Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 3125. Wien, Dienstag, den 6. Mai 1873 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 3125. Wien, Dienstag, den 6. Mai 1873 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Wien 06.05.1873
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Concerte und Opern. Wien, 5. Mai.

Ed. H. Drei Tage nach ihrer feierlichen Eröffnung hat unsere Weltausstellung bereits eine musikalische Huldigung in großem Style erfahren. Denn so darf man wol das Schubert-Fest“ nennen, das gestern Mittags im großen Musikvereins-Saale stattfand und das am nächsten Sonntag in einem „Beethoven-Fest“ sein ergänzendes Seitenstück fin den soll. Angesichts des vielen Unfertigen, das den Fremden hier noch wüst anblickt, empfinden wir Musiker es als ein wahres Glück, daß Wien in seiner musikalischen Großmachts- Eigenschaft seine Gäste in zwei fertigen Palästen, wie das Opernhaus und das Musikvereins-Gebäude, empfangen kann. Von dem reichbewegten Musikleben einer Wintersaison in Wien vermag man dem Fremden jetzt allerdings keine Vor stellung zu geben; dafür war es eine glückliche Idee, ihm in zwei großen Musikfesten gleichsam eine Auswahl des Besten zu gewähren. Die „Gesellschaft der Musikfreunde“ verband sich zu diesem Zwecke mit dem Orchester der „Phil harmoniker“, mit dem „Singverein“ und dem „Wiener Männergesang-Verein“, unseren besten Corporationen. We niger einleuchtend ist uns das Programm, welches diese Kräfte nur zu einem ausschließlichen Schubert-Concert und zu einem ausschließlichen Beethoven-Concert ver einigt. Sei es noch um Beethoven. Er ist der einzige Ton dichter, der ein ganzes, langes Concert hindurch allein das Wort führen darf; die innere Stylverschiedenheit seiner drei Perioden, die äußere Mannichfalt seiner Com positions-Gattungen, seine in allen Stimmungen uns erhebende und läuternde sittliche Kraft lassen einen Wunsch nach Abwechslung kaum oder selten aufkommen. Trotzdem möchten wir ein exclusives Beethoven-Programm auch nur dann befürworten, wenn ein bestimmter festlicher Anlaß, wie das Beethoven-Jubiläum 1870, dazu auffordert. Sonst wirkt Beethoven noch mächtiger, wenn seine heroische Kraft sich von der milderen Schönheit Haydn’s und Mo

zart’s, von der feineren, dämmernden Romantik Mendels sohn’s und Schubert’s abhebt. Die Symphonien der beiden Letztgenannten sind ganz besondere Meisterleistungen unserer Philharmoniker — weßhalb sie verleugnen? Wollte man den österreichischen Gesichtspunkt festhalten, warum nicht neben Beethoven und Schubert auch Haydn, Gluck, Mozart mit einem Werke repräsentiren? Das schiene uns das Richtigste und zugleich Reizvollste. Nimmermehr jedoch können wir es loben, wenn von nur zwei Concerten eines ausschließlich mit Schubert ausgefüllt wird, so gerne wir unterschreiben, was Mosenthal in seinem Prologe Treffendes über Schubert gesagt und so schön gesagt hat. Schubert ist bei aller Genialität eine behagliche, bequeme Natur, die sich gerne gehen läßt und unbefangen wiederholt; lauter Schu bert ein ganzes Musikfest hindurch ist nicht denkbar ohne ein starkes Uebergewicht des rein Lyrischen, des Liedmäßigen, des melodiös-homophonen Satzes. Die Wirkung Schubertscher Musik wird durch die Ausschließlichkeit nicht größer, sondern kleiner; die einzelnen Stücke bezaubern durch ihren echt Schubert’schen Duft; in Reih’ und Glied gestellt, wie in dem gestrigen Concert, schwächen sie einander durch die starke Familien-Aehnlichkeit und enthüllen manche Schwäche dieses unerschöpflich fruchtbaren Meisters. Ueberdies hatte man das Programm zu wenig contrastirend zusammenge stellt; die sentimentalen und schwermüthigen Stimmungen herrschten ungebührlich vor, und die Orchesternummern ver schwanden fast neben der Menge von Vocalmusik. Die In strumentalwerke wurden unter Dessoff’s, die Chöre un ter Kremser’s Leitung meisterhaft ausgeführt. Entzückend schön trug Herr Walter drei Schubert’sche Lieder vor; Fräulein Ehnn machte Effect mit drei anderen; nur dünkte uns dieser Effect gar zu theatralischer Natur. Lewinsky’s Vortrag des Mosenthal’schen Festgedichtes vereinigte, wie alle Declamationen dieses Meisters, Klarheit, Kraft und Wärme. Der Erfolg des „Schubert-Festes“ war in jeder Hinsicht ehrenvoll und lohnend.

Die Zöglinge des Conservatoriums vereinigten sich am 29. April zu ihrer alljährlichen Opern-Production auf der im kleinen Musikvereinssaale improvisirten Bühne.

Zöglings-Productionen haben einen eigenen Reiz: den Reiz der Jugend, des enthusiastischen Eifers, der holden Unbehilflichkeit. Vor jedem dieser halb flüggen Künstler liegt die Zukunft in rosigem Lichte; nur die dunklen Lose ruhen ihnen noch unsichtbar und ungeglaubt im Zeitenschoße. Mit jugendlichem Feuer spielt das Zöglings-Orchester unter Hellmesberger’s umsichtiger Direction die „Tannhäuser“- Ouvertüre, und der schmale Vorhang rollt in die Höhe. Wir blicken in die wohlbekannte norwegische Fischerhütte aus dem „Fliegenden Holländer“; der Chor der Spinnerinnen klingt prächtig zusammen. Die Mädchen singen und bewegen sich mit zwangloser Fröhlichkeit; ihre einfachen, netten Costüme gefallen uns noch besser, seitdem wir wissen, daß die jungen Sängerinnen sich dieselben nach Angabe der Frau Marchesi eigenhändig zu Hause verfertigt haben. Fräulein Emilie Kraus sang die Ballade der Senta und das Duett mit dem Holländer. Ein poetischer Schimmer umgibt wie leich ter Silberglanz Spiel und Vortrag dieses Mädchens; er ist wol vorderhand noch das Einzige, was sie für die Bühne mitbringt. Herr Joseph Staudigl (Holländer) hat in Rokitansky’s Schule bedeutende Fortschritte gemacht; wenn er sie noch verdoppelt haben wird, kann er einer schönen Laufbahn ge wiß sein. Nicht nur sein Name hat einen guten Klang, auch seine Stimme, deren weiche Fülle uns an den Liedervortrag seines Vaters erinnerte. Dieses zweifache schöne Erbtheil darf Herrn Staudigl muthig, aber nicht übermüthig machen; die Pietät für einen verehrten Namen stimmt zwar anfangs das Publicum zu sanguinischem Wohlwollen, hindert es aber nicht, in der Folge grausam zu sein. Die begabteste und künstlerisch fertigste von den jungen Sängerinnen ist Fräu lein Clementine Proska, deren sammtweicher, leicht anspre chender hoher Sopran in der Wahnsinnsscene der Lucia sich glänzend hervorthat. Wie bei Fräulein Proska die musi kalische Natur, so ist bei ihren Colleginnen Elise Wiedermann und Louise Proch das dramatische Talent hervorstechend. In erster Linie scheint bei ihnen die Intelligenz zu wirken, eine seltene und werthvolle Eigenschaft auf dem Theater, aber nicht die entscheidendste. Die Spieloper ist der prädestinirte Wirkungskreis dieser beiden jungen Sängerinnen, welche in

der That auch schon für die neue „Komische Oper“ in Wien gewonnen sein sollen. Der gute Erfolg dieser Opern-Pro ductionen und die überaus warme Theilnahme des Publicums dafür weisen von selbst darauf hin, daß die „Gesellschaft der Musikfreunde“ ihre Opernschule zu einer förmlichen, auch das Drama umfassenden Theaterschule nach dem Vorbild des Pariser Conservatoriums erweitern sollte. Wir wollen diesen Gedanken vorläufig blos angeregt haben, um ihn bei Ge legenheit mit mehr Ausführlichkeit und Courtoisie wieder aufzunehmen.

Aus den übrigen Musik-Productionen der letzten Tage fanden den lebhaftesten Anklang das Orgelconcert des durch seine Musikbildung und Technik hervorragenden Orgelspielers Dr. Karl Hausleithner, dann eine „zum Besten der Hinterbliebenen eines verdienstvollen Tonkünstlers“ veran staltete Soirée im Bösendorfer’schen Saale. Die Seele dieses Wohlthätigkeits-Concertes war Frau Gräfin Wil helmine Wickenburg-Almasy — ein Name, der sofort die vereinte Vorstellung von Geist und Güte, von poetischer und musikalischer Begabung wie in Einem Accorde erklingen macht. Das schwedische Damenquartett hat sich unter rauschendem Beifalle vor einem zahlreichen Publicum verabschiedet; im Gegensatze dazu hatte der Cla rinettist Joseph Müller das Mißgeschick, nicht viel mehr als die leeren vier Wände des Concertsaales anzublasen. Die Jahreszeit ist derlei Concerten entschieden ungünstig, und wir möchten alle Virtuosen auf das nachdrücklichste warnen, sich nicht durch eine mißverstandene Speculation auf die Weltausstellung zu einer Concertreise nach Wien verleiten zu lassen. Nur ganz außergewöhnliche Leistungen, wie das Schubert- und Beethoven-Concert im großen Musik vereinssaale, können jetzt auf Theilnahme rechnen. Im All gemeinen hat die Weltausstellung nicht die Wirkung, die Fremden in Concerte zu locken, vielmehr die entgegengesetzte, davon abzulenken. Der einzige Kunstgenuß, den man nach angestrengtem Tagwerk in den Ausstellungsräumen aufzu suchen pflegt, ist hier wie anderwärts das Theater. Es müßte ein Wunder von einem Clavier, einer Geige oder einem Blasinstrument sein, welches derzeit das Publicum aus dem Prater in die innere Stadt zu locken vermöchte.

Im Theater an der Wien hat sich Adelina Patti in einem Opern-Pasticcio verabschiedet, welches den ersten Act der „Traviata“, den dritten des „Faust“ und die Scene mit dem Schattentanz aus „Dinorah“ enthielt. Als Violetta und Dinorah war sie unübertrefflich an ihrem Gretchen störte uns nur die hohe, rothblonde Perrücke. In London, wo jede einmal eingeführte Theaterpraxis sofort zum unverbrüchlichen Gewohnheitsrechte erstarrt, darf Gret chen im „Faust“ nicht anders als blond erscheinen. In Wien hätte sich die Patti von diesem blonden Haare füglich eman cipiren können, das zu ihrem Gesichte schlechterdings nicht paßt, und dadurch der ganzen Gestalt etwas Fremdartiges, ja Unwahres gab. Gesungen und gespielt ward die Rolle sehr schön, wenn sie auch in diesem herausgerissenen Fragment und bei mangelhafter Unterstützung nicht die volle Wirkung machen konnte. Einen ungetrübten hohen Genuß gewährten alle Soloscenen Gretchens; der Vortrag des „König von Thule“ mit der lang aushallenden Schlußnote am Ende jeder Strophe war in seiner schlichten Einfachheit ebenso bewunderungswürdig, wie der funkelnde Schmuck walzer, in welchem auch die höchste Bravour nur fröhlich, niemals kokett oder concertirend klang. Das Liebesduett litt unter der Mitwirkung des Herrn Naudin, dieses stimm losesten, trockensten Faust, den wir je gehört. Er sah immer so verdrießlich drein, als säße er allein im Gasthause und würde schlecht bedient. Auch Signora Barbara Marchi sio war ein sonderbarer Siebel. Physiognomie und Stimme erregten den Verdacht, daß hier nicht ein junger Student, sondern ein älterer Professor vorgestellt werde, der auch schon Decan war, und keiner von den leutseligsten. Wie dieser Siebel mit seinem „Blümelein traut“ vor Marga rethens Fenster herumhüpfte, sah er so närrisch ehrwürdig aus, daß uns unwillkürlich ein leises „Aber Spectabilis!“ entschlüpfte.

Mit dieser Abschiedsvorstellung im Theater an der Wien schloß für uns eine Reihe der vollkommensten Genüsse, welche die Gesangskunst gewähren kann. Die Gastspiele der Patti haben nur die Eine üble Wirkung, daß sie uns für die Mängel deutscher Opernsängerinnen viel empfindlicher machen. Wir haben Sängerinnen, welche Geist und dra

matisches Feuer besitzen andere, welche durch Wohllaut und Kraft der Stimme imponiren noch andere, deren Reiz in ihrer poetischen Erscheinung und Innigkeit liegt, aber selten, sehr selten finden wir eine Sängerin, die neben dem Allen auch noch — singen kann. Was wir von jedem ersten Geiger oder Bläser im Orchester verlangen, daß er die Technik sei nes Instrumentes vollkommen, rein und sicher beherrsche, das wird von einer deutschen Primadonna nur selten gefor dert und noch seltener geleistet. In den tonangebenden Opern des Tages, den Wagner’schen, macht sich dieser Man gel am wenigsten fühlbar, zum Glück für die Sänger, zum Unglück für die Gesangskunst. Stimme, Leidenschaft, ein gewisses Maß von Intelligenz und Empfindung genügen hier zur Hauptsache; in technischer Beziehung geben wir uns schon mit der negativen Trias zufrieden: nicht schreien, nicht tremoliren, nicht distoniren. Es ist gewiß ein recht bescheidener Maßstab, mit dem wir bei Beurtheilung der deutschen Opernvorstellungen [???]. Zwei Sängerinnen gastiren gegenwärtig im Hofoperntheater, Frau Schrö der und Fräulein Loewe. Die erstgenannte, welche uns vor einem Jahre als Fräulein Schröder verließ, um als Frau Schröder-Hanfstängel zurückzukommen, ist unserem Publicum in angenehmer Erinnerung als Gilda, Philine, Lucia, Margaretha von Valois. Diese Rollen, welche wir seinerzeit sämmtlich besprochen haben, wird Frau Schröder hier wiederholen, bis die Oper „Hamlet“ auffüh rungsreif ist. Daß man sich des Gastspiels der Frau Schröder versichern mußte, um diese Novität überhaupt geben zu können, ist ein neuer Beweis für die Seltenheit deutscher Coloratur-Sängerinnen. Unter diesen nimmt Frau Schröder durch ihre angenehme Stimme, ihre perlenden Scalen und Triller eine achtungswerthe Stellung ein; um auf der hiesigen Bühne große Wirkungen zu erzielen, dazu fehlt es leider ihrer Stimme an Kraft, ihrem Spiel an dramatischer Lebendigkeit und Leidenschaft. Fräulein Adele Loewe, die beliebte Primadonna des Prager Theaters, ist hier als Elsa (im „Lohengrin“) und als Fidelio mit Beifall aufgetreten. In beiden Rollen erwies sich ihre Stimme als unzureichend für hochdramatische Partien im neuen Opern hause. Immerhin hat sie als Fidelio mehr durchgegriffen,

die Intonation war reiner, der Vortrag freier und unge zierter als im „Lohengrin“. Eine sehr einnehmende Persön lichkeit, Bühnenroutine und ein lebhaftes, anmuthiges Spiel kamen Fräulein Loewe in der einen wie in der anderen Rolle zu statten. Auf den dramatischen Höhepunkten dieser Opern zeigte es sich freilich, daß das Spiel Fräulein Loewe’s mehr von Schönheitsgesetzen und geschickter Berechnung dictirt ist, als tief aus dem Innersten entspringend. Die hinreißende Wärme und überzeugende Wahrheit, mit welcher Frau Dustmann dieselben Aufgaben löst, fanden wir von Fräulein Loewe in keiner Scene erreicht. Immerhin sind die Leistungen dieser Künstlerin tüchtige und achtenswerthe; auf kleineren Bühnen mögen sie auch effectvolle sein. Es fehlte Fräulein Loewe nicht an Applaus und Hervorrufen.

Im „Lohengrin“ sang Herr Degele aus Dresden den Telramund sehr anständig; Herr Scaria (seltsamer weise noch immer „als Gast“ angeführt) den König mit der vollen Wirkung seines kräftigen Organs. Möge sich Herr Scaria nur vor einer allzu derben und breiten Aus nützung seiner Stimmkraft und vor einer allzu großen Pas sivität des Spiels in den Ensemble-Scenen hüten. Sein Kö nig Heinrich, der ohnehin mit dem Könige Gambrinus mehr als die nöthige Aehnlichkeit hat, sah den ergreifendsten und überraschendsten Vorgängen im zweiten Finale mit einer Gleichgiltigkeit zu, die bei nur etwas längerer Dauer komisch geworden wäre. „Fidelio“ war im Ganzen eine sehr gute Vorstellung und wurde von der dichtgedrängten Zuhörer schaft mit wahrer Andacht verfolgt. Die bekannten vor trefflichen Leistungen der Herren Beck, Walter und Draxler wurden vollauf gewürdigt. Die trotz ihres be scheidenen Umfangs wichtige und schwierige Rolle der Mar zelline sang zum erstenmale Fräulein Dillner, sehr zum Vortheil der ganzen Vorstellung. Capellmeister Dessoff, dessen unermüdliche Thätigkeit und Arbeitskraft seit Her beck’s Erkrankung Bewunderung verdient, dirigirte die Oper und theilte mit dem trefflichen Orchester die Ehren eines ganz ungewöhnlichen Beifallssturms, welcher sich nach der großen „Leonoren“-Ouvertüre erhob und lange nicht enden wollte.