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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H. Gounod, der gefeierte Componist des „
besetzung dieser Stelle zugleich eine Reform in ihren Rechten
und Pflichten eintreten zu lassen. Sein
durch den Inhalt wie durch den individuellen warmen Aus
druck des geistreichen Verfassers auch die
teressiren wird, soll hier — mit einigen nothwendigen und
das Wesentliche der Frage nicht alterirenden Kürzungen —
möglichst getreu wiedergegeben sein.
reich
ihre Werke im Theater oder im Concert selbst zu dirigiren.
In
undenklichen Zeiten, man hat dort den Componisten dieses
natürlichste aller Rechte niemals bestritten. Woher kommt
es, daß man ihnen dasselbe in
behauptet, dieser Anspruch des Tondichters sei ein Angriff
auf die Rechte und auf das Ansehen des angestellten Capell
meisters. Man fügt hinzu, daß viele Componisten nicht fähig
sind, ein Orchester oder eine Oper zu dirigiren. Endlich
— um den Knoten zu zerhauen — ist es „nicht üblich“.
Untersuchen wir einmal das Gewicht dieser Gründe.
Also zuerst, die Rechte des Capellmeisters! Nach welchen
Gesetzen und Principien schließen die Rechte des Capellmei
sters das Recht des Componisten auf die Leitung seines
eigenen Werkes aus? Betrachtet sich der Orchester-Dirigent
als unabhängig vom Componisten? Ist er nicht vielmehr
der Dolmetsch, der Mandatar einer Idee, welche nicht
die seinige ist? Und hat er deßhalb nicht zunächst die
position gerne und freiwillig die Direction derselben
fremden Händen anvertrauen möchte? Nicht Einer. Und
das ist ganz natürlich. Es gibt in jedem Tonwerke, ins
besondere einem dramatischen, eine Unzahl von Einzelheiten,
Schattirungen und Nüancen, von Zügen, die flüchtig und
wechselnd wie unsere Gesichtszüge, für das musikalische und
scenische Leben unentbehrlich sind und die, durch kein
geschriebenes Zeichen fixirbar, durchaus nur durch Ueber
lieferung an das Gedächtniß, die Einsicht und das Ge
muß keine Ahnung haben von dem Wesen des musikalischen
Ausdruckes, um die innige Beziehung, ja Identität nicht zu
begreifen, welche zwischen dem erfindenden Kopf und der
dirigirenden Hand besteht. — Man entgegnet, daß ja der
Capellmeister den (vom Componisten geleiteten) Proben
beiwohnt. Was will das sagen? Er könnte ihnen hundert
Jahre lang beiwohnen, ohne Nutzen, wenn es ihm an In
telligenz, an Gedächtniß oder an Gefühl fehlt. Das Beste
und Sicherste für ihn bleibt immer eine Reihe von öffent
lichen Aufführungen unter der Leitung des Componisten.
Fragt Richard Wagner, Félicien
Gehen wir nun auf die Frage von dem Ansehen und
der Würde des Capellmeisters über. Offen gestanden,
Man muß endlich nicht mit dem Namen „Würde“ jed
wede Form beehren, welche die Empfindlichkeit der Eigen
liebe annimmt. Nichts ist in höherem Grade „würdig“, als
wenn wir erkennen und gestehen, daß es unsere Pflicht sei,
auf das gewissenhafteste ein Mandat auszuführen, sobald wir
es angenommen haben. Und was ist die Thätigkeit eines
Capellmeisters Anderes, als ein Mandat, ein Auftrag?
Wenn der Componist noch lebt, so ist der Dirigent
der Abgeordnete seiner Intentionen; hat der Com
ponist bereits die Augen geschlossen, so ist der Dirigent
der Abgeordnete der Tradition. In beiden Fällen hat er sich
unterzuordnen, nicht sich vorzudrängen. Seine rechte „Würde“
besteht darin, nichts zu verabsäumen, was ihn in den voll
ständigsten Zusammenhang mit den Ideen des Tondichters
setzen kann. Ich will nachweisen, daß die „Autorität“ des
Capellmeisters, weit entfernt, durch jene Unterordnung verletzt
zu sein, vielmehr durch sie befestigt und sanctionirt werde.
Es wäre nämlich ein grober Irrthum, zu glauben, die
Autorität fließe aus dem Willen; sie entspringt aus der
Intelligenz. Nicht die Gewalt ist’s, was die Autorität
begründet, sondern das Licht. Die Autorität ist nicht Zwang,
sondern Ueberredung; sie geht Hand in Hand mit der Wahr
heit und bedeutet das gerade Gegentheil des Lügenwortes:
„Gewalt geht vor Recht“. Was ich von der Gewalt gesagt,
braucht man nur auf die Routine anzuwenden; diese ist
nichts Anderes, als die Gewalt der Gewohnheit, welche sich
an die Stelle des Rechtes und der Wahrheit setzt. Wenn
aber die Autorität dem Lichte entspricht, so werden folge
richtig das Vertrauen und die Unterwerfung unter dieselbe
mit der Summe des Lichtes wachsen, das jene repräsentirt.
Je mehr von den Strahlen des ursprünglichen Lichtes der
Dirigent in sich aufnimmt, desto mehr Achtung wird seine
Autorität bei den Orchestermitgliedern begegnen. Wo aber
wäre diese Autorität mehr concentrirt, als in dem Autor?
Wer vermöchte sie besser als er auf einen Zweiten zu über
tragen? Jeder Andere ist aber gewissermaßen ein zweiter
Dirigent, ein Abgeordneter, ein Stellvertreter. Unter der
persönlichen Leitung des Autors gelebt, gearbeitet und ver
standen zu haben, seine Ideen nicht in der unvollständigen,
erkalteten Form der Erklärung, sondern als lebendigen, un
mittelbaren, augenblicklichen Eindruck zu empfangen — das
ist jederzeit die beste Gewähr für die Treue der Wiedergabe.
Die wesentliche Aufgabe besteht im Grunde darin, das
Kunstwerk dem „Buchstaben, welcher tödtet“, zu entziehen
und es anheimzustellen dem „Geist, der lebendig macht“.
Buch sei eine Rede, deren Vater nicht mehr da ist, sie zu
vertheidigen. Eine Partitur ist ein Buch; man muß Alles
anwenden, daß sie so viel als möglich lebendiges Wort
bleibe, d. h. die Seele, von welcher das Buch nur der Körper
ist; die Rede, von welcher die Noten nur die Stimme sind.
Es kann nicht zu oft wiederholt werden: Die Musik ist von
allen Künsten am meisten jenen Veränderungen unterworfen,
welche den Uebergang aus dem Geiste des Autors in jenen
des Publicums begleiten. Die übrigen Künste haben sämmt
lich eine festere und vom Autor selbst fixirte Form; zwischen
dem Werke des Malers oder Bildhauers und dem Zuschauer
steht Niemand; zwischen dem Publicum und dem Werke des
Tondichters steht eine ganze Welt, und diese Welt kann ent
weder transparent oder sie kann undurchsichtig sein, den
Lichtstrahl durchlassen oder abbrechen. Der Capellmeister ist
ein Mandatar, ein Beauftragter; je gewissenhafter er dieses
Mandat auffaßt, desto mehr wird er sich selbst von Verant
wortlichkeit entlasten und seine Autorität auf einer soliden,
unerschütterlichen Basis befestigen.
Schließlich sagt man: Wozu sollen sich die Componisten
in die Orchesterleitung einmischen — es ist nicht üblich.
Da wären wir also! Immer dasselbe Lieblingargument
für die absurdesten Dinge. „Es ist nicht Sitte.“ Wolan
denn, so ändere man sie. Wäre es das erstemal? Wir ver
bringen ja unser Leben damit und ganz gut. Wechselt nicht
die Mode? Und was ist die Mode, wenn nicht Gewohnheit?
Fürwahr, wir sollten uns endlich einmal von der Krankheit
dieser faden, maschinenmäßigen Antworten zu curiren trach
ten — es ist ein wahrer Starrkrampf. Man erfindet Eisen
bahnen, die es mir als Chirurgen ermöglichen, rasch bei
einem Verwundeten anzulangen und ihm durch eine Opera
tion das Leben zu retten. Aber es ist üblich, mit der Post
zu reisen; ich nehme die Post. Vielleicht komme ich zu spät,
und der arme Blessirte ist seinen Wunden erlegen. Auf der
Eisenbahn wäre ich noch rechtzeitig eingetroffen. Aber es ist
nicht üblich!
Die Kerker der Routine stehen allerorten und ihre
Mauern sind dick. Von Zeit zu Zeit entspringt ein Gefan
gener und allarmirt die öffentliche Meinung; der neue
Sauerteig bringt die alte Masse in Gährung, und eines
schönen Morgens gewahrt man, daß, was gestern Alle revol
tirte, heute Allen recht gut und vernünftig erscheint. Die
Gewohnheit ist eine Erscheinung von Zeit und Raum; Zeit
und Raum haben ihre Grenze, die Wahrheit nicht. Die
Langsamkeit unserer Communicationen führte zur Entdeckung
des Dampfes und der Elektricität. Nun wohl! Ich ver
lange, daß man unsere langsame Communication mit dem
Publicum mittelst alter Postkutschen und Fiaker ersetze durch
die unmittelbare, leuchtende und magnetische Verbindung der
Urflamme, des persönlichen Blickes, der leidenschaftlichen Ge
berde — mit Einem Worte, daß man dem Körper, genannt
„Orchester“, seine Seele, sein Herz und seinen Kopf zu Recht
zuerkenne: den Tondichter.
Man wird einwenden, daß der Componist unmöglich
überall zugegen sein kann, wo man sein Werk aufführt. Aber
es gibt überall eine Anzahl Capellmeister, welche sich zu
dieser gewissermaßen authentischen ersten Aufführung ein
finden werden, um sich zu informiren; auf diese erste Muster-
Aufführung zum mindesten müßte alle Sorgfalt der Voll
endung verwendet werden. Auch spricht man von der Un
fähigkeit der Componisten, ihre Werke zu dirigiren. Nicht
Alle sind in diesem Falle. Ich habe
licien
delssohn
dirigiren sah. Wenn irgend ein Componist wirklich kein Or
chester zu leiten versteht, dann ist die Frage entschieden: er
muß sich auf einen Anderen verlassen, der dieses Amt ver
sieht. Meine Thesis hält die Nothwendigkeit der Capellmeister
vollständig aufrecht. Ich schließe diese Betrachtungen, welche
hoffentlich genügend dargethan haben, daß die Gründe, mit
denen man das Recht der Componisten auf die persönliche
Leitung ihrer Werke anfechten will, nichts Anderes sind, als
Vorurtheile.