Concerte.
Wien, 3. März.
Ed. H. Wir hatten in jüngster Zeit einem solchen
Massenangriff von Concerten standzuhalten, daß es schwer
fällt, sie jetzt einzeln, der Reihe nach, zu erledigen, selbst
mit Hilfe der Rechtswohlthat eines sehr summarischen Ver
fahrens. Beginnen wir mit Herrn Door’s „Trio-
Soiréen“, welche heuer ihren dritten Jahrgang zählen.
Sie gehören zu den besten unserer periodisch wiederkehren
den Concert-Aufführungen, in welchen sie thatsächlich eine
fühlbare Lücke ausfüllen. Zu dem Pianisten Door und dem
Cellisten Popper, den bewährten Grundpfeilern des Un
ternehmens, hat sich diesmal für den Violinpart der Con
certmeister Herr Emanuel Wirth aus Rotterdam (ein ge
borener Karlsbader) gesellt. Er ist ein tüchtiger Geiger, mu
sikalisch verläßlich, von klarem Ton, reiner Intonation,
tüchtigem, etwas bürgerlichem Vortrag und einer Technik,
welche den virtuosen Ansprüchen der Rust’schen D-dur-So
nate sich gewachsen zeigte. Dem Aeußeren nach eine hünen
hafte, finsterblickende Gestalt, welche das Vorgetragene nicht
eben freundlicher erscheinen läßt, aber etwas Vertrauen
erweckendes hat, etwa wie Marcell in den „Hugenotten“.
Die drei Künstler begannen mit Beethoven’sG-dur-
Trio, Op. 1, das bei der ohnehin großen Länge des Con
certes besser weggeblieben wäre. So wichtig diese Anfänge
Beethoven’s (keine Jugendversuche, sondern reife Kunstwerke)
für den Kunsthistoriker und so werthvoll sie für die musi
kalische Hausandacht sind, so gering scheint uns heutzutage
das Bedürfniß danach im öffentlichen Concert. Diese ein
fachen, an Haydn lehnenden Trios erfreuen vollständig nur,
wenn man sie selbst spielt; man muß dabei etwas zu thun
haben, blos zuhörend fühlt man doch Verstand und Phan
tasie nicht mehr hinreichend beschäftigt. Mit außerordent
lichem Erfolg spielten die Herren Door und Popper J.
Brahms’Sonate für Violoncell und Clavier (Op. 38),
ein Meisterwerk, für dessen Bekanntschaft wir ihnen dankbar
verpflichtet sind. Ohne Door’s „Trio-Soiréen“ wären diese
Compositionen vielleicht noch weitere zehn Jahre in Wien
unaufgeführt geblieben. Der erste Satz (E-moll), mit Haupt
motiven von Beethoven’scher Kraft und Prägnanz, fließt in
wundervoller Führung beider Stimmen stolz und klar vor
über, so reich und doch so genügsam in seiner echten Lyrik!
Noch unmittelbarer, einschmeichelnder wirkt der Menuett mit
seiner stattlichen, ganz leicht ans Rococo streifenden Haltung
und seinem gesangvollen Trio, Alles frei und natürlich, die
„Kunst“ kaum zu merken. Geringere Wirkung macht das Finale,
das als zweistimmige Fuge anhebt und ein rasches, tarantella
artiges Triolenmotiv mit meisterhafter, aber vorwiegend ver
standesmäßiger Consequenz durchführt. Was man an den
drei Sätzen dieser Sonate vermissen kann, ist höchstens das
Fehlen eines vierten, und zwar eines Andante, welches die
volle Schönheit des Violoncells in getragenem Gesang zum
Ausdruck brächte. Der bedeutende Erfolg der Brahms’schen
Sonate rechtfertigt vielleicht den Vorschlag, die Herren Door
und Popper möchten sie in ihrer dritten Soirée wiederholen
und dafür eine andere Nummer ausfallen lassen. Nicht nur
die zahlreichen Musikfreunde, welche die erste Aufführung
versäumt haben, auch wir Anderen, die wir uns daran er
freuten, würden dafür dankbar sein. Bemerken wir bei die
sem Anlasse, wie günstig sich die Stellung der verschiedenen
Concertvereine gestaltet hat durch Brahms’ reichlich fließende
Productivität. Unsere öffentlichen Concerte haben zehn Jahre
vollauf zu thun, um neben ihrem älteren Repertoire die
bisher erschienenen Orchester- und Chorcompositionen, Kam
mermusiken und Gesänge von Brahms genügend zu wieder
holen, uns in Fleisch und Blut zu verwandeln; und wäh
rend dieser zehn Jahre wird Brahms ihnen hoffentlich Ar
beit liefern für weitere zwanzig. — Ein liebenswürdiges
Genrebildchen von echt französischem Esprit, ungefähr im
Tone Chopin’s oder Stephen Heller’s, ist die „Serenade“
für Clavier und Violoncell von Saint-Saëns (aus
dessen Suite Op. 16); Door und Popper spielten sie reizend.
Den Beschluß machte Wilhelm Speidel’sF-moll-Trio
(Op. 36), eine Composition, die zwar weder in die Tiefen
musikalischer Speculation dringt, noch einen hohen Flug der
Begeisterung nimmt, sich aber ohne Frage angenehm
anhört. Dies gilt namentlich von den zwei ersten
Sätzen, in welchen eine jugendlich schwärmerische Empfin
dung ungezwungenen und doch maßvollen Ausdruck findet.
Reminiscenzen-Jäger werden diese beiden Sätze nicht ohne
Beute verlassen; mir fehlt der Sinn für solches Vergnü
gen; nur die Abhängigkeit des Speidel’schen Scherzos von
einem berühmten Schubert’schen Vorbild scheint mir etwas
stark. Das Finale, welches durch äußerliche Regsamkeit
und starke Klangeffecte die mangelnde innere Triebkraft zu
verdecken sucht, bietet am wenigsten Ansprechendes. Im
Ganzen hat Speidel’s Trio unleugbare Vorzüge, insbeson
dere sein ungekünstelter, frischer Wohllaut hebt es hoch über
manche jener modernen Novitäten, welche so „distinguirt“
und unnatürlich sich geberden, daß jeder warme Blutstropfen
in ihnen zu gefrieren scheint. An Door’s erster Trio-
Soirée hatten wir nur den schwachen Besuch zu beklagen.
Er hing wol an zufälligen Umständen, sonst wäre das
Factum gerade hier in Wien kaum erklärbar. Durch ihr
Programm wie durch die Ausführung haben Door’s Soi
réen sich längst einen Platz neben den Hellmesberger’schen
Quartetten erobert, ja sie leisten in interessanten Novitäten
noch mehr. Hoffen wir, daß die beiden folgenden Trio-
Soiréen (am 6. und 13. März) die Freunde guter Kammer
musik vollzählig versammeln werden.
Auch das alljährlich wiederkehrende Compagnie-Concert
von Herrn Julius Epstein und Fräulein Helene Magnus
erfreut sich eines festbegründeten Rufes, indem es der
Banalität der gewöhnlichen Concert-Programme ausweicht
und mit Consequenz werthvolle, selten gehörte Tondichtungen
in anmuthigster Ausführung darbietet. Epstein, einer
unserer vornehmsten und zugleich bescheidensten Tonkünstler,
prätendirt nicht den Ruhm des Virtuosen — des „Stark
spielers“, wie man ehedem sagte — er überläßt Anderen
die blutigen Schlachtfelder Liszt’s und Rubinstein’s und
taucht desto fleißiger in die Tiefen unserer classischen Literatur
nach verborgenen Perlen. Diesmal spielte er Schubert’s
selten gehörte Es-dur-Sonate, deren melodienfrischer erster
Satz und launiges Menuett (mit dem fünfactigen Rhythmus
im Trio) uns erfreuten; das Andante ist nicht bedeutend
und das Finale heitere Gesellschaftsmusik älteren Schlages.
Mit den Herren Kleinecke, Krankenhagen, Otter
und Pöck spielte Herr EpsteinMozart’s Es-dur-Quintett,
das unverkennbare und unübertroffene Vorbild des Es-dur-
Quintetts Op. 16 von Beethoven. Für die Wahl der
Beethoven’schen Variationen über ein Thema von Righini:
„Venni amore“ (ohne Opuszahl, componirt um das Jahr
1790 und der Gräfin Hatzfeld gewidmet), konnte wol nur
der Umstand sprechen, daß sie keiner unserer Zeitgenossen jemals
öffentlich gehört hat. Diese vierundzwanzig Variationen, nach
alter Art streng symmetrisch in der Tactzahl, unfrei in der
Modulation und sehr dünn im Claviersatze, erregen heute
kein selbstständiges Interesse mehr. Erst die letzte Variation
nimmt einen etwas freieren Verlauf und wagt einige
hübsche, kühne Uebergänge; sonst läßt das ganze Heft
nicht ahnen, daß sein Autor gerade die Variationen
form zu einer so ungeahnten Höhe emporheben sollte.
Epstein trug diese Stücke mit musterhafter Correctheit und
feinem Stylgefühle vor, accompagnirte überdies sämmtliche
Lieder von Fräulein Magnus in vollendeter Weise. Für das
Repertoire seiner nächsten Concerte haben wir nur den Wunsch,
es möchte neben älteren Meistern doch auch die Neuzeit be
achten, insbesondere in jenen einfacheren, poetischen Charakter
stücken, welche von den Virtuosen ignorirt werden. Wir er
innern insbesondere an Theodor Kirchner, in dessen Prä
ludien etc. sich reizende Poesien finden. Unsere Wiener Clavier
spieler scheinen von Kirchner so gut wie gar nichts zu wissen,
von dem ihm stylverwandten Stephen Heller nicht viel
mehr. Von jedem dieser Componisten sind im Ganzen nur
zwei bis drei kleine Stücke in Wien öffentlich gespielt wor
den. — Fräulein Helene Magnus war an ihrem Concert
abend gut bei Stimme (bei Geist und Gemüth ist sie
immer) und hatte eine glückliche Auswahl getroffen. Das
Hauptstück ihrer Vorträge bildeten drei Romanzen („Magel
lone“) von J. Brahms, dessen neueste Lieder-Composi
tionen wir demnächst eingehender würdigen wollen. Cho
pin’s seelenvolles, durch die nationale Färbung so eigen
thümlich wirksames „Littauisches Volkslied“ und drei Schu
bert’sche Lieder folgten. Unter letzteren wirkte „Alinde“ bei
nahe wie eine neue Entdeckung; das in lauter Wohllaut so
schlicht und herzlich sich aussprechende Lied (Op. 81) steht
zwar in allen Gesammt-Ausgaben, blieb aber bis heute auf
fallend unbeachtet. In dem reichhaltigen Programme Fräu
lein Magnus’ möchten wir nur Eines beanständen, das
„Wiegenlied“ von Taubert, so zierlich es auch vorgetragen
war. Dergleichen „Sum-Sum“ und „Brum-Brum“-Lieder
singt man doch lieber zu Hause den kleinen Kindern vor,
als erwachsenen Leuten im Musikvereinssaal. Das Concert
Magnus-Epstein gehörte zu den allerbesuchtesten und bei
fälligst aufgenommenen dieser Saison.
Hellmesberger’s viertem Quartett-Abend und
dem Concerte der Pianistin Fräulein Constanze Mayer
konnten wir leider nicht beiwohnen. In ersterem soll ein
Quintett von dem hier lebenden Componisten Karl Gra
mann sehr gefallen haben, in letzterem die jugendliche Con
certgeberin selbst, deren Technik und Vortrag gerühmt
werden. — Gehen wir zu den Productionen unserer
größeren Vereine über, so haben wir zunächst das Concert
der von Rudolph Weinwurm geleiteten Sing-Akademie
hervorzuheben, deren gemischter Chor sich abermals in clas
sischen und modernen Compositionen sattelfest erwies und
mit sehr gelungenen Solovorträgen Fräulein Tomsa’s
und Herrn Buchholz’ wirksam abwechselte. — Der
„Schubertbund“ hat sich aus kleinen Anfängen schon
recht stattlich emporgearbeitet, wie sein jüngstes Concert im
großen Musikvereinssaale bewies. Sympathischer ist uns
trotzdem dieser, größtentheils aus Schulmännern bestehende
Verein in seinem künstlerischen Stillleben, als in solch an
spruchsvollen und kostspieligen Monstre-Concerten mit Vir
tuosen, Solosängern, Hofopern-Orchester und dem unver
meidlichen „Germanenzug“ von Franz Mair. Die Herren
vom „Schubertbund“ singen unter der tüchtigen Leitung von
Mair und Schmid sicher und correct; ein letzter Hauch
von Poesie fehlt allerdings, der Vortrag hat etwas lehrhaft
Pädagogisches. Eine kleine Novität gefiel durch ihren zwar
nicht bedeutenden, aber freundlich ansprechenden Inhalt:
„Die schönen Augen der Frühlingsnacht“, von H. Neck
heim. Als riesige Schlußnummer dieses ermüdend langen
Concertes paradirte eine gekrönte Preiscomposition von Wil
helm Tschirch: „Eine Nacht auf dem Meere“, dramati
sches Tongemälde für Soli, Chor und Orchester. Wenn
jener Preis ausgeschrieben war für hervorragende Lang
weiligkeit, dann begreifen wir die Krönung dieses Opus.
Schon der Einleitungschor: „Heilige Nacht!“ mit seinem
lahmen Rhythmus und seiner abgestandenen Matrosen-
Frömmigkeit gibt die schlimmsten Aussichten für den weite
ren Verlauf. Es folgt ein Wechselgesang zwischen Steuer
mann und Capitän; beide triefen von deutscher Liedertafel-
Sentimentalität. Hierauf: „Windstille“, „Matrosenlied“,
„Seesturm“ — Alles ohne einen Zug jener realistisch ange
schauten und poetisch empfundenen Marinebilder, wie sie
Mendelssohn in der „Meeresstille“, Wagner im „Fliegenden
Holländer“ und mit al-fresco-Strichen Meyerbeer in der
„Afrikanerin“ vorbringen. Den Ausgang des Tschirch’schen
Sturmes mit Rettung, Morgenroth und Dankgebet habe ich
nicht mehr erlebt. Bei den unvergleichlichen Versen: „Welch
Getöse, welch Gekrache! Hölle schweige, Himmel lache! Gott,
schau nieder voll Erbarmen! Sei uns gnädig, hilf uns
Armen“ — dachte ich: Mensch hilf dir selber! und rettete
mich aus dieser Ocean-Phantasie eines auf dem Gänse
teich aufgeregt rudernden Landschulmeisters. Der „Schubert
bund“ erfreute sich der Mitwirkung der Pianistin Fräulein
Pauline Fichtner, welche Beethoven’s Es-dur-Concert
mit bedeutender Bravour unter lebhaftem Beifall vortrug.
Im siebenten Philharmonischen Concerte
spielte der königlich sächsische Concertmeister Herr Lauterbach
die Spohr’sche Gesangsscene mit gewohntem großen Erfolg.
Lauterbach ist den Wienern kein Fremder; wir kennen und
lieben ihn ganz besonders in jenem Spohr’schen Concertstück,
worin seine Geige klingt wie süßer Nachtigallenton. Von
Orchesterwerken kamen außer den Ouvertüren zu „Ruy
Blas“ von Mendelssohn und zum „Wasserträger“ von
Cherubini noch drei Sätze aus Berlioz’ „Romeo und
Julie“ zur Aufführung. Sie sind in dieser mit Recitativen,
Chören und Sologesängen untermischten „dramatischen
Symphonie“ die drei einzigen selbstständigen Instrumental
sätze; sie allein haben sich aus jenem großangelegten, wun
derlichen Mischwerk erhalten und verdienen es. Die schmerz
liche Seligkeit der „Liebesscene“ und den berückenden Glanz
des Scherzo „Fee Mab“ kennt man aus wiederholten Auf
führungen; das Philharmonische Orchester, mit Dessoff
an der Spitze, spielt hier bewunderungswürdig. Diesmal
wurde, mit gutem Recht, auch der erste Satz dazu gegeben
(„Romeo allein. Melancholie. Großes Fest bei Capulet“),
welcher freilich weniger einheitlich und geringer in der Er
findung ist. Allein er hat seine eigenthümlichen Reize, ins
besondere in der schwermüthigen, langsamen Einleitung.
Eine gewisse Dürftigkeit und Herbe der Melodie ist für alle
lyrischen Stücke von Berlioz charakteristisch, hier wird dieser
Mangel zum getreuen Ausdruck der Situation. Romeo ist
allein, allein mit jener unsäglich niederdrückenden Schwer
muth, welche das Herz zersprengen würde, zöge nicht wie
eine leichte Silberfurche ein Schimmer von Seligkeit hin
durch. In solcher unbeschreiblich wunden Stimmung kann
man nicht laut und frei heraus mit der Stimme; etwas
Beklommenes, Stockendes, Hilfloses liegt in diesen Tönen,
aber auch eine rührende Beredsamkeit. Das ist Alles bei
Berlioz aufs tiefste erlebt, nicht errathen noch erkünstelt,
und darum spiegelt sein Adagio so getreu jene Stimmung,
welche ein österreichischer Dichter in die Worte preßt:
Mir ist, als zögen Arme mich schaurig himmelwärts,
Als flöge jeder Vogel mir mitten durch das Herz!
Montag Abends hörten wir Schumann’s „Manfred“,
nebst Kyrie und Credo einer Messe in As-dur von Franz
Schubert. Sie bildeten das Programm des ersten „Außer
ordentlichen Gesellschafts-Concertes“ im großen Musikvereins
saale. Der artistische Director Brahms, der bei solchen
Gelegenheiten nur allzusehr auf den Tondichter Brahms
vergißt, fühlte sich verpflichtet, das Publicum mit einer bis
her ungedruckt und unaufgeführt gebliebenen Kirchenmusik
von Franz Schubert bekannt zu machen. Das Autograph
(Eigenthum der Gesellschaft der Musikfreunde) ist ein merk
würdiges Beweisstück für die ungewöhnliche Sorgfalt und
Anstrengung, welche Schubert diesem Werke widmete. Es
hat ihn vom November 1819 bis in den September 1822
beschäftigt — ein für Schubert’s rasche Compositionsweise
unerhörter Zeitraum. Auch die Umarbeitungen und Correc
turen sind hier zahlreicher und umfangreicher, als in anderen
Autographen dieses Meisters, der meist in Einem frisch
hinströmenden Zuge seine Gedanken freigab und sein Ziel
gern mit Einem Wurf erreichte. Für das Gloria dieser
As-dur-Messe hat er eine Fuge nicht weniger als dreimal
vollständig umgearbeitet. Wäre das Maß der Sorgfalt und
Bemühung entscheidend für ein Kunstwerk, so müßte Schu
bert’s As-dur-Messe zuhöchst stehen unter seinen Werken.
Für meine Empfindung, die ich Niemandem aufdrängen will,
hat ein Lied wie „Sei mir gegrüßt“, „Du bist die Ruh’“
und hundert ähnliche von Schubert mehr Schönheit, Wahr
heit und Eigenart, also mit Einem Worte mehr Werth als
diese Messe. Aus ihr spricht nicht der echte und volle Schu
bert, wie er, unser Freund und Tröster, in seinen weltlichen
Compositionen erscheint. Jedes schöne Lied von ihm über
ragt ungleich höher die übrige deutsche Lieder-Composition,
als seine Messe das Niveau der besseren österreichischen
Kirchenmusik überragt. Den Familienzug dieser österreichi
schen Kirchenmusik verleugnet die Schubert’sche Messe nicht,
wenn sie gleich übergroßem Hang zur Gemüthlichkeit Zügel
anlegt. Klar, wohlautend, formschön, auch würdig und fromm
nennen wir diese Musik, aber eines Schubert bedürfte es
nicht, um sie zu machen. Möglich, daß meine Empfänglichkeit
für rein musikalische Aufnahme von Kirchenmusik nicht
lebhaft genug ist; im Concertsaale empfing ich einen tiefen
Eindruck immer nur von jenen großen Ausnahmen, in
welchen höchste musikalische Kunst und Genialität gleichsam
auf eigene Faust ihre Wunder thun, die kirchlichen Formeln
und Zwecke uns gänzlich vergessen machen. Dies ist der Fall
mit Bach’sH-moll-Messe und Beethoven’sMissa
solennis. Dies ist nicht der Fall mit Schubert’s As-dur-
Messe. Die Aufführung von eigentlich kirchlichen, für den
praktischen Gottesdienst bestimmten Compositionen im Con
certsaale ist an und für sich bedenklich und wird hier in den
Gemüthern der Hörer selten die rechte Resonanz antreffen.
Auch gestern schien es mir, als gleite die Schubert’sche Messe
nicht blos an mir, sondern an der ganzen Versammlung
ziemlich eindruckslos ab. Damit soll weder die künstlerische
Pietät unseres Brahms, noch die treffliche Leistung des
„Singvereines“ auch nur im entferntesten verkannt sein.
Auf das Kyrie und Credo von Schubert folgte Schumann’s
„Manfred“. Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!
Diese gewaltigen, in ihrem schmerzlichsten Zucken noch wun
derthätigen Klänge pochen vergeblich an kein Herz, so schüch
tern auch manches vielleicht vor diesem verzehrenden Brande
zurückweiche. Welch wahrhafte, Sinn und Geist entzückende,
aus tiefster Seele heraufgeholte Musik! Ihr ebenbürtig und
blutsverwandt nur die Declamation Lewinsky’s. So oft
ich seinen „Manfred“ gehört — diese unbeschreiblichen Herzens
töne seines Abschiedes von Astarte, dies rührende letzte
„Lebewohl!“ fassen mich immer mit gleicher Gewalt und
halten fest für alle Zeiten.