Musik.
(Komische Oper. — Der erste Act von
Wagner’s „
Walküre“.)
Ed. H. Die Komische Oper hat ihr Repertoire mit
Kreutzer’s „Nachtlager in Granada“ bereichert. Diese Oper
wurde zum erstenmale am 13. Januar 1834 im Josephstädter
Theater aufgeführt, feierte also vor wenig Wochen ihren
vierzigsten Geburtstag. Von diesem kleinen Vorstadttheater,
für dessen unvergleichlichen Bariton Joseph Pöck die Rolle
des Prinz-Regenten geschrieben war, ging das „Nachtlager“
siegreich in die Welt und ist auf allen deutschen Bühnen bis
heute heimisch geblieben. Das Josephstädter Theater! Man
merkt es dem unscheinbaren Musentempel nicht an, welch
glänzende Rolle er vordem in der Geschichte des Wiener
Opernwesens gespielt hat. Und zwar auf zweimaligem Höhe
punkte: unter Stöger’s Direction und der nachfolgenden
von Franz Pokorny. Stöger, welcher die Pachtung im
Sommer 1832 übernahm, entwickelte eine außerordentliche
Thätigkeit und brachte die epochemachenden Opern jener Zeit
(wie: „Robert der Teufel“, „Die Unbekannte“, „Zampa“,
„Anna Bolena“, „Fra Diavolo“ u. s. w.) zuerst in Wien
zur Aufführung; nach Jahr und Tag erst hinkte das Hof
operntheater nach. Die Aufführung von Rossini’s „Barbier“
war dort so vortrefflich, daß noch mehrere Jahre später das
Hofoperntheater nicht den Muth hatte, selbst mit der Erin
nerung an diese Leistung zu concurriren. Stöger’s Direction
endigte im April 1834 mit dem unverwüstlichen „Ver
schwender“ von Raimund, zu welchem gleichfalls Kreutzer
die Musikstücke (worunter das ergreifende Bettlerlied) com
ponirt hatte. Stöger’s Thätigkeit in dem Zeitraume von
nicht ganz drei Jahren erscheint heute beinahe fabelhaft;
sein Repertoire umfaßte (nebst zahlreichen Schauspielen und
Possen) dreißig große Opern in 313 Aufführungen, wonach
durchschnittlich auf jeden zweiten Tag eine Opernvorstel
lung und auf je drei Wochen eine neue Oper kommt.
Noch in der darauffolgenden Uebergangsepoche (unter den
Directoren Hoch und Scheiner) entfaltete das Joseph
städter Theater mit Conradin Kreutzer als erstem Capell
meister eine bedeutende musikalische Wirksamkeit, bis es
unter Pokorny (1837—1848) jene zweite Glanz- und
Glücksperiode erlebte, in welcher es nebst den besten komi
schen Novitäten von Auber, Adam, Lortzing etc. große Opern,
wie Meyerbeer’s „Hugenotten“, Halévy’s „Guido
und Ginevra“, zum erstenmale den Wienern vorführte. Zu
letzt (1848—1849) verlieh wenigstens Lortzing, als Ca
pellmeister am Josephstädter Theater, dieser Bühne noch
einen musikalischen Nachglanz. Nicht ohne Absicht erweckte
ich diese Erinnerungen, denn sie liefern vollen Beweis, daß
ein Privat-Theater auch im Opernfach eine glänzende Thätig
keit entfalten und neben dem Hoftheater ein großes Publi
cum anziehen kann. Es ist die Mission unserer Komischen
Oper, mit ihrem ungleich schöneren und vollkommeneren
Theater in die leergebliebene Stelle der ehemaligen Joseph
städter Oper einzurücken und bleibende Bedeutung zu erringen.
Mit seiner Oper „Das Nachtlager in Granada“ hatte
Kreutzer großen und nachhaltigen Erfolg erzielt; aber nur
mit dieser. Es stimmt traurig, daß aus der langen und
rastlosen Thätigkeit dieses begabten Musikers nichts übrig
geblieben ist, als das „Nachtlager“ und einige Vocal-
Quartette. Das Verzeichniß seiner Werke enthält über
dreißig Opern. Eine davon, „Melusina“, trägt auf dem
Titelblatte den erlauchten Namen Grillparzer, welcher
das Libretto ursprünglich für Beethoven dichtete; trotzdem
vermochte sie weder in Wien noch in Berlin durchzugreifen.
Für starke dramatische Stoffe, wie sie Kreutzer in seiner letzten
Periode gerne wählte, gebrach es ihm an Tiefe und Energie;
seine Wirksamkeit lag, was den Inhalt betrifft, im
Anmuthigen, leicht Empfindungsvollen, in jener klaren, zier
lichen Romantik, welche das „Nachtlager“ auszeichnet; was
die Form betrifft, im Liedmäßigen. Durch diese Eigenschaften
übt das „Nachtlager“ noch immer seine echte, anheimelnde
Wirkung, wie ein ferner Nachklang von Weber’s Ro
mantik. Trotzdem dürfte Riehl’s Prophezeiung bald ein
treffen, daß der nächsten Generation Manches daran kindisch
erscheinen wird, was wir noch kindlich nennen. Am auf
fallendsten ist der Mangel an contrastirenden Schlagschatten
gegen die vorherrschende melodiöse Anmuth und Gemüth
lichen — ein Mangel, welcher durch den Vergleich der
Oper mit dem ihr zu Grunde liegenden bekannten Schau
spiel von Friedrich Kind recht deutlich wird. In dem Schau
spiel hat die herannahende Gefahr und die ruhige Heiterkeit,
mit welcher ihr der Held entgegenschreitet, endlich, als er
in die Falle gegangen, die scheinbare Unvermeidlichkeit seines
Todes die Aufmerksamkeit und Theilnahme der Zuschauer
stets bis aufs höchste gespannt. In der Oper bleibt diese
Wirkung aus, weil unsere Aufmerksamkeit in dem Augen
blicke, als wir für den Prinzen fürchten sollen, durch allerlei
Musikalisches und Scenisches zerstreut oder darauf hinge
lenkt wird, was uns in der Hoffnung seiner Rettung be
stärkt. Die verschiedenartigsten Gefühle, mit welchen im ersten
Finale der Chor, dann einerseits die drei Banditen, anderer
seits der Prinz und Gabriele der Nacht entgegensehen, spricht
die Musik so aus, daß man über der Gewandtheit des Com
ponisten und dem Reiz der Melodien auf die Situation ver
gißt. Desgleichen ist die Musik des zweiten Actes, in Ga
brielens Romanze und dem Folgenden, ganz geeignet, uns
des glücklichsten Ausganges zu versichern.
Die Aufführung von Kreutzer’s „Nachtlager“ in der
Komischen Oper hat zum größten Theile sehr befriedigt.
Herr Nollet eignet sich ganz vorzüglich für die dankbare
Rolle des Prinzen durch seine stattliche Erscheinung, seine
nicht große, aber wohlklingende, gutgeschulte Stimme, end
lich durch seinen verständigen, discreten Vortrag. Die Rolle
wird noch sehr gewinnen, wenn Herr Nollet einige allzu
schmachtende Dehnungen beseitigt und auf den frischen,
abenteuernden Lebensmuth des Jägers ebensoviel Gewicht
legt, wie auf dessen selbstbewußte ritterliche Eleganz. Herr
Nollet fand die ehrenvollste Aufnahme. Gomez wird von
Herrn Telek recht gut gesungen, das spitzbübische Hirten-Trio
von den Herren Ausim, Müller und Seidemann
äußerst sorgfältig dargestellt. Nur mit der Besetzung der
Gabriele beging die Direction einen Fehler, der sich an der
Totalwirkung der Vorstellung rächte. Gabriele ist die einzige
Frauenrolle im „Nachtlager“ und kommt obendrein den gan
zen ersten Act hindurch nicht von der Bühne; sie muß
wenigstens durch eine frische Stimme und natürliche An
muth für sich einnehmen. Gibt man aber diese Rolle einer
Sängerin von reizloser Stimme, schlechter Tonbildung, feh
lerhafter Aussprache und langweilig monotonem Vortrag,
einer Sängerin, welche obendrein keine Spur von schauspiele
rischem Talent besitzt, so bringt man die Oper um die Hälfte,
ihrer Wirkung.
Auf dem heutigen Theaterzettel (10. Februar) sehen wir bereits
eine andere neue Sängerin, Fräulein Birly, als Gabriele angesetzt.
Die Chöre klangen frisch und präcis zu
sammen, das Orchester (unter Herrn Ad. Müller’s Leitung)
gleichfalls, bis auf das wie gewöhnlich gar zu grobe Geschütz
der Blech-Instrumente. Herr Hellmesberger jun. wurde
nach seinem Violin-Solo im zweiten Act lebhaft applaudirt.
Große Anziehungskraft übte die letzte Vorstellung von
Maillard’s „Glöckchen des Eremiten“, worin Fräulein
Minnie Hauck zum erstenmale die Rose Friquet spielte.
Beiläufig gesagt, war es hohe Zeit, Fräulein Hauck mit
einer neuen Rolle zu bedenken, denn mit wachsendem Be
fremden bemerkte man die spärliche Verwendung dieser be
liebten vortrefflichen Künstlerin. Seit Eröffnung der Komi
schen Oper war ihr eine einzige Rolle zugetheilt, Rosine im
„Barbier“, und selbst diese Rolle nur abwechselnd mit anderen
Sängerinnen, welche darin keinen Vergleich mit der Hauck
aushielten. Die Direction hätte wohl gethan, den günsti
gen Eindruck ihrer Eröffnungsvorstellung zu wahren und
die Besetzung des „Barbier“ in den Hauptrollen intact zu
lassen. Fräulein Hauck, deren Talent von unermüdlichem
Eifer und rascher Auffassung unterstützt wird, hat im Hof
operntheater bewiesen, wie schnell sie neue Rollen studirt;
aus solchen Eigenschaften sollte die Komische Oper den mög
lichsten Vortheil ziehen und Opern, wie „Die Krondiaman
ten“, „Der schwarze Domino“, „Teufels Antheil“ u. s. w.,
mit Fräulein Hauck nach einander in Scene setzen. Die
Rose Friquet der Hauck ist eine pikante, lebensfrische
Figur, brillant in den colorirten Gesangstellen, fein
und graziös in den getragenen. Sie fand stürmi
schen Beifall. Damit sei nicht gesagt, daß sie die jüngst
besprochene Leistung der Frau Swoboda-Fischer in allen
Punkten übertroffen und gleichsam überflüssig gemacht hätte.
An Stimme und Gesangskunst übertrifft Minnie Hauck
ihre Vorgängerin entschieden, dafür ist ihr diese überlegen
in der Behandlung des gesprochenen Wortes. Die Rose
Friquet der Swoboda zeigt uns eine sehr gute Schau
spielerin, die nebenbei hübsch singt; jene der Hauck eine
ausgezeichnete Sängerin, die nebenbei hübsch spielt. Frau
Swoboda bringt durch ihren gleichmäßigen Gemüthston
größere Einheit in den Charakter; er wirkt durch den Aus
druck unmittelbarer Wahrheit. Minnie Hauck hat die Ge
stalt nicht so sehr vom geistigen Mittelpunkte aus organisch
herausgebildet, als sie gleichsam aus ihren Factoren construirt.
Es war die sichere, effectvolle Ausführung des Details, auf
welche alles Gewicht fiel. Von so großen formellen Vor
zügen ihre Rose Friquet war, wir vergaßen über der dra
matischen Gestalt doch nur selten die mit Absicht darstel
lende Schauspielerin. Jede der beiden Darstellerinnen hat
somit ihre eigenthümlichen Vorzüge: in der Leistung der
Hauck ist mehr Kunst, in jener der Swoboda mehr Natur.
Ein ganz eigenthümliches interessantes Experiment er
lebten wir gestern: die concertmäßige Aufführung des ersten
Actes von Richard Wagner’s „Walküre“ bei Clavier
begleitung. Drei hervorragende Künstler des Hofopern
theaters, Frau Materna, Herr Labatt und Herr
Scaria, hatten sich vereinigt, um dieses Fragment vor
einem geladenen Publicum, also gewissermaßen als Privat
soirée aufzuführen. Diese Künstler sangen die Partien der
Sieglinde, des Siegmund und des Hunding mit vollster
Hingebung und suchten durch größte Energie des Ausdruckes
zu ersetzen, was ihnen an scenischen und mimischen Behelfen
versagt war. Die außerordentlich schwierige Begleitung auf
zwei Clavieren wurde von den Herren Sucher und Dr.
Paumgartner bewunderungswürdig ausgeführt. Wir
dachten eigentlich, daß man Wagner, dem Dramatiker und
Theater-Componisten par excellence, einen schlechten Gefal
len damit erweise, daß man seine „Walküre“ ohne Orchester,
im Salonkostüme, aus Noten absingt. In Wien scheint
jedoch kein Unternehmen fehlzugehen, das auf den Wagner-
Enthusiasmus rechnet. Die Zahl derer, welche theils aus
gefühlter Begeisterung, theils aus Mode Alles bejubeln,
was von Wagner herrührt, ist hier groß genug, um selbst
einen dreimal weiteren Saal zu füllen. Auf den wahrhaft
nibelungischen, schlachtenmäßigen Beifallslärm waren wir ge
faßt, obgleich jeder Musiker zugestehen wird, daß ein musikalisch
geschultes und außerordentlich geübtes Ohr dazu gehöre,
dem hundertfältigen Zickzack dieser complicirten Musik auch
nur stetig zu folgen. Es wäre ebenso leichtfertig wie an
maßend, wollte man nach dieser kaum einer Bleistiftskizze
gleichzuachtenden Concert-Aufführung über die „Walküre“ ur
theilen, ohne das ausgeführte, lebende Bild selbst gesehen
zu haben. Nach Wagner’s eigenem Ausspruche sind in seinen
Opern (den letzten namentlich) die Scene und das Orchester
mindestens ebenso entscheidende und unentbehrliche Factoren
wie der Gesang. Die blendenden Effecte, welche ohne Zweifel
eine vollkommene Bühnenaufführung der „Walküre“ her
vorbringt, lassen sich aus einer Clavierprobe höchstens ahnen;
hingegen tritt Alles, was uns an Wagner’s „dritter Manier“
unsympathisch ist, in greller Isolirung hervor: das unaus
stehliche Mühlengeklapper der Stabreime und Alliterationen
in der ganz ungesunden Poesie, die wilde Jagd abgerissener,
hart declamirter Phrasen, die nervöse, rastlos schweifende
Phantasie, welche uns keinen Ruhepunkt gönnt, sondern mit
Nesseln von Satz zu Satz peitscht. So, rein musikalisch an
gehört, wie er uns geboten wurde, wirkt dieser erste Act fast
peinlich bis zum Eintritt des B-dur-Motivs im Neun-Achtel
tact („Winterstürme wichen“), welches das Liebesduett ein
leitet. Hier sammelt sich die Empfindung und krystallisirt sich
die Melodie, hier athmet man freier auf, in reinerer musi
kalischer Atmosphäre, bis uns wieder der Sturmwind, die
Exaltation, das Schreien, Stammeln und Röcheln über
reizter Leidenschaft den Athem versetzt. Das Duett hat ein
zelne große Schönheiten, sie sind aber meistens aus dem
melodiösen und harmonischen Kapital der „Meistersinger“
bestritten. Nicht nur die Musik, auch die Handlung dieser
Liebesscene zwischen Bruder und Schwester ist exquisit
wagnerisch: „Siegmund zieht Sieglinde mit wüthender
Gluth an sich; sie sinkt mit einem Schrei an seine Brust!
Der Vorhang fällt schnell!“ Otto Gumprecht nennt in
seiner neuen trefflichen Wagner-Broschüre dieses brünstige
Liebesduett zwischen Bruder und Schwester „eine der wider
lichsten Scenen, die sich je an das Licht der Lampen gewagt.“
„Wir wenden uns mit Ekel ab,“ fügt er bei, „während Sieg
mund und Sieglinde wonnetrunken sich in die Arme sinken.“
Ja: Herausgehend aus dem Concertsaal hörten wir
mitten durch den Beifallstumult der jungen Herren vom
„Wagner-Verein“ die entrüstete Frage, warum man im
Hofoperntheater die „Walküre“ nicht aufführe. Darauf hat
Wagner selbst, in Folge einer Anfrage von Heinrich Esser
aus Wien, bereits am 16. Mai 1870 geantwortet in einem
an den großen Kirchenbann erinnernden Schreiben, das mit
dem Fluche schließt: „Nie werde ich überhaupt je wieder
ein Werk für unsere Operntheater liefern oder es ihnen über
geben; mit den „Meistersingern“ habe ich diese Theater zum
letztenmal berührt.“