Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 3317. Wien, Dienstag, den 18. November 1873 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 3317. Wien, Dienstag, den 18. November 1873 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Wien 18.11.1873
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Concert und Oper.

Ed. H. Seit unserem letzten Musik-Feuilleton haben zwei große Concert-Aufführungen stattgefunden, beide sehr genußreich für die Zuhörer, aber wenig ergiebig für die Kritik, indem nur längstbekannte und außerhalb jeder De batte stehende Tonwerke zur Aufführung kamen. Zuerst brachte die Gesellschaft der Musikfreunde als erstes Abonnements-Concert Händel’s Cantate „Alexander’s Fest(Timotheus), welche durch ihre klare Anlage, ihre sinnliche Anschaulichkeit und Popularität ein besonderer Liebling aller deutschen Chorvereine geworden ist. Die Aufführung unter Johannes Brahms Leitung war eine vorzüglich gelungene. Unser „Singverein“ excellirte in den Chören, die Solo partien waren in den Händen der Frau Wilt, der Herren Walter und Kraus, somit in den besten. Insbesondere hat Frau Wilt durch den meisterhaften Vortrag der sehr häkeligen Sopran-Arien sich um das Ganze hoch verdient gemacht. Eine sehr lobenswerthe Neuerung bemerkten wir bezüglich des Textes, welcher diesmal nach der sorgfältigen Uebersetzung von Gervinus gesungen wurde. Die frühere, in Wien wie überall verbreitete Uebersetzung von „Alexan der’s Fest“ war auffallend roh; sie gab z. B. der berühm ten D-dur-Arie („With ravished ears the monarch hears“) einen fast komischen Anflug durch die Worte: „Der König horcht mit stolzem Ohr“, welche, in der Musik immer von neuem wiederholt und durch stutzende Unterbrechungen zer schnitten, unwillkürlich an ein edles Pferd erinnerten, das die Ohren spitzt. Bei Gervinus heißt die Stelle ganz gut: „Der König lauscht, von Stolz berauscht“. Der Händelschen Ode wurde Beethoven’s Ouvertüre Op. 115 („Na mensfeier“) vorausgeschickt, ohne triftigen Grund, wie uns dünkt, da jene für sich allein lange genug dauert und oben drein durch eine eigene dreisätzige Ouvertüre eingeleitet wird. Unmittelbar nach einem Beethoven’schen Orchester stück bekommt die Händel’sche Ouvertüre begreiflicherweise ein recht kümmerliches Aussehen. Behauptet doch Ber lioz, dem Händel freilich antipathisch war, eine Händel’sche Ouvertüre erscheine ihm neben einer Beethoven’schen gerade wie ein Lager von Pilzen neben einem Cedernwald.

Das zweite Philharmonische Concert begann mit Beethoven’sOuvertüre Op. 124 („Weihe des Hauses“), welche vor 50 Jahren dem Wiener Orchester so unüberwindliche Schwierigkeiten und dem reizbaren Meister so großen Verdruß bereitet hat. An einer Aufführung wie die jüngste unter Dessoff’s Leitung hätte Beethoven seine Freude gehabt. Ebenso virtuos wurde die A-moll- Symphonie von Mendelssohn und das Scherzo Wallenstein’s Lager“ von Joseph Rheinberger gespielt. Letzteres bildet den dritten und besten Satz einer Wallenstein- Symphonie, welche im Jahre 1868 von den Philharmonikern vollständig aufgeführt wurde; das muntere, farbenfrische Charakterstück fand auch diesmal eine sehr beifällige Auf nahme. Eine neue Erscheinung war uns die russische Pia nistin Frau Annette Essipoff, welche das schwierige, selten gehörte E-moll-Concert von Chopin mit glän zendem Erfolge spielte. Ihre Technik ist sehr ausge bildet, ihr Vortrag fein, geschmackvoll, ohne Affectation und Koketterie. Die junge Dame gibt demnächst ein eige nes Concert, das uns ein gründlicheres Urtheil über den Umfang ihres schönen Talents gestatten wird. Jedenfalls hat Frau Essipoff sich im Philharmonischen Concert die kräftigste und überzeugendste Reclame für ihr nächstes Auf treten gespielt.

Herrn Hellmesberger’s Quartett-Soiréen haben am letzten Donnerstag im kleinen Musikvereinssaale unter freundlichem Zuspruch eines dankbaren Stammpublicums begonnen. Der erste Abend brachte Streichquartette von Haydn und Beethoven und das Clavier-Quartett in A-moll von Brahms, worin Herr Schenner am Piano mit vorzüglichem Erfolg mitwirkte.

Im Hofoperntheater fand am 15. d. M. bei gedrängt vollem Hause eine interessante Aufführung der Hugenotten“ statt: Frau Wilt sang zum erstenmale die Rolle der Königin Margarethe. Sie bewältigte die schwie rige Coloratur-Partie so meisterhaft, wie wir es von dieser durch Stimm-Mittel und Gesangstechnik gleich hervorragen den Künstlerin nur erwarten konnten. Es dürfte bisher noch nicht vorgekommen sein, daß eine der effectvollsten, kräftigsten Darstellerinnen der Valentine in den „Huge notten“ zur Abwechslung und mit gleichem Erfolge auch die Königin gesungen hätte. Frau Wilt ist eben eine große

Gesangskünstlerin, wie sie heutzutage äußerst selten gewor den, eine „Primadonna“ im Sinne des vorigen Jahrhun derts, das die Scheidung in dramatische und Coloratur- Partien nicht kannte und von einer ersten Sängerin einfach Beides verlangte. Daß von beiden Rollen die Valentine sich trotz dem besser für die große, durch nachdrückliche und ausdauernde Kraft imponirende Stimme und die wuchtige Persönlichkeit der Frau Wilt eigne, unterliegt wol keinem Zweifel. Auch war vorauszusehen, daß der wesentlichste Charakterzug der Königin Margarethe, der französische Esprit und die feine Koketterie, in der Darstellung der Wilt zu kurz kommen und manche nach der Intention des Componisten graziös hinge hauchte Stelle eine heroischere Färbung annehmen werde. Aber vom Standpunkte der Gesangskunst betrachtet, war diese Königin ohne Frage eine königliche Leistung. Wir haben es nicht anders erwartet. Ob eine Rolle eine drama tische oder Coloratur-Partie sei, in ihr Repertoire gehöre oder nicht, das ist für Frau Wilt weder eine Rechts- noch eine Machtfrage, sondern nur eine Geldfrage. Wie es Schauspiel-Virtuosen gegeben hat, welche in derselben Vor stellung der „Räuber“ den Franz und den Karl Moor zu gleich spielten, so würde Frau Wilt auf Grundlage eines neuen Contracts gewiß auch im Stande sein, im ersten Acte der „Hugenotten“ den Pagen, im zweiten die Königin, im dritten, vierten und fünften die Valentine zu singen. Sie kann eben Alles singen, was überhaupt im Bereiche einer umfangreichen Sopranstimme liegt. Daß der äußere Erfolg der Frau Wilt ihrer Leistung entsprach und sich glänzend gestaltete, bedarf keiner Versicherung. Neben Frau Wilt fand Frau Materna den lebhaftesten Beifall, ihre Valen tine ist als eine effectvolle Leistung von seltener Kraft und Ausdauer längst anerkannt. Unter dem Herren-Personale ragte Herr Rokitansky um Kopflänge hervor; sein Marcell ist nicht erst seit heute eine vollendete Musterleistung, aber diesmal trat zu der Meisterschaft des Könnens auch Lust und Laune hinzu, die einzigen Requisiten, welche Roki tansky manchmal zu Hause läßt. Wem es hingegen an Lust und Liebe niemals fehlt, das ist Frau Koch; hier freute uns wieder, daß an dem „Hugenotten“-Abend auch das vollständige Gelingen hinzutrat und ihr Page in jeder Hin sicht tadellos ausfiel.