Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 3345. Wien, Mittwoch, den 17. December 1873 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 3345. Wien, Mittwoch, den 17. December 1873 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Wien 17.12.1873
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Musik. (Concert des Männergesang-Vereins. — Quartett. — Concerte von L. Breitner und Frau Essipoff. — „Fra Diavolo“.)

Ed. H. Der Wiener Männergesang-Verein erschien in seinem ersten diesjährigen Concert in großer Toilette: mit Orgel- und Orchester-Begleitung und zwei Hofopernsängerinnen als Solisten. Sehr interessant war uns die selten gehörte Ouvertüre zu „Peter Schmollvon C. M. Weber. Der Componist schrieb diese zwei actige komische Oper als sechzehnjähriger Jüngling in Salz burg, zur besonderen Zufriedenheit Michael Haydn’s, seines alten Lehrers daselbst. Das Stück, nach einem verschollenen Cramer’schen Roman bearbeitet, spielt zur Zeit der französi schen Revolution, gegen welche gleich in dem ersten Terzett: „Das sind die schönen Früchte der Revolution“ Opposition gemacht wird. Der Held, Peter Schmoll, der in der That mit aller Welt schmollt, ist ein hypochondrischer Menschen feind und wird schließlich durch allerlei seltsame Mittel, wozu insbesondere Kinderspiele gehören, gezähmt und ge glättet. Dieser bürgerliche Timon von Athen führt sich mit der Arie ein: „Spiele, alter Esel du, immerhin die blinde Kuh!“ So kleiner, spießbürgerlicher Komik gegenüber muß Weber’s Ouvertüre auffallend groß und ernsthaft erscheinen. Das einleitende Maëstoso, noch mehr das später auftau chende Largo lassen auf einen bedeutenden Stoff schließen, desgleichen die reiche Instrumentirung und der Umfang dieser Ouvertüre, welche 252 Tacte zählt, also mehr als die Ouvertüren zu „Oberon“ und „Euryanthe“. Sie zeigt schon deutlich manchen liebenswürdig charakteristischen Zug Weber’s, sowie dessen fortan festgehaltene Methode, die Ouvertüren aus den Themen der Oper selbst zu construiren, eine Methode, welche bei „Peter Schmoll“ allerdings noch die Mosaik nicht zu verbergen versteht, während die Ouvertüren zu „Oberon“ und „Freischütz“ wie aus Einem Gusse hinströmen.

In der „Schmoll“-Ouvertüre kämpft Weber’s unvergleichliches Talent noch sichtlich theils mit veralteten Formen und For meln, theils mit jener Unersättlichkeit der Jugend, welche Alles in Einem Athem heraussingen möchte, was ihr im Kopf und auf dem Herzen liegt. Weber erkannte bald, daß die Ouvertüre das Niveau seines Singspiels hoch überrage, und rettete das ihm werthe Musikstück durch eine neue Um arbeitung, welche 1807 selbstständig als „Ouvertüre in Es(mit der Dedication an König Jérôme) erschien.

Es folgte als zweite Concertnummer Schubert’s Lied „Die Allmacht“, für Männerchor mit Orchester- und Orgelbegleitung arrangirt von Liszt. Bekanntlich ist diese Composition von Schubert blos für eine Sopranstimme mit Clavierbegleitung gesetzt. Aber das triumphirende Pathos dieser Melodie, der großartige Wurf der Harmonien führt unwillkürlich auf die Idee einer vollstimmigen Ausführung; ja bei den Worten: „Du hörst sie im brausenden Sturm, in des Waldstroms laut aufrauschendem Ruf“ glaubt man förmlich majestätischen Paukenwirbel zu hören und das Erz der Posaunen. Unanfechtbar im Princip, ist Liszt’sBear beitung unübertrefflich in der Ausführung. Bei aller Wucht der Tonmittel wird die Instrumentirung nirgends banal oder lärmsüchtig, sie wirkt echt musikalisch und mit unwider stehlicher Gewalt. Liszt erscheint hier im vollen Glanze seiner Kunst — wie immer, wenn Schubert die Ideen dazu hergibt. Auch für das darauffolgende Duett aus „Beatrice und Benedict“ von Berlioz verdient Herr Weinwurm, als Dirigent des Vereins, ausdrücklichen Dank; es ist das erste Stück, das aus dieser Oper hier zur Aufführung kommt. Berlioz schrieb diese zweiactige komische Oper 1862 für Baden-Baden auf Ersuchen des Pächters Benazet, der wenigstens von seinem großen Spielgewinn ein gutes Theil für künstlerische Zwecke verwendete und in der Biographie Berlioz’ eine sehr rühmliche Rolle spielt. Das Textbuch hält sich ziemlich getreu an Shakspeare’s „Viel Lärmen um Nichts“, nur die komische Episode mit dem Capellmeister hat

der Componist hinzugethan. Zum erstenmal war hier Berlioz als Opern-Componist relativ glücklich. Nach dem jähen, un verblümten Fiasco seines „Benvenuto Cellini“ und dem allmäligen, verschämten seiner „Trojaner“ erlebte doch Beatrice und Benedict“ ein freundlicheres Los; die Oper wurde in Baden-Baden und Weimar wiederholt mit Erfolg gegeben. Sie ist von sehr bescheidenem Umfang, leicht zu be setzen und zu sceniren; vielleicht nimmt unsere Komische Oper einmal Notiz davon. Der Charakter des Zärtlichen, Idyllischen, welcher die ganze Oper beherrscht, kommt viel leicht am reinsten in dem Duett zwischen Hero und Ursula zum Vorschein, welches Frau Ehnn und Fräulein Gin dele im Concerte des Männergesang-Vereines so beifällig sangen. Die eigenthümliche Herbheit und Blässe der Berlioz’schen Vocal-Melodie verleugnet sich auch hier nicht, aber sie übt durch ihre Innigkeit und Keuschheit einen un leugbaren Reiz. „Sie haben gewiß dieses Duett bei Voll mondschein in einer romantischen Gegend componirt?“ inter pellirte der Großherzog von Weimar den Componisten. „Monseigneur,“ erwiderte dieser, „das ist einer jener Natur eindrücke, welche wir Künstler in Vorrath sammeln und welche gelegentlich aus unserer Seele wieder ausströmen, gleichviel wo. Ich componirte dieses Duett eines Tages in der Akademie der Wissenschaften, während ein Gelehrter seine Rede hielt.“

In Schubert’sStändchen“ („Zögernd leise“) be gleitete diesmal der Männerchor mit schönster Wirkung das Altsolo, welches von Fräulein Gindele so glücklich aus geführt wurde, daß die Nummer nach mehrmaligem Hervor ruf der Sängerin zur Wiederholung gelangte. Eine Novität vom Chormeister E. Kremser, „Spartacus“, für Män nerchor und Orchester, fand lebhaften Beifall. Dieser Com position ist eine effectvolle Technik sowol in der Behandlung der Chorstimmen als des Orchesters nachzurühmen, des gleichen die ausdrucksvolle Haltung und geistreiche Harmoni sirung der Introduction. Leider fällt der Componist bei der

dritten Strophe aus dem richtigen Tone und läßt die empörten Sklaven ihre Drohung: „Zerfallen muß das Pantheon!“ auf eine behagliche Liedertafel-Melodie singen. Das Mode gewordene Componiren dieser und ähnlicher Histo rienbilder von Hermann Lingg scheint uns überhaupt ein undankbares, mißverständliches Unternehmen; es werden doch nur höchstens erstickte Opernscenen daraus. Hierauf sang Frau Ehnn mit leidenschaftlichem, fast zu gewaltsa mem Ausdrucke Schubert’sSuleika“ und „Du liebst mich nicht“. — Lieder, die sich allerdings in bedenklicher Nähe des Opernstyles bewegen. Außerordentlichen Beifall fand wie immer Herbeck’s charakteristischer, lebensfrischer Landsknecht-Chor“; das Publicum applaudirte nicht erst am Schlusse, sondern nach jeder Strophe. Die beiden Chor meister des Vereins, Weinwurm und Kremser, theil ten sich erfolgreich in die Direction des reichhaltigen und gutbesuchten Concertes.

Die Quartett-Gesellschaft J. Hellmesberger’s producirte zum erstenmale ein Streichquartett von Johannes Brahms (C-moll, Op. 51 Nr. 1). Dasselbe ist mit der gleichzeitig erschienenen Nr. 2 in A-moll die erste Publication dieses Tondichters auf dem Gebiete des Streichquartetts. Ebenso überlegt als überlegen, geht Brahms mit einer heut zutage gar seltenen Strenge und Selbstkritik an jede neue Kunstgattung, tritt niemals mit Halbfertigem oder Halb gelungenem auf. Trotz seiner großen Erfolge in der Kam mer- und Orchestermusik hielt er bis heute mit dem Streich quartett und der Symphonie zurück. Hoffentlich bringt uns das Jahr 1874Brahms’ erste Symphonie — möge sie ihm so erfreulich glücken, wie das erste Streichquartett in C-moll! Das ist ein gedankenreiches und doch klares, ein geistvolles und doch nicht überspanntes Werk. Der erste Satz, den wir zuhöchst stellen, führt ein prachtvoll leidenschaftliches Thema ganz meisterhaft durch; einem sinnenden, an Beet hoven’s letzten Quartettstyl erinnernden Adagio in As-dur folgt ein geistvolles F-moll-Allegretto mit einem reizend melodiösen Trio in F-dur. Das lebhaft dahinstürmende

Finale (C-moll) steht an Originalität der Erfindung und an unmittelbarer Wirkung hinter dem früheren etwas zurück; das Ungenügende jedes Quartettspieles bei anhaltender An strengung in leidenschaftlichen Forti-Passagen schädigt auch dieses Stück, das uns eine doppelte Besetzung und Contra bässe hinzuwünschen läßt. Das Brahms’sche C-moll-Quar tett wird mit dem (mindestens ebenso schönen) in A-moll bald zu den unentbehrlichen Repertoirestücken der Quartett-Vereine gehören. Aufs erstemal sind sie freilich nicht leicht zu fassen, und es ist schade, daß das Publicum solche Stücke nicht gleich zum zweitenmale hören kann. Beide Quartette sind dem Freunde des Componisten, Professor Billroth in Wien, gewidmet, in dessen Hause sie vor einem intimen Kreise zum erstenmale gespielt wurden. Brahms zu loben, das ist mir in meinem Berufe häufig vergönnt, aber die Gelegenheit, von Billroth zu sprechen, könnte mir nicht leicht ein zweitesmal wiederkommen. Darum will ich schnell dem Leser im Vertrauen mittheilen, daß unser be rühmtester Chirurg zugleich ein ganz exquisiter Musiker und Musikkenner ist. Fast so geschickt wie mit Messer und Scalpell weiß er mit der Geige und dem Clavier zu han tieren, und die musikalischen Operationen Billroth’s, denen wir ab und zu beiwohnen, gehören nicht zu seinen unrühm lichsten, jedenfalls zu den angenehmsten. Die gerühmte sichere Hand Professor Billroth’s bewährt sich da ganz aus nehmend in der Behandlung der schwierigsten „interessanten Fälle“ von Schumann und Brahms. Obgleich an solchen Abenden keinerlei Schmerzgefühl aufkommen kann, pflegt der Professor doch ganz zum Ueberfluß seine Zuhörer noch einer leichten Rheinwein-Narkose zu unterziehen.

Von Virtuosen hörten wir in den letzten Tagen Frau Annette Essipoff und Herrn Ludovico Breitner. Frau Essipoff gab ihr drittes Concert mit dem gewöhnlichen glän zenden Erfolg, welcher sie hoffentlich noch zu einem „Ab schiedsconcert“ bewegen wird. Herrn Breitner’s Concert fehlte es gleichfalls weder an zahlreichem Besuche, noch an lebhaftem Applaus. Breitner besitzt einen wunderschönen

Anschlag und eine ungewöhnliche Bravour; die Zeit wird wol hinzuthun, was dem feurigen jungen Virtuosen noch fehlt: Ruhe und Mäßigung. Fräulein Emilia Tagliana unterstützte ihren ehemaligen Mitschüler aus dem Mailänder Conservatorium durch den Vortrag zweier italienischer Ge sangstücke. Eine Arie von Palloni macht nicht eben be gierig auf die nähere Bekanntschaft dieses meyerbeerisirenden Maestro. Fräulein Tagliana machte Effect mit der Arie, aber noch ungleich mehr mit dem bekannten Gesangs walzer von Arditi: „L’estasi“. Da gerieth das Publicum in die entsprechenden „Ekstasen“ und rief die junge Sängerin ein halbdutzendmal stürmisch hervor. Wir haben in der That dieses Stück niemals so rei zend vortragen hören. Die Anmuth und Natürlichkeit des Vortrages, die geläufige, in den höchsten Chorden leicht an sprechende Coloratur, durch welche Fräulein Tagliana mit diesem Walzer Furore machte, entwickelte sie in weiterem Rahmen als Zerlina in „Fra Diavolo“. Es war eine durch aus liebenswürdige Leistung; eine bewunderungswürdige, wenn man erwägt, daß Fräulein Tagliana die Rolle hier binnen acht Tagen gelernt hat, ohne auch nur eine Auf führung des „Fra Diavolo“ je gesehen zu haben. In dem Ensemble hätte manchmal eine kräftigere Stimme nothge than; die beiden Einzelnummern Zerlina’s (die Romanze im ersten Act, die große Arie im zweiten) wurden von Fräu lein Tagliana sehr hübsch gesungen und ganz vortrefflich ge spielt. Der herzliche Beifall, welchen das sehr zahlreich ver sammelte Publicum der Tagliana spendete, ließ darum die übrigen Künstler nicht zu kurz kommen. Herr Müller, der namentlich Fra Diavolo’s Barcarole im zweiten Acte vor züglich sang, Fräulein Gindele als Lady Kockburn, Herr Mayerhofer als Lord, endlich die Herren Neumann und Lay als Banditen schienen ganz besonders gut dis ponirt und fanden verdiente Anerkennung. Diese vortreff liche Aufführung von Auber’s unverwüstlich frischem und liebenswürdigem „Fra Diavolo“ hat den Besuchern des Hof operntheaters einen der angenehmsten Abende bereitet.