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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H. Es war im Frühjahre
die Oper „
hörte. Die unübertrefflich feine und lebenswahre Darstel
lung des liebenswürdigen Werkes in der Opéra comique
hatte mich hoch erfreut, so daß ich mir nicht versagen
konnte, am nächsten Morgen dem Componisten, meinem Col
legen in der musikalischen Jury, dafür zu danken. Ambroise
scheidenheit, welche vor jeder lobenden Berührung schüchtern
zurückweicht; nicht einmal der unerhörte Erfolg seiner
„
mal gespielt worden — vermochte ihn eitel zu machen. Er
lehnte mein Lob mit dem ihm eigenen schwermüthigen Lächeln
ab; als fühlte er aber dennoch eine kleine Verpflichtung, aus
seinem Schweigen herauszugehen, flüsterte er nach einer
Pause: „Ich habe ein gediegeneres, ernsteres Werk im Pulte
liegen, das Ihnen vielleicht Freude machen wird und dem
ich mehrere Jahre der hingebendsten Arbeit gewidmet.“ —
„Und was ist der Gegenstand dieser Oper?“ — „
Unwillkürlich schreckte ich zusammen; das eine Wort
„
gefährlichen Abgrund, an welchem der treffliche Mann sich
nunmehr angebaut. Zwei Motive mußten sofort meine Be
sorgniß für diese Oper erwecken: zunächst die Natur des
Sujets überhaupt, sodann dessen Verhältniß zu der künst
lerischen Individualität von Ambroise
Widerspruch liegt so handgreiflich auf, daß es fast eine Ba
nalität ist, darüber zu reden. Und doch muß auf diesen
Punkt, auf die unheilbare kranke Wurzel des Ganzen zuerst
und nachdrücklich hingedeutet werden. Dasjenige, worin die
Macht und der Reiz des
ruht: die unerschöpfliche Gedankentiefe, die stahlhelle und
schneidige Dialektik, das feinste Nervengeflecht des mensch
lichen Denkens und Wollens — es ist der Musik unerreich
bar. Unzugänglich ist ihr ferner der Charakter
alles das, was ihn erst zum
ausbrennende Gedanke, der es nicht zur That bringen kann;
das Zaudern und Schwanken, dessen Nothwendigkeit trotz
alles Drängens zur Rache eben das tragische Element des
Charakters bildet. Endlich gar
den allmälig der wirkliche so grauenhaft zu überschatten be
ginnt! Die Musik besitzt für die Schilderung des wirklichen
Wahnsinns nur ein sehr beschränktes, mehr andeutendes,
„anspielendes“ Ausdrucksvermögen; den geheuchelten Wahn
sinn zu schildern und vollends die beiden unterscheidend aus
einanderzuhalten, vermag die Tonkunst ganz und gar nicht.
So muß denn der Componist auf all die herrlichen Scenen
verzichten, in welchen
und glänzenden Geistes aufwirft; auf all die Stellen, wo
er die Spitze des Gedankens durchbohrend in das eigene
Innere richtet, bis sein Blick und der des Zuschauers sich
in unheimliche Tiefe verliert. Was bleibt übrig? Das rohe
Gerüst der Handlung mit den Figuren des
nigin
Die einzige
und dankbare Aufgabe; sie allein ist der Punkt, wo die
Musik in diese Tragödie einströmen kann. Ohne Zweifel hat
diese rührende Mädchengestalt unseren Tondichter zur Com
position des „
trotz der
Erscheint
eine verfehlte Wahl für jeden Operncomponisten, so war er
es außerdem noch ganz speciell für die Individualität unseres
Componisten. Ambroise
kalische Natur; leichte, heitere Stoffe behandelt er sehr an
muthig, nicht selten geistreich und glänzend, auf einem mitt
leren Niveau der Empfindung glückt ihm auch das Zärtliche
und Rührende vortrefflich. Aber für den verheerenden Sturm
der Leidenschaft, für den tragischen Donner fehlen ihm die
Töne. Jede Seite seiner „
die Natur jene nachhaltige Kraft und Größe des Ausdrucks
versagt hat, welche für die Tragödie unentbehrlich sind. Wo
er auf seinem natürlichen Grund und Boden arbeitet (der
Opéra comique im weiteren Sinne), da bringt er es zu
liebenswürdigen, mitunter reizenden Schöpfungen, und so
ungleich selbst seine besten Opern in ihren einzelnen Theilen
sind, es werden „
„
zu dem Gelungensten gezählt werden, was die
Opéra comique seit
geistreich pointirte, von ernster Empfindung nur leicht ge
streifte Conversationston ist und bleibt das eigentliche Gebiet
dieses liebenswürdigen Talentes, das in der That auf
demselben alle seine Erfolge seit 35 Jahren errang.
Zwei Versuche in der „Großen Oper“ („
Carmagnola
spurlos vorüber; beide sind überdies auch ihrem Stoff und
Musikstyl nach Conversationsstücke, welche mit gesprochenem
Dialog ohneweiters in der Opéra comique figuriren könnten.
Unbestritten ist der große Erfolg des „
funden haben. Allein weder dieser Erfolg, noch die vielen
Detailschönheiten der Oper können unsere Ueberzeugung er
schüttern, daß Ambroise
das Feld der Conversations-Oper verlassen und mit „
let
ist nicht das einzige Beispiel in der Geschichte der Oper,
daß ein anmuthiges Talent durch unnatürliche Streckung
den Anschein verdoppelter Größe erreicht, während es sich
dadurch thatsächlich im Kerne abschwächt und verwinzigt.
Der erste Act bringt nach einer nicht ungefälligen, aber
wenig originellen Festmusik und einer unbedeutenden Cava
tine des
besduett zwischen
Sonne Klarheit“, das durch sein schönes Ebenmaß, wie durch
die warm empfundene Melodie zu den besten Nummern der
Oper gehört. Die berühmte „Scène de l’Esplanade“, von
einer viel zu langen Orchester-Phantasie eingeleitet, trifft in
der Beschwörung des
glücklich die feierlich ängstliche Stimmung dieses Momentes.
Auch die breit hinströmende Cantilene
Verschwinden des
effectvoll, paßt aber doch mehr für einen sehnsüchtig Lieben
den, als für den von so grauenhafter Begegnung erschütter
ten, Rache schwörenden
noch von manchem anderen Stück dieser Oper, das musika
lisch anmuthend und empfindungsvoll in einem kleineren
Rahmen von bester Wirkung wäre, aber in einer Tra
gödie „
Der zweite Act beginnt mit einer Arie
zwei volksliedartige Strophen nordischer Färbung gut ver
webt sind. Unbedeutend sind die Arie der
zwischen
und der Chor der Schauspieler, dessen lahmer Humor sehr
unvortheilhaft hinter dem lebensfrischen Comödianten-Chor in
„
entscheidend der richtige Platz für ein Musikstück! Es folgt
die große Schauspielscene im Prunksaal, deren Composition
von großer Gewandtheit und Bühnenkenntniß zeugt. Das
sich anschließende Finale hingegen (das einzige große Finale
im „
Bau und betrübend lärmender Instrumentirung. Den dritten
Act eröffnet
folgt die Gebetscene des
dahinsickernder Musik. In dem Terzett zwischen
tive, so die Fis-moll-Stelle „Geh’ in ein Kloster“, der wir
freilich noch lieber mit einem anderen Text an anderer
Stelle begegnen würden. Der Act schließt mit einem sehr
langen Duett
müdend, sich schließlich (mit dem Erscheinen des
über das Niveau der übrigen
hebt. Es ist Stimmung und dramatischer Zug darin. Der
effectvollste, poetischeste Act ist der vierte; er hat fast
überall den Erfolg der Oper entschieden. Landleute
feiern ein Frühlingsfest mit Gesang und Tanz; die
theilweise recht hübsche, nur allzu lange Balletmusik
ist zum Vortheile des Ganzen in
Die wahnsinnige
singt, an dem Feste theilnehmend, eine schwermüthige
disch
werk ausgeht. Die Verbindung des Gesanges der
mit dem Tanz und der Pantomime ist in ihrer Art neu
und von guter Wirkung. Das Ballet bildet gleichsam den
stummen Chor zu
Wir haben den Tod
„Es neigt ein Weidenbaum sich über’n Bach und zeigt im
klaren Strom sein grünes Laub, mit welchem sie phantastisch
Kränze wand von Hahnfuß, Nesseln, Maaslieb, Kukuks
blumen. Dort, als sie aufklomm, um ihr Laubgewinde an
den gesenkten Aesten aufzuhängen, zerbrach ein falscher
Zweig, und niederfielen die rankenden Trophäen und sie
selbst ins weinende Gewässer. Ihre Kleider verbreiteten sich
weit und trugen sie sirenengleich ein Weilchen noch empor,
indeß sie Stellen alter Weisen sang, als ob sie nicht die
eigene Noth begriffe, wie ein Geschöpf geboren und begabt
für dieses Element. Doch lange währt es nicht, bis ihre
Kleider, die sich schwergetrunken, das arme Kind von ihren
Melodien herunterzogen in den schlammigen Tod.“ Die
rührende Gewalt dieser einfachen Worte wird kaum eine
Musik jemals übertreffen. Doch gestehen wir gerne, daß
die Scene bei Ambroise
der schönen, stimmungsvollen Landschaft, einen poetischen
Eindruck macht. Wären uns nicht die gesungenen Wahn
sinnsscenen so schrecklich verleidet, wir würden noch lebhafter
in den Beifall des Publicums einstimmen. Der fünfte Act des
ten zugeschlagen) ist geringfügig: er bringt das Duett der
beiden Todtengräber, eine gekünstelte Composition von sehr
zweifelhaftem Humor, und das Leichenbegängniß
an deren Sarge
den
Aus dem Gesagten ergibt sich von selbst, wie schwan
kend und unbefriedigend der Totaleindruck der neuen Oper
ist. Wir sehen hier das feine, leichtflüssige Talent und die
meisterhaft geschickte Bühnen- und Orchestertechnik des Com
ponisten in ungleichem Kampfe mit einem schweren, musik
widrigen Stoffe, welcher überdies durch die Rohheit der
Librettomacher den Beigeschmack einer
nicht ganz loswerden kann. Einzelne Stellen interessiren
und erfreuen uns; im Ganzen fehlt aber der Musik die
nachhaltige schöpferische Kraft, die Energie des Ausdruckes,
der dramatische Nerv. An der künstlerischen Redlichkeit
von Ambroise
tiker, welche ihm vorwerfen, er wolle um jeden Preis nur
Effect auf das große Publicum machen, sind im Irrthum.
Ambroise
irgend eine, will überall das Wahre geben und glaubt es
zu geben. Wer wüßte es nicht, daß das Wahre wie das
Schöne in der Kunst ein Relatives ist, das jede Nation
durch ein anders gefärbtes Glas erblickt? Wo Ambroise
fallsucht die Schuld, sondern die theatralischen Anschauun
gen seiner Nation und die Grenzen seines Talentes.
Wir haben schließlich noch der Aufführung zu gedenken,
welche zu den besten des Hofoperntheaters gehört. Die
Rolle des
ben, zunächst, weil die dunkle Klangfarbe ihm geeigneter für
den Charakter
Tenor; sodann, weil er sich von der Prätension und Un
verläßlichkeit der ersten Tenoristen einmal emancipiren
wollte. Der Gedanke an Faure, den gefeierten Bariton
Hilfe jenes rastlosen Studiums und jener unbestechlichen
künstlerischen Gewissenhaftigkeit gelangen, die wir an diesem
Künstler so hochschätzen. Er dürfte in
Rivalen finden im Vortrag der leidenschaftlichen, erregten
Scenen des
Schlusse des ersten und des dritten Actes) und der Schau
spielscene sammt Finale im zweiten Acte. Mit diesen Stellen,
sowie mit dem Vortrage des Trinkliedes enthusiasmirte Herr
Actschlusse zu rufen. Die dankbarste Rolle in der Oper
( Murska zugefallen, welche in