Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 3371. Wien, Dienstag, den 13. Januar 1874 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 3371. Wien, Dienstag, den 13. Januar 1874 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Wien
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Das Liszt-Concert im großen Musikvereinssaale. Wien, 12. Januar.

Ed. H. Kaum war es bekannt geworden, daß Franz Liszt zum Besten der Franz-Josephs-Stiftung in Wien spielen werde, als eine fieberhafte Erwartung unser ganzes musikalisches Publicum erfaßte. Nahezu dreißig Jahre sind verflossen, seit Liszt zum letztenmale in Wien concertirte; eine Periode, in welcher er die überraschendsten Wandlungen als Künstler und als Mensch vollzogen hatte. Mit dem Jahre 1848 hatte Liszt seine an Triumphen beispiellose Virtuosen-Carrière abgeschlossen, unerwartet, unwiderruflich. Er erklärte uns einmal diese allgemein beklagte Abdication mit den kurzen, aber bedeutungsvollen Worten: „Zum Vir tuosenthum gehört Jugend.“ Nur in ganz intimem Freun deskreise spielte er, auch da am liebsten nur Vierhändiges. Erst in neuester Zeit ließ sich der Meister im Interesse wohlthä tiger Unternehmungen einigemal zu öffentlichen Productio nen in Pest bestimmen, war aber nicht zu bewegen, an dem großen, denkwürdigen Beethoven-Jubiläum und dem Festconcert zur Feier des Schubert-Monumentes in Wien mitzuwirken, so eng verwebt mit seiner Kunstthätigkeit und so theuer seinem Herzen gerade diese beiden Meister gelten. Unermüdlich als Componist großer Werke, blieb er als Virtuose unerbittlich und ließ sich den stolzen Entschluß nicht schelten, auf voller Sonnenhöhe freiwillig vom Publi cum geschieden zu sein, und diesem lieber die brennendste Sehnsucht, als den leichtesten Schatten von Ueberdruß zurück zulassen. Dafür gerieth jetzt in Wien Alles in vollständigen Allarm bei der Ankündigung von Liszt’s Production. Die ganze jüngere Generation wünschte sich Glück zu dem nicht mehr erhofften Erlebniß, den Wundermann zu hören, von dem man ihr seit früher Kindheit so viel erzählt. Die Ael teren, welche Liszt’s Triumphe noch mitgefeiert, waren nicht minder begierig, ihre glänzendsten Concert-Erinnerungen wie derzuerwecken und mit dem neuen Eindruck zu vergleichen.

Es war im Jahre 1846, als Liszt zum letztenmale in einer Reihe von Concerten die Wiener entzückte. Der alte Musikverein unter den Tuchlauben war der bescheidene Ort dieser Triumphe; er verhält sich zu unserem jetzigen großen Concertsaal ungefähr wie das enge, mauernbedrückte Wien

von damals zu dem heutigen. Die Galerie mit ihrem trost losen, hühnersteigartigen Aufgang galt seltsamerweise für den elegantesten Platz: die vornehmsten Damen entfalteten da ihre Toilettenpracht. Daneben kam der „Cercle“, damals noch als Nothbehelf, in Liszt’s Concerten auf. Da Liszt ohne Orchester spielte, gerieth man nämlich auf die zweck mäßige Idee, das ganze sonst dem Orchester gewidmete Podium den andrängenden Liszt-Verehrern einzuräumen, für deren Zahl das Parterre und die Galerie niemals aus reichten. Da umfing denn ein blühender Kranz von schönen Damen ringsum das Clavier des „Unvergleichlichen“, welcher solche Umgebung jederzeit als geschmackvoller Kenner liebte und würdigte. Liszt spielte ganz allein, ohne die früher un entbehrlichen gesungenen, gegeigten und declamirten „Zwischen nummern“. Sein immenses Repertoire erklang da in bun testem Wechsel von Beethoven’schen Sonaten und Liszt’schen Bravourgalopps, von Opern-Phantasien und Schubert’schen Lieder-Transscriptionen. Liszt gab sich als der vornehme, liebenswürdige Herr des Hauses, plauderte mit den Damen, begrüßte die Freunde, bezauberte Alle. Er spielte mit unter sehr ungleich, gut und schlecht nacheinander, aber jederzeit Lisztisch, und das war genug. Daß er von Stimmungen abhängig war, hob ihn nur um so höher in der Meinung des Publicums, welches der gleichförmig sauberen, schachbrettartig eingetheilten Kunst der früheren Virtuosen müde war. Ich erinnere mich, wie Liszt, nach einem Bravourstück über spanische National-Melodien unaufhörlich gerufen, sich nochmals ans Piano setzte und, vortrefflich aufgelegt, das Hauptthema neuerdings aufnahm und in einer kurzen, ganz freien Improvisation voll der er staunlichsten Schwierigkeiten durchführte. Es war in einem der von Liszt eingeführten Nachtconcerte, welche um halb 10 Uhr begannen — eine fatale Einrichtung, von der Noth geschaffen und von der Mode eine zeitlang beibehalten. Die Theater genossen nämlich bis zum Jahre 1848 in Wien wie in den Provinzstädten das Privilegium, daß Abends keine andere öffentliche Kunstproduction stattfinden durfte. Nur Liszt’s Anziehungskraft war hinreichend groß und unfehlbar, um den Musikvereinssaal auch nach dem Theater in allen Räumen zu füllen. In Liszt’s Wohnung „zur Stadt London“ lagerte tagsüber das musikalische junge Wien; er selbst saß in schwarz sammtener Blouse am Clavier, corrigirte Probebogen oder schrieb, das Notenpapier auf dem Knie, irgend eine Composition

mit seiner schiefen, langstieligen, nicht allzu leserlichen Hand schrift nieder, plaudernd und rauchend. Traf man es glück licherweise, daß Liszt gerade irgend eine Novität vom Blatte spielte, so hatte man neuen Anlaß, über diese enorme mu sikalische Organisation zu staunen. Ferdinand Hiller erzählt in seinem eben erschienenen interessanten Buche über Men delssohn, wie dieser eines Tages mit dem Ausrufe: „Da habe ich ein Wunder erlebt, ein wahres Wunder!“ bei ihm eintrat und berichtete: „Ich war mit Liszt bei Erard und legte ihm das Manuscript meines Concertes vor, und er spielte es — es ist kaum leserlich — mit der größten Voll endung vom Blatte; man kann es gar nicht schöner spielen, als er es gespielt hat — es war wunderbar!“ Wozu Hiller die scharfsinnige Bemerkung macht, daß Liszt die meisten neuen Sachen zum erstenmale am schönsten spiele, weil sie ihm dann gerade genug zu thun geben. Das zweitemal mußte er schon dazuthun, wenn es für sein Interesse aus reichend sein sollte.

Liszt wurde damals vergöttert in Wien als Mensch wie als Künstler; nicht nur sein Spiel war etwas Neues, sondern auch seine Freigebigkeit für wohlthätige Zwecke. Auch jetzt, am 11. Januar 1874, gab eine solche Widmung, die Kaiser-Franz-Josephs-Stiftung, den Anlaß für das Wiederauftreten des berühmten Meisters nach langer Zurück gezogenheit. Das Comité dieser Stiftung gewährte dem festlichen Charakter dieses Ereignisses auch äußerlichen Aus druck. Der Saal war längs des Orchesterraumes mit Blu men und Kränzen geziert (wir hätten nur das geschmack lose riesige „F. L.“ auf der Orgel weggewünscht), das Clavier starrte in Blumenschmuck, ein elegantes Publicum füllte den Saal bis in den letzten Winkel. Mit Jubel be grüßt, tritt Liszt auf, in langem, hoch zugeknöpftem Abbé kleide, setzt sich ans Piano und gibt dem Orchester das Zeichen zum Anfang der Wanderer-Phantasie (Op. 15) von Schubert. Sein Spiel ist vollendet, wie ehemals, dabei von ruhigerem Geiste und milderem Gemüth er füllt; nicht so blendend, so packend, aber einheit licher, ich möchte sagen solider, als das des jungen Liszt gewesen. Glänzender trat er in seiner zweiten Nummer hervor, der „Ungarischen Rhapsodie für Clavier und Orchester“. Das originelle Tonstück, welches in echtem Zigeunerton sich anfangs frei in melancholischem Vagabun diren ergeht, um dann plötzlich stramm, csardaslustig,

sporenklirrend aufzuspringen und immer feuriger, immer schneller im Kreise zu wirbeln — es schien alle Jugend geister Liszt’s zu erwecken. Das Allegro frappirt durch manche Liszt allein angehörige Effecte, wie das Hämmern beider Hände auf Einer Taste und durch die eigenthümliche Nachahmung des Cymbals. In unnachahmlicher Weise er reicht Liszt das Schwirren, Klopfen, Hämmern und säu selnde Verhauchen dieses Haupt- und Lieblings-Instruments der ungarischen Zigeuner. Liszt’s Vortrag war frei, poetisch, voll geistreicher Nüancen, dabei von edler, künstlerischer Ruhe. Und seine Technik, seine Virtuosität? Ich werde mich wohl hüten, davon zu reden. Genug, daß Liszt sie nicht ein gebüßt, sondern höchstens abgeklärt und beruhigt hat. Welch merkwürdiger Mensch! Nach einem reichen, beispiellos be wegten Leben voll Aufregung, Leidenschaft und Genuß kommt der zweiundsechzigjährige Mann wieder, nicht ent kräftet, nicht zerstreut, nicht blasirt, und spielt das Schwerste mit der Leichtigkeit, Kraft und Frische eines Jünglings! Mit atemloser Aufmerksamkeit lauscht man nicht blos seinem Spiel, sondern auch den physiognomischen Wirkungen, die es in Liszt’s geistvollen, beweglichen Zügen hervorruft. Im Ausdruck kraftvollen Ernstes hat sein zurückgeworfenes Haupt noch immer etwas vom Jupiter; bald blitzen unter den energisch vorragenden Brauen die feurigen Augen, bald hebt ein leichtes Lächeln die so charakteristisch aufgebogenen Mund winkel noch einige Linien höher. Der Kopf, das Auge, manchmal auch nachhelfend die Hand unterhalten während des Spielens ununterbrochenen Verkehr mit dem Orchester und den Zu hörern. Wie Liszt bald aus den Noten, bald auswendig vorträgt, wie er dabei abwechselnd die Lorgnette aufsetzt und wieder herabnimmt, wie er das Haupt hier lauschend vor neigt, dort kühn zurückwirft — das Alles interessirt seine Zuhörer unsäglich, noch mehr die Zuhörerinnen. Es gehörte jederzeit zu Liszt’s Eigenthümlichkeiten, in seiner großen Kunst auch noch mit allerlei kleinen Künsten zu effectuiren; wir wissen ja: „Die Himmlischen wenden oft seltsame Mittel an.“ In stürmischen Octavenlauf fliegt Liszt mit seiner Rhapsodie zum Schlusse; das vielhundertköpfige Publicum klatscht, ruft, jubelt, erhebt sich von den Sitzen, wird nicht müde, den Meister hervorzurufen, der seinerseits in der ruhigen, freundlich dankenden Haltung eines Ge wohnheitssiegers kundgibt, daß er auch noch nicht müde ist. Für den Liszt von heute ist es eine große Leistung, die er

vollbracht hat; und doch that er so unbefangen, als sei das nichts und er noch der Liszt von 1840. Fürwahr, ein Liebling der Götter!

Arrangirt war das ganze Concert würdig und tactvoll: keine Solonummer neben Liszt, nur Chor- und Orchester sachen. Die ersten Dirigenten Wiens lösten einander am Pulte ab, sogar Herbeck dirigirte die beiden Liszt’schen Nummern. Der Singverein trug zwei seiner vortreff lichsten Chöre von Bach und Mendelssohn unter Brahms Leitung vor; der Wiener Männergesang-Verein zwei von Weinwurm und Kremser dirigirte Lieblings nummern aus Schumann und Schubert. Dessoff diri girte das Hofopern-Orchester in den trefflichen Aufführungen der Ouvertüre „Abu Hassan“ von Weber und des „fest lichen Einzugsmarsches“ aus der Oper „Die Königin von Saaba“ von Goldmark. Bei dem absorbirenden In teresse, das Liszt’s Spiel und Persönlichkeit an diesem Tage erregten, ist der große Erfolg der Goldmark’schen Novität doppelt hoch anzuschlagen. Das Tonstück, dessen stark orienta lisirende Weise allerdings erst in der Oper selbst seine volle Rechtfertigung finden kann, ist geistreich concipirt, echt dra matisch angelegt und mit ungewöhnlichem Glanz instrumen tirt. Der rauschende Beifall, welcher diesem Opernfragmente folgte — der Componist wurde wiederholt gerufen — ist jedenfalls die stärkste und unbefangenste Reclame, welche die Königin von Saaba“ für ihre in Berlin vorbereitete Auf führung sich nur wünschen kann.

(Druckfehler-Berichtigung.) In der Kritik von Ed. H. über die Oper „Genovefa“ soll es (Spalte 4, Zeile 14 von oben) anstatt „das ununterbrochene Gewinsel“ heißen: das ununterbrochene Geriesel des Arioso.