Concerte.
Ed. H. Das vierte, zugleich letzte „Gesellschafts-Con
cert“ dieser Saison bestand aus nur zwei Stücken: dem
großen Requiem von Cherubini und der Bach’schen
Cantate: „Liebster Gott, wann werd’ ich sterben?“. Cheru
bini’s Requiem in C-moll gehört zu jenen durchaus edlen
und künstlerisch vollendeten Erscheinungen der Musica sacra,
welche niemals der Vergessenheit anheimfallen dürfen. Es
wirkt stärker und tiefer allerdings in der Kirche, wo dem
feierlich düsteren Charakter dieser Composition die entspre
chende Stimmung des Hörers schon entgegengebracht wird.
Die Aufführung im Concertsaale bleibt aber jederzeit zu
gleich Werthmesser und Diplom für die rein künstlerische
Macht, die eine ihrer kirchlichen Insignien entkleidete Ton
dichtung durch sich selbst auszuüben vermag. Wir haben
Mozart’s Requiem, Beethoven’s Festmesse wiederholt im
Concertsaale gehört, von den protestantischen Kirchenmusiken
Bach’s nicht zu reden — auch Cherubini’s Requiem ver
trägt die Concert-Aufführung und verdient sie. Die Gele
genheit, dasselbe bei feierlichem Gottesdienste zu hören, bie
tet sich selten; haben sich doch gar viele Kirchenthüren vor
dieser „zu weltlichen Musik“ stolz zugeschlagen. In Wien
dürften sehr Wenige der jüngeren Generation das Cheru
bini’sche Requiem gehört haben, und von den älteren Her
ren, die es noch aus den „Spirituel-Concerten“ kennen,
sind auch nicht viele mehr übrig. Diese Spirituel-Concerte,
deren Gründer, Gebauer, zugleich Chorregent der
Augustinerkirche war, pflegten vorzugsweise geistliche Musik
und mit besonderer Vorliebe Cherubini’sche. Seither ist das
Requiem in Wien so gut wie verschollen; es jetzt wieder
hervorgesucht und in vollendeter Execution neu belebt zu
haben, ist ein anerkennenswerthes Verdienst von Johannes
Brahms. Das Werk baut sich in großen, ein
fachen Verhältnissen auf, klar und bestimmt in allen
seinen Absichten, durchweht von echtem Schönheitssinne
und religiösem, wenngleich nicht engherzig kirchlichem Geiste.
Der energische Dramatiker Cherubini blickt unverkennbar aus
dem „Dies irae“, aber nirgends verfällt er dem Opernhaf
ten. An die Italiener und an Mozart knüpfend, nicht so
erfindungsreich, aber einheitlicher und stylmäßiger als des
Letzteren Requiem, bildet das Cherubini’sche Werk eines der
charakteristischesten Gegenstücke zu den geistlichen Compositio
nen Sebastian Bach’s, gegen dessen ruhelose Contrapunktik
und kunstvoll sich aufthürmende Polyphonie es sich ausnimmt
wie ein durch edle Einfachheit wirkender romanischer Bau
neben einem in zahllosen Spitzbogen, Thürmchen und Stein-
Arabesken aufstrebenden gothischen Münster. Das ganze
Werk hindurch entfaltet Cherubini mit der freien Sicherheit
des Meisters seine große harmonische Kunst, ohne irgendwie
durch Künstelei imponiren zu wollen; ja, mit Ausnahme der
(an dieser Stelle fast traditionell feststehenden Fuge „quam
olim Abrahae promisisti“ findet sich in dem Requiem kaum
etwas von specifisch „gelehrter Musik“. Von Anfang bis zu
Ende ertönt der Vollklang des vierstimmigen Chors, kein
Sologesang unterbricht seinen majestätischen Strom, kein
Instrumental-Solo den ernsten Zusammenklang des Orche
sters. Ein großes Allgemeingefühl beseelt diese Todtenmesse.
Der individuelle Schmerz um einen uns theuren Verstorbe
nen tritt gänzlich zurück hinter der Idee einer ewigen Ruhe
Aller und eines letzten Gerichtes über Alle. Cherubini’s
Requiem gipfelt, wie das Gedicht selbst, in dem „Dies irae“;
mit ergreifender Anschaulichkeit verkörpert hier der Tondichter
die Idee, welche die Menschen seit Jahrtausenden von einem
wirklichen Gericht nach dem Weltuntergang hatten. Ein
himmlischer Friede liegt über den langsamen, zarten Sätzen
„Tu suscipe“, „Pie Jesu“ und „Agnus Dei“, welche gleich
wol alles weichlich Rührende und Schmeichelnde von sich
fernhalten. Der verhallende, hinsterbende Schluß des Requiems,
welcher das allmälige Schwinden aller Lebenskraft und das
körperlose Eingehen zur ewigen Ruhe mit ergreifender Ein
fachheit schildert, gehört Cherubini ganz allein und krönt sein
Requiem als ein Werk, das nach Schumann’s Ausspruch,
„ohnegleichen in der Welt dasteht“.
Bach’s Cantate: „Lieber Gott, wann werd’ ich ster
ben?“ hörten wir bereits vor mehreren Jahren unter
Brahms’ Direction von der „Sing-Akademie“. Sie ist von
geringer Ausdehnung und schließt zwischen einem breit aus
geführten Eingangschor und einem einfachen Schlußchoral
nur zwei Recitative und zwei Arien ein, deren erste (für
Tenor mit obligater Oboë) man weislich weggelassen hatte.
Auch für die von Herrn Krauß gesungene Baß-Arie in
A-dur können wir uns nicht erwärmen; selbst wenn wir
von den geradezu ungeduldig machenden Textwiederholungen
(„wer sollte nicht gehen?“ u. s. w.) und dem wunderlichen
Passagenwetteifer zwischen dem Bassisten und der Flöte ab
sehen, so bleibt dieser Arie doch ein entschieden spießbürger
licher Beigeschmack. Der große Eingangschor übt einen wun
derbaren Reiz durch seine pastorale Färbung, den wir uns
durch mancherlei Beigaben eines uns fremdgewordenen Zeit
geschmacks — wie das unablässige Gezwitscher der beiden
Oboën oder die sinnwidrige Zerreißung des Textes durch
unabsehbar lange Instrumental-Zwischenspiele mitten im
Vers — nicht schmälern lassen. Kurz, die Wiederaufführung
dieser Cantate kann man nur billigen. Daß man sie aber
in demselben Concert mit dem Cherubinischen Requiem, ohne
Hinzufügung irgend einer dritten Musiknummer vornahm,
das können wir nicht billigen. Solche Zusammenstellung
scheint uns der Form wie dem Inhalt nach verfehlt. Der
Form nach: weil das Ohr nach so langem, ununterbrochenem
Anhören von Chorgesang nach einem Orchesterstück, einer
Ouvertüre oder Symphonie schmachtet. Dem Inhalt nach:
weil es selbst dem kunstsinnigsten Auditorium zu viel zu
muthen heißt, nacheinander zwei große, ausschließlich mit
Todesgedanken sich beschäftigende Compositionen ohne jedes
zwischen- oder nachfolgende irdische Lebenszeichen aufzu
nehmen. Mit einem ironischen: „Salonmusik ist das freilich
nicht!“ widerlegt man uns am allerwenigsten. Wir wissen
ganz gut, was Salon- und was Concertmusik sei, und
kennen im Bereich der letzteren eine imposante Reihe
classischer Tondichtungen von energisch ernstem Charakter,
welche als Kunstwerke den genannten ebenbürtig sind, ohne
deßhalb vom Sterben zu handeln. Als Hiller in Köln das
Cherubini’sche Requiem als Trauerfeierlichkeit für die im
Kriege 1866 gefallenen Soldaten aufführte, ließ er einen
modernen Chor vorausgehen und Beethoven’s heroische
Symphonie den Beschluß machen. Dieser Vorgang war hier
umsomehr nachzuahmen, als ja gar kein Anlaß vorlag, das
vierte Gesellschafts-Concert zu einer förmlichen Todtenfeier
zu gestalten. Ein Concert, das mit der ungeduldigen Er
kundigung: „Wann werd’ ich sterben?“ beginnt und mit
dem Bescheide: „Requiem aeternam“ endigt, kann zwar
über dieses funebre Thema sehr Erbauliches vorbringen,
aber das Publicum fühlt sich schließlich im strengsten Wort
verstand „sterbensmüde“. Obendrein hatte man diesem
Programm die Bestimmung gegeben, am nächstfolgenden
Tage als „Außerordentliches Concert“ wiederholt zu werden,
also ein zweites großes Publicum anzulocken. Es fehlt in
Wien nicht an einem solchen, das die ernste Schönheit der
Musik verehrt und aufsucht, aber hier so wenig wie anderswo
pflegt man Concerte eigens zu dem Zwecke zu besuchen, um sich
nach einander erst protestantisch und dann katholisch begraben
zu lassen.
Director Herbeck überraschte uns am Palmsonntag
und — Montag Abends mit zwei großen Concerten im
neuen Opernhause. Sie nahmen die privilegirte Stelle der
seit hundert Jahren zum erstenmal pausirenden Oratorien-
Aufführungen der „Tonkünstler-Societät“ ein, welche dafür
eine reichlich zugemessene Entschädigungssumme als musika
lisches Schweiggeld erhielt. Den ersten Abend füllte die
vollständige Aufführung des „Orfeo“ von Gluck (in
Concertform) aus, den zweiten ein anziehend zusammenge
stelltes „Gemischtes Concert“.
Gluck’s „Orpheus“ existirt bekanntlich in zwei verschie
denen Bearbeitungen, der italienischen und der französischen.
Mag man nun die eine oder die andere zur Aufführung
wählen, man hat in keinem Falle ganz gut gethan. Ent
scheidet man sich für die ursprüngliche Gestalt, für den
italienischen „Orfeo“, wie er in Wien1762 zuerst
mit unbeschreiblichem Erfolge gegeben wurde, so verzichtet
man auf eine Reihe von Gluck nachcomponirter Musikstücke
(für Paris1774), welche doch überwiegend dem Ganzen
zum Vortheile gereichen. Hält man sich hingegen getreu an
diese spätere französische Bearbeitung der Oper, so büßt
man den Gewinn dieser neuen Einlagsstücke mit einer schwe
ren Beschädigung der Titelrolle. Ursprünglich für eine Alt
stimme (den Castraten Guadagni in Wien) geschrieben,
wurde „Orpheus“ später in Paris vom Componisten für
den hohen Tenor des Sängers Le Gros eingerichtet und
dadurch seines eigenthümlichen Klangreizes beraubt. Lange
gingen diese beiden Gestalten des Gluck’schen „Orpheus“,
die italienische und die französische, unabhängig neben ein
ander her, bis H. Berlioz sie dergestalt vereinigte, daß
er die ganze Orpheusrolle in ihrer Original-Gestalt beließ,
aber die späteren französischen Musikstücke aufnahm. In
dieser trefflich vermittelnden Berlioz’schen Bearbeitung wurde
die Oper im November 1859, mit der Viardot-Garcia als
Orpheus, im Théâtre Lyrique mit anhaltendem Erfolge auf
geführt; in derselben Gestalt hörten wir sie Sonntag unter
Herbeck’s Direction im Neuen Opernhause. Daß die Partie
des Orpheus in ihrer ursprünglichen Gestalt, also von einer
Altstimme gesungen werden muß, um jene schwermüthig
dunkle Färbung zu erhalten und jenen eigenthümlich me
lancholischen Zauber auszuüben, welche wir davon gar nicht
mehr wegdenken können, leuchtet wol ohneweiters ein. Nicht
ebenso unbestritten ist der Werth der von Gluck für Paris
hinzucomponirten Stücke. A. B. Marx geht darüber in
seiner Gluck-Biographie so kurz ablehnend hinweg, daß man
entweder annehmen muß, er habe die französische Bearbei
tung gar nicht recht gekannt, oder er habe gerade an dieser
Stelle seines langathmigen Panegyrikus den Kitzel gefühlt,
sich auch einmal streng unparteiisch gegenüber Gluck zu
zeigen. Wir halten die erste Arie des Amor im ersten, den
Furientanz und die Arie der Eurydice mit Chor im
zweiten Acte, endlich im dritten Acte die Umwand
lung des Mittelsatzes von Eurydice’s Arie (avezzo
al contento) in ein Duett für werthvolle Bereicherungen
des ursprünglichen „Orfeo“. Selbst wo der melodische
Stoff der italienischen Original-Partitur fast unangetastet
geblieben, wie in der Eingangsscene des ersten Actes oder
der Monodie des Orpheus in den elysäischen Gefilden, hat
die französische Bearbeitung kleine Aenderungen, Zusätze,
Umstellungen vorgenommen, welche sofort eine verfeinerte
dramatische Empfindung und eine effectkundigere Hand ver
rathen. Es hätte auch mit seltsamen Dingen zugehen
müssen, wenn Gluck, welcher der französischen Bühne die
fruchtbarsten Anregungen verdankte, gerade in seinem für
die Pariser Oper bearbeiteten „Orpheus“ nur Rückschritte
gemacht haben sollte. Eine einzige Nummer dieser französi
schen Bearbeitung möchten wir wegwünschen, die prunkhafte
Bravour-Arie, mit welcher Orpheus den ersten Act be
schließt. Die Arie ist aber gar nicht von Gluck, sondern von
einem mittelmäßigen Italiener, Namens Bertoni, aus dessen
Oper „Tankred“ der beifallslustige OrpheusLe Gros sie
in Paris einlegte. Leider verhinderte Gluck nicht die Auf
nahme dieser Arie in seine französische Partitur und schwieg,
als zuerst Coquiau, dann Bertoni selbst ihn des Plagiats
anklagten. Was an Beweismitteln für die Autorschaft Ber
toni’s noch fehlen mochte, hat Berlioz herbeigeschafft,
in dessen Schriften man die ausführliche Darstellung der
ganzen interessanten Controverse findet. Es spricht nicht
für die „deutsche Gründlichkeit“, daß Marx im Jahre 1863
seine Gluck-Biographie noch in vollständigster Unkenntniß
der wichtigen Aufschlüsse schrieb, welche Berlioz schon 1859
veröffentlicht hatte.
Der verdienstvolle Musik-Historiker M. Fürstenau versuchte
in einem 1869 erschienenen Aufsatze Gluck reinzuwaschen, indem
er angibt, daß in Gluck’s älterem Festspiel „Il Parnasso confuso“
das Thema jener Arie, „wenn auch nur andeutungsweise“, schon
vorkomme. Allein die blos andeutende Aehnlichkeit eines Themas
und das Annectiren einer vollständigen Arie sind zwei verschiedene
Dinge. Wäre Fürstenau’s Rechtfertigung stichhältig, so hätte Gluck
gegen die Anklage Coquiau’s und Bertoni’s wahrlich nicht geschwie
gen. Er liebte bekanntlich polemische Händel. Das neueste Buch
über Gluck („Gluck et Piccini“ par G. Desnoireterres, Paris
1872) bestätigt es neuerdings, daß Gluck’s großes Talent kaum so
rasch in Paris zur Geltung gelangt wäre, hätte er nicht nebenbei ein
hübsches kleines Talent für Journal-Polemik und Reclame besessen.
Wir hätten „Orpheus“ am liebsten als Oper vollkom
men scenisch aufführen gesehen; zur Zeit, als die Bettel
heim hier engagirt war, ist dieser Vorschlag von uns wie
derholt vergeblich gemacht worden. Wie ganz anders, wie
voll und mächtig müßte da die Wirkung sein! Der dritte
Act fällt freilich etwas matt ab, schon die Handlung macht es
kaum anders möglich. Aber die erste Hälfte des ersten
Actes und der ganze zweite Act, wie dramatisch sind sie
gedacht, welch lebendiges Bild müssen sie unter Mitwirkung
der Scene und des Ballets bieten!
Das rührende Andringen der harfengetragenen Töne
Orpheus’ gegen das schrecklich erdröhnende „Nein!“ der
Höllengeister gehört zu dem Schönsten, was die Opern
musik aller Zeiten aufzuweisen hat. In der Entwicklung
Gluck’s bezeichnet die Composition des „Orfeo“ einen Punkt
von eigenthümlichster, geradezu einziger Constellation. Das
Ideal einer wahrhaft dramatischen Musik im Gegensatze zur
tändelnden Sinnlichkeit der damaligen Oper war in Gluck’s
Feuergeist schon lichthell aufgegangen. Die Ueberzeugung
von einem Drama in Tönen, wahrhaft durch das treue
Anschmiegen der Musik, rührend durch den einfachen Ge
sang, packend durch handelnd eingreifende Chöre — diese
Ueberzeugung war es bereits, welche Gluck durch seine Com
position des „Orpheus“ zum erstenmale verwirklichen, der
Welt offenbaren wollte. Dennoch stand Gluck noch mit einem
Fuße in den Traditionen des alten italienischen Gesanges.
Der stolze Fehdehandschuh, die Vorrede zur „Alceste“, war
noch nicht hingeschleudert, so unseren Ritter späterhin zwang,
im Kampfe gegen Italien und dessen Melodie unerbittlich
zu sein. Gluck durfte im „Orpheus“ der dramatischen Wahr
heit huldigen, ohne deßhalb die duftigen Blüthen einer
edlen Sinnlichkeit niederzumähen. Trat die Gewalt des dra
matischen Momentes, repräsentirt in dem Chor der Höllen
geister, als ein völlig Neues, Unerhörtes in die damalige
Opernmusik ein, so klangen hingegen aus Orpheus’ Munde
noch die süßen, weichen Töne der neapolitanischen Schule.
Ein so anmuthiger und zugleich üppiger Fluß der Melodie
findet sich in Gluck’s späteren Werken kaum wieder. Wie
gesagt, der Augenblick, welcher damals in Gluck die künst
lerischen Elemente gerade so und nicht anders mischte, war
einzig und konnte sich nicht wiederholen. Später, nachdem
Gluck seine früheren Kunstgenossen, die Italiener, für Re
bellen erklärt hatte, durfte er mit ihnen nicht mehr unter
handeln — die Strenge des dramatischen Ausdruckes und
die höchste declamatorische Ausfeilung waren es, welche er
fortan als allein würdiges Ziel erkannte. Durch homogene
Einflüsse der französischen Tragödie gehoben, hat der Ton
dichter der „Iphigenie“ und „Armida“ dieses Ziel in der
That auch vollständiger erreicht, als irgend ein Anderer.
Die Aufführung des „Orpheus“ am Palmsonntag war
so wirksam, als die Concert-Einkleidung einer Oper nur
sein kann. Frau Caroline Bettelheim-Gomperz
sang die Titelrolle mit kraftvoller Stimme und leidenschaft
lichem Ausdruck. Das Publicum ehrte nicht nur das große
Talent, sondern auch die ebenso große Kunstliebe und Ge
fälligkeit dieser Künstlerin durch nicht endenwollenden Ap
plaus. Frau Bettelheim fand an Frau Wilt (Eurydice)
und Fräulein Dillner (Amor) die lobenswertheste Unter
stützung. Das Ensemble klappte so vorzüglich, wie man es
unter Herbeck’s Direction gewohnt ist.
Das zweite Concert im Neuen Opernhause (am Mon
tag Abend) wurde mit dem Mauren-Chor und einer von
Fräulein Dillner sehr beifällig gesungene Arie aus Schu
bert’s ungedruckter Oper „Fierabras“ eröffnet. Beide
Nummern wirken auch im Concert durch ihre blühende
Schönheit, während die dritte Nummer aus „Fierabras“,
ein großes Finale, unbedingt der Scene bedarf, um effectvoll,
ja auch nur verständlich zu werden. Herr Scaria hatte mit
der Rache-Arie des Mafferu aus dem „Unterbrochenen
Opferfest“ keine gute Wahl getroffen; es klingt fast komisch,
daß man dergleichen einst als Muster dramatischer Musik
verehrt hat. Herr A. Wilhelmj entzückte das Publicum
durch den unvergleichlichen Vortrag des Paganini’schen
Concertstückes in D-dur, der Arie von S. Bach und einer
Romanze eigener Composition. Wir können es nicht genug
beklagen, daß dieser Künstler in dem gegenwärtigen Tumult
von Concerten kein Orchester für sein zweites, bereits ange
kündigtes Concert auftreiben konnte. Hoffentlich wird er
trotzdem keinen stummen Abschied von Wien nehmen. Zwei
Orchester-Productionen: die Reformations-Symphonie von
Mendelssohn und Schubert’s H-moll-Marsch in Liszt’s
Instrumentirung, wurden unter Herbeck’s Leitung mit be
wunderungswürdiger Feinheit und Präcision gespielt. Man
sah lauter vergnügte Gesichter, daß Herbeck nach Jahren
wieder einmal als Symphonien-Dirigent den Tactstab
schwinge. Wer dachte dabei nicht dankbar an die schöne
Zeit der Herbeck’schen Concerte? Hoffen wir, daß der
vielbeschäftigte und vielgeplagte Hofopern-Director auch im
künftigen Jahre hinreichende Lust und Kraft erübrigen
werde, um uns wieder mit einem ebenso erfreulichen Oster
geschenke zu überraschen!