wagte sich auch auf zwei Meilen keine Mieth kutsche in die Nähe der Insel. Dieses fürsorgliche Verhal ten unserer Gesellschaft der Musik-, aber nicht Menschen freunde blieb nicht ohne Einfluß auf den Concertbesuch, und der Orchesterverein, welcher sonst wie die Sonne „kein Weißes duldet“, spielte diesmal vor stark gelichteten Bän ken. Den Anfang machte Catel’s Ouvertüre zu „Semi ramis“, dieses Prototyp des theatralisch-pathetischen Orche sterstyls der französischen Revolutions- und Kaiserzeit. Hierauf spielte Herr Wilhelm Junck unter lebhaftem Bei fall Mendelssohn’s schönes Violinconcert. Wäre sein Spiel in Bezug auf Reinheit und Rundung des Tones nur halb so ausgebildet wie in der Bravour, und seine linke Hand so zuverlässig und behend wie sein (besonders in Arpeggien ex cellirender) rechter Arm, so könnte man zufrieden sein. Aber der hübsche junge Mann mit dem feinsinnlichen, echt musi kalischen Kopf hat eine bedenkliche Neigung zum Falschspie len; in Homburg oder Wiesbaden wäre es ihm an diesem Abend schlimm ergangen. Das Interesse des Auditoriums concentrirte sich hauptsächlich auf Frau Emilie Heßler, welche Beethoven’s C-moll-Concert mit kraftvollem Anschlag und tadelloser Sicherheit vortrug. Gattin des Dirigenten unseres Orchestervereins und Tochter des um das Prager Musikleben hochverdienten Violin-Virtuosen Mildner, ist

diese Dame, durch Geburt und Verheiratung, doppelt musi kalisch. Ihr erstes öffentliches Auftreten glückte vollständig und reiht Frau Heßler fortan unter unsere vorzüglichsten Dilettantinnen.

Der Wiener Männergesang-Verein gab seine zweite statutenmäßige Production unter der Leitung der Chor meister Weinwurm und Kremser. Von den darin wiederholten Repertoirestücken waren uns Schubert’s 23. Psalm, dieser silberhelle Strom erquickender Musik, und Schumann’s ebenso kunstvolles als tiefpoetisches Ritornell („Die Rose stand im Thau“) die willkom mensten. Für Esser’s allerwärts beliebten Chor: „Der Frühling ist ein starker Held“ haben wir uns niemals er wärmen können, die Declamation ist doch zu haarsträubend. Daß trotzdem an dieser stimmgerecht gesetzten und lebhaft pulsirenden Composition ein unfehlbarer Effect haftet, hat die jüngste Aufführung neuerdings bewiesen. Mit Spannung horchten wir einer Novität aus Schumann’s Nachlaß: Der Eidgenossen Nachtwache“. Von Schumann erwarten wir immer etwas Eigenthümliches, in seiner Art Bedeuten des und mußten um so schmerzlicher enttäuscht sein, als sich diese „Nachtwache“ nicht über die Capellmeister-Musik im gebräuchlichen Liedertafelstyl emporheben wollte. Daß dieser Chor eine ziemlich laue Aufnahme fand, konnte uns nicht wundern; erst später, als wir sahen, welche Mittel mäßigkeiten enthusiastisch applaudirt wurden, gestatteten wir uns für Schumann doch einiges nachträgliche Erstaunen. Dürrner’sSturmbeschwörung“ ist Coulissen-Malerei und keine von der besten Sorte. Ein von Leopold Lands kron componirter Chor: „Perser-Gebet“, bestätigte neuer dings, welch musikalisch gefährlicher Poet Hermann Lingg ist. Der Composition selbst können wir kaum etwas An deres nachrühmen, als die sorgfältige Declamation. Bei sehr mäßiger musikalischer Erfindung und fortwährendem Ringen nach sublimstem Ausdrucke ist sie prätentiös und er müdend. Wirksamer durch melodiöse Behandlung sind die Toscanischen Lieder“ von Rudolph Weinwurm, eine Art italienisches Liederspiel, welches sein Vorbild, das „spa nische“ von Schumann, nicht verleugnen kann. Gar manche Stellen entfalten eine gefällige Anmuth, andere wieder thun der volksthümlichen Einfachheit des Textes Gewalt an. Weinwurm’s Talent dünkt uns wie eine angenehme schwache

Stimme, die um keinen Preis forcirt werden darf. In dieser Hinsicht ziehen wir den natürlicheren Fluß seiner Alpenstimmen aus Oesterreich“ vor, deren Aufführung sich lohnen würde. Eine wohlthuende Unterbrechung der Ge sangsnummern verdanken wir Herrn Doppler, welcher eine Idylle eigener Composition mit Begleitung von vier Waldhörnern auf der Flöte blies. So reizend vorgetragen, trägt dieses anspruchslose Stück seinen Namen: „Wald vöglein“ mit Ehren; ein wahres Nachtigallen-Solo. Die Wirkung desselben ist auf das geschickteste berechnet und dadurch erhöht, daß das Hornquartett in beträchtlicher Ent fernung hinter dem Flötenspieler sich befindet.

Nachdem die Kammersängerin Fräulein Helene Mag nus und Herr Julius Epstein zum zweitenmal den Kreis ihrer Verehrer um sich versammelt hatten, producirte sich Herr Hermann Riedel im Bösendorfer’schen Saal als Pianist und Compositeur. Man muß vor Allem als Mensch sehr geschätzt und beliebt sein, wenn man in Wien ein so volles Concert wie Herr Riedel zuwege bringt. Unser Pu blicum kann bei der Ueberfülle von Einzelconcerten unmög lich viel Empfänglichkeit dafür haben; selten ist es zahlreich, noch seltener zahlend. Angesichts der unabsehbaren Concert zettel begreift man oft kaum, wo all’ diese zum Theile ganz unbekannten Virtuosen überhaupt Leute hernehmen. Hector Berlioz pflegte eine hübsche Geschichte von einem Pariser Pianisten zu erzählen, welcher kein Concert zu Stande brin gen konnte, da auch die Freibillette regelmäßig unbenützt blieben. Da kam er auf die Idee, ein Concert mit dem Beisatze anzukündigen, es werde jedem Zuhörer am Schluß eine Tasse Chocolade servirt werden. Sofort besuchten ihn einige junge Leute mit der bescheidenen Anfrage, ob es nicht möglich wäre, die Tasse Chocolade zu bekommen, ohne das Concert anzuhören? Da wurde unser Pianist wüthend und gab weder Musik noch Chocolade. Eine andere Lieb lingsgeschichte von Berlioz — es ist vielleicht sehr unvor sichtig von mir, sie weiter zu erzählen — war folgende: Berlioz war als Musik-Kritiker des Journal des Debats in einer besonders anstrengenden Concertsaison caput geworden und mußte einige Tage das Zimmer hüten. Da kommt ein wildfremder Mann zu ihm, stellt sich als Violin-Virtuose vor und erbittet sich Berlioz’ Anwesenheit bei seinem mor gigen Concert. Berlioz versichert, daß ihm dies unmöglich

sei. „Auf diese Antwort war ich gefaßt,“ erwiderte der un erschrockene Concertgeber, „ich habe deßhalb meine Geige und die Noten gleich mitgebracht und werde die Ehre haben, Ihnen meine Concertnummern jetzt vorzuspielen.“ Obgleich Berlioz, wie kürzlich Bismarck in der preußischen Kammer, „einiges Recht, müde zu sein“, in Anspruch nehmen durfte, blieb ihm doch keine Note geschenkt.

Hermann Riedel, der schwärmerische Eusebius unter den jüngeren Wiener Componisten, ist ein Musiker von echter, zarter Empfindung. Letztere findet in manchen seiner Lieder überzeugende Töne, in anderen wird sie zu schwelgerischer Empfindsamkeit und zerrüttet die einheitlichen Grundfesten des musikalischen Baues. In seinem neuesten, von Fräulein Ehnn und Herrn Walter überaus schön vorgetragenen Lieder-Cyklus aus Scheffel’s „Trompeter von Säckingen“ ge wahren wir einen erfreulichen Fortschritt des begabten Com ponisten. Es dürfte ihm allmälig gelingen, des Zerfließenden, Weichlichen Herr zu werden und dem blühenden Fleische sei ner Musik auch festere Knochen zu geben. Polyphone und contrapunktische Arbeiten werden ihn am besten fördern. Als tüchtiger Pianist bewährte sich Herr Riedel in dem Vortrag der Beethoven’schen As-dur-Sonate op. 110 und zweier un erquicklicher, wenigstens für den Concertsaal unpassender „Stim mungen“ von Hermann Grädener. Interessant war eine von Riedel zum erstenmal gespielte, bisher unbekannte Ma zurka von Chopin. Dieses graziöse herzhafte Stück er scheint demnächst bei Gotthard, welcher ohne Zweifel die Echtheit der über ein Vierteljahrhundert versteckt geblie benen Reliquie authentisch nachweisen wird. Aus der Musik selbst, ohne Einblick in das Autograph, würde ich dafür nicht einzustehen wagen, obwol keine inneren Gründe gegen diese Echtheit sprechen. So prägnant die Chopin’schen Mazurkas bei ihrem Erscheinen von allem Bekannten abstachen, ihr Styl ist seither typisch geworden und den jüngeren polnischen Componisten völlig in Fleisch und Blut übergegangen. Ich kenne mehr als Eine reizende Mazurka von Mikuli, Graf Zaluski und Anderen, die man unbedenklich für Chopin’sche ausgeben könnte.

Seit Monaten machten große Concertplacate darauf aufmerksam, daß Herr Hellmesberger seine zweihun dertste Quartett-Soirée geben werde. Daß ich über diese Production nicht berichten kann, wird man mir hoffentlich nicht als schweres Versäumniß anrechnen. Die drei vorge

tragenen Quartette (Haydn, Schubert, Beethoven) haben wir von Hellmesberger oft und oft gehört; seine hervorra genden Verdienste um das öffentliche Quartettspiel und die Einbürgerung Schubert’s und des späteren Beethoven habe ich in zahlreichen Kritiken und zu dauerhafterer Erinnerung in der „Geschichte des Wiener Concertwesens“ eingehend gewürdigt. Was also zu besprechen übrig bliebe, ist lediglich eine zwischen dem Gefeierten und seinem Stammpublicum abgespielte Familien-Rührscene mit Lorbeerkränzen, Anreden, Ehrengeschenken, hundert Hervorrufen und tausend gerührt abwehrenden Bücklingen und was sonst noch die zunächst Betheiligten interessiren kann. Ich bedauere, daß mir für derlei Exhibitionen maßloser Gemüthlichkeit der rechte Sinn fehlt, weßhalb ich lieber zu beschreiben unterlasse, was richtig zu genießen mir versagt ist. Ueberdies wird sich das Ver säumte wol bald nachholen lassen; da Hellmesberger’s Quartett-Unternehmung im Jahre 1849 begann, so steht uns ohne Zweifel im nächsten Jahre die Feier ihres fünf undzwanzigjährigen Jubiläums in Aussicht.

Das siebente „Philharmonische Concertbegann mit Gade’s bekannter B-dur-Symphonie, einer liebenswürdigen, von wählerischem Geschmack geglätteten Tondichtung. Nicht zu verhehlen ist es, daß man auf seine älteren Compositionen zurückgreifen muß, wenn man Gade, wie er es verdient, dem Concert-Repertoire erhalten will. Der noch immer rastlos schaffende Componist hat sich schnell ausgegeben und trotz aller redlichen Bemühung seine ersten Erfolge nie wieder eingeholt. Seine späteren Sym phonien und Cantaten, seine Ouvertüren zu „Hamlet“ und Michel Angelo“ beweisen das. Die Gade’sche Symphonie, welche wundervoll gespielt wurde, fand im Publicum warmen An theil, wenn auch keinen enthusiastischen. Dasselbe gilt von Haydn’sG-dur-Symphonie (Nr. 7) mit dem köstlichen Dudelsack-Trio im Menuet. Musterhafte Aufführungen, wie die unserer Philharmoniker, haben eine große Macht, und es verdient alles Lob, daß man diese Macht auch für Haydn ins Treffen schickt. Die Symphonien dieses Meisters, welche eine aufs Gewaltsame gestellte Zeit nicht mehr an erkennen will, dürfen trotzdem unseren großen Concerten niemals ganz verloren gehen. Lebhaften Beifall erntete ein Capriccio für Orchester von Hermann Grädener, ein recht geistreich erfundenes und pikant instrumentirtes Ton stück. Auf anhaltendes Rufen und Beifallklatschen holte

Dessoff den Componisten aus seinem bescheidenen Versteck und stellte ihn dem Publicum vor. Eine andere Novität war Liszt’sOrchester-Bearbeitung des Schubert’schen Trauermarsches in Es-moll (Nr. 5 der „Sechs heroischen Märsche“ zu vier Händen). Wie die Composition als Clavier stück vorliegt, ist sie echt schubertisch gesangvoll, natürlich hinfließend, aber keineswegs bedeutend; das Trio in Es-dur, das für einen Trauermarsch doch gar zu vergnügt klingt, wird in seiner harmonischen und rhythmischen Einfachheit und dürftigen Achtelbegleitung in so häufiger Wiederholung ge radezu ermüdend. Was hat aber Liszt aus dieser kleinen Zeichnung zu machen gewußt! Ein imposantes, farbenpräch tiges Bild, an dem man sich nicht sattsehen kann und das immer neue coloristische Wunder enthüllt. Das ist wahre Poesie der Instrumentirung, zum Unterschied von jener herz losen technischen Geschicklichkeit, die man an so vielen mo dernen Orchesterstücken loben muß. Wie das Thema erst im Dunkel der Violen und tiefen Clarinett-Töne erscheint, dann lichter wird durch Hinzutreten von Geigen und Flöten, wie endlich im zweiten Theil nach und nach Hörner, Trom peten und die drei Posaunen nebst Tuba einen feierlichen Glanz wie brennendes Abendroth darüber breiten, das ent zieht sich jeder Beschreibung. Und jenes Dur-Trio, wie weiß es Liszt durch wechselnde, fein abgestufte Instrumentirung zu bereichern und zu heben! Zuerst bringen die Celli in gesangvoller Tenorlage die Melodie, dann die Violinen auf der G-Saite, endlich Waldhorn, Clarinett und Flöte über einer durch Triolen leicht belebten Begleitung der Geigen. Im zweiten Theil des Trios bläst das erste Horn Solo, ohne Dämpfer, die drei tieferen Hörner secundiren gedämpft, wäh rend zwei Flöten in gebundenen Arpeggien sachte darüber flattern; endlich erfassen alle Geigen und Celli unisono und in Octaven das Thema und steigern es zu höchster Kraft, worauf ganz zum Schluß noch eine neue Wendung uns überrascht: die Melodie in den Oboën. Diese Bearbeitung Liszt’s ist in ihrer Genialität geradezu eine Neuschöpfung zu nennen, und doch wird kein Tact des Originals durch sie geändert, keine Schubert’sche Note Lügen gestraft. Wenn Schubert seinen Marsch in Liszt’s Instrumentirung hören könnte, ich glaube, er würde denselben bewundernden Aus ruf thun, den man Voltaire nacherzählt, als dieser eine seiner Tragödien-Rollen von der Clairon unübertrefflich spielen sah: „Bin ich es, der das gemacht hat?“