Concerte und Opern.
Wien, 5. Mai.
Ed. H. Drei Tage nach ihrer feierlichen Eröffnung hat
unsere Weltausstellung bereits eine musikalische Huldigung
in großem Style erfahren. Denn so darf man wol das
„Schubert-Fest“ nennen, das gestern Mittags im großen
Musikvereins-Saale stattfand und das am nächsten Sonntag
in einem „Beethoven-Fest“ sein ergänzendes Seitenstück fin
den soll. Angesichts des vielen Unfertigen, das den Fremden
hier noch wüst anblickt, empfinden wir Musiker es als ein
wahres Glück, daß Wien in seiner musikalischen Großmachts-
Eigenschaft seine Gäste in zwei fertigen Palästen, wie das
Opernhaus und das Musikvereins-Gebäude, empfangen kann.
Von dem reichbewegten Musikleben einer Wintersaison in
Wien vermag man dem Fremden jetzt allerdings keine Vor
stellung zu geben; dafür war es eine glückliche Idee, ihm
in zwei großen Musikfesten gleichsam eine Auswahl des
Besten zu gewähren. Die „Gesellschaft der Musikfreunde“
verband sich zu diesem Zwecke mit dem Orchester der „Phil
harmoniker“, mit dem „Singverein“ und dem „Wiener
Männergesang-Verein“, unseren besten Corporationen. We
niger einleuchtend ist uns das Programm, welches diese
Kräfte nur zu einem ausschließlichen Schubert-Concert
und zu einem ausschließlichen Beethoven-Concert ver
einigt. Sei es noch um Beethoven. Er ist der einzige Ton
dichter, der ein ganzes, langes Concert hindurch allein das
Wort führen darf; die innere Stylverschiedenheit seiner
drei Perioden, die äußere Mannichfalt seiner Com
positions-Gattungen, seine in allen Stimmungen uns
erhebende und läuternde sittliche Kraft lassen einen
Wunsch nach Abwechslung kaum oder selten aufkommen.
Trotzdem möchten wir ein exclusives Beethoven-Programm
auch nur dann befürworten, wenn ein bestimmter festlicher
Anlaß, wie das Beethoven-Jubiläum 1870, dazu auffordert.
Sonst wirkt Beethoven noch mächtiger, wenn seine heroische
Kraft sich von der milderen Schönheit Haydn’s und Mo
zart’s, von der feineren, dämmernden Romantik Mendels
sohn’s und Schubert’s abhebt. Die Symphonien der beiden
Letztgenannten sind ganz besondere Meisterleistungen unserer
Philharmoniker — weßhalb sie verleugnen? Wollte man den
österreichischen Gesichtspunkt festhalten, warum nicht neben
Beethoven und Schubert auch Haydn, Gluck, Mozart mit
einem Werke repräsentiren? Das schiene uns das Richtigste
und zugleich Reizvollste. Nimmermehr jedoch können wir es
loben, wenn von nur zwei Concerten eines ausschließlich mit
Schubert ausgefüllt wird, so gerne wir unterschreiben,
was Mosenthal in seinem Prologe Treffendes über
Schubert gesagt und so schön gesagt hat. Schubert ist bei
aller Genialität eine behagliche, bequeme Natur, die sich
gerne gehen läßt und unbefangen wiederholt; lauter Schu
bert ein ganzes Musikfest hindurch ist nicht denkbar ohne
ein starkes Uebergewicht des rein Lyrischen, des Liedmäßigen,
des melodiös-homophonen Satzes. Die Wirkung Schubert’
scher Musik wird durch die Ausschließlichkeit nicht größer,
sondern kleiner; die einzelnen Stücke bezaubern durch ihren
echt Schubert’schen Duft; in Reih’ und Glied gestellt, wie
in dem gestrigen Concert, schwächen sie einander durch die
starke Familien-Aehnlichkeit und enthüllen manche Schwäche
dieses unerschöpflich fruchtbaren Meisters. Ueberdies hatte
man das Programm zu wenig contrastirend zusammenge
stellt; die sentimentalen und schwermüthigen Stimmungen
herrschten ungebührlich vor, und die Orchesternummern ver
schwanden fast neben der Menge von Vocalmusik. Die In
strumentalwerke wurden unter Dessoff’s, die Chöre un
ter Kremser’s Leitung meisterhaft ausgeführt. Entzückend
schön trug Herr Walter drei Schubert’sche Lieder vor;
Fräulein Ehnn machte Effect mit drei anderen; nur dünkte
uns dieser Effect gar zu theatralischer Natur. Lewinsky’s
Vortrag des Mosenthal’schen Festgedichtes vereinigte, wie
alle Declamationen dieses Meisters, Klarheit, Kraft und
Wärme. Der Erfolg des „Schubert-Festes“ war in jeder
Hinsicht ehrenvoll und lohnend.
Die Zöglinge des Conservatoriums vereinigten
sich am 29. April zu ihrer alljährlichen Opern-Production
auf der im kleinen Musikvereinssaale improvisirten Bühne.
Zöglings-Productionen haben einen eigenen Reiz: den
Reiz der Jugend, des enthusiastischen Eifers, der holden
Unbehilflichkeit. Vor jedem dieser halb flüggen Künstler liegt
die Zukunft in rosigem Lichte; nur die dunklen Lose ruhen
ihnen noch unsichtbar und ungeglaubt im Zeitenschoße. Mit
jugendlichem Feuer spielt das Zöglings-Orchester unter
Hellmesberger’s umsichtiger Direction die „Tannhäuser“-
Ouvertüre, und der schmale Vorhang rollt in die Höhe.
Wir blicken in die wohlbekannte norwegische Fischerhütte aus
dem „Fliegenden Holländer“; der Chor der Spinnerinnen
klingt prächtig zusammen. Die Mädchen singen und bewegen
sich mit zwangloser Fröhlichkeit; ihre einfachen, netten
Costüme gefallen uns noch besser, seitdem wir wissen, daß
die jungen Sängerinnen sich dieselben nach Angabe der Frau
Marchesi eigenhändig zu Hause verfertigt haben. Fräulein
Emilie Kraus sang die Ballade der Senta und das Duett
mit dem Holländer. Ein poetischer Schimmer umgibt wie leich
ter Silberglanz Spiel und Vortrag dieses Mädchens; er ist wol
vorderhand noch das Einzige, was sie für die Bühne mitbringt.
Herr Joseph Staudigl (Holländer) hat in Rokitansky’s
Schule bedeutende Fortschritte gemacht; wenn er sie noch
verdoppelt haben wird, kann er einer schönen Laufbahn ge
wiß sein. Nicht nur sein Name hat einen guten Klang, auch
seine Stimme, deren weiche Fülle uns an den Liedervortrag
seines Vaters erinnerte. Dieses zweifache schöne Erbtheil
darf Herrn Staudigl muthig, aber nicht übermüthig machen;
die Pietät für einen verehrten Namen stimmt zwar anfangs
das Publicum zu sanguinischem Wohlwollen, hindert es aber
nicht, in der Folge grausam zu sein. Die begabteste und
künstlerisch fertigste von den jungen Sängerinnen ist Fräu
lein Clementine Proska, deren sammtweicher, leicht anspre
chender hoher Sopran in der Wahnsinnsscene der Lucia
sich glänzend hervorthat. Wie bei Fräulein Proska die musi
kalische Natur, so ist bei ihren Colleginnen Elise Wiedermann
und Louise Proch das dramatische Talent hervorstechend. In
erster Linie scheint bei ihnen die Intelligenz zu wirken, eine
seltene und werthvolle Eigenschaft auf dem Theater, aber
nicht die entscheidendste. Die Spieloper ist der prädestinirte
Wirkungskreis dieser beiden jungen Sängerinnen, welche in
der That auch schon für die neue „Komische Oper“ in Wien
gewonnen sein sollen. Der gute Erfolg dieser Opern-Pro
ductionen und die überaus warme Theilnahme des Publicums
dafür weisen von selbst darauf hin, daß die „Gesellschaft der
Musikfreunde“ ihre Opernschule zu einer förmlichen, auch
das Drama umfassenden Theaterschule nach dem Vorbild des
Pariser Conservatoriums erweitern sollte. Wir wollen diesen
Gedanken vorläufig blos angeregt haben, um ihn bei Ge
legenheit mit mehr Ausführlichkeit und Courtoisie wieder
aufzunehmen.
Aus den übrigen Musik-Productionen der letzten Tage
fanden den lebhaftesten Anklang das Orgelconcert des durch
seine Musikbildung und Technik hervorragenden Orgelspielers
Dr. Karl Hausleithner, dann eine „zum Besten der
Hinterbliebenen eines verdienstvollen Tonkünstlers“ veran
staltete Soirée im Bösendorfer’schen Saale. Die Seele
dieses Wohlthätigkeits-Concertes war Frau Gräfin Wil
helmine Wickenburg-Almasy — ein Name, der
sofort die vereinte Vorstellung von Geist und Güte, von
poetischer und musikalischer Begabung wie in Einem Accorde
erklingen macht. Das schwedische Damenquartett
hat sich unter rauschendem Beifalle vor einem zahlreichen
Publicum verabschiedet; im Gegensatze dazu hatte der Cla
rinettist Joseph Müller das Mißgeschick, nicht viel mehr
als die leeren vier Wände des Concertsaales anzublasen.
Die Jahreszeit ist derlei Concerten entschieden ungünstig,
und wir möchten alle Virtuosen auf das nachdrücklichste
warnen, sich nicht durch eine mißverstandene Speculation
auf die Weltausstellung zu einer Concertreise nach Wien
verleiten zu lassen. Nur ganz außergewöhnliche Leistungen,
wie das Schubert- und Beethoven-Concert im großen Musik
vereinssaale, können jetzt auf Theilnahme rechnen. Im All
gemeinen hat die Weltausstellung nicht die Wirkung, die
Fremden in Concerte zu locken, vielmehr die entgegengesetzte,
davon abzulenken. Der einzige Kunstgenuß, den man nach
angestrengtem Tagwerk in den Ausstellungsräumen aufzu
suchen pflegt, ist hier wie anderwärts das Theater. Es
müßte ein Wunder von einem Clavier, einer Geige oder
einem Blasinstrument sein, welches derzeit das Publicum
aus dem Prater in die innere Stadt zu locken vermöchte.
Im Theater an der Wien hat sich Adelina Patti
in einem Opern-Pasticcio verabschiedet, welches den ersten
Act der „Traviata“, den dritten des „Faust“ und die
Scene mit dem Schattentanz aus „Dinorah“ enthielt. Als
Violetta und Dinorah war sie unübertrefflich an ihrem
Gretchen störte uns nur die hohe, rothblonde Perrücke. In
London, wo jede einmal eingeführte Theaterpraxis sofort
zum unverbrüchlichen Gewohnheitsrechte erstarrt, darf Gret
chen im „Faust“ nicht anders als blond erscheinen. In Wien
hätte sich die Patti von diesem blonden Haare füglich eman
cipiren können, das zu ihrem Gesichte schlechterdings nicht
paßt, und dadurch der ganzen Gestalt etwas Fremdartiges,
ja Unwahres gab. Gesungen und gespielt ward die Rolle
sehr schön, wenn sie auch in diesem herausgerissenen
Fragment und bei mangelhafter Unterstützung nicht die volle
Wirkung machen konnte. Einen ungetrübten hohen Genuß
gewährten alle Soloscenen Gretchens; der Vortrag des
„König von Thule“ mit der lang aushallenden Schlußnote
am Ende jeder Strophe war in seiner schlichten Einfachheit
ebenso bewunderungswürdig, wie der funkelnde Schmuck
walzer, in welchem auch die höchste Bravour nur fröhlich,
niemals kokett oder concertirend klang. Das Liebesduett litt
unter der Mitwirkung des Herrn Naudin, dieses stimm
losesten, trockensten Faust, den wir je gehört. Er sah immer
so verdrießlich drein, als säße er allein im Gasthause und
würde schlecht bedient. Auch Signora Barbara Marchi
sio war ein sonderbarer Siebel. Physiognomie und Stimme
erregten den Verdacht, daß hier nicht ein junger Student,
sondern ein älterer Professor vorgestellt werde, der auch
schon Decan war, und keiner von den leutseligsten. Wie
dieser Siebel mit seinem „Blümelein traut“ vor Marga
rethens Fenster herumhüpfte, sah er so närrisch ehrwürdig
aus, daß uns unwillkürlich ein leises „Aber Spectabilis!“
entschlüpfte.
Mit dieser Abschiedsvorstellung im Theater an der
Wien schloß für uns eine Reihe der vollkommensten Genüsse,
welche die Gesangskunst gewähren kann. Die Gastspiele der
Patti haben nur die Eine üble Wirkung, daß sie uns für
die Mängel deutscher Opernsängerinnen viel empfindlicher
machen. Wir haben Sängerinnen, welche Geist und dra
matisches Feuer besitzen andere, welche durch Wohllaut und
Kraft der Stimme imponiren noch andere, deren Reiz in
ihrer poetischen Erscheinung und Innigkeit liegt, aber selten,
sehr selten finden wir eine Sängerin, die neben dem Allen
auch noch — singen kann. Was wir von jedem ersten Geiger
oder Bläser im Orchester verlangen, daß er die Technik sei
nes Instrumentes vollkommen, rein und sicher beherrsche,
das wird von einer deutschen Primadonna nur selten gefor
dert und noch seltener geleistet. In den tonangebenden
Opern des Tages, den Wagner’schen, macht sich dieser Man
gel am wenigsten fühlbar, zum Glück für die Sänger, zum
Unglück für die Gesangskunst. Stimme, Leidenschaft, ein
gewisses Maß von Intelligenz und Empfindung genügen
hier zur Hauptsache; in technischer Beziehung geben wir
uns schon mit der negativen Trias zufrieden: nicht schreien,
nicht tremoliren, nicht distoniren. Es ist gewiß ein recht
bescheidener Maßstab, mit dem wir bei Beurtheilung der
deutschen Opernvorstellungen [???]. Zwei Sängerinnen
gastiren gegenwärtig im Hofoperntheater, Frau Schrö
der und Fräulein Loewe. Die erstgenannte, welche
uns vor einem Jahre als Fräulein Schröder verließ,
um als Frau Schröder-Hanfstängel zurückzukommen, ist
unserem Publicum in angenehmer Erinnerung als Gilda,
Philine, Lucia, Margaretha von Valois. Diese Rollen,
welche wir seinerzeit sämmtlich besprochen haben, wird Frau
Schröder hier wiederholen, bis die Oper „Hamlet“ auffüh
rungsreif ist. Daß man sich des Gastspiels der Frau
Schröder versichern mußte, um diese Novität überhaupt
geben zu können, ist ein neuer Beweis für die Seltenheit
deutscher Coloratur-Sängerinnen. Unter diesen nimmt Frau
Schröder durch ihre angenehme Stimme, ihre perlenden
Scalen und Triller eine achtungswerthe Stellung ein; um
auf der hiesigen Bühne große Wirkungen zu erzielen, dazu
fehlt es leider ihrer Stimme an Kraft, ihrem Spiel an
dramatischer Lebendigkeit und Leidenschaft. Fräulein Adele
Loewe, die beliebte Primadonna des Prager Theaters, ist
hier als Elsa (im „Lohengrin“) und als Fidelio mit Beifall
aufgetreten. In beiden Rollen erwies sich ihre Stimme als
unzureichend für hochdramatische Partien im neuen Opern
hause. Immerhin hat sie als Fidelio mehr durchgegriffen,
die Intonation war reiner, der Vortrag freier und unge
zierter als im „Lohengrin“. Eine sehr einnehmende Persön
lichkeit, Bühnenroutine und ein lebhaftes, anmuthiges Spiel
kamen Fräulein Loewe in der einen wie in der anderen
Rolle zu statten. Auf den dramatischen Höhepunkten dieser Opern
zeigte es sich freilich, daß das Spiel Fräulein Loewe’s mehr von
Schönheitsgesetzen und geschickter Berechnung dictirt ist, als
tief aus dem Innersten entspringend. Die hinreißende
Wärme und überzeugende Wahrheit, mit welcher Frau
Dustmann dieselben Aufgaben löst, fanden wir von
Fräulein Loewe in keiner Scene erreicht. Immerhin sind
die Leistungen dieser Künstlerin tüchtige und achtenswerthe;
auf kleineren Bühnen mögen sie auch effectvolle sein. Es
fehlte Fräulein Loewe nicht an Applaus und Hervorrufen.
Im „Lohengrin“ sang Herr Degele aus Dresden
den Telramund sehr anständig; Herr Scaria (seltsamer
weise noch immer „als Gast“ angeführt) den König mit
der vollen Wirkung seines kräftigen Organs. Möge sich
Herr Scaria nur vor einer allzu derben und breiten Aus
nützung seiner Stimmkraft und vor einer allzu großen Pas
sivität des Spiels in den Ensemble-Scenen hüten. Sein Kö
nig Heinrich, der ohnehin mit dem Könige Gambrinus mehr
als die nöthige Aehnlichkeit hat, sah den ergreifendsten und
überraschendsten Vorgängen im zweiten Finale mit einer
Gleichgiltigkeit zu, die bei nur etwas längerer Dauer komisch
geworden wäre. „Fidelio“ war im Ganzen eine sehr gute
Vorstellung und wurde von der dichtgedrängten Zuhörer
schaft mit wahrer Andacht verfolgt. Die bekannten vor
trefflichen Leistungen der Herren Beck, Walter und
Draxler wurden vollauf gewürdigt. Die trotz ihres be
scheidenen Umfangs wichtige und schwierige Rolle der Mar
zelline sang zum erstenmale Fräulein Dillner, sehr zum
Vortheil der ganzen Vorstellung. Capellmeister Dessoff,
dessen unermüdliche Thätigkeit und Arbeitskraft seit Her
beck’s Erkrankung Bewunderung verdient, dirigirte die Oper
und theilte mit dem trefflichen Orchester die Ehren eines
ganz ungewöhnlichen Beifallssturms, welcher sich nach der
großen „Leonoren“-Ouvertüre erhob und lange nicht enden
wollte.