Musik.
(Concert des Männergesang-Vereins. — Quartett. — Concerte von L.
Breitner und
Frau
Essipoff. — „
Fra Diavolo“.)
Ed. H. Der Wiener Männergesang-Verein
erschien in seinem ersten diesjährigen Concert in großer
Toilette: mit Orgel- und Orchester-Begleitung und zwei
Hofopernsängerinnen als Solisten. Sehr interessant war
uns die selten gehörte Ouvertüre zu „Peter Schmoll“
von C. M. Weber. Der Componist schrieb diese zwei
actige komische Oper als sechzehnjähriger Jüngling in Salz
burg, zur besonderen Zufriedenheit Michael Haydn’s, seines
alten Lehrers daselbst. Das Stück, nach einem verschollenen
Cramer’schen Roman bearbeitet, spielt zur Zeit der französi
schen Revolution, gegen welche gleich in dem ersten Terzett:
„Das sind die schönen Früchte der Revolution“ Opposition
gemacht wird. Der Held, Peter Schmoll, der in der That
mit aller Welt schmollt, ist ein hypochondrischer Menschen
feind und wird schließlich durch allerlei seltsame Mittel,
wozu insbesondere Kinderspiele gehören, gezähmt und ge
glättet. Dieser bürgerliche Timon von Athen führt sich mit
der Arie ein: „Spiele, alter Esel du, immerhin die blinde
Kuh!“ So kleiner, spießbürgerlicher Komik gegenüber muß
Weber’s Ouvertüre auffallend groß und ernsthaft erscheinen.
Das einleitende Maëstoso, noch mehr das später auftau
chende Largo lassen auf einen bedeutenden Stoff schließen,
desgleichen die reiche Instrumentirung und der Umfang
dieser Ouvertüre, welche 252 Tacte zählt, also mehr als
die Ouvertüren zu „Oberon“ und „Euryanthe“. Sie zeigt
schon deutlich manchen liebenswürdig charakteristischen Zug
Weber’s, sowie dessen fortan festgehaltene Methode, die
Ouvertüren aus den Themen der Oper selbst zu construiren,
eine Methode, welche bei „Peter Schmoll“ allerdings noch
die Mosaik nicht zu verbergen versteht, während die Ouvertüren
zu „Oberon“ und „Freischütz“ wie aus Einem Gusse hinströmen.
In der „Schmoll“-Ouvertüre kämpft Weber’s unvergleichliches
Talent noch sichtlich theils mit veralteten Formen und For
meln, theils mit jener Unersättlichkeit der Jugend, welche
Alles in Einem Athem heraussingen möchte, was ihr im
Kopf und auf dem Herzen liegt. Weber erkannte bald, daß
die Ouvertüre das Niveau seines Singspiels hoch überrage,
und rettete das ihm werthe Musikstück durch eine neue Um
arbeitung, welche 1807 selbstständig als „Ouvertüre in Es“
(mit der Dedication an König Jérôme) erschien.
Es folgte als zweite Concertnummer Schubert’s
Lied „Die Allmacht“, für Männerchor mit Orchester- und
Orgelbegleitung arrangirt von Liszt. Bekanntlich ist diese
Composition von Schubert blos für eine Sopranstimme mit
Clavierbegleitung gesetzt. Aber das triumphirende Pathos
dieser Melodie, der großartige Wurf der Harmonien führt
unwillkürlich auf die Idee einer vollstimmigen Ausführung;
ja bei den Worten: „Du hörst sie im brausenden Sturm, in
des Waldstroms laut aufrauschendem Ruf“ glaubt man
förmlich majestätischen Paukenwirbel zu hören und das Erz
der Posaunen. Unanfechtbar im Princip, ist Liszt’sBear
beitung unübertrefflich in der Ausführung. Bei aller Wucht
der Tonmittel wird die Instrumentirung nirgends banal
oder lärmsüchtig, sie wirkt echt musikalisch und mit unwider
stehlicher Gewalt. Liszt erscheint hier im vollen Glanze
seiner Kunst — wie immer, wenn Schubert die Ideen
dazu hergibt. Auch für das darauffolgende Duett aus „Beatrice
und Benedict“ von Berlioz verdient Herr Weinwurm,
als Dirigent des Vereins, ausdrücklichen Dank; es ist das erste
Stück, das aus dieser Oper hier zur Aufführung kommt.
Berlioz schrieb diese zweiactige komische Oper 1862 für
Baden-Baden auf Ersuchen des Pächters Benazet, der
wenigstens von seinem großen Spielgewinn ein gutes Theil
für künstlerische Zwecke verwendete und in der Biographie
Berlioz’ eine sehr rühmliche Rolle spielt. Das Textbuch
hält sich ziemlich getreu an Shakspeare’s „Viel Lärmen um
Nichts“, nur die komische Episode mit dem Capellmeister hat
der Componist hinzugethan. Zum erstenmal war hier Berlioz
als Opern-Componist relativ glücklich. Nach dem jähen, un
verblümten Fiasco seines „Benvenuto Cellini“ und dem
allmäligen, verschämten seiner „Trojaner“ erlebte doch
„Beatrice und Benedict“ ein freundlicheres Los; die Oper
wurde in Baden-Baden und Weimar wiederholt mit Erfolg
gegeben. Sie ist von sehr bescheidenem Umfang, leicht zu be
setzen und zu sceniren; vielleicht nimmt unsere Komische
Oper einmal Notiz davon. Der Charakter des Zärtlichen,
Idyllischen, welcher die ganze Oper beherrscht, kommt viel
leicht am reinsten in dem Duett zwischen Hero und Ursula
zum Vorschein, welches Frau Ehnn und Fräulein Gin
dele im Concerte des Männergesang-Vereines so beifällig
sangen. Die eigenthümliche Herbheit und Blässe der
Berlioz’schen Vocal-Melodie verleugnet sich auch hier nicht,
aber sie übt durch ihre Innigkeit und Keuschheit einen un
leugbaren Reiz. „Sie haben gewiß dieses Duett bei Voll
mondschein in einer romantischen Gegend componirt?“ inter
pellirte der Großherzog von Weimar den Componisten.
„Monseigneur,“ erwiderte dieser, „das ist einer jener Natur
eindrücke, welche wir Künstler in Vorrath sammeln und
welche gelegentlich aus unserer Seele wieder ausströmen,
gleichviel wo. Ich componirte dieses Duett eines Tages in
der Akademie der Wissenschaften, während ein Gelehrter
seine Rede hielt.“
In Schubert’s „Ständchen“ („Zögernd leise“) be
gleitete diesmal der Männerchor mit schönster Wirkung das
Altsolo, welches von Fräulein Gindele so glücklich aus
geführt wurde, daß die Nummer nach mehrmaligem Hervor
ruf der Sängerin zur Wiederholung gelangte. Eine Novität
vom Chormeister E. Kremser, „Spartacus“, für Män
nerchor und Orchester, fand lebhaften Beifall. Dieser Com
position ist eine effectvolle Technik sowol in der Behandlung
der Chorstimmen als des Orchesters nachzurühmen, des
gleichen die ausdrucksvolle Haltung und geistreiche Harmoni
sirung der Introduction. Leider fällt der Componist bei der
dritten Strophe aus dem richtigen Tone und läßt die
empörten Sklaven ihre Drohung: „Zerfallen muß das
Pantheon!“ auf eine behagliche Liedertafel-Melodie singen.
Das Mode gewordene Componiren dieser und ähnlicher Histo
rienbilder von Hermann Lingg scheint uns überhaupt ein
undankbares, mißverständliches Unternehmen; es werden
doch nur höchstens erstickte Opernscenen daraus. Hierauf
sang Frau Ehnn mit leidenschaftlichem, fast zu gewaltsa
mem Ausdrucke Schubert’s „Suleika“ und „Du liebst
mich nicht“. — Lieder, die sich allerdings in bedenklicher
Nähe des Opernstyles bewegen. Außerordentlichen Beifall
fand wie immer Herbeck’s charakteristischer, lebensfrischer
„Landsknecht-Chor“; das Publicum applaudirte nicht erst
am Schlusse, sondern nach jeder Strophe. Die beiden Chor
meister des Vereins, Weinwurm und Kremser, theil
ten sich erfolgreich in die Direction des reichhaltigen und
gutbesuchten Concertes.
Die Quartett-Gesellschaft J. Hellmesberger’s
producirte zum erstenmale ein Streichquartett von Johannes
Brahms (C-moll, Op. 51 Nr. 1). Dasselbe ist mit der
gleichzeitig erschienenen Nr. 2 in A-moll die erste Publication
dieses Tondichters auf dem Gebiete des Streichquartetts.
Ebenso überlegt als überlegen, geht Brahms mit einer heut
zutage gar seltenen Strenge und Selbstkritik an jede neue
Kunstgattung, tritt niemals mit Halbfertigem oder Halb
gelungenem auf. Trotz seiner großen Erfolge in der Kam
mer- und Orchestermusik hielt er bis heute mit dem Streich
quartett und der Symphonie zurück. Hoffentlich bringt uns
das Jahr 1874Brahms’ erste Symphonie — möge sie
ihm so erfreulich glücken, wie das erste Streichquartett in
C-moll! Das ist ein gedankenreiches und doch klares, ein
geistvolles und doch nicht überspanntes Werk. Der erste Satz,
den wir zuhöchst stellen, führt ein prachtvoll leidenschaftliches
Thema ganz meisterhaft durch; einem sinnenden, an Beet
hoven’s letzten Quartettstyl erinnernden Adagio in As-dur
folgt ein geistvolles F-moll-Allegretto mit einem reizend
melodiösen Trio in F-dur. Das lebhaft dahinstürmende
Finale (C-moll) steht an Originalität der Erfindung und an
unmittelbarer Wirkung hinter dem früheren etwas zurück;
das Ungenügende jedes Quartettspieles bei anhaltender An
strengung in leidenschaftlichen Forti-Passagen schädigt auch
dieses Stück, das uns eine doppelte Besetzung und Contra
bässe hinzuwünschen läßt. Das Brahms’sche C-moll-Quar
tett wird mit dem (mindestens ebenso schönen) in
A-moll bald zu den unentbehrlichen Repertoirestücken der
Quartett-Vereine gehören. Aufs erstemal sind sie freilich
nicht leicht zu fassen, und es ist schade, daß das Publicum
solche Stücke nicht gleich zum zweitenmale hören kann. Beide
Quartette sind dem Freunde des Componisten, Professor
Billroth in Wien, gewidmet, in dessen Hause sie vor einem
intimen Kreise zum erstenmale gespielt wurden. Brahms
zu loben, das ist mir in meinem Berufe häufig vergönnt,
aber die Gelegenheit, von Billroth zu sprechen, könnte mir
nicht leicht ein zweitesmal wiederkommen. Darum will ich
schnell dem Leser im Vertrauen mittheilen, daß unser be
rühmtester Chirurg zugleich ein ganz exquisiter Musiker und
Musikkenner ist. Fast so geschickt wie mit Messer und
Scalpell weiß er mit der Geige und dem Clavier zu han
tieren, und die musikalischen Operationen Billroth’s, denen
wir ab und zu beiwohnen, gehören nicht zu seinen unrühm
lichsten, jedenfalls zu den angenehmsten. Die gerühmte
sichere Hand Professor Billroth’s bewährt sich da ganz aus
nehmend in der Behandlung der schwierigsten „interessanten
Fälle“ von Schumann und Brahms. Obgleich an solchen
Abenden keinerlei Schmerzgefühl aufkommen kann, pflegt der
Professor doch ganz zum Ueberfluß seine Zuhörer noch einer
leichten Rheinwein-Narkose zu unterziehen.
Von Virtuosen hörten wir in den letzten Tagen Frau
Annette Essipoff und Herrn Ludovico Breitner. Frau
Essipoff gab ihr drittes Concert mit dem gewöhnlichen glän
zenden Erfolg, welcher sie hoffentlich noch zu einem „Ab
schiedsconcert“ bewegen wird. Herrn Breitner’s Concert
fehlte es gleichfalls weder an zahlreichem Besuche, noch an
lebhaftem Applaus. Breitner besitzt einen wunderschönen
Anschlag und eine ungewöhnliche Bravour; die Zeit wird
wol hinzuthun, was dem feurigen jungen Virtuosen noch
fehlt: Ruhe und Mäßigung. Fräulein Emilia Tagliana
unterstützte ihren ehemaligen Mitschüler aus dem Mailänder
Conservatorium durch den Vortrag zweier italienischer Ge
sangstücke. Eine Arie von Palloni macht nicht eben be
gierig auf die nähere Bekanntschaft dieses meyerbeerisirenden
Maestro. Fräulein Tagliana machte Effect mit der
Arie, aber noch ungleich mehr mit dem bekannten Gesangs
walzer von Arditi: „L’estasi“. Da gerieth das Publicum
in die entsprechenden „Ekstasen“ und rief die junge
Sängerin ein halbdutzendmal stürmisch hervor. Wir
haben in der That dieses Stück niemals so rei
zend vortragen hören. Die Anmuth und Natürlichkeit des
Vortrages, die geläufige, in den höchsten Chorden leicht an
sprechende Coloratur, durch welche Fräulein Tagliana
mit diesem Walzer Furore machte, entwickelte sie in weiterem
Rahmen als Zerlina in „Fra Diavolo“. Es war eine durch
aus liebenswürdige Leistung; eine bewunderungswürdige,
wenn man erwägt, daß Fräulein Tagliana die Rolle hier
binnen acht Tagen gelernt hat, ohne auch nur eine Auf
führung des „Fra Diavolo“ je gesehen zu haben. In dem
Ensemble hätte manchmal eine kräftigere Stimme nothge
than; die beiden Einzelnummern Zerlina’s (die Romanze
im ersten Act, die große Arie im zweiten) wurden von Fräu
lein Tagliana sehr hübsch gesungen und ganz vortrefflich ge
spielt. Der herzliche Beifall, welchen das sehr zahlreich ver
sammelte Publicum der Tagliana spendete, ließ darum die
übrigen Künstler nicht zu kurz kommen. Herr Müller, der
namentlich Fra Diavolo’s Barcarole im zweiten Acte vor
züglich sang, Fräulein Gindele als Lady Kockburn, Herr
Mayerhofer als Lord, endlich die Herren Neumann
und Lay als Banditen schienen ganz besonders gut dis
ponirt und fanden verdiente Anerkennung. Diese vortreff
liche Aufführung von Auber’s unverwüstlich frischem und
liebenswürdigem „Fra Diavolo“ hat den Besuchern des Hof
operntheaters einen der angenehmsten Abende bereitet.