Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 3543. Wien, Mittwoch, den 8. Juli 1874 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 3543. Wien, Mittwoch, den 8. Juli 1874 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Wien 08.07.1874
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Felix Mendelssohn und Ferdinand Hiller.

Ed. H. Wenn wir die bekannten „ReisebriefeMen delssohn’s ausnehmen, die ihm kaum geringere Liebe und Ver ehrung gewonnen haben, als manche seiner Tondichtungen, so müssen wir das kürzlich erschienene Buch von Hiller als den anziehendsten und bedeutendsten Beitrag zur Cha rakteristik Mendelssohn’s bezeichnen. Felix Mendelssohn-Bartholdy: Briefe und Erinnerungen. Von Ferdinand Hiller (Köln1874. Verlag von Dumont-Schauberg. 196 Seiten in Octav.) Ja, die neue Publi cation hat noch einen Reiz voraus vor jener älteren Samm lung: den anmuthigen Wechsel von Mendelssohn’s Briefen mit den sie umrankenden Erzählungen Hiller’s, welche, die weiße Linie der Bescheidenheit nirgends überschreitend, doch den geistvollen Schriftsteller in eigenstem Lichte glänzen lassen. Bekanntlich verband innige Freundschaft die beiden Tondichter. Unter den musikalischen Zeitgenossen Mendels sohn’s wüßten wir auch keinen Zweiten, welcher durch vor nehmes, zugleich liebenswürdig frisches Wesen ihm so sym pathisch und durch Geist und Bildung so nahe verwandt ge wesen wäre, wie Hiller. Es war vorauszusehen, daß aus dem riesig ausgedehnten Correspondenz-Garten Mendelssohn’s (der in dieser Beziehung eine Art Humboldt der Musikwelt vorstellte) die Briefe an Hiller in Duft und Farbe her vorstechen würden. Sie zeigen uns überdies den großen Componisten von einer neuen Seite, nämlich in seinem Ver hältniß zu einem treugesinnten künstlerischen Kameraden. Es war ein dankenswerther Entschluß, welcher Hiller nach langem Zaudern endlich zur Enthüllung dieses für beide Theile ehrenvollen Denkmals antrieb.

Als elfjähriger Knabe lernte Hiller im elterlichen Hause zu Frankfurt am Main den jungen Felix kennen, welchem damals schon der Ruf früher musikalischer Wunderthaten vorausging. Hiller erzählt uns einige heitere Erlebnisse aus

schönen Jugendtagen und kommt dann auf sein Zusammen leben mit Mendelssohn in Paris zu sprechen. Es war im Winter 1831 auf 1832, zu einer Zeit also, wo Paris in lebhaftem politischen, literarischen und künstlerischen Auf schwung die reichsten Anregungen auch in der Musik darbot. Cherubini, Meyerbeer, Liszt, Chopin, Ole Bull, Kalkbrenner — sie Alle werden in einigen scharfen Charakterzügen vor uns lebendig. Den alten Cherubini besuchte Mendels sohn gern und sagte von ihm: „Er ist ein so außerordent licher Meister. Nur sollte man doch denken, daß zum großen Componisten vor Allem Wärme der Empfindung, Herz, Ge müth gehören müssen — ich glaube aber, Cherubini macht Alles lediglich mit dem Kopfe.“ Mit Meyerbeer kam Felix nicht viel zusammen und es verdroß ihn, häufig hören zu müssen, er habe viel Aehnlichkeit mit dem Componisten des „Robert“. Im ersten Moment mochten Gestalt und Hal tung einige Veranlassung dazu geben, auch trugen Beide ihr Haar in gleicher Weise. Als auch Hiller seinen Freund damit aufzog, wurde dieser ernstlich ärgerlich und erschien andern Tags mit gräulich geschnittenen oder verschnittenen Haaren. Hiller erzählt noch viel Lustiges und Interessantes aus diesem Aufenthalt in der französischen Hauptstadt, welche Mendelssohn später nie wieder besucht hat.

Es folgt die Zeit von Mendelssohn’s Wirksamkeit in Düsseldorf und damit der Anfang seiner Correspondenz mit Hiller (1835). An mancher Aeußerung frappirt die merk würdige künstlerische Mäßigung und Abgeklärtheit, die Men delssohn so früh errungen. Anläßlich einer Reise nach Düs seldorf schreibt er über seine Reisegefährten Hiller und Chopin: „Beide laboriren etwas an der Pariser Ver zweiflungssucht und Leidenschaftssucherei und haben Tact und Ruhe und das recht Musikalische oft gar sehr aus den Augen gelassen, ich nun wieder vielleicht zu wenig, und so ergänzen wir uns und lernten, glaube ich, alle Drei von einander, indem ich mir ein Bischen wie ein Schulmeister und sie sich ein Bischen wie Mirliflors oder Incroyables vorkamen.“ Die Freunde verlebten bald darauf fröhliche

Tage in Frankfurt, wo Hiller als Vertrauter von Mendels sohn’s anfangs sorgfältig verborgener Neigung für die schöne Pastorstochter Cécile Jeaurenauel auftritt. Im März 1837 wurde Mendelssohn mit seiner Cécile getraut, und zwar, der Confession der Braut gemäß, in der fran zösisch-reformirten Kirche. Es hatte etwas Eigenthümliches, einen so echt deutschen Künstler in diesem ernsten Momente französisch anreden zu hören, aber das in jedem Betracht so anziehende Paar fesselte und rührte alle Herzen. Die Ehe Mendelssohn’s ward eine der idealsten, beglückendsten, die es gegeben; man wird die Briefstellen, in welchen er von seiner Frau spricht, nicht ohne Rührung lesen. Er be reut es, der Einladung zum Birminghamer Musikfest gefolgt zu sein, und schreibt aus London: „Ich muß doch wol meine Frau ein Bischen lieb haben, denn mir schmeckt England und Nebel und Beaf und Porter diesmal infam bitter — und ich liebe das Alles doch sonst. Ich will jetzt hier gar nichts machen, als schimpfen und mich nach meiner Cécile sehnen. Was hilft mir aller doppelter Contrapunkt, wenn die nicht da ist!“

Von besonderem musikalischen Interesse sind Mendels sohn’s Briefe aus Leipzig, Zeugnisse seiner außerordent lichen Thätigkeit daselbst als Dirigent, Pianist und Ton dichter. Er klagt, daß das viele Dirigiren während der zwei Concertmonate ihn mehr mitnehme als eine Compo nisten-Thätigkeit von zwei Jahren. „Und wenn ich nach der größten Hetze mich frage, was eigentlich geschehen ist, so ist’s am Ende kaum der Rede werth, wenigstens interessirt mich’s nicht sehr, ob all die anerkannt guten Sachen einmal mehr oder einmal besser gegeben werden oder nicht. Das Einzige, was mir jetzt interessant ist, sind die neuen, und daran fehlt es allzusehr.“ Eine hübsche Parallelstelle dazu, welche wir Kritiker besonders dankbar empfinden, gibt Mendels sohn anläßlich des Kölner Musikfestes: „Ich mag so gern einiges Ungewisse, das mir selbst und dem Publicum Raum zu einer Meinung gibt; im Beethoven, Händel und Bach weiß man schon so vorher, was man daran hat, das

muß dabei bleiben, aber viel Anderes dazu. Du hast ganz Recht, daß es in Italien besser ist, wo die Leute alle Jahr eine neue Musik und ein neues Urtheil haben müssen, wenn nur die Musik und die Urtheile selbst ein Bischen besser wären.“

Mit unermüdlicher Freundschaft verfolgt Mendelssohn die künstlerische Thätigkeit Hiller’s, drängt ihn zu immer neuem Schaffen, sucht ihn für eine feste Stellung in Deutsch land zu gewinnen und führt dessen Novitäten in den Ge wandhaus-Concerten mit ebenso viel Liebe wie Erfolg vor die Oeffentlichkeit. Die bedeutendste Wirkung darunter machte im Jahre 1844Hiller’s Oratorium: „Die Zerstörung Jeru salems“. Interessant ist eine theoretische Controverse zwi schen beiden Freunden. Mendelssohn bedauert nämlich bei Besprechung einer neuen Hiller’schen Ouvertüre, daß das warme Interesse des Hörers an den Themen dieser Com position im Verlaufe der Durchführung immer mehr schwinde. Er wisse recht gut, daß kein Musiker seine Gedanken, sein Talent anders machen kann, als der Himmel sie ihm gibt; „daß er aber, wenn der Himmel sie ihm gut gibt, sie auch gut ausführen können muß“, das sei unzweifelhaft. Was Hiller darauf erwidert, erscheint uns schla gend und drängt überzeugend auf seine Seite in der häkeligen Frage, wo die Macht der Begabung aufhöre und die Macht der Mache anfange? Nach Men delssohn’s Meinung würde Alles, was in den Bereich der melodischen Erfindung gehört, die Sache der ersteren sein und die Entwicklung in den Bereich des ernsten Willens gehören. Hiller erachtet es hingegen für einen Irrthum, „die vollendete Entwicklung weniger von der genialen Begabung abhängig machen zu wollen, als die erste Erfindung“. „Man könnte sogar behaupten,“ fährt er fort, „daß sich in der Vereinigung jenes musikalischen Den kens und Grübelns mit dem Feuer der Einbildungskraft ein noch höherer Grad productiver Genialität geltend macht, als in der Gestaltung der einfachen melodischen Idee. In den besten Compositionen Bach’s, Händel’s, Mozart’s,

Haydn’s und Beethoven’s wird man keine Trennung auf weisen können zwischen Erfindung und Mache. Ja, der Fälle sind nicht wenige, wo gerade die ganze Macht ihres Genies in dem sich zeigt, was sie aus verhältnißmäßig weniger bedeutenden Keimen entsprießen lassen.“ Der Musiker möge die ganze schöne Ausführung dieses Grundgedankens bei Hiller selbst nachlesen. Auch im Urtheil über einzelne Com ponisten und Tonwerke treten die beiden Freunde sich mit unter entgegen. Wenn Mendelssohn nicht begreift, wie Hiller an BerliozPhantastischer Symphonie „irgend etwas finden kann“, da doch „nichts Faderes, Langweilige res und Philisterhafteres“ denkbar sei, so erscheint die über treibende Härte dieses Urtheils wol nur aus dem Umstande erklärlich, daß Mendelssohn die Symphonie blos aus dem Clavierauszuge kannte. Hingegen können wir nur vom Her zen secundiren, wenn Mendelssohn also losdonnert: „Wenn du Mercadante’sGiuramento“ lobst, so schlag’ die schwere Noth zehntausendmal drein, denn ich hab’ den Cla vierauszug lange genug auf meiner Stube gehabt und mir gewiß alle Mühe gegeben, und find’s doch ganz unerträg lich, ordinär und nicht Eine Note darin, die mir den ge ringsten Spaß machte.“ Freilich muß man hier auch wieder die Zeit in Anschlag bringen (1839) und die wahrscheinlich treffliche Aufführung, durch welche Hiller den „Giuramentoin Mailand kennen gelernt.

Hiller’s Schmerz über den Tod seiner vortrefflichen Mutter veranlaßt Mendelssohn, den Freund immer drin gender zu einem Besuch nach Leipzig zu bereden. „Wie hab’ auch ich das von Herzensgrund gefühlt, daß alle Kunst und Poesie und was uns sonst lieb und werth ist, in solchen Augenblicken so leer und trostlos dasteht. Einem so wider wärtig und klein vorkommt und kein Gedanke Stich hält als der Eine: wollte Gott helfen!“ Hiller trifft im De cember 1839 in Leipzig ein und wohnt bei Mendelssohn, dessen Häuslichkeit, Tagesordnung und Gewohnheiten er uns auf das anschaulichste schildert. „Wann und wie Mendels sohn eigentlich inmitten so vielfach zerstreuender Verhältnisse

arbeitete, würde schwer zu begreifen sein, wenn ihm nicht ein so wunderbarer geistiger — Gleichmuth möchte ich’s nennen, innegewohnt. Im Allgemeinen war er stets Herr seiner Kräfte, womit nicht gesagt werden soll, daß er zu jeder Stunde hätte componiren können oder mögen — aber daß er es oft dann that, wenn man es am wenigsten vermuthete, ist sicher.“ Gern und mit überfließender Wärme sprach Men delssohn von dem Glück der Freundschaft und der Zunei gung bedeutender Menschen. „Es ist sicherlich das Beste, was man hat. Wenn ich zuweilen so recht unzufrieden mit mir bin, denke ich an Diese und Jene, die mir freund schaftlich zugethan sind, und sage mir, es muß doch so schlimm nicht mit dir stehen, wenn solche Männer dich lie ben.“ Es thut weh, zu erfahren, daß selbst in der so innigen, langjährigen Freundschaft zwischen Mendelssohn und Hiller schließlich irgend eine mißverständliche Empfindlichkeit Span nung und Entfremdung herbeiführen konnte. Hiller zweifelt nicht, daß Mendelssohn’s Gesinnung gegen ihn die gleiche geblieben sei, aber mit dem Correspondiren war es aus. Der letzte Brief ist vom März 1843 datirt; als Hiller im November 1847 nach Leipzig kam, war Mendelssohn eben gestorben. Hiller gesteht rückhaltlos, er betrachte das Auf hören seines Verhältnisses zu Mendelssohn während seiner letzten Jahre als einen der größten Verluste, die er in sei nem vielbewegten Leben zu tragen hatte. Es ist die alte traurige Geschichte, die sich vielleicht nicht gar so häufig wiederholen würde, wenn wir uns recht oft und tief Frei ligrath’s Gedicht: „O lieb’, so lang du lieben kannst“, ein prägen wollten.

Eine der schönsten und heilsamsten Betrachtungen stellt Hiller an den Schluß seines Buches; sie gilt dem Einfluß, welchen Reichthum oder Armuth auf die Entwicklung eines Genies üben. Man hat oft die Gunst von Mendelssohn’s äußeren Verhältnissen gepriesen, die ihn materiell unabhängig machten. Es ist ohne Frage eine glückliche Fügung, nicht blos für den Künstler, sondern auch für sein Publicum, für die Nation, wenn er nicht gezwungen ist, allerlei Modetand

und unbedeutendes Zeug zu componiren, wie es Mozart und Schubert thun mußten. Was Rousseau in seinen Confessions“ gegen die Literaten von Fach äußert: „II est trop difficile de penser noblement, quand on ne pense que pour vivre“, paßt in gewissen Grenzen gewiß auch auf Künstler. Dies vorausgeschickt, muß die Art, wie Hiller die Kehrseite jener Unabhängigkeit betrachtet, überaus treffend und geistreich genannt werden. Wir können uns nicht ver sagen, die Stelle mit einigen Kürzungen wörtlich hier wieder zugeben; sie ist doch zugleich die beste Empfehlung des ganzen Buches. „Dem großen Publicum,“ sagt Hiller, „scheint es im Allgemeinen nicht zu mißfallen, wenn es großen Dichtern (in Worten und Tönen) einigermaßen schlecht geht. Man beklagt deren Schicksal, aber der Jam mer, den dieselben erlitten, ist ein Gewürz, welches ihre Persönlichkeit schmackhafter macht. Der äußere Glanz, welcher Goethe umstrahlte, hat ihm sicherlich viele Gegner ein getragen, und die bevorzugte Lage, welche Mendels sohn von seiner Geburt an zu Theil geworden, ist für gar Manche ein Flecken, der an ihm haftet. . . . Der Kampf um die gemeinen Bedürfnisse des Lebens mag immer hin ein schwerer sein — an und für sich hat er nichts sonder lich Verdienstliches. Es ist der Instinct der Selbsterhaltung, welcher auch den Taglöhner zur Arbeit zwingt, und der Kampf wird zwar peinlicher, aber nicht anerkennenswerther, wenn der Kopf statt der Arme dabei im Spiele ist. Ein anderer Kampf ist der mit dem Vorurtheil, mit dem Un verstand, mit der Eifersucht und wie alle die schönen Dinge heißen mögen — aber welchem Ritter vom Geiste ist dieser erspart? Und in diesem Kampfe die Lust des Schaffens, die Kraft des Wollens sich zu erhalten, dazu gehört viel mehr, als jenen zu bestehen. Schlimm ist es freilich, wenn, was sich oft genug ereignet, beide zusammentreffen. Ob aber die größere Bewunderung, die man demjenigen zu zollen pflegt, der sich durch Dürftigkeit durchzuschlagen hatte, vollkommen berech tigt sei, ist noch sehr die Frage. Jedenfalls kommt es dabei wesentlich auf das Wie an. Vielleicht gehört sogar stärkere,

weil freiere Willenskraft dazu, aus dem Reichthum heraus Großes zu leisten, als aus der Armuth. Wer hat nicht Menschen gekannt von bedeutender Begabung, von vielseiti gem Wissen, von übersprudelnder Beredsamkeit, welche Her vorragendes für die Oeffentlichkeit hätten leisten können, aber es ging ihnen, was man so nennt, zu gut. Wenn man Reichthum und Stellung mit auf die Welt bringt, bleibt von weltlichen Glücksgütern nur noch der Ruhm zu erlan gen übrig, nach welchem zu trachten nicht Jedermanns Sache ist. . . Wenn nun ein Künstler wie Mendelssohn seine ganze Kraft zusammenraffte, um dem kleinsten Liede, welches ihm entströmte, die Vollendung zu geben, die ihm stets als Ideal vorschwebte; wenn er mit Anspannung seines vollen Könnens und Wissens Alles aufbot, um in seiner Kunst nach jeder Seite hin das Beste zu fördern, so verdient dies in der materiell sorgenfreien Stellung, die ihm beschieden war, sicherlich nicht weniger Anerkennung, als wenn er auf den Lohn seiner Arbeit hätte warten müssen, um seine Gläubiger zu befriedigen. Oder ist jene Vorliebe für den Jammer die unausgesprochene, am besten auch gar nicht zu nennende Empfindung, daß es des Guten zu viel sei, wenn sich das äußere Wohlergehen mit dem Glücke dichterischer Schöpfungs kraft vereinigt? Sollte jene Vorliebe nicht aus einem Irr thume hervorgehen? Sollte die Genugthuung dessen, der kraftvoll die gemeine Sorge besiegt, nicht noch größer sein als die Befriedigung desjenigen, an welchen sie nie heran getreten?“

Sei dem wie ihm wolle, der Anblick jener geistigen Kämpfer, die, wie die Helden in Kaulbach’s „Hunnenschlacht“, die Erde nicht berühren und in den Wolken nach dem Siege ringen, ist jedenfalls ein erfreulicherer als der Anblick der jenigen, die, auf der Erde fechtend, den Staub aufwirbeln. Jene werden selbst zum Kunstwerk. Der Anblick ihrer Licht gestalten ist ein schöner, ganz abgesehen von den Palmen, die ihnen winken, und man sollte sich stolzer Freude hingeben, daß es, wenn auch allzu selten, dem Schicksal gelingt, einen wahrhaft freien Menschen hinzustellen.