Concerte.
Ed. H. Bereits nahe an Weihnachten vorgerückt, hat
die Saison an concertirenden Virtuosen bis heute die einzige
Essipoff aufzuweisen; desto ergiebiger ist die Thätigkeit,
welche unsere reguläre musikalische Grundmacht von Orchester-,
Chor- und Quartett-Vereinen entwickelt. Frau Essipoff’s
zweites Concert ging bei vollem Saale, unter unausgesetz
tem Beifalle vor sich. Ihr Vortrag des B-dur-Trios von
Schubert bestätigte unsere Vermuthung, daß das eigentlich
virtuose Können und die Freude daran in dieser Künstlerin
überwiegen; der erste Satz und das Andante verriethen bei
großer Sauberkeit der Ausführung doch nur geringe innere
Betheiligung an der Composition, während die beiden glän
zenderen und schwierigeren Sätze, Scherzo und Finale, alle
Lebensgeister der Pianistin weckten. Es folgten mehrere
kleinere Solostücke. An dem Vortrag von Chopin’s C-moll-
Nocturne fiel uns die Mäßigkeit im Gebrauche des Tempo
rubato, dieses bösen Dämons der Chopin-Spieler, sehr ange
nehm auf. Das wehmüthig-träumerische Thema hat schon
seelenvoller und beredter zu uns gesprochen; aber mit dem
Momente, wo es sich in eine Brandung wilder Passagen
stürzt, wurde das Stück unter den Händen der Essipoff im
posant. Das „Morgenständchen“ von Schubert spielte die
Concertgeberin in Liszt’s Arrangement mit vollendeter Zier
lichkeit und stahlfederartig aufschnellendem Anschlage. Sehr er
heiternd in dieser Transscription ist die Stelle, wo Liszt, nachdem
er die Schubert’sche Melodie zwei Strophen lang ungeschoren ge
lassen, plötzlich einige kurze, aber wüthende Octavengänge for
tissimo hineinschleudert, gerade als ob der Serenadensänger
(wahrscheinlich ein Oberlieutenant von der Jägertruppe) vor dem
Fenster der Geliebten seine Compagnie feuern ließe. Erstaunliche
Virtuosität entfaltete Frau Essipoff in Beethoven’s C-dur-So
nate Op. 53, einer Composition, welche, rein technisch betrachtet,
an die Kraft, Ausdauer, Geläufigkeit und Unabhängigkeit der
Hände höchste Anforderungen stellt. Das erste Thema (eines
der bewunderungswürdigsten von Beethoven und nur jenem
der großen B-dur-Sonate Op. 106 zu vergleichen) denken
wir uns etwas kräftiger und plastischer herausgehoben, mehr
gehämmert als getupft; den Schlußsatz dürften wol Wenige
vom starken Geschlecht dieser zarten jungen Frau nachspielen.
Herr G. Walter sang zwischen den einzelnen Clavier
nummern mehrere Lieder von Volkmann, Goldmark
und H. Riedel unvergleichlich schön. Ganz besonders er
freute er uns mit zwei neuen Liedern (Op. 72) von Robert
Volkmann: „Ein Lebewohl“ und „Auf der Stelle“ — tief
empfundene Gesänge, welche bei aller Prägnanz der Rhythmik
und Harmonie doch wahr und einfach hinfließen. Volkmann’s
auf instrumentale Erfindung vorzugsweise angelegtes Talent
hat sich äußerst selten mit Gesangstexten eingelassen; die
beiden von Walter vorgetragenen Lieder lassen uns wünschen,
der Componist möchte auch diesem Zweige in derselben Weise
sich wieder thätiger zuwenden.
Das zweite Gesellschafts-Concert, von Johannes
Brahms dirigirt, machte uns mit einer ungedruckten Tenor-
Arie von Franz Schubert bekannt, welche 1821 im Hof
operntheater als Einlage zu Herold’s „Zauberglöckchen“
(„La Clochette ou le Diable Page“) diente. In dem ersten
Viertel dieses Jahrhunderts waren dergleichen Einlagen, die
man beliebten oder anspruchsvollen Sängern zuliebe in fremde
Opern einschob, bei uns gang und gäbe, auch Schubert
hat dergleichen mehr als Einmal schnell besorgt. Die Arie
ergeht sich in weicher, melodiöser Lyrik, ohne rechten drama
tischen Nerv; die vornehme Haltung, welche man dem lang
samen Eingangssatz bei all seiner melodischen Süßigkeit zuge
stehen muß, verliert sich leider in dem anschließenden Allegro.
Auf hundert Meilen als echter Schubert kenntlich, mag diese
Einlage sonderbar abgestochen haben von Herold’s pikanter
Conversations-Musik. Die Gabe, sich fremdem Style zu
assimiliren, besaß Schubert nicht; gottlob, darf man bei
setzen, denn sie hätte ihn kaum dazu kommen lassen, seine
Individualität so eigenthümlich voll und rund herauszu
arbeiten, wie er es vollbracht hat. Herr Walter sang die
Schubert’sche Arie mit jener schonenden Vorsicht, welche die
anstrengende, anhaltend hohe Lage dieses Gesangstückes
auferlegt. Mit aufrichtiger Freude hörten wir Volkmann’s
„Concertstück für Clavier und Orchester“ von Herrn Smie
tansky sehr virtuos vortragen. Dieses geistreiche, eigen
thümliche Werk, dessen Andante mit Variationen Schumann
geschrieben haben könnte, ist hier nur Einmal, vor dreizehn
Jahren, obendrein recht mittelmäßig, gespielt worden. Es ist
ein gutes Zeichen, daß Volkmann’s Compositionen jetzt viel
häufiger in unseren Concerten erklingen. Aber nicht blos die
allgemeine Würdigung von Volkmann’s Talent ist seit den
letzten Jahren in auffallendem Steigen, sondern — was
noch viel merkwürdiger und erfreulicher — auch dieses Talent
selbst. In der That scheint Volkmann’s Productionskraft
einen wunderbaren Nachsommer zu erleben; wir erinnern an
die reizende Serenade für Streich-Orchester, an die grandiose
Ouvertüre zu „Richard III.“, an die Lieder und Anderes
aus neuester Zeit. Möchten nur seine Verehrer nicht über
den Compositionen Volkmann’s deren Schöpfer vergessen,
den in seiner seltenen Anspruchslosigkeit so verehrungswürdigen
Menschen Volkmann, dem wir so gerne eine behagliche Muße,
ein sorgenfreies Alter für immer gesichert wüßten! — Nach
einer zweiten großen Claviernummer (gleichfalls von Smie
tansky gespielt) brachte das Gesellschafts-Concert Beetho
ven’sPhantasie Op. 80 mit Chor und Orchester. Obwol wir
diese berühmte Composition recht oft (zuletzt 1870 von Ep
stein) gehört haben, sahen wir ihr doch wieder begierig ent
gegen, nämlich begierig, ob wir dabei eine Besserung an
uns selbst wahrnehmen würden. Aber, ehrlich gestanden,
wir mußten die Hoffnung aufgeben, uns je an einem Werke
zu erwärmen, das uns den HerkulesBeethoven an dem
Spinnrocken der alten Serenaden- und Cassationen-Musik
zeigt. Und welch riesiger, complicirter Spinnrocken für ein
verhältnißmäßig bescheidenes Bündel Flachs! Ueber das
Mißverhältniß zwischen dem wenig bedeutenden Ideengehalt
und dem ungewöhnlichen Aufgebot von Kunstmitteln und
Formen in dieser Phantasie kommen wir, trotz aller genialen
Einzelzüge, nicht hinaus. Sie bleibt uns ein psychologisch
und biographisch merkwürdiges Curiosum, zumal als Vor
botin oder Vorstudie zur Neunten Symphonie, deren Probleme
bis in Einzelheiten hinein den Meister so lange zuvor schon
beschäftigten. Das Chorthema hat ihn geradezu sein ganzes
Leben lang verfolgt; es ist identisch mit dem schon 1795
von Beethoven componirten Liede: „Seufzer eines Unge
liebten“ und erscheint, nur wenig geändert, fast dreißig
Jahre später wieder als Freudenhymne in der Neunten Sym
phonie. — In der Mitte des Programms, als Gipfelpunkt
hoch alles Andere überragend, stand ein hier noch unbe
kannter Doppelchor von Johann Sebastian Bach: „Nun
ist das Heil und die Kraft“ (Offenbarung Johannis).
Dieser kurze, triumphirende Chor erscheint in Bach’s Werken
als Kirchen-Cantate Nr. 50, was aber wol die Möglichkeit
nicht ausschließt, daß er den Abschluß vorangehender, viel
leicht in Verlust gerathener Theile bildete. Unter den mäch
tigsten und genialsten Stücken Bach’s eines der mächtigsten und
genialsten, ist dieser Doppelchor geradezu ein Wunderwerk.
Man braucht nicht Bach-Enthusiast von Metier zu sein —
diese fanatische Partei ist es ja gerade, die Einen so oft in
die Contremine treibt — um von diesem Chorsatz mächtig
entzückt und erschüttert zu werden. Wer dieses gewaltige
Thema: „Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich
und die Macht“ einmal gehört, wie es ohne jeden einleiten
den Tact die Baßstimmen unisono anstimmen, von dem je
zweimal angeschlagenen Grundton d erst in die Terz, dann
in die Quart, dann in die Quinte, endlich (auf „Macht“)
in die Octave hinaufjubeln — der wird es sein Lebtag nicht
vergessen. So oft dieses wunderbar einfache populäre Motiv
in irgend einer Stimme auftaucht, dringt es durch das
dichteste polyphone Stimmgeflecht wie Sonnenlicht hindurch.
Es ist eines der vielen großen Verdienste des Concert-
Dirigenten Brahms, daß er diesen (wahrscheinlich noch
nirgends gegebenen) Chor hier zur Aufführung brachte, und
eine der höchsten Kunstleistungen unseres Singvereins,
daß er diese Aufgabe vortrefflich löste. Denn Bach’s Chor
stellt an die Singstimmen in Bezug auf Intonation, Treff
sicherheit und Oekonomie des Athems ganz unglaubliche An
forderungen. Der Wiener Singverein hat in vielen Pro
ben diesen Doppelchor ganz ohne jede Begleitung a capella
correct gesungen — eine Leistung, die ihm kein zweiter Chor
verein nachmachen dürfte und die allerdings ohne die sym
pathische Autorität des Dirigenten Brahms kaum denk
bar wäre.
Die Gesellschaft der Musikfreunde hat uns in ver
flossener Woche noch eine zweite anziehende Akademie be
scheert: eine theatralische Production der Conserva
toriums-Zöglinge im großen Musikvereinsaale. Das Avance
ment dieser scenischen Operndarstellungen aus dem kleinen in
den großen Saal schien uns nicht vortheilhaft für die Wir
kung. Was dort als traulich, bescheiden und intim ansprach,
wirkte hier kleinlich, unproportionirt, fast kindisch. Die Bühne,
eben ausreichend für den kleinen Saal, erschien viel zu klein
im großen und stand überdies so tief, daß man von den
Parterresitzen aus nur die obere Hälfte der Schauspieler
sehen konnte. Glänzende Talente und Stimmen, wie im vori
gen Jahre die Schmerhofsky, Proska, Angermayer, traten
diesmal nicht hervor; nur die Sopranistin Adele Gerster
und der Bassist J. Staudigl überragten das Niveau sowol
durch Schönheit der Stimme, als durch tüchtige Schulung.
Die großen Erfolge des Herrn Staudigl werden hoffent
lich dazu beitragen, daß die vortreffliche Singschule Roki
tansky’s im Conservatorium, deren Besuch obendrein un
entgeltlich ist, von jungen Leuten, die sich der Gesangskunst
widmen, fortan mehr benützt werde. Besonderes Lob verdient
das Orchester der jungen Conservatoristen, welches unter
Hellmesberger’s Leitung die „Freischütz“-Ouvertüre mit hin
reißendem Feuer ausführte.
Sehr besucht und überaus beifällig aufgenommen war
die Production der von Herrn Rudolph Weinwurm ge
leiteten Sing-Akademie. Das Programm bestand aus
Chören von Pergolese, M. Prätorius, Schumann und Liszt,
deren Reihe durch einige vortreffliche Claviervorträge des
Herrn Julius Epstein zweckmäßige Unterbrechung fand.
Von den kleineren Novitäten gefiel zumeist ein einfach melo
diöser, sehr wirksamer „Russischer Vespergesang“, von Wein
wurm für Solostimmen und Chor gesetzt. Nicht ohne Span
nung sah man einer anderen, umfangreicheren Composition ent
gegen, mit der Herr Weinwurm uns bekannt machte: Liszt’s
„Wartburglieder“, aus dem von V. Scheffel zur Vermälung
des Erbgroßherzogs von Sachsen-Weimar gedichteten Fest
spiele. Nach einem kurzen Einleitungschor „An Frau Minne“
treten die bekannten Wartburgsänger Wolfram von Eschenbach,
Heinrich von Ofterdingen etc., sechs Mann hoch, nacheinander
auf und singen ein auf das hohe Brautpaar anspielendes
Lirum-Larum, welches nach Form und Inhalt keineswegs
des trefflichen Scheffel würdig ist. Der Componist läßt in
gesucht einfacher, rhapsodischer Weise seine Troubadours singen
meistens nach der Schablone von R. Wagner’s Sängerkampf
im zweiten Acte des „Tannhäuser“, aber ohne eine Spur
von den guten Ideen Wagner’s selbst zu haben. Es ist uns
seit langer Zeit kaum etwas Unbedeutenderes und Dürftige
res vorgekommen, als diese neue Tondichtung von Liszt. An
einigen Stellen steigert sich die absolute Ideenarmuth bis
hart ans Komische. Es ist sehr möglich, daß Liszt selbst
dieser allerunterthänigsten Gelegenheits-Composition kein be
sonderes Gewicht beilegt; dann hätte er aber besser gethan,
sie ungedruckt zu lassen. Die Minnelieder wurden von den
Herren Kraus, Prihoda, Buchholz und Trutter
sehr gut vorgetragen. In den gemischten Chören thaten sich
als Solosängerinnen die Damen Leeder, Fillunger,
Tomsa und Marschall hervor. Mit Vergnügen be
merkten wir eine beträchtliche Verstärkung des Chores gegen
das vorige Jahr; die Sing-Akademie hat an Mitgliedern
zugenommen, wie sie an Tüchtigkeit der Leistungen und
Beliebtheit bei dem Wiener Publicum gewonnen hat. Der
für unsere Musikzustände in so vielfacher Richtung thätige
Weinwurm darf sich mit erlaubter Genugthuung auch
dieses Verdienst zuschreiben.
Schließlich noch einige Worte über das dritte Phil
harmonische Concert. Herr Dessoff hatte mit gutem
Recht die Ouvertüre zu Spohr’s „Faust“ aus vieljährigem
Schlafe erweckt, zugleich damit in uns ein wehmüthiges
Bedauern, daß so viele große Schönheiten in dieser Oper
für alle Zeit vergessen und verloren sein sollen. Mit an
haltendem lebhaften Applaus wurde Herr Staudigl
empfangen — mit einem Applaus, der theils der Zukunft
des jungen Sängers galt, theils in die Vergangenheit zurück
das Andenken seines unvergeßlichen Vaters feierte. Der
junge Staudigl, dessen Stimme und Persönlichkeit an
den Vater erinnern, wollte diese Erinnerung auch durch die
Wahl seines Vortrages verstärken; er sang die bekannte
Polyphem-Arie von Händel, welche ehedem durch Stau
digl in Wien Mode ward, seither sehr oft wie
derholt worden ist und nun für einige Zeit wieder
leicht entbehrt werden könnte. Herr Staudigl erzielte mit
seinem Gesange einen außerordentlichen Erfolg. — Ueber
die Serenade von Brahms für kleines Orchester (Nr. 2,
A-dur) haben wir seinerzeit ausführlich geschrieben. So
gerne wir diese feine, sinnige Composition wieder hörten, sie
hat uns diesmal als Ganzes keinen so befriedigenden Ein
druck gemacht, wie vor zehn Jahren im alten Kärntnerthor-
Theater. Der Grund liegt einestheils in dem ungemeinen
Aufschwung, den Brahms in seinen späteren Compositionen
genommen und womit er uns verwöhnt hat; andererseits
jedoch ist die weite Räumlichkeit des großen Musikvereins
saales und die Nachbarschaft vollinstrumentirter Orchester
werke nicht günstig für ein so zartes Werk, das nicht blos
auf Trompeten und Posaunen, sondern seltsamerweise auch
auf die Violinen verzichtet und nur die drei tieferen Arten
des Geigengeschlechtes verwendet. Offenbar hat der Com
ponist diese Serenade nicht für große Orchester-Concerte be
stimmt, wie seine vollstimmige größere Serenade in D-dur. Wir
denken uns die A-dur-Serenade am zweckmäßigsten als Schluß
nummer in einer Production von Kammermusik postirt, wie
man in unseren Quartett-Soiréen gern zum Schluß Mendels
sohn’s Octett, Beethoven’s Septett oder ein Nonett von
Spohr aufführt. Eine kleine Besetzung, vielleicht 15 Mann
im Ganzen, würde genügen, um die eigenthümlichen Reize
dieser für einen intimen Hörerkreis gedachten Serenade wir
kungsvoll zu entfalten. Den Schluß des Philharmonischen
Concertes machte Beethoven’s C-moll-Symphonie. Wir er
innern uns nicht, das Adagio jemals so vollendet gehört zu
haben; es gab da unter Anderem ein Pianissimo in der
langen Pianostelle, gleichsam eine unerwartete neue Perspec
tive in der Perspective, von zauberischen Effect. Und hier
auf der mächtige triumphirende C-dur-Accord im vollen
Glanze des ganzen Orchesters! Diese Stelle ruft uns jedes
mal ein poetisches Bild von Grillparzer ins Gedächtniß,
welches, durch einen anderen musikalischen Anlaß hervorge
rufen, doch wunderbar auf den Eintritt dieses Finales paßt:
Da ward erreicht die schneidendste der Stufen,
Der Ton des Schmerzes ward zum Ton der Lust.
Und wie Neptun, vor dem die Stürme flogen,
Hob sich der Dreiklang ebnend aus den Wogen.