Komische Oper.
Ed. H. Die zweite Vorstellung von Boieldieu’s „Weiße
Dame“ hat mit mehrfach veränderter Besetzung stattgefun
den, welche sich vortheilhaft erwies für die Wirkung des
Ganzen. Von absoluter Vollendung oder einem Erreichen
der berühmtesten Darsteller in dieser Oper war freilich nicht
die Rede. Wer z. B. Herrn Erl kennt, wußte im vorhin
ein, daß der Charakter des Georges Brown seiner Indivi
dualität wenig zusagt. Er ist von einer stillen, fast schüch
ternen Bescheidenheit, welche in Rollen von entsprechendem
Charakter überaus gewinnend und liebenswürdig anspricht.
Der gemüthvolle, träumerische Silvain im „Glöckchen des
Eremiten“ ist der treueste Ausdruck dieser Liebenswürdigkeit,
welche ein bischen linkisches Gebahren nicht ausschließt. Daß
Erl in der Maske Silvain’s lebhaft an die Persönlichkeit
Fichtner’s erinnert, breitet über diese Gestalt noch einen
eigenen verklärenden Schimmer. Aber Georges Brown!
Gibt es einen schärferen Gegensatz zu Silvain, als diesen
kecken, abenteuerlustigen und übermäßig galanten Officier?
Diese Rolle verlangt einen vollendeten Schauspieler und ein
Naturell, in dem einige Tropfen französischen Blutes rollen.
Ich habe keinen deutschen Georges Brown gesehen, welcher
die geistreiche Anmuth und vollendete Natürlichkeit Roger’s
oder Montaubry’s halbwegs erreicht hätte. Auch Herr
Erl bleibt in diesem Punkte unter seiner Aufgabe, sein
Georges Brown ist ein gar frommer, guter Junge,
und dort, wo die Schilderung des Soldatenlebens
mit größeren Ansprüchen an die Stimmkraft auch noch die
größten an die schauspielerische Virtuosität verbindet, blieb
seine Leistung ohne Effect. Obendrein gönnte das zu schnelle
Tempo der ersten Arie dem Sänger wie dem Schauspieler
nicht die Zeit zur sorgfältigen Ausbreitung des Details.
Hingegen bieten andere Seiten der Partie günstige Hand
haben für Erl’s Talent, und diese hat er mit glücklichem
Griffe erfaßt. Dahin gehören alle Situationen, wo die Me
lodie aus dem lyrischen Elemente reichlichere Nahrung schöpft;
insbesondere die Arien des zweiten und dritten Actes, die,
von warmer Empfindung angehaucht, sich in dem Spiele mit
allerlei anmuthigen Melismen gefallen. Hier reussirten Erl’s
zarter Vortrag und seine ungewöhnliche Kehlengeläufigkeit
vollständig; er übertraf darin entschieden seinen Vorgänger,
Herrn Lederer, so sehr ihm dieser an schneidigem Nach
drucke der Stimme und Beweglichkeit des Spieles überlegen
war. Die Beweglichkeit Lederer’s hatte freilich einen fatalen
Beigeschmack von eitler Selbstgefälligkeit, ein Zug, der Herrn
Erl gänzlich fremd ist. Er begnügte sich, als Georges Brown
das gewöhnliche Niveau seines Temperamentes ein wenig
zu erhöhen, ohne durch krampfhafte Anspannung etwas sei
ner Natur Heterogenes erkünsteln zu wollen. Und daran
that er wohl, er wäre sonst unnatürlich und seiner angebo
renen Vorzüge leicht verlustig geworden, ohne den ihm bluts
fremden Typus des Georges Brown überzeugend nachzuschaf
fen. So hat denn sein Spiel, indem es ehrlich blieb, nir
gends gestört, sein Vortrag in allen sanften Stellen befriedigt
und seine Gesangskunst in Einzelheiten (wie das langausge
haltene, schön geschwellte hohe B im zweiten, die Trillerkette
im dritten Acte) geradezu geglänzt. Die Leistung wurde auf
das schmeichelhafteste ausgezeichnet. Daß Erl’s Stimme etwas
angegriffen klang, ist bei seiner anstrengenden Beschäftigung
nicht verwunderlich; die Direction würde gut thun, ihre schönste,
aber auch delicateste Tenorstimme möglichst zu schonen.
Auch die weibliche Hauptrolle in der „Weißen Frau“
war neu besetzt, nämlich durch Fräulein Deichmann,
welche die Miß Anna recht gut sang und lebhaft, wenn
auch etwas geziert spielte. Ihr starkes Tremoliren beein
trächtigte zwar das Vergnügen des Zuhörers, aber im Gan
zen erschien ihre Leistung, nach jener der Frau Ubrich,
fast wie eine Wohlthat. Frau Ubrich haben wir im Win
ter 1868 als Concertsängerin von bedeutender Bravour,
aber so geringer Wärme kennen gelernt, daß wir uns da
mals — anspielend an F. Schlegel’s Wort von der „ge
frorenen Architektur“ — den schlechten Witz von „gesunge
nem Schnee“ erlaubten. Seither hat Frau Ubrich den jugend
lichen Schmelz der Stimme eingebüßt, ja sogar die Rein
heit der Intonation ist ihr in der „Weißen Frau“ auffallend
häufig abhanden gekommen. Was uns aber aus dem Ge
sichtspunkte der Komischen Oper am bedenklichsten an Frau
Ubrich erscheint, das ist ihr completer Mangel an schauspie
lerischem Talent, an Lebendigkeit und Wärme. Man kann
nicht sagen, Frau Ubrich habe die Miß Anna schlecht ge
spielt; denn dies würde das Zugeständniß einschließen, daß
sie dieselbe überhaupt gespielt habe. In Wahrheit hat sie
aber die Rolle nur aufgesagt, starr und eintönig, wie ein
Schulmädchen sein Neujahrsgedicht. Dieser phlegmatischen,
üppigen Dame die Rosina im „Barbier von Sevilla“ zu
zutheilen, den Ausbund jugendlichen Muthwillens, war ein
Mißgriff, über welchen man kein Wort zu verlieren brauchte.
Man konnte sich vielleicht auch mit dem Glauben vertrösten,
es fehle ihr eben nur der Muthwille. Die Rolle der Miß
Anna verlangt keinen Wildfang, sondern nur eine in die
Situation verständig eingehende Darstellerin, welche natür
lich zu sprechen und sich frei zu bewegen weiß. Für das
Concert und das Oratorium ist Frau Ubrich noch ohne
Zweifel eine schätzbare Kraft, für die Spieloper — eine
Unmöglichkeit. Fräulein Deichmann wollen wir noch dan
ken, daß sie nicht wie Frau Ubrich eine unpassende Arie in
die „Weiße Frau“ einlegte; dafür möge sie uns die Bitte
um ein passenderes Costüm gestatten. Oder sollte wirklich
Miß Anna, die anspruchslose Waise, ihre einsamen Wald
promenaden in einem langen, himmelblauatlassenen Schlepp
kleide machen, mit bloßen Armen und Schultern?
Mit Fräulein Wiedermann, die wir jüngst anerkennend
hervorhoben, alternirt jetzt in der „Weißen Dame“ Frau
Fischer-Swoboda. Sie sieht als Pächterin Jenny aller
liebst aus und spielt vorzüglich; mit ihrem Gatten, Herrn
Swoboda (Dickson), bildet sie auch auf der Bühne ein
auserlesenes Pärchen. Von den übrigen Rollen ist nur der
Verweser Gaveston von größerer Wichtigkeit. Herr Dalle-
Aste, welcher noch über Töne von schönstem Klange ver
fügt, singt die Rolle gut, spielt sie aber um so mittelmäßi
ger. Er gleicht als Gaveston der personificirten Humanität:
offene, ehrliche Stirne, argloser Blick, warmer Biedermanns
ton, sanfte Bewegungen. Nun ist aber Gaveston in einer
Welt von guten Leutchen moralisch der einzige schwarze
Schlagschatten und als solcher unbezahlbar. Er allein ver
tritt in der Handlung das verneinende Princip, zwar nicht
in der grellen Form des Tyrannen, aber doch des habsüch
tigen, bauernstolzen und hartherzigen Intriganten. Des
Contrastes wegen müssen diese Linien stark und sicher gezo
gen werden, und es ist noch immer besser, Gaveston ähnelt
einem Bösewicht, als Nathan dem Weisen.
Auch Frau Périchon (eine Schwester des Directors
Swoboda) glich als Margarethe weit mehr einer verwitwe
ten Gräfin von Avenel als einer Haushälterin. Diese Dame,
eine stattliche, geübte Schauspielerin, besitzt eine ausreichende,
besonders im Sprechen wohlklingende Altstimme. Ihr Vor
trag des Spinnrockenliedes wurde lebhaft applaudirt, mir
schien er viel zu nachdrücklich und pathetisch. Text und Musik
sprechen gegen solche Auffassung, außerdem noch die für
Boieldieu sehr charakteristische Entstehungsgeschichte dieses
Liedes. Boieldieu componirte dasselbe nebst anderen Num
mern der „Weißen Frau“ in Cormeilles-en-Parisis, einem
vier Stunden von Paris auf der Straße nach Rouen ge
legenen Dorfe. Mit der ersten Conception des Liedes be
schäftigt, kam er auf die Idee, die alte Gärtnerin holen zu
lassen und sie vor sich an das Spinnrad zu setzen. Das
entschied über den Charakter dieser unvergleichlichen Nummer;
die ganze Persönlichkeit seines Modells, das Schnurren des
Rades, die schlichte Umgebung brachten dem Componisten
die Inspiration, nach der er suchte. Als man fragte, wie er
diese in so natürlichem Ton geschriebene Weise aufgefunden
habe, antwortete er: „Wir waren Zwei, ich und Frau Gilette.“
Vergessen wir schließlich nicht Herrn Seidemann,
der als Friedensrichter Mac Irton wacker in das herrliche
zweite Finale eingriff. Dieser stimmbegabte und eifrige junge
Bassist dürfte sich zu einer tüchtigen Kraft entwickeln; ich
konnte bisher nur Anerkennendes über ihn berichten, wenn
gleich — möge er mir verzeihen! — nie ohne ein unwill
kürliches Lächeln auf den Lippen. Seidemann’s ganze Er
scheinung erinnert nämlich an alles Andere eher, als an die
komische Muse. Eine legendenhafte, lange, hagere Gestalt,
mit langen schwarzen Haaren, einer unabsehbar langen Nase,
zwei tiefliegenden pechschwarzen Augen und einer pechschwarzen
Baßstimme. Wenn Seidemann gedankenvoll am Tische sitzt,
erinnert er an den Unglückspropheten Jeremias, der mit
alten Harfen und anderen abgetragenen Sachen an den
Flüssen Babylons lamentirt. Als ich in einem befreundeten
Kreise zum erstenmale Herrn Seidemann, als einem neuen Mit
glied der Komischen Oper, vorgestellt wurde, glaubte
ich einen Augenblick, es handle sich um einen Spaß. War
doch die einzige Rolle, die ich ihm zugetraut hätte, der stei
nerne Gast im „Don Juan“. Seidemann und komische
Rollen! Aber: Les extrêmes se touchent. Je länger ich ihn
betrachtete, desto mehr kam es mir vor, das Aussehen des
jungen Mannes sei eigentlich so excessiv melancholisch, daß
es schon ins Komische übergehe. So müßte z. B.
der Cotillon-Vortänzer auf einem Kränzchen der Entreprise
des pompes funèbres aussehen. Und siehe da, als er eines
Abends im „Barbier von Sevilla“ für Herrn Hölzel eintrat,
erzielte Seidemann — Basilio — den vollständigsten Er
folg, einen Erfolg seiner Stimme und seines Talentes zu
nächst, der aber wesentlich durch die drastische Erscheinung
unterstützt war. Dieser Abend hat ihm ganz unerwartet die
Taufe des Komikers als unauslöschliches Merkmal aufge
drückt; er kann Herrn Seidemann, falls dessen Talent sich
nach dieser bestimmten Richtung durch fleißiges Studium
entwickelt, zum bleibenden Nutzen gedeihen. Welche Vortheile
wußte nicht Nestroy aus seiner Gestalt zu ziehen für
komische Wirkung! Wie leicht könnte Herr Seidemann klei
nen Episodenrollen, wie der Friedensrichter in der „Weißen
Frau“, durch einige leichte Striche den Reiz discreter Komik
verleihen! Man sehe ihn nur an, in dem langen schwarzen
Talar, mit der riesigen Allonge-Perrücke und dem einge
äscherten Ruinengesicht, in welchem nur zwei glühende Koh
len und ein vorspringender Thurm erkennbar sind. Wenn er
dann gravitätisch sein Protocoll entfaltet, sieht er aus halb
wie eine Gypsstatue Voltaire’s, halb wie der Geist eines alten
Schimmels. Es bedarf da nur des wohlbemessenen Schrittes
von den unbeabsichtigten zur bewußten, freien Komik, und
Herrn Seidemann’s Carrière ist gemacht.