Musik.
(Komische Oper. — Philharmonie-Concert. — Gesellschafts-Concert.)
Ed. H. Die Komische Oper hat dem „Barbier“
alsbald „Die Regimentstochter“ und „Czar und Zimmer
mann“ nachfolgen lassen, Vorstellungen, welche bei vollem
Hause unter lebhaftem Beifalle stattfanden. Doch ist der
erste Abend noch immer der beste geblieben und der „Bar
bier“ mit Minnie Hauck, Erl, Hölzl und Hermany bis heute
noch nicht vollständig erreicht. Die Aufführung der „Regi
mentstochter“ von Donizetti war durchaus anständig,
aber nicht viel mehr, und das ist zu wenig für eine so ab
gespielte, einfache Oper. Wir haben in Wien die Regiments
tochter von der Lind, der Artôt, der Lucca, von tüch
tigen einheimischen und fremden Sängerinnen gehört und
den unumstößlichen Erfahrungssatz gewonnen, daß es eines
außerordentlichen Talentes in der Titelrolle bedarf, um
dieser Oper neue Zugkraft zu verleihen. Die „Regiments
tochter“ besitzt drei bis vier schöne Gesangsnummern, welche
sämmtlich der Titelrolle angehören und alles Uebrige tief in
den Schatten stellen. Fräulein Deichmann ist ein graziöses
junges Mädchen mit kleiner, wohllautender Sopranstimme,
die nur leider nicht ganz frei austönt, sondern durch fehler
haften Ansatz oder irgend welche Hemmung der Sprach
werkzeuge einen fremdartigen Beiklang erhält. Fülle des
Tonkörpers und Festigkeit auf der Tonstufe vermißten wir;
kräftige Wirkungen, wie sie die Arie „Heil dir, mein Vater
land“ beabsichtigt, sind Fräulein Deichmann versagt, und die
ruhige Cantilene leidet unter der Gewohnheit des Tremoli
rens. Hingegen hat Fräulein Deichmann viel natürliche
Kehlengeläufigkeit und bewegt sich mit Glück und Courage
in hohen Triller- und Passagen-Regionen. Ihr Spiel ist
munter und lebhaft, nur gerade für eine Regimentstochter
zu geziert. So studirte Koketterien, wie sie Fräulein
Deichmann im ersten Acte producirte, lernt man
nicht im Feldlager, sondern höchstens im Balletcorps.
Fräulein Deichmann hat entschieden gefallen und wird der
Komischen Oper ohne Zweifel von großem Nutzen sein; eine
ganze Oper allein zu tragen, ist sie vorläufig noch zu schwach.
Den Sulpiz sang Herr Dalle-Aste, derselbe, der schon
bei den Lind-Vorstellungen im Jahre 1847 durch seine
schöne Baßstimme Aufsehen erregte. Für so lange Wirk
samkeit erscheint Dalle-Aste merkwürdig gut conservirt; sein
Sulpiz war ganz tüchtig, nur etwas zu langsam im Dia
loge. Die ziemlich unbedeutende Tenorpartie des Tonio sang
Herr Telek nicht ohne Beifall; er wird für ähnliche Rol
len genügen, wenn er den scharfen Zinkenton seiner Stimme
einigermaßen dämpft. In den kleineren Rollen der Mar
quise und ihres Haushofmeisters erwiesen sich Fräulein
Caspari und Herr Ausim als gute Sprecher und ge
wandte Schauspieler. Ueberhaupt hätte die Besetzung genügt
für manche gute Novität, welche noch mit dem selbstständigen
Reize unverbrauchter Neuheit wirkt. Virtuosenstücke wie
die „Regimentstochter“ vermögen aber heute, nach dreißig
jähriger Abnützung, nur mit Hilfe vollendeter Künstler oder
genialer Naturen das Publicum nachhaltig anzulocken.
Ungleich wirksamer war die Aufführung von Lortzing’s
„Czar und Zimmermann“. Seit Hölzl’s Abgang
vom Hofoperntheater, also länger als zehn Jahre, vermissen
wir hier schmerzlich diese vortreffliche Oper, welche melodiöse
Frische mit tüchtiger Charakteristik, komische Kraft mit an
heimelnder Gemüthlichkeit vereinigt. Alle Vorzüge heiterer
Erfindung verbindet hier Lortzing mit einem praktischen Sinne
für Bühnenwirkung, wie er bei deutschen Componisten
selten vorkommt. Schon in der Wahl des Stoffes be
wies er eine glückliche Hand: das alte längstvergessene
Lustspiel „Peter der Große in Saardam“ (seiner
zeit eine Glanzrolle des jungen Anschütz) hat er
durch seine Musik zu neuem, wahrscheinlich langem Leben
gerettet. Seit Mozart’s „Figaro“ ist dieser „Czar“ die erste
komische Oper der Deutschen, welche sich einer nahezu vier
zigjährigen ungeschwächten Beliebtheit erfreut, und die ein
zige wahrscheinlich, die ein hundertjähriges Jubiläum zu
hoffen hat. Sie ist bei ihrem Erscheinen von der Kritik lange
nicht nach Verdienst geschätzt worden; erst die lange Dürre,
die in Deutschland auf Lortzing folgte, hat seine Leistungen
höher anschlagen gelehrt; der Mann wächst im Sarge.
Unsere Komische Oper dürfte aus Lortzing’s Werken auch
den in Wien ganz unbekannten „Casanova“ mit Erfolg zur
Aufführung bringen. In der Vorstellung von „Czar und
Zimmermann“ ragte vor Allen das Ehepaar Swoboda
hervor. Frau Swoboda singt und spielt die Marie aller
liebst; mit Vergnügen bemerkten wir wieder jenen durch
gehenden Zug von gemüthvoller, ungezierter Natürlichkeit,
welcher uns in den Darstellungen unserer alten Freundin
„Fritzi Fischer“ von jeher angemuthet hat. Director Swo
boda war, wie vorauszusehen, ein vortrefflicher Iwanoff;
er darf es als ein Compliment nehmen, daß man gerade
von ihm noch mehr komische Kraft erwartet hatte. Er gab
diesem gutmüthigen Naturburschen einen matten Schliff von
Bildung und Ueberlegenheit, der uns weder begründet noch
wirksam scheint. Nach dem Duett im dritten Acte flog ein
gewaltiger Kranz auf die Bühne, der wol beiden Gatten
zur ungetheilten Hand zugedacht und jedenfalls von Beiden
verdient war. Herr Erl machte als Marquis Chateauneuf
gewinnenden Eindruck durch seine elegante, fast mädchenhaft
zarte Persönlichkeit und seine entsprechend feine Vortragsweise.
Herr G. Nollet, ein stattlicher junger Mann mit kräf
tiger Baritonstimme, reussirte vollständig mit dem bekannten
Czarenlied; in den beiden ersten Acten, wo er doch für einen
Zimmermann gehalten sein will, spielte er sich zu nachdrück
lich auf den Kaiser und entwickelte mitunter eine furchtbare
Majestät. Je schlichter und freier der Czar genommen wird,
desto siegreicher wird der unbewußte, seiner Natur inhaftende
Adel heraustreten. Auch im dritten Finale schien uns Herr
Nollet zu heftig; Peter spielt mehr mit dem Widerstande,
als daß dieser — im Ganzen unbedeutende — ihn bis zur
Wuth aufreizte. Man hatte sich darauf gefreut, Herrn
Hölzl, dieses Muster aller Saardamer Bürgermeister, als
van Bett zu sehen — leider wurde er unpäßlich und durch
Herrn R. Müller vertreten, dem es keineswegs an Eifer
und Gewandtheit, wol aber an Laune und drastischer Komik
fehlt. Die beiden Gesandten von Rußland und England er
probten sich als zuverlässige Sänger, als Diplomaten konnte
man sie schwerlich acceptiren. Das Orchester dirigirte zum
erstenmale Herr Adolph Müller, Sohn des verdienstvol
len Capellmeisters im Theater an der Wien; er dürfte bald
den ausgezeichneten Ruf rechtfertigen, der ihm von Hamburg
vorangegangen ist. Sowol in der „Regimentstochter“ als
im „Czar“ hielten sich die Chöre und das Orchester (bis
auf die häufige Unsicherheit des ersten Hornisten) ganz tapfer:
auch die Ausstattung beider Opern verdient alles Lob. So
hätte denn die Komische Oper ihre erste Woche glücklich
und mit lohnendem materiellen Erfolg zurückgelegt.
Gehen wir von der komischen zur ernsten Musik über,
so finden wir in dem sechsten Philharmonischen und
dem dritten Gesellschafts-Concert Stoff zur Bespre
chung. Beide Concerte hatten das Eigenthümliche, daß sie
durch Ankündigung neuer und selten gehörter Werke beson
ders anlockten, aber mit der Aufführung selbst etwas unter
dem gewohnten Erfolge blieben. Die Novität der Philhar
moniker war ein Clavierconcert in C-moll von Joachim
Raff (Op. 185, Herrn Bülow gewidmet). Der erstaun
lich fruchtbare Autor hat uns mit dieser neuen Composition
stellenweise interessirt, aber ohne erquickenden Total-Eindruck
entlassen. Zwar ist das Concert sichtlich mit großem Auf
gebot von Arbeit geschaffen, aber das Gesuchte und Reflec
tirte überwiegt die freie Eingebung und die Wärme der Em
pfindung. Wie so häufig bei Raff, folgt auch hier auf langes
ängstliches Vermeiden des Gewöhnlichen unverholen Ge
wöhnlichstes, auf geistreich raffinirte Feinheiten der hand
greiflichste Orchesterlärm. Der beste von den drei Sätzen ist
jedenfalls das Andante in As-dur, worin ein getragener
Gesang der Bläser von sehr zierlichen, aus Trillern und
Septolen gefügten Clavierpassagen umspielt wird. Schade,
daß auch dieser theilweise so gefällige Satz durch große
Länge und aufdringliche Instrumentirung beeinträchtigt wird.
An die Virtuosität und Ausdauer des Pianisten stellt Raff’s
Concert höchste Anforderungen; sie erfüllt zu haben, gereicht
Fräulein Pauline Fichtner zu nicht geringem Ruhme.
Das Publicum erkannte dieses Verdienst durch reichlichen
Applaus und Hervorruf der tapferen jungen Virtuosin. Eine
äußerst sympathische Erscheinung, der wir hoffentlich nicht
zum letztenmale begegneten, war uns die Sängerin Frau
Lawrowska aus Petersburg. Sie sang die bekannte
Alt-Arie aus Francesco Rossi’s „Mitrane“ (1699) mit
ungemein weicher, volltönender, wohlgeschulter Stimme
und durchaus edlem Vortrag. Ihre Leistung fand enthu
siastische Aufnahme. Berlioz’ „Carnaval romain“ machte
den Anfang, Haydn’sOxford Symphonie den Beschluß
dieses von Dessoff geleiteten und mit vollendeter Prä
cision ausgeführten Concerts. Die ursprünglich auf dem
Programm angekündigten „Ungarischen Tänze“ von Brahms
haben wir ungern vermißt.
Das dritte Gesellschafts-Concert (von Brahms gelei
tet) bestand aus zwei Neuigkeiten von Rheinberger und Gold
mark und einer vor lauter Alter wieder zur Novität gewor
denen Reliquie von Mozart. Joseph Rheinberger, der
jedenfalls zu den frischeren Talenten der gegenwärtigen Ge
neration gehört, war durch eine neue Ouvertüre zu dem
„Märchen von den sieben Raben“ vertreten. Von den zahl
reichen Märchenstoffen, die seit Mendelssohn’s „Melusine“
componirt worden sind, scheint mir der von Rheinberger ge
wählte am wenigsten günstig. Daß sieben Buben in Raben
verwandelt und schließlich wieder entzaubert werden, ist ein
Vorgang, der sich musikalisch nicht fassen oder imitiren läßt.
Die Composition Rheinberger’s ist nicht bedeutend, hat aber
im Allegro einen guten Fluß und einige interessante Durch
führungsmomente. Als zweite Novität figurirte Gold
mark’s „Frühlingshymne“ für Altsolo, Chor und Orche
ster. Wer nach diesem Titel einen musikalischen Frühlings
tag erwarten mochte, blauen Himmel, Duft und blättertrei
benden Sonnenschein, der fand sich getäuscht. Das Gedicht
ist eigentlich ein allegorisch moralisirendes. Es beginnt mit
der Schilderung der im Lenz zusammenströmenden Quellen
und Bäche, um sofort die Betrachtung daran zu knüpfen:
„So umfasset ein kleiner Kreislauf des vergänglichen Seins
kurze Bahn“ und mit der Moral zu schließen: „Mensch, be
trachte den Strahl des ewigen Lichtes!“ u. s. w. Dem entsprechend
athmet auch die Composition keineswegs jene sehnsuchtsvoll
erregte, wie von lauen Düften durchströmte Stimmung, die
der Frühling bringt, sondern die einer ernsten, beschaulichen
Predigt über Sein und Nichtsein. Wie im Gedichte, so ist
auch in Goldmark’s Composition der Anfang mit seiner
Quellenmalerei das Lebendigste und Anschaulichste. Das Or
chester beginnt lispelnd mit feinen, charakteristischen Klängen,
die sich bald zu einer constanten, wogenden Begleitungsfigur
sammeln; das Thema des Chors, welches darüber auftaucht,
athmet ruhige Klarheit und breitet sich harmonisch gut aus.
Mit dem langsamen Cis-moll-Mittelsatz geräth der Fluß
schon für eine Weile ins Stocken; noch viel mehr mit dem
Eintritt des Altsolo, dessen düstere, schleppende Erhabenheit
eigentlich den Charakter des Stückes bestimmt. Daß das
Ganze ernst gedacht, in würdiger Haltung durchgeführt sei,
daß es geistreiche Harmonien (diesmal sogar mit gemäßig
tem Dissonanzenverbrauch) und charakteristische Instrumenti
rung aufweise, das versteht sich bei Goldmark von selbst.
Interessant ist sein neues Werk, lebensvoll und wirksam kann
ich es nicht finden. Der Componist, welcher selbst dirigirte,
wurde gerufen, desgleichen Frau Gomperz-Bettel
heim, welche das Altsolo mit schönem Pathos vortrug. Die
freundliche Bereitwilligkeit dieser Künstlerin, welche ihr ge
feiertes Talent nirgends verlegt, wo es sich entweder um die
Wohlthätigkeit oder um eine Wohlthat ästhetischer Erbauung
handelt, hat wahrscheinlich auch zu der Aufführung des „Davidde
penitente“ von Mozart, der Schlußnummer dieses Concertes,
Anregung gegeben. Der „büßende David“ ist bekanntlich das
einzige Oratorium, das Mozart geschrieben. Richtiger ge
sagt: er hat gar keines geschrieben, denn mit Ausnahme
von zwei Nummern (nach componirten Bravour-Arien für
den Tenoristen Adamberger und die Sopranistin Ca
valieri in Wien) sind die übrigen acht Nummern der
unvollendet gebliebenen großen C-moll-Messe von Mozart
entnommen. Diese Messe ist auch durch ihre Veranlassung
interessant; sie entstand in Folge eines von Mozart ge
thanen Gelübdes, daß, wenn er seine Constanze als Frau
nach Salzburg bringen würde, er dort eine neucomponirte
Messe aufführen wolle. Dies geschah auch im August 1783
in Salzburg, wo Mozart die noch fehlenden Stücke wahr
scheinlich einer seiner früheren Messen entnahm. Als er
1785 in Wien aufgefordert wurde, für die Concerte der
Tonkünstler-Societät (Pensionsverein) ein Oratorium zu
componiren, verwendete er das Kyrie und Gloria jener
C-moll-Messe dazu, ein italienischer Poet paßte den Noten
einen ziemlich neutralen Text unter, Mozart schrieb die er
wähnten zwei Arien im Concertstyle dazu, und — der
„Davidde penitente“ war fertig.
Bei der ersten Aufführung (März 1785) hieß es auf
dem Anschlagzettel: „Il Davidde penitente“, eine ganz neue,
dieser Zeit angemessene Cantate von Herrn W. A. Mozart.“
Diesen Beisatz dürfte man heute nicht mehr machen; trotz
dem ist das Werk in der von Brahms dirigirten, sehr ge
lungenen Aufführung über Erwartung günstig aufgenommen
worden. Die Freude über die vortrefflichen Gesangsleistungen
der Damen Wilt, Bettelheim und des Herrn Walter
vereinigte sich im Publicum mit der Pietät für Mozart zu
lohnendstem Erfolg. Die Anerkennung für die genannten
Künstler theile ich vollkommen; der Pietät für Mozart wäre
aber vielleicht besser entsprochen, wenn diese weichliche,
formalistische, mit Rococoschmuck überladene Cantate im Ge
schmack der Hasse-Graun’schen italienischen Oper unauf
geführt bliebe. Die schönen, glanzvollen Chöre fänden eine
passende Stelle in den gemischten Concerten des Sing
vereins; anstatt des completen „Davidde“ hätte ich lieber
eine beliebige Abtheilung aus Mendelssohn’s „Paulus“ oder
„Elias“ gehört. Da ich gerade im Kritisiren bin, möchte
ich auch ein altes Pium desiderium loswerden: daß näm
lich von den Programmen der Gesellschafts-Concerte der
hyperlakonische Beisatz: „Texte umstehend“ beseitigt
werde. Diese dem verschimmeltsten k. k. Bureau-Deutsch
entlehnte Abbreviatur, welche allenfalls einem vormärzlichen
Kreisamtssecretär zu Gesicht stehen würde, will sagen, daß
die Texte der vorgetragenen Gesänge auf der zweiten Seite
des Programmes abgedruckt sind. „Texte umstehend“ —
gewiß, es ist unmöglich, kürzer zu sein. Aber in so lebens
frohen künstlerischen Zusammenkünften wie unsere Gesell
schafts-Concerte soll Niemand „umstehen“, nicht einmal ein
schlechter Liedertext.