Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 3086. Wien, Donnerstag, den 27. März 1873 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 3086. Wien, Donnerstag, den 27. März 1873 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Wien 27.03.1873
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Concerte.

Ed. H. Zur Zeit des Todes von Karl dem Zwölften — so liest man in musikalischen Geschichtsbüchern — sollen in ganz Schweden nur zwei Männer gewesen sein, welche Noten lesen konnten. Die musikalische Cultur in Schweden ist verhältnißmäßig jungen Datums, und bis heute hat dieses Land durch seine Componisten und Virtuosen nur wenig von sich reden gemacht. Trotzdem fehlte es niemals an einzelnen Anzeichen, welche auf ein nicht gewöhnliches Talent der Schweden, namentlich für den Gesang, hindeute ten. Sängerinnen wie Jenny Lind und Christine Nilsson sind freilich exceptionelle Kunstgrößen; was sie jedoch Cha rakteristisches gemeinsam haben und mit einigen anderen, minder berühmten schwedischen Sängerinnen theilen, ist so eigenartig, daß es offenbar mit dem Naturgrunde zusam menhängen, als physiologische und musikalische Anlage in ihrem Volke selbst schlummern muß: die weiche, leicht an sprechende Tonbildung, der ruhige, krystallhelle Fluß des Vortrages, vor Allem die Feinheit des Gehöres. „Die Deutschen singen mit dem Kopfe und mit dem Herzen, aber nicht mit dem Ohre,“ äußerte einmal Jenny Lind, und wie oft mußte ich dieses Wortes gedenken, wenn ich deutsche Opernsänger mit geistreichem und leidenschaftlich dramatischem Vortrage — falsch singen hörte. Auf meine Gegenfrage gestand sie, ihren Landsleuten in diesem Punkte den Vorzug einzuräumen. Eine interessante Bestätigung dieses Urtheiles, ein Beispiel von feinster Empfindlichkeit des Gehöres, oder noch genauer: des Sich-Selbsthörens beim Selbstsingen bietet das „Schwedische Damen- Quartett“, das gegenwärtig in Wien mit wohlverdien tem großen Erfolge concertirt. Ganz gleich gekleidet, weiß, mit blau-gelben Schürzen (den schwedischen Nationalfarben), treten die vier blonden Damen auf, stellen sich dicht neben einander in Eine Linie und singen auswendig ihre vierstim migen Lieder. Ohne daß ein Accord oder auch nur ein Ton auf dem Clavier angeschlagen oder das unscheinbarste Zeichen zum Anfang gegeben würde, beginnen sie vollkommen

gleichzeitig, haarscharf, mit der reinsten Intonation. Schon nach wenigen Tacten schweigt der Hörer in dem doppelten Behagen von Wohlklang und Sicherheit und horcht unermüdlich diesem unübertrefflichen, bis in die leisesten Re gungen des Athmens und Aussprechens harmonischen Zu sammenklang. Wundervoll ist das ganz gleichmäßige An schwellen und Absterben des Tones, wobei man nicht etwa an ein Kokettiren mit diesem Effect denken darf. Im Ge gentheile haben diese Productionen gar keinen virtuosenhaf ten, sondern rein künstlerischen Charakter und machen gerade durch die Anspruchslosigkeit und den bescheidenen Ernst der Sängerinnen einen so gewinnenden Eindruck. Wie wohl thuend ist vollends dem vielgequälten modernen Ohr dieses Singen in durchaus reinen Intervallen! Es klingt manch mal, als wenn eine reingestimmte Physharmonika in schö nem vierstimmigen Accord anspräche. Die Schwedinnen üben nur mit Zuhilfenahme der Stimmgabel, und da sie das in praxi öfter übel- als „wohltemperirte“ Clavier meiden, erzielen sie, feinhörig wie sie sind, stets die klare, scharfe Süßigkeit reiner Intervalle. Man hat diese Gesangs-Pro ductionen oft mit Becker’s „Florentiner Quartett“ vergli chen, und die Analogie liegt nahe. Aber das Ausströmen des Gesanges aus der Menschenbrust steht an Unmittelbar keit und Innigkeit der Tongebung doch noch hoch über dem Instrumentenspiel, und darum übt auch dieser einheitliche Vortrag von vier Frauenstimmen einen noch stärkeren, eigenthümlicheren Klangreiz, als das beste Streichquartett. Keine der vier Stimmen besticht für sich durch besondere Schönheit, doch hat der erste Sopran etwas von der sym pathischen Weichheit, dem „schwedischen“ Flötentone, der an die Lind erinnert, während der zweite Alt bei etwas rauhe rer Klangfarbe durch Kraft und fabelhafte Tiefe excellirt. In dem diese Altstimme, von der wir das tiefe C und H an schlagen hörten, fast die Rolle eines Cellos übernimmt, vermag das Damenquartett seinen vierstimmigen Satz etwas weiter als gewöhnlich auseinanderzuhalten und ein größeres Feld zu culti viren. Nach der langen Alleinherrschaft der Männer-Quartette, welche das gemischte Vocal-Quartett leider fast gänzlich ver drängt haben, ist ein Frauen-Quartett eine ganz neue, über raschende Erscheinung: es existirt auch keine Literatur dafür.

Die Damen Hilda Wideberg, Amy Aberg, Maria Peters son und Wilhelmina Söderlund sind überhaupt das erste Frauen-Quartett, das sich in Europa producirt; sie singen transponirte Männer-Quartette, theils Volkslieder, theils mo derne Compositionen von Lindblad, Södermann und Ande ren, in welchen die Nationalfärbung stark vorschlägt. Diese Lieder wirken in so trefflicher Ausführung sehr anregend durch ihren die formale Schönheit stark überwiegenden cha rakteristischen Ausdruck. Bei mancher Herbigkeit, ja Härte der Melodie und Rhythmik leuchtet doch viel gemüthvolle Zartheit und gesunder Humor aus diesen Gesängen. Das Hochzeitslied“ insbesondere ist ein Liebling des Publicums geworden und darf in keinem Concert der Schwedinnen fehlen.

Ueber die ausfüllenden Instrumental-Nummern in den drei Concerten des Damen-Quartetts gibt es nicht viel zu sagen. Das Beste darunter war das Clavierspiel von Fräu lein Halke, einer Schülerin Professor Epstein’s, welche mit klangvollem elastischem Anschlag zwei Chopin’sche Stücke vortrug. Eine andere junge Pianistin, Fräulein Seydel, spielte mit beachtenswerther Bravour, aber treulosem Ge dächtniß Weber’sAufforderung zum Tanze“ in dem Concert-Arrangement von Tausig. Letzteres ist eine fre velhafte Verunstaltung des Originals, welches gerade hin reichend schön und schwierig ist, um fremder Zuthat nicht zu bedürfen. Wenn ein außerordentlicher Virtuose derlei „Arabesken“ (wie Tausig es nannte) im Uebermuth der Bravour gleichsam improvisirt, so läßt sich das zwar nicht rechtfertigen, aber vielleicht als eine Phantasie höchstpersön licher Art entschuldigen. Daß aber Tausig diese „concert mäßige“ Verschändung eines theuren Besitzthums der Nation sorgfältig aufschrieb und drucken ließ, erscheint uns beklagens werth. Bei aller Pietät für den verstorbenen Tausig ist doch unsere Pietät für den unsterblichen Weber noch etwas größer. Ein junger Cello-Virtuose, Herr Sigmund Bür ger, machte sich in einem dieser Concerte vortheilhaft be kannt. Desto schlimmer tractirte uns ein aufstrebender Cla vierspieler, dessen Namen wir freundlichst verschweigen wol len, mit zwei nicht allzu schweren Stückchen, die er mühsam und unrein aus Noten ablas. Dieser sonderbare Jüngling ist, wie man uns erzählt, nicht Musiker von Fach, sondern

Beamter in einem Bank- oder Wechselhause und soll sich durch einen präcisen Anschlag bei Handhabung der Coupons scheere und perlenden Vortrag des Curszettels auszeichnen. Er hat somit sein Concertspielen gottlob nicht nöthig. Wir auch nicht.

Unter den selbstständigen Concertgebern der letzten Woche machte sich der Violinvirtuose Herr Ottokar Sew cik durch kräftigen Ton und bedeutende Bravour sehr vor theilhaft bemerkbar. Gegenwärtig noch Concertmeister am Mozarteum in Salzburg, wird Herr Sewcik im Herbste die Stellung eines Orchester-Directors und Solospielers an der neuen Komischen Oper in Wien antreten und sie gewiß mit Auszeichnung ausfüllen. Die Pianistin Frau Auguste Auspitz gab unter großem Beifall eines leider nur spär lichen Auditoriums eine Trio-Soirée im Bösendorfer’schen Saale. Die geschätzte Künstlerin, welche als Fräulein Kolar vor acht Jahren in Wien so erfolgreich debütirte, hat seit ihrer Verheiratung nur wenig von sich hören lassen. Sehr natürlich, denn nächst Tod, Gefangenschaft und Siech thum gibt es für die Concert-Carrière junger Damen keinen schlimmeren Feind als die Ehe. Frau Auspitz-Kolar hat in dessen ihr schönes Talent nicht vernachlässigt, sondern nur insofern nach etwas veränderter Richtung gelenkt, als sie jetzt mit Entschiedenheit auf großen Ton und energischen Vor trag ausgeht — ein Ziel, das sie glücklich, wenn auch nicht ohne alle Einbuße an ihrer früheren Zartheit und Grazie, zu erreichen scheint. Wir sehen den beiden noch bevorstehen den Productionen der Frau Auspitz-Kolar mit Interesse ent gegen. Herr Sigismund Blumner gab ein Concert, für welches er eigens einen Flügel von Becker in Peters burg hatte kommen lassen. Das sehr kräftige, nur leider schnell verstimmte Instrument gab Herrn Blumner Gelegen heit, die von uns bereits gerühmten Vorzüge seines marki gen Anschlages noch vortheilhafter als bei seinem ersten Auf treten geltend zu machen. Es fehlte ihm nicht an Beifall. Von größeren Dimensionen war das Concert des Aka demischen Gesangvereines unter der Leitung der Herren Franz Eyrich und Joseph Sucher. Der Chor der Akademiker excellirte durch den schönen Vortrag des Schlummerliedes“ von C. M. Weber und eines „Unga

rischen Volksliedes“ vom Grafen Festetics. Außer diesen zur Wiederholung gelangten Stücken fanden zwei Novitäten von Engelsberg („Diana“) und Goldmark („Ein armer Mann“) Beifall.

Das dritteGesellschafts-Concert Zu dem guten Erfolge dieses Concertes haben die Sängerin Fräulein Fillunger, Concertmeister Hellmesberger und Hof-Organist R. Bibl wesentlich beigetragen. wurde mit S. Bach’s Oster-Cantate: „Christ lag in Todes banden“ eröffnet. Diese (unseres Wissens nach nirgends zur Concert-Aufführung gekommene) Composition ist — selbst für Bach — erstaunlich groß und kunstvoll, freilich auch überaus ernst und strenge. Sie bildet eigentlich einen Cyklus von sechs freien Variationen über ein Thema, wel ches, statt zu Anfang, erst am Schlusse als einfacher Choral auftritt. Das von Luther gedichtete Kirchenlied ist von Bach wortgetreu in der Art durchcomponirt, daß jede der sieben Strophen einen selbstständigen Chorsatz bildet und durch jeden dieser Sätze der Choral bald in dieser, bald in jener Stimme, bald im Orchester sich hindurchzieht, contra punktisch geschmückt und gleichsam variirt von den übrigen Stimmen, bis sich schließlich im siebenten Vers alle Stim men zu dem durch drei Posaunen, Streichquartett und Or gel imposant verstärkten Vortrag des Chorals selbst vereini gen. Wer sich in die Partitur dieser merkwürdigen Tondich tung vertieft, kommt kaum aus dem Staunen heraus über diese unerschöpfliche Erfindungskraft, welche dasselbe Choral thema in immer neue contrapunktische Beziehungen zu brin gen weiß, ohne über dieses Kunststück den Geist des Ganzen und die gläubigste Versenkung in jedes Wort des Lutherschen Gedichtes zu vergessen. Eine Riesenarbeit in verhält nißmäßig engem Rahmen und, wie gesagt, ein Gegenstand des Staunens selbst für denjenigen, der im Stu dium Bach’s das Staunen verlernt zu haben glaubt. Allerdings bleibt es unleugbar, daß das kunstvolle Gewebe dieser Cantate selbst in der besten Aufführung nicht vollstän dig zur Anschauung kommen und eine entsprechende Wirkung erzielen kann. Wir sehen einen hohen, ehrfurchtgebietenden grauen Dom vor uns, dessen wunderbar kunstvolles Detail wir mit freiem Auge nicht ausnehmen können. Gerade was

diese Composition zu einer so überaus kunstvollen macht, die Beibehaltung desselben Choral-Themas durch alle sieben Sätze, gibt ihr in der Wirkung auf das Publicum etwas Finsteres, Drückendes, umsomehr, da auch die Tonart E-moll durch wegs festgehalten und der Chor niemals durch eine Solo stimme unterbrochen ist. Wir glauben, daß jede der bisher in Wien aufgeführten Cantaten von Bach ein leichteres Ver ständniß gefunden, einen tieferen und freudigeren Eindruck hinterlassen habe. Die Zuhörer lauschten dieser Oster-Cantate mit ernster Andacht, ohne ein innigeres persönliches Verhält niß dazu finden zu können. Daß wir uns in dieser Wahr nehmung nicht täuschten, bewies am besten die ganz andere Aufnahme, welche gleich darauf zwei einfache „Volkslieder“ für gemischten Chor fanden. Da war Alles mit dem Herzen dabei und entzückt von dem traurigen Liede („In stiller Nacht“), wie von dem fröhlichen („Der schönste Bursch am ganzen Rhein“). Wer möchte so unmittelbare, wohlthuende Wirkung verargen? Unter den Hunderten von Zuhörern ist ja kaum Einer, der nicht irgend eine weltliche Trauer oder Freude im Gemüthe trägt, mitklingende Saiten, die sofort bei diesen schlichten, innigen Melodien vibriren. Aber sehr klein ist bereits die Zahl von Concertbesuchern, die für das „in heißer Lieb’ gebratene Opferlamm“ empfinden, was seiner zeit Bach dafür empfand. Viel eher werden sie an dieser Art Poesie stilles Aergerniß nehmen. Luther’s Cantate mit Bach’s Musik bleibt ein unvergängliches Denkmal einer längst abgeblühten, großen geistlichen Kunst, ein Denkmal, zu dessen voller und ganzer Wirkung die Andacht, die kirchliche Andacht, hinzutreten muß. Die Cantate war übrigens auch vom Stand punkt der Aufführung ein denkwürdiges Ereigniß in unserem Concertleben. Man muß die Partitur eingesehen haben, um von den enormen Schwierigkeiten dieser Aufführung eine richtige Vorstellung zu gewinnen. Unser „Singverein“ darf stolz sein auf diese Leistung, und Brahms, der sie mit aufopfernder Hingebung zu Stande gebracht, vor Allem. Ein anderes Verdienst hat Brahms um die schöne Harmo nisirung der früher erwähnten Volkslieder und um die Be arbeitung von Schubert’s herrlichem Liede: „Jäger, ruhe von der Jagd“, für Sopran-Solo, Frauenchor und Wald hörner — sie ist von zauberischer Wirkung. Nachdem die

Reihe der Vocal-Compositionen passend durch eine der Eng lischen Symphonien von Haydn (C-dur) unterbrochen war, machte eine höchst interessante Composition den Beschluß: ein ungedrucktes Werk von Beethoven. Es ist die Schlußnummer des Festspiels: „Die Weihe des Hauses“, mit welcher das Josephstädter Theater in Wien am 3. Oc tober 1822 feierlich eröffnet worden ist. Die Ouvertüre dieses Festspiels (C-dur, op. 125), von Beethoven selbst ver öffentlicht, ist durch zahlreiche Aufführungen bekannt; der Chor blieb im Dunkel des Archivs, bis Brahms ihn dar aus hervorzog. Wie die meisten seiner Gelegenheits-Com positionen, schrieb Beethoven auch diesen Festchor sehr flüch tig und mit sichtlicher Herablassung zu populärer Wirkung. Die Verse von C. Meisl konnten ihn noch weniger be geistern, als jene von Weißenbach im „Glorreichen Augen blick“, von Bernarel im „Christus“, von Kotzebue in den „Ruinen von Athen“. Beethoven ist schon in den ersten Tacten des Chors erkennbar und bleibt es das ganze Stück hindurch. Aber es ist ein Beethoven in Schlafrock und Pan toffeln, ein Beethoven, der unwillkommenen Besuch hat und sich zur Artigkeit zwingt. Charakteristisch ist, wie er gleich zu Anfang die Declamation tyrannisirt. In den Anfangszeilen: „Wo sich die Pulse jugendlich jagen, schwebet im Tanze das Leben dahin“, wiederholt er nämlich das erste Wort „wo“ dreimal und das letzte „dahin“ ebenso oft! Ein Sopran- Solo: „Laßt uns im Tanze etc.“ schließt sich an; nach einer langen Fermate auf dem wiederholten „Laßt!“ klettert der Sopran mit Triolen-Solfeggien in die anstrengendste Höhe. Es folgt ein Andante mit Violin-Solo, ausdrucksvoll, aber wol zu pathetisch für den Text; nachdem es sich eine Weile ausgebreitet, stürzt es sich in ein sehr rasches Tanzlied, das, wie man sich denken kann, den Titanen Beethoven nicht von der graziösesten Seite präsentirt. Von Beethoven ist Alles werth, gehört und gespielt zu werden; wir sind darum Brahms für die Aufführung dieser verschollenen Compo sition aufrichtig dankbar. Da wir aber „aufrichtig“ auch ohne anderweitige Zusammensetzung sind und bleiben wollen, so können wir unsere persönlichen Gefühle für den Beet hoven’schen Festchor nur im Tone pietätvoller Reliquien- Verehrung ausdrücken.